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Vierzehntes KapitelLetzte LebenstageSeit dem letzten Krankheitsanfall in Jena hatten Schillers physische Kräfte bedeutend abgenommen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich geändert und fiel ins Graue, so dass die Freunde oft erschraken; sein fester, aufrechter Gang wurde unsicher und seine Haltung fing an, sich zu senken. Denn bisher war man gewohnt, die hohe Gestalt – er war der größte Mann in Weimar, sechs Fuß zwei Zoll hoch – mit der breiten Brust und dem stolz empor gerichteten, etwas nach einer Seite sich neigenden Haupt, sichern militärischen Schrittes, einher wandeln zu sehen, wobei der den Stock mit der Rechten zu schwenken pflegte. Sein Gang hatte gewöhnlich etwas Nachlässiges, aber bei innerer Bewegung wurde sein Schritt fester. Lavater sagte zu Schillers Gattin bei seinem Besuch in Jena: „Ich habe mir Ihren Herrn ganz anders gedacht. Jede Muskel seines Gesichts drückt Delikatesse aus.“ Ganz eigentümlich war die Weise, wie er arbeitete. Beim Schreiben saß er selten, sondern er lehnte sich, auf seinen linken Arm gestützt, über den Tisch, so dass der Rand des Tisches ihn in die linke Seite drückte, was seiner Gesundheit sehr nachteilig war. Um diese wieder herzustellen, kaufte er sich in dem letzten Winter seines Lebens von einem Freund ein Pferd, und freute sich, es im nächsten Frühjahr besteigen zu können. Schon früher, in Jena, hatte er sich ein Pferd gehalten, es aber der Kosten wegen bald wieder veräußert. Er war kein eleganter, aber ein kühner Reiter. Während seines Aufenthaltes in Rudolstadt übten er und sein Freund von Gleichen bisweilen den jugendlichen Mutwillen, auf einer langen Ebene dicht nebeneinander so, dass einer den andern mit seinem Arm fest umfasst hielt, im stärksten Galopp dahin zu fliegen. Der Winter war äußerst heftig, so dass Schiller in dieser gefährlichen, in dieser furchtbar angreifenden Zeit, wie er sie nennt, sich nicht erholen, und zu einer neuen, großen Originalproduktion keine Kräfte gewinnen konnte. In der Mitte Januar 1805 erkrankte er und Goethe ungefähr zu derselben Zeit. „Eine anhaltenden Katarrh hatte er schon längst“, schreibt seine Gemahlin an ihren Freund Fischenich, „aber jetzt bekam er einen Anfall katarrhalischen Nervenfiebers.“ Auch seine Kinder bekamen bald alle die Windblattern, wobei besonders die kleine Emilie viel auszustehen hatte. „Leider geht’s uns allen schlecht“, schreibt er den 14. Januar an Goethe, „und der ist noch am besten daran, der, durch die Not gezwungen, sich mit dem Kranksein nach und nach hat vertragen lernen.“ Er freute sich nur, dass es mit seinen lieben Kindern ohne böse Zufälle ablief. Der gute Heinrich Voß, welcher Schiller auch schon früher regelmäßig besuchte, war dienstfertig zur Hand, wich, seine Schulstunden ausgenommen, nicht von seiner Seite, und wachte bei ihm. Er litt, wie Voß erzählt, an heftigen Schmerzen in den Eingeweiden und Obstruktionen. Häufiges Fasten erschöpfte ihn noch mehr, aber dessen ungeachtet war er heiter und sogar fröhlich beim geringsten Anlass. Schnell war er getröstet, so oft eines seiner Kinder kam, besonders wenn sein jüngstes gebracht wurde. Wenn er einmal aufstand, um im Zimmer auf- und abzugehen, griff ihm Voß unter die Arme. Er fragte, ob er denn wirklich so hinfällig wäre, ging an den Tisch, putzte das Licht und rief nun scherzend aus: „Voß, ich bin nicht matt; ich habe das Licht mit steifem Arm putzen können.“ Gegen Mitternacht wurde er unruhiger, und bat die Gattin, sich zu entfernen. Als sie zögerte, wiederholte er dringender, dann mit Heftigkeit seinen Wunsch. Kaum war die Frau die Treppe hinunter, so sank Schiller bewusstlos in Voßes Arme. Aus Schonung hatte er die herannahende Ohnmacht zurückgehalten, welche nun umso heftiger hereinbrach. Voß rieb Brust und Schläfe, und als er ins Bewusstsein zurückgekehrt war, fragte er sogleich: „Hat meine Frau etwas gemerkt? – Habe ich auch verwirrt gesprochen?“ – Als ihm beides mit nein beantwortet wurde, und er sich wieder ein wenig erholt hatte, kehrte schnell seine gutmütige Laune zurück. An einem folgenden Abend wollte er durchaus nicht, dass Voß bei ihm wache, ungeachtet er es ihm den Tag vorher erlaubt hatte. Endlich erfährt Voß, die Maskerade sei daran Schuld, und Schiller wollte ihm, dem fleißigen Redoutenbesucher, die Freude nicht rauben. Diese Liebe rührt ihn bis zu Tränen. „Mein bester Hofrat“, sagt er, „Sie wissen nicht, welch’ ein Vergnügen es für mich ist, bei Ihnen zu wachen.“ Als Schiller solchen guten Willen des jungen Mannes gewahr wird, reicht er ihm freundlich die Hand, und lässt ihn bei sich bleiben, und nun fängt er sogleich wieder an zu scherzen. „Sie hätten“, sagt er, „nur auf die Maskerade gehen sollen, vielleicht wäre ich Ihnen nachgeschlichen.“ Und nach einer kleinen Pause fügte er lächelnd hinzu: „Nicht wahr? Dann würden Sie doch erschrecken und glauben, ich sei gestorben, und es sei mein Geist, der Sie heimsuchte.“ Voß musste diese Nacht durchaus eine Pfeife bei ihm rauchen, und sich so setzen, dass Schiller wenigstens den Dampf davon kostete, und so den Vorgeschmack seiner Gesundheit einatmete. Schiller pflegte von Zeit zu Zeit eine Pfeife Tabak zu rauchen, obgleich das Tabakschnupfen ihm ein noch viel größeres Bedürfnis war. „An dem Mann ist alles liebenswürdig“, sagte ein Verehrer, „selbst sein Schnupftabakfleckchen unter der Nase kleidet ihn wohl.“ Er hatte nämlich vom immerwährenden Gebrauch des Schnupftabaks häufig solch ein Fleckchen. Was mit solchen Angewöhnungen nicht immer vereinigt ist, alle Unsauberkeit in Kleidung und Umgebung war ihm zuwider, und auf seinem Studierzimmer musste alles geordnet und sauber sein und ein freundliches Ansehen haben. Er liebte Blumen um sich, und hatte vor allen die Lilien gern. Schiller erholte sich wieder von jenem Anfall im Januar und besuchte Goethe, den sein Übelbefinden noch immer an die Stube heilt. Die Freunde umarmten sich lange und stumm, und knüpften dann schnell eine erheiternde geistige Unterhaltung an, ohne dass einer des andern Krankheit erwähnte, und sie ihr gegenseitiges Elend durch die Rede verlängerten. Wie herzlich sie fortwährend zueinander standen, zeigen auch jene herrlichen Verse, die Schiller Goethes Sohn ins Stammbuch schrieb, und welche mit Beziehung auf die Zuneigung des jungen Goethe und des Carl Schiller sich so endigen:
Schiller hatte sich vielleicht durch zu frühes Ausgehen verdorben. Er musste wenigstens schon am 9. Februar in seinem Notizkalender einen neuen Fieberanfall anmerken, welcher sich am elften in der Nacht wiederholte; es sah in seinem Haus noch immer „wie im Lazarett aus.“ Er soll auch Blut gespieen haben. Damals war es zuerst, wo dem rüstigsten Geist in einzelnen Momenten der Mut sank. „Es ist mir erfreulich“, schrieb er am 22. Februar an Goethe, „wieder ein Paar Zeilen Ihrer Hand zu sehen, und es belebt wieder meinen Glauben, dass die alten Zeiten zurückkommen können, woran ich manchmal ganz verzage. Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen gehabt, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben, mich zu erholen. Zwar mein jetziger Anfall scheint nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so geschwächten Zustand überfallen, dass mir ebenso zumute ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstünde, und besonders habe ich Mühe, eine gewisse Mutlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste Übel in meinen Umständen ist. Möge es sich täglich und stündlich mit Ihnen bessern, und mit mir auch, dass wir uns bald mit Freuden wieder sehen.“ Merkwürdig ist es, dass gerade in dieser Zeit sich Schillers Phantasie in den mannigfaltigsten, weitesten Reisen erging. Während er, wie er von Attinghausen sagt, in stets engerem Kreise sich dem engsten und letzten, wo alles Leben still steht, langsam zubewegte, spottete sein Geist gleichsam der physischen Notwendigkeit. Ihn verlangte, die Schweiz zu sehen, und die Heimat Tells mit seiner Schilderung zu vergleichen; aber als die Seinigen nun, auf diesen oft wiederkehrenden Wunsch eingehend, Pläne entwarfen, sprach er mehrmals: „Alle Projekte, die Ihr für mich macht, lasst nur nicht über zwei Jahre sich hinaus erstrecken.“ Dann wollte er das stille, Wald umkränzte Bauerbach wieder sehen, wo er die ersten Tage der Freiheit verlebt hatte, und von da seine Schwestern in Meiningen und in Schwaben besuchen. Aber dieser Wunsch sollte so wenig mehr erfüllt werden, als die tiefe Sehnsucht, das Meer zu sehen. Dahin suchte er mit seiner Gattin und Schwägerin den kürzesten Weg auf, und machte einen Reiseplan nach Cuxhaven, mit dem lieben Voß, der ihn schon in Gedanken in die Hütten der ehrlichen, gastfreien Dithmarsen einführte. Eine Reise nach dem Mittelmeer, meinte er, sei zu kostbar für ihn, da er sich nicht von seiner Familie trennen könne. Dann rief er wieder aus: „Ich glaube noch nach China zu kommen; freilich wird es schwer halten, aber könnte man mir die Hoffnung mit eiserner Strenge rauben, es würde mich unglücklich machen.“ Es kann nur eine Stimme darüber sein, dass, wie Schillers Kunstbildung mit dem Demetrius ihren Höhepunkt erreichte, so auch seine Gemütswelt in dem letzten Winter die reichsten Früchte trug, während sich sein Seelenheroismus durch Gelassenheit und Gleichmut kund gab. Alles hatte bei ihm eine religiöse Weihe. Er war während seiner Krankheit der liebenswürdigste Mensch, und nur wenn er selbst Kranke pflegte, mochte er noch liebenswürdiger sein, wie er sich z.B. in jener schweren Krankheit seiner Gemahlin als der beste Krankenwärter bewährt hatte. „Eine unaussprechliche Milde“, sagt die Schwester seiner Frau, „durchdrang sein ganzes Wesen, und gab sich kund in all’ seinem Urteilen und Empfinden; es war ein wahrer Gottesfrieden in ihm.“ Sogar für heterogene Gegenstände wurde seine sich gleichsam erweiternde Natur empfänglich. An Herders Geschichte der Menschheit hatte er nie besonderen Geschmack finden können; jetzt sagte er: „Ich weiß nicht, wie mir ist, dies Buch spricht mich jetzt auf eine ganz neue Weise an, und wird mir sehr lieb.“ Auch sein Gefühl für Musik schien sich zu erhöhen. Als er die Arie Zingarellis aus Romeo und Julie: Ombra adorata aspetta, seelenvoll singen hörte, war er sehr gerührt, und sage, nie habe ihn ein Gesang auf diese Weise ergriffen. Übrigens besaß er, um dieses im Allgemeinen zu bemerken, noch weniger musikalische Bildung als Goethe. Die Tonkunst wirkte nur dunkel auf ihn, sie belebte seine poetische Stimmung. Als ihn Goethe einmal bat, beim Einüben einer Oper seine Dienste zu leisten, äußerte er sich: „Ich habe, wie Sie wissen, in Angelegenheiten der Musik und Oper so wenig Kompetenz und Einsicht, dass ich Ihnen bei meinem besten Willen und Vermögen bei dieser Gelegenheit wenig taugen werde, besonders da man es in Opernsachen mit sehr häklichen Leuten zu tun hat. In den Nachmittagsstunden von drei bis fünf Uhr will ich mit Vergnügen bei den Proben gegenwärtig sein, aber mehr als die Gegenwart kann ich nicht leisten.“ Aber sein Gefühl für musikalische Eindrücke war vielleicht umso inniger, je weniger es kunstgerecht entwickelt war. „Man wirft mir oft meine Unempfänglichkeit für Musik vor“, sagte er, nachdem er die Glücksche Iphigenia gehört hatte, „aber ich fühle es jetzt, dass es wohl die Schuld der Musik gewesen sein mag, dass ich ungerührt blieb“, und er schrieb über diese Oper voller Entzücken an Goethe: „Die Musik ist so himmlisch, das sie mich selbst in der Probe unter den Possen und Zerstreuungen der Sänger und Sängerinnen zu Tränen gerührt hat.“ Man kennt Schillers Urteil:
Voß wiederholt in seinen Nachrichten über Schillers letzte Lebenstage mehrmals, der Spruch: „Diesen Kuss der ganzen Welt!“ sei bei ihm keine Dichterfiktion gewesen, sondern ein Hauptzug seines Charakters, so hätte er alle Menschen als Brüder in seine Arme schließen mögen. Wie seine Denkart und Dichtwiese, war auch seine liebe kosmopolitisch, und wenn in seinen Schriften das Erhabene dem Schönen überlegen ist, so war umgekehrt in seinem Leben, damit das holde Gleichgewicht sich herstelle, noch mehr Anmut als Würde, und man konnte ihn noch mehr lieben, als man ihn verehren musste. Einzig innig war besonders das Verhältnis zu seinen Kindern. Wie er die Kinder lieben, kann nur ein Mensch, welcher aus den weiten Irrgängen der Kultur endlich selbst wieder mit Bewusstsein zum Kindessinn zurückgekehrt ist, wie er. Denn wie seine Dichtung, war auch sein Leben am Ende seiner Laufbahn bei einer zweiten, höheren Natur angelangt. Bei Tisch saß er beständig zwischen zweien seiner Kleinen und liebkoste und tändelte mit ihnen bei jeder Gelegenheit. Wenn eines zu ihm auf sein Zimmer kam, so kletterte es an ihm hinan, um ihn zu küssen, und manchmal kostete das viele Mühe, da Schillers Figur so lang war, und der Vater durchaus nichts tat, um es dem Kind zu erleichtern. Voß sagt, er habe ihn mehrmals gefunden, dass er auf der Erde lag, und mit einem seiner Kinder spielte, und die Frau Griesbach erzählte, wie er, als er noch in Jena in ihrem Haus wohnte, mit seinem Karl gespielt habe. Ein Lieblingsspiel sei Löwe und Hund gewesen, und bald habe Schiller, bald sein Junge den Löwen gemacht, und alle beiden seien dann auf allen Vieren im Zimmer herumgekrochen. Als er sich nach dem oben erzählten Anfall im Januar wieder erholt hatte, berichtet Voß, war er im Kreis seiner Kinder besonders liebenswürdig. Er erlaubte der kleinen Caroline, sie dürfe in der Kaffeestunde bei ihm „schmarotzen“. Die kleine Emilie nahm er auf den Arm, küsste sie, und sah sie mit einem Blick von verschlingender Innigkeit an, recht, als wenn er sein unendliches Glück im Besitz dieses holden Kindes zu Ende denken wollte. So wurde der innere Mensch vollendet, als die äußere Form sich löste; der Baum des Lebens stand im schönsten Blütenschmuck, als der Tod ihn fällte. ES ist eine häufige Bemerkung, dass eine langsam zehrende Krankheit schnell den Leidenden wunderbar vollendet – wie veredelte und reifte sie erst den edelsten und reifsten Menschen! Und so war der oft hart Heimgesuchte doch von einer Seite glücklich. „Mit meiner Frau und den Kindern geht es vollkommen gut“, schreibt er an Fischenich, „und von dieser Seite hat mir der Himmel nichts als Freude gegeben.“ Dabei versäumte er es nicht, zwischen Dornen und Unkraut jedes Blümchen der Freude rasch zu brechen, jene seine Lehre ausübend, dass nur der Augenblick unser ist. Voß schreibt seinem Freund: „Schiller ist ein außerordentlich heiterer Mann, der das „desipere in loco“ versteht, und als ein „dulce est“ ansieht. Und da solltest Du ihn einmal in einer heiteren Gesellschaft sehen, z.B. au feiner Redoute, wo er kurz vor Weihnachten mit mir, Riemer und noch anderen Freunden war. Wir tranken einige Flaschen Champagner, und waren überaus selig. Bis drei Uhr in der Nacht blieben wir beisammen, und brachten darauf unsern Schiller feierlich nach Hause, der vor der Haustüre den zärtlichsten Abschied von uns nahm. Den folgenden Tag traf ich ihn im Schauspielhaus in seiner Loge, nahe an der Szene, so dass er die Schauspieler durch Zuwinken oder leises Klatschen ermuntern und belehren konnte. Da erwähnte er der Freude, die er am vorigen Abend gehabt habe, und versprach, dieselbe Gesellschaft nächstens auf seinem Zimmer zu bewirten, wie er von ihr sei bewirtet worden. „Aber unter uns wollen wir sein“, fügte er mit schalkhafter Miene auf Frau und Schwägerin hinzu, „damit wir nicht gestört werden.“ Aber die leichte Freude schwamm nur momentan auf dem bleibenden Ernst seiner Seele, oder sie war Sonnenwärme und Himmelstau für die Keime des poetischen Triebes. Mir erzählte eine edle Frau, es sei ihr unmöglich, irgendeine Freude rein zu genießen, sie fühle bei jeder Freude den kommenden Schmerz schon zum Voraus, und mit jedem Glück verbinde sich ihr die Ahnung des Unglückes. Dieses Gefühl sei unabweisbar, und ihr zur Natur gewordne. Es war die jüngste Tochter Schillers, die mir dieses sagte, und sie dachte augenblicklich wohl nicht daran, dass sie mir das Schicksal ihres Vaters enthüllte. Kann sich die Religiosität stärker aussprechen, als in diesem dauernden Gefühl der Flucht des Irdischen? Wer so das Sinnliche betrachtet, muss über dem Sinnlichen stehen. Er befolgte den Rat Goethes, sich bei der wilden Witterung nicht zu schnell auszuwagen, denn es wehte fortwährend ein kalter Nordostwind, welcher die Erholung erschwerte. Doch siegte noch einmal die Lebenskraft über das Übel; seine Genesung war das letzte Auflodern der Gesundheit, der letzte Sonnenschein im Herbst. Am 27. März schrieb er: „Ich habe mich mit ganzem Ernst endlich an meine Arbeit, den Demetrius, angeklammert, und denke nun nicht mehr so leicht zerstreut zu werden. Es hat schwer gehalten, nach so langen Pausen und unglücklichen Zwischenfällen wieder Posto zu fassen, und ich musste mir Gewalt antun. Jetzt aber bin ich am Zug.“ So trug er die Tätigkeit bis an den Rand des Grabes. Er hatte kein Vorgefühl des nahen Todes, die geistige Lebenskraft täuschte ihn über die körperliche. Wie freute es ihn, als er zum ersten Mal wieder mit dem liebevollen Voß spazieren fahren konnte! In den unbelaubten Bäumen sah er dem baldigen Frühling entgegen, und ein neues Leben schien sich ihm zu eröffnen – und die innere Stimme täuschte die hoffende Seele nicht. Die regierende Herzogin, die Herzogin Mutter, die Großfürstin luden den Genesenen zum Tee, und erfreuten sich seiner geistreichen Unterhaltung; er erschein wieder am Hof, und kam von Neuem ins Theater. Auf einem Spaziergang im Park – er wusste nicht, dass es sein letzter war – sagte er der Frau von Wolzogen: „Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, dass sie vor Abhängigkeit geschützt sind, denn der Gedanke an eine solche ist mir unerträglich!“ So hatte er auch gegen Voß während seiner Krankheit geäußert, dass er nur seiner Kinder wegen, die nicht vaterlos sein dürften, noch zu leben wünschte. Er pflegte seine Gedanken gegen Freunde nie zurückzuhalten, und seine Worte ließen immer auf den Grund der Seele blicken. Den Unterricht und die Fortschritte seiner Söhne – sie wurden im Haus unterrichtet und hatten später der Reihe nach Martens, den vortrefflichen Uckert, Gabler (Hegels Nachfolger in Berlin) und Abeken zu Hauslehrern – beobachtete er genau, und baute auf die Eigentümlichkeit eines jeden Pläne für ihre Zukunft. Er warf, als er sich kaum besser fühlte, seinen Blick auch in die Ferne, berichtigte mehrere Geldangelegenheiten, und lang unterbrochene Verbindungen wieder anknüpfend, schrieb er Briefe an Freunde und Verwandte. Ein unvergleichlich schöner Brief ist unter dem 2. April an Humboldt gerichtet. „Für unser Einverständnis“, schreibt er dem alten Freunde in Rom, „sind keine Jahre und keine Räume; Ihr Wirkungskreis kann Sie nicht so sehr zerstreuen, und der meinige mich nicht so sehr vereinseitigen und beschränken, dass wir einander nicht immer in dem Würdigen und Rechten begegnen sollten. Und am Ende sind wir ja beide Idealisten, und würden uns schämen, uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten, und nicht wir die Dinge.“ Erkennt man hieraus seine eigentümliche Überzeugungstreue bis in den Tod, so ersieht man aus einer anderen Stelle des Briefes seine echt deutsche Gesinnung: „Ich wünschte mir anschaulich zu machen, wie Sie in Rom leben und worin Sie leben. Der deutsche Geist sitzt Ihnen zu tief, als dass Sie irgendwo aufhören könnten, Deutsch zu empfinden und zu denken. Frau von Stael hat mich bei meiner Anwesenheit in Weimar aufs Neue in meiner Deutschheit bestärkt, so lebhaft sie mir auch die vielen Vorzüge ihrer Nation vor der unserigen fühlbar machte. Im Philosophieren und im poetischen Sinn haben wir vor den Franzosen einen entschiedenen Schritt voraus, wie viel wir auch in allen anderen Stücken neben ihnen verlieren mögen.“ Wenn er auf diese Weise gedankenreich dem Freunde entgegentrat, so sprach er zu derselben Zeit zum letzten Mal seiner Schwester in Möckmühl das brüderliche Herz aus. Der Brief beginnt: „Ja wohl ist es eine lange Zeit, gute, liebe Luise, dass ich Dir nicht geschrieben habe, aber nicht vor Zerstreuungen habe ich Dich vergessen, sondern weil ich in dieser Zeit so viel harte Krankheiten ausgestanden, die mich ganz aus meiner Ordnung gebracht haben. Viele Monate hatte ich allen Mut, alle Heiterkeit verloren, allen Glauben an meine Genesung aufgegeben. In einer solchen Stimmung teilt man sich nicht gern mit, und nachher, da ich mich wieder besser fühlte, befand ich mich meines langen Stillschweigens wegen in Verlegenheit, und so wurde es immer aufgeschoben. Aber nun, da ich durch Deine schwesterliche Liebe wieder aufgemuntert worden, knüpfe ich mit Freuden den faden wieder an, und er soll, so Gott will, nicht wieder abgerissen werden.“ Schillers letzte Zeilen an Goethe sind am 24. April geschrieben. Er würdigt hier sachverständig Goethes Anmerkungen zu Rameaus Neffen, und schließt mit den Worten: „Leben Sie recht wohl und immer besser! Vergessen Sie nicht, mir den Elpenor zu schicken.“ Die letzten Briefe, die er schrieb, waren an Göschen und Körner gerichtet. Am 28. April, zwölf Tage vor seinem Tod, war er noch am Hof. Voß erzählte: „Ich half ihn schmücken und freute mich seines gesunden Aussehens und seiner stattlichen Figur im grünen Galakleid. Am 29., als Clara von Hoheneichen gespielt wurde, war er zum letzten Mal im Theater. Er war eben im Begriff, dahin zu gehen, als Goethe zu ihm ins Zimmer trat, welcher durch zwei schreckhafte Brände, die in wenigen Nächten hintereinander entstanden und ihn jedes Mal persönlich bedrohten, in sein Übel wieder zurückgeworfen worden war, und jetzt den ersten Ausgang wagte. Aber er wollte den Freund vom Schauspiel nicht zurückhalten, und sein Missbehagen erlaubte es ihm auch nicht, ihn zu begleiten. So schieden sie denn vor Schillers Haustür, um sich nie wieder zu sehen. Als Voß im Theater am Schluss des Stückes seiner Gewohnheit gemäß in seine Loge kam, um ihn nach Hause zu begleiten, hatte er heftiges Fieber, dass ihm die Zähne klapperten. Zu Hause angekommen, ließ er sich einen Punsch machen, durch den er sich auch sonst zu stärken pflegte. Am ersten Mai Morgens besuchte ihn Voß. Er fand ihn matt auf dem Sofa liegen, in einem Mittelzustand von Schlafen und Wachen. „Da liege ich wieder“, sagte er mit hohler Stimme. Die Kinder kamen und küssten ihn. Es bewies keine Teilnahme, äußerte kein Zeichen des väterlichen Dankes. Doch blad erholte er sich einigermaßen. Der Besuch Cottas auf seiner Durchreise nach Leipzig erfreute ihn, alle Geschäfte sollten bei seiner Rückkunft abgemacht werden. Ach durch einige andere Freunde, die auf sein Zimmer kamen, ließ er sich gern unterhalten. Sein Zustand schien als gewöhnliches Katarrhalfieber nicht bedenklicher, als bei früheren Anfällen ähnlicher Art. Er fürchtete den Tod nicht. Der furchtbarste Gegenstand, welche die meisten Menschen den blinden Schrecknissen der Phantasie zur Beute überliefert, war ihm der erhabenste. Ein früheres Gespräch mit der Frau von Wolzogen über den Tod schloss er mit den Worten: „Der Tod kann kein Übel sein, da er etwas Allgemeines ist.“ So beantwortete er sich auch diese große Frage durch den Gedanken in der „Huldigung der Künste“:
Durchweg fand er im Allgemeinen, im Ganzen, das einzig Rechte und Gute. Daher auch der Zuruf in den Epigrammen: „Leb’ im Ganzen!“ – „Immer strebe zum Ganzen!“ Der treue Voß erbot sich wieder zum Nachtwachen, der Kranke wollte lieber allein mit seinem bewährten Diener Rudolph bleiben. Des Tags sah er es am liebsten, wenn Gattin und Schwägerin allein um ihn warne. Zum Unglück war sein Arzt Starke, der ihn immer noch in ähnlichen Zufällen behandelt hatte, mit der Großfürstin nach Leipzig gereist. Aber Schiller beruhigte die Seinigen, die deswegen besorgt waren, durch die Versicherung, dass er von dem stellvertretenden Arzt ganz nach Starkes Methode und Rezepten behandelt werde. Er sehnte sich sehr nach seines Schwagers Wolzogen Zurückkunft, der ebenfalls mit der Großfürstin in Leipzig war. Vielleicht leitete ihn der Wunsch, sich gegen diesen über manches auszusprechen, was im schlimmsten Fall für die Seinigen geschehen sollte. Er hatte desfalls noch keine Anordnungen getroffen. Übrigens schien er nicht an nahe Gefahr zu glauben. Des Hustens wegen musste er das Sprechen meiden und sich ruhig halten. Bis dahin war sein Kopf ganz frei. Am 6. Mai abends fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch mit klarem Blick auf das Gegenwärtige. Alles Missfällige musste entfernt werden. Zufällig hatte sich ein Blatt des Freimütigen in sein Zimmer verirrt. „Tut es doch gleich hinaus“, rief er, „dass ich in Wahrheit sagen kann, ich habe es nicht gesehen. Gebt mir Märchen und Rittergeschichten, da liegt doch der Stoff zu allem Schönen und Großen.“ Er hatte die Contes de Tressan immer geliebt, doch griff ihn langes Vorlesen aus diesem Buch zu sehr an. Diese ästhetische Weltansicht und frei poetischen Interessen traten auch am nächsten Abend hervor, wo er wie gewöhnlich ein Gespräch über Stoffe zu Tragödien, über die Art, die höheren Kräfte des Menschen zu erregen, mit der Schwägerin anknüpfen wollte. Da diese, um ihn ruhig zu erhalten, nicht mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit antwortete, sagte er: „Nun, wenn mich niemand mehr versteht, und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich schweigen.“ Er schlummerte blad ein und sprach viel im Schlaf. „Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?“, rief er vor dem Erwachen, dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende Erscheinung. Als seine Schwägerin von ihm ging, sagte er: „Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.“ Den 8. Mai brachte er meist still und oft schlummernd zu. Seine Kinder verlangte er selten zu sehen, die jüngste Tochter, die er sich bringen ließ, betrachtete er mit Rührung und Wohlgefallen, indem er sie an der Hand fasste. Am Abend, als man ihn fragte, wie es ihm gehe, antwortete er offenbar mit Bezug auf seinen innern Zustand: „Immer besser, immer heiterer!“ Er verlangte, man solle den Vorhang öffnen, er wolle die Sonne sehen. Mit freundlichem Blick schaute er in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing sein treuer Diener, habe er viel gesprochen, meist vom Demetrius, aus dem er Stellen rezitiert. Einige Mal habe er Gott angerufen, ihn vor einem langen Hinsterben zu bewahren. Dann richtete er sich vom Bett aufrecht, und sprach mit großer Anstrengung von einer bevorstehenden Reise ins Bad. Morgens am 9. Mai schlief er ein bis gegen zehn Uhr. Dann trat Besinnungslosigkeit ein; und er phantasierte in unzusammenhängenden Worten. „Wer löste die Kanonen? – Wer kommandiert den linken Flügel? – Siehst du? – Die Kettenkugeln reißen ganze Glieder nieder! – Wie prächtig sieht das Regiment aus – weiß und blau! – Sind sie im Lager? – Das ist lustig! – Singt noch einmal den Rundgesang!“ – Auch den Namen Lichtenberg soll er ausgerufen haben, andere aber verstanden Leuchtenberg, ein romantisch gelegenes Schloss bei Kahla an der Saale, wohin er sich noch vor kurzem eine Lustreise vorgenommen hatte. Meistens aber sprach er Latein. Ein ihm verordnetes Bad schien er ungern zu nehmen, doch war er in allem, was der Arzt für nötig erachtete, willig und geduldig. Ein Glas Champagner, durch welches dieser den sinkenden Kräften aufhelfen wollte, war sein letzter Trunk. Seine Brustbeklemmungen schienen nicht sehr schmerzlich. Wenn er, davon ergriffen, auf sein Kissen zurücksank, sah er sich um, ohne die Umstehenden mehr zu kennen. Er durchlief sie mit starrem, irrem Blick, die Augen lagen tief im Kopf. Wie Voß erzählt, forderte er noch Naphtha, aber die letzte Silbe erstarb im Mund. Da versuchte er zu schreiben, brachte aber nur drei Buchstaben fertig, in denen gleichwohl noch der Charakter seiner Schriftzüge ersichtlich war. |
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