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Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Zweiter Abschnitt Aufenthalt in Mannheim, in der Umgegend und in Bauerbach
Sein erster Zufluchtsort war Mannheim. Auf den
Schutz des Freiherrn von Dalberg durfte er zählen. Der Buchhändler Schwan
nahm ihn freundschaftlich in seinem Hause auf. Er selbst, ein
kenntnisreicher, gebildeter Mann, und seine liebenswürdige Familie zeigten
ihm in Achtung und Zuneigung, wie sehr sie sein Talent und seinen
persönlichen Umgang zu würdigen wussten. Ein bestimmter Aufenthalt und
eine Anstellung in Mannheim aber hatten ihre Schwierigkeiten, bevor man
wusste, wie der Herzog von Württemberg das Verlassen seines Dienstes
aufnehmen und ob ein entscheidender Schritt gegen ihn geschehen werde.
Schiller lebte abwechselnd in Oggersheim, einem
Städtchen in der Nähe von Mannheim, auf kleinen Reisen in der Umgegend und
nach Frankfurt, unter dem Namen Schmidt. Ein Freund, dem er sich immer
dankbar verpflichtet hielt, Streicher, unterstützte ihn mit Geld, auf
großmütige Weise, da er selbst damals nicht reicht war. Gegen seine
Mannheimer Beschützer scheint er seine Verlegenheiten derart nicht
bestimmt ausgesprochen zu haben. Aus einer Art von Stolz wollte er sich
lieber Freunden verpflichten, die sein Herz kannten und an seinen
redlichen Willen glaubten, empfangene Dienstleistungen in günstigerer Lage
zu erstatten. Nur an Dalberg, der sich ihm als teilnehmender, freundlich
gesinnter Gönner bewährt hatte, wandte er sich einmal in der dringendsten
Verlegenheit, gleich nach seiner Flucht; es ist die Bitte eines für den
Augenblick Unbemittelten, aber nicht Mittellosen. Es wird mir ein Leichtes
sein, schreibt er, beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze
Rechnung zu tilgen. In dieser Zeit, besonders während eines Aufenthalts
von sieben Wochen in einem Wirtshaus in Oggersheim, arbeitete er den
Fiesco aus, der ihn mit dem Theater in Mannheim in engere Verbindung
setzen und seine dortige Niederlassung gründen sollte.
Ungeschicklichkeit in ökonomischen Einrichtungen,
die aus Unbekanntschaft mit der Welt entsprang, Momente des jugendlichen
Leichtsinns, zu denen das Leen mit der Theaterwelt lockte und die sich
immer durch Reue und Schwermut rächten, trübten die ganze Lage. Auf einer
Wanderung nach Frankfurt am Main überfiel ihn das Gefühl der Einsamkeit
und Hilflosigkeit mit tieferer Wehmut. Sehr düstere Augenblicke, so
erzählte er uns, brachte er auf der Sachsenhäuser Brücke zu.
Die reichen, lachenden Ufer des schönen Stromes
luden zu Genuss und Freude, während Gram und Sorgen sein Herz beklemmten.
In der volkreichen Handelsstadt, deren weitgreifender Verkehr an den
Zusammenhang mit ganz Europa erinnerte, wo Reichtum und Überfluss,
Behaglichkeit und sorgloses Leben wie wohl gebauten Häuser füllte und die
Straßen durchschnitt, ergriff ihn sein isoliertes Dasein in bitterem
Schmerz. Aus der Natur tönt dem Einsamen immer eine Stimme des Trostes;
aber die Einsamkeit in der lebenvollen, genießenden Welt verödet den
Geist, zumal wenn das Mittel zum Genuss fehlt, und die Herzen der
Menschen, die vielleicht ein vertrauliches Wort zu Wohlwollen eröffnet
hätte, dünken dem armen Einsamen eisern und verschlossen.
Aber Trost und Hoffnung bringt der gute Genius oft
unerwartet; er verließ auch unsern Freund nicht. Als er traurig durch die
Straßen wandelte, kam er an das Haus eines Buchhändlers, mit dem er
einigen Verkehr hatte und der sich auch nicht abgeneigt bewiesen hatte,
Unterhandlungen mit ihm anzuknüpfen. Unbekannt und still seinen
Betrachtungen nachhängend, stand er im Buchladen, als er eine Stimme mit
Lebhaftigkeit nach den Räubern fragen hörte. Es entspann sich ein
Gespräch, woraus er vernahm, wie sehr die ersten Klänge seiner Muse die
Welt in Bewegung gesetzt und wie viel man von seinem Genius erwarte. Mut
und Selbstgefühl waren in ihm zurückgekehrt, und die Ahnung, die die
Folgezeit so schön bewährte, dass sein Name die Bühnen Deutschlands und
die aller gebildeten Nationen Europas füllen würde, trug ihn, gleich einer
sanft einhüllenden Wolke, über die enge düstere Gegenwart hinweg.
In Mannheim verflochten ihn seine Verhältnisse immer
mehr mit der Theaterwelt. Iffland, Beck, Böck, der durch den Tod früh der
Kunst entrissen wurde, waren vormalige Mitglieder der Weimar’schen und
Gotha’schen Bühnen, die unter Ekhof eine vorzügliche Ausbildung gewonnen
hatten; aus ihnen ging Ifflands großes Talent hervor und begann schon als
Stern erster Größe in der deutschen Schauspielkunst zu leuchten. Es war
ein günstiges Geschick, das den großen Tragiker und den großen
Schauspieler Zeitgenossen werden ließ. Ein Talent bot dem andern die Hand,
und ein freundliches Verhältnis blieb im Leben und Wirken immer zwischen
beiden lebendig. Becks Frau, eine der liebenwürdigsten Schauspielerinnen,
die Schiller gern durch eine ihr ganz zusagende Rolle erheben wollte,
bewog ihn, Kabale und Liebe auszuarbeiten, wo ihr Talent in der Rolle der
Luise Millerin sich zum schönsten entfalten sollte.
Die Aufführung des Fiesco und die von Herrn von
Dalberg für diesen Zweck nötig erachteten Veränderungen scheinen
mancherlei Schwierigkeiten und Häkeleien erzeugt zu haben, die Schiller
empfindlich reizten. Die vielleicht zu hoch gespannten Erwartungen des
Jünglings bleiben unbefriedigt; Verdrießlichkeit und Misslaune trübten die
ganze Lage. Obgleich von Seiten des Herzogs von Württemberg keine auf
Feindseligkeit deutenden Schritte gegen Schiller geschahen, auch seine
Familie gar keine Unannehmlichkeiten erfuhr, so war dennoch dies Schweigen
selbst noch ängstlich und drohend. Immer blieb es ungewiss, ob man ihn
nicht aus der benachbarten Pfalz zur Rückkehr nötigen werde. Ein sicherer,
verborgener Aufenthalt, wo er ruhig seine entworfenen Dichtungsplane
ausführen könnte, wurde in ihm zum lebhaftesten Wunsch, zum dringenden
Verlangen.
In der Karlsakademie hatte sich ein Verhältnis
angeknüpft, welches Einfluss auf Schillers ganzes Leben gewann. Wilhelm
von Wolzogen, der älteste Sohn eines durch Wissenschaft und Charakter
ausgezeichneten Edelmanns in Franken, den der Tod seiner Familie zu früh
entriss, und einer trefflichen Mutter, wurde mit drei Brüdern in demselben
Institut erzogen. Da er einige Jahre jünger als Schiller war und beide in
verschiedenen Lehrabteilungen gebildet wurden, fanden sich während des
akademischen Lebens wenige Berührungspunkte. Aber als Schillers Gedichte
und die Räuber den Flug seines Genies ankündigten, fasste Wilhelm von
Wolzogen eine herzliche Zuneigung zu dem jungen Dichter. Wie es in seiner
eignen edlen Natur lag, alles Vorzügliche und Große anzuerkennen, zu
leiben und dessen Gedeihen zu befördern, so nahm er auch innigen Anteil an
Schillers Schicksal und empfahl ihn seiner Mutter. Diese, eine Frau von
seltener Herzensgüte, scheute kein Opfer, wenn es dem Glück ihrer Freunde
galt. Mit vier Söhnen und einer Tochter, denen sie im reichsten Sinn des
Wortes Mutter war, in beschränkten Glücksumständen, lebte sie oft auf dem
Familiengut, wo sie sich ein kleines Haus erkauft hatte, da bei der
Erbabteilung das Gut mit der Herrschaftswohnung dem älteren Bruder
zugefallen war. Hilfreich und wohltätig zu sein, war ihre Natur. Ihr
lebendiges Herz und ein angeborner Sinn für alles Gute uns Schöne machten
ihren Umgang anmutig und wünschenswert und erwarben ihr überall Freunde.
Die Gräfin von Hohenheim, nachmalige Herzogin von Württemberg,
interessierte sich lebhaft für sie und ihrer Söhne Schicksal. Häufige
Reisen nach Stuttgart erhielten dieses Verhältnis und verflochten sie in
mancherlei andre Verbindungen. Schiller schloss sich mit wahrhaft
kindlicher Liebe an diese gute Frau an; auch wurde sie blad mit seiner
Familie bekannt, deren Sorge bei seiner Entfernung von Stuttgart ihr die
innigste Teilnahme einflößte. Da Schillers Lage in Mannheim immer düsterer
wurde und dringendes Verlangen nach einem andern Aufenthalt ihn ergriff,
bot ihm die edelmütige Freundin eine Zuflucht auf ihrem Gute Bauerbach an,
das, zum fränkischen Ritterkanton Röhn und Werra gehörend, in einem
einsamen Waldtal lag, wo er, abgeschlossen von allen äußeren Verbindungen,
verborgen leben könnte.
Während das Wohl ihrer eigenen Söhne in des Herzogs
Hand lag, wagte sie viel, da sie einen von ihm Verfolgten in ihr Haus
aufnahm; aber ihre großmütige Freundschaft berechnete nicht; die eigne
wohlwollende Gesinnung gab ihr Mut und das Vertrauen, dass man ihre gute
Absicht am Ende anerkennen, wenigstens entschuldigen werde. Im Winter, zu
Ende des Jahres 1782 kam Schiller in dem kleinen Dorfe Bauerbach an.
Tiefer Schnee bedeckte die Gegend; es war spät am Abend, schon sank die
Nacht auf das Tal; aus den einzelnen, zerstreuten Häusern flimmerte Licht,
dem Wanderer eine Zuflucht versprechend. Einsamkeit und Freiheit, die ihm
in der gegenwärtigen Lage das Wünschenswerteste schienen, lachten ihm
freundlich entgegen. Das Dorf, unter den Ruinen des alten Schlosses
Henneberg gelegen, war dicht mit düstern Fichtenwäldern umgeben, die von
noch höheren Bergen rings umschlossen wurden. Die in unwirtlichen Bergen
karge Natur, ganz das Gegenteil von der des reichen, fruchtbaren
Schwabens, bot ihren Bewohnern nur durch strenge Arbeitsamkeit Unterhalt.
Aber der Hauch der Freiheit war Schillern wohltätig, und seine Phantasie
gefiel sich in den Bildern der Einöde zwischen den schroffen
Felsenabhängen, über denen die dunkeln Wälder hingen.
Es war ein Hauptzug in seinem Wesen, dass er sich
gern mit Bildern eines engen einfachen Lebens beschäftigte. Plane zur
Entfernung von der Welt lagen immer im Hintergrunde seines Gemüts. Es war,
wie wenn dieses sich eine, wenn auch späte, Zuflucht sichern wollte.
Innerer Reichtum der produktiven Phantasie und ein zartes, leicht
verletzbares Gefühl, dessen Träume vom Großen und Schönen die Wirklichkeit
nie erfüllen konnte, erklären diesen Zug, den er wohl mit vielen
ausgezeichneten Menschen gemein hatte. Auch im Spätern Leben kehrte diese
Sehnsucht nach ländlicher Einsamkeit oft wieder; er gedachte dieser Zeit,
wo er sie zuerst genossen, immer mit besonderem Vergnügen und behielt eine
Vorliebe für den Aufenthalt, der sie ihm dargeboten.
Ein halbes Jahr lebte Schiller so, größtenteils mit
sich und der Natur, unbekannt und unerkannt von Seiten des Geistes, in den
rauen Umgebungen. Ein einziger Freund in Meinungen, Reinwald, der in der
Folge sein Schwager wurde, kannte die Lage des geheimnisvollen Fremdlings;
dieser, als Bibliothekar, versorgte ihn mit Büchern und besuchte ihn auch
zuweilen. Mit dem Verwalter des Gutes spielte er Schach und machte oft
Spaziergänge mit ihm. Auf einer dieser Wanderungen durch die Wälder hatte
er eine sonderbare Ahnung, die ihm immer merkwürdig blieb. Auf dem
unwegsamen Pfad durch den Tannenwald, zwischen wildem Gestein, ergriff ihn
das Gefühl, dass hier ein Toter begraben liege. Nach wenigen Momenten fing
der ihm folgende Verwalter die Erzählung von einer Mordtat an, die auf
diesem Platz vor Jahren an einem reisenden Fuhrmann verübt worden, dessen
Leichnam hier eingescharrt sei.
In Bauerbach las er die Geschichte des Con Carlos
von St. Real, die ihn sehr anzog. Er machte den Entwurf zu einer Tragödie,
deren Gegenstand der unglückliche Prinz war, und arbeitete einige Szenen
aus. Auch an Maria Stuart dachte er in dieser Zeit. Die Einsamkeit, in der
Schiller lebte, die Entfernung äußerer Eindrücke waren ohne Zweifel zum
Teil Ursache, dass er die Welt seiner Phantasie kräftiger fasste und
reiner gestaltete. Was bei leichtem, fröhlichem Jugendsinn, in heiterer
Umgebung sich vielleicht in einzelnen Lichtfunken zerstreut hätte,
konzentrierte sich in Einsamkeit und Ernst zu einem mächtigen Bilde. Die
Pläne seiner dramatischen Werke, unmittelbare Gaben des Genius, ruhten in
seiner Seele, als ein sicherer erfreulicher Besitz. Was sich aus
gewonnener Weltanschauung und Erkenntnis damit vereinigen ließ, lag in
seinem treuen Gemüt und Gedächtnis aufbewahrt, was davon zu scheiden war,
entfernte der Verstand, der sich früh als richtender Geschmack zeigte. Wie
anmutig ist’s, an der Wiege der Dichtungen zu stehen, die unser eignes
geistiges Sein oft gestalteten, immer erheiterten und bereicherten! Ihr
erstes Entstehen ist geheimnisvoll, wie alles Werden in der Natur; aber
wie die umgebende Welt und die Zeit sie entfaltete, davon bleiben uns oft
bezeichnende Spuren.
Wie das jugendliche Herz, bewegt von Hass und Liebe,
schlägt, wie alle Lebensbilder vor der dichterischen Imagination bald als
kolossale Nebelgestalten, bald im lichten, freundlichen Sonnenschimmer
stehen, zeigen die Briefe, die Schiller von Bauerbach aus an seien
mütterliche Freundin und deren Sohn schreib und die wir am Ende dieses
Abschnitts mitteilen werden. Jede Lauen des Tages, ja der Stunde, spricht
sich in ihnen aus. Tiefes und reines Gefühl, das aus allem krausen Gewölk
der Phantasie hervorbricht, und Billigkeit des Urteils, das im Element des
klaren Verstandes immer obwaltet, wird unsern Freund allen befreundeten
und edeln Seelen nur näher bringen. Wie empfänglich er für den Genuss
zarter Geselligkeit war, wie innigen Anteil er an dem Wohl der Familie
nahm, der er eine Freistatt verdankte, wie das Schicksal aller seiner
Umgebungen seinen freundlichen, echt humanen Sinn berührte, zeigen diese
Briefe auf die leibenswürdigste Weise; und deshalb teilen wir sie samt
allem Unbedeutenden, was sie auch enthalten mögen, mit.
Nur selten konnte Frau von Wolzogen, und nur auf
kurze Zeit, mit Schiller in Bauerbach wohnen, da die Liebe zu ihren Söhnen
sie oft nach Stuttgart zog, oder die Freundschaft für ihren Bruder nach
Walldorf, bei Meinungen. Lebhaft genoss er diese flüchtigen Erscheinungen
der Mutter und einer liebenswürdigen Tochter, und bedeutend und dauernd
war der Einfluss, den diese so rein und gut gesinnte Frau auf sein Inneres
und Äußeres hatte. Nach Walldorf und Stuttgart sind die Briefe gerichtet.
Einige Briefe an Reinwald nach Meinungen wurden
hinzugefügt, da der damalige Gang seines Geistes und besonders die erste
Entstehung des Don Carlos sich darin kund tut.
Bauerbach, den 4. Jänner 1783
Beste teuerste Freundin!
Ich bin ungewiss, ob ich diesen Brief
bälder werde fortbringen können, als ich selbst zu Ihnen gekommen. Doch
warum soll ich es nicht darauf wagen? Ich habe doch wenigstens den
Gewinst, desto lebhafter an Sie zu denken, wenn ich Ihnen schreibe.
Ich kam ganz wohlbehalten von Masfeld hier
an. Aber meine Prophezeiung wurde wahr. Seit Ihrer Abwesenheit bin ich mir
selbst gestohlen. Es geht uns mit großen lebhaften Entzückungen wie
demjenigen, der lange in die Sonne gesehen. Sie steht noch vor ihm, wenn
er das Auge längst davon weg gewandt. Es ist für jede geringere Strahlen
verblindet. Aber ich werde mich wohl hüten, diese angenehme Täuschung
auszulöschen.
Auf die Bekanntschaft Ihres Freundes freue
ich mich wie auf einen zu machenden Fund. Sie glauben nicht, wie nötig es
ist, dass ich edle Menschen finde. Diese müssen mich mit dem ganzen
Geschlecht wieder versöhnen, mit welchem ich mich beinahe überworfen
hätte. Es ist ein Unglück, meine Beste, dass gutherzige Menschen so gern
in das entgegen gesetzte Ende geworfen werden, den Menschenhass, wenn
einige unwürdige Charaktere ihre warmen Urteile betrügen. Gerade so ging
es mir. Ich hatte die halbe Welt mit der glühendsten Empfindung umfasst,
und am Ende fand ich, dass ich einen kalten Eisklumpen in den Armen hatte.
Ich geh also nicht über Meinungen, sondern
gerade von Bauerbach nach Walldorf. Dem Wetter wird schlechterdings nicht
nachgefragt. Es ist schon schlimm genug, dass die Geisterwelt so viele
Plane zernichtet, die Körperwelt soll mir keine Freude meines Lebens
verderben.
Den Brief an die H G1)
bringe ich mit. Ebenso mein Versprechen, das ich der Henriette getan.
Empfehlen Sie mich ihrem vortrefflichen
Herr Bruder und versichern Sie ihn meiner vollkommensten Achtung. Ihrer
liebenswürdigen Lotte machen Sie mein herzlichstes Kompliment und Herrn
Pfarrer Sauerteig – den ich nicht anstehe, meinen Freund zu nennen; denn
da wir uns beide in der Liebe gegen sie begegnen, so müssen wir notwendig
gleich bezogen sein.
Leben Sie so lang glücklich und vergnügt,
meine Teuerste, und vergessen Sie nicht, dass drei Stunden von Ihnen jeden
Augenblick an Sie gedacht wird von Ihrem zärtlichsten Freude
Schiller.
Bauerbach, 10. Jänner 1783
Zärtlichste Freundin!
Ohne Zweifel werden Sie wegen dem Recidiv
des übeln Wetters meinethalben besorgt gewesen sein; daher verliere ich
keine Zeit, Ihnen von meiner glücklichen Ankunft zu Bauerbach Nachricht zu
geben. Ich nahm den Weg über Dreißigacker und Masfeld, wobei ich eine gute
halbe Stunde profitierte. Der Weg wäre erträglich gewesen, wenn mir Wind
und Regen nicht zugesetzt hätten.
So kann ich also doch mit dem Schicksal
zufrieden sein, weil ich Sie die kurze Zeit Ihres Hierseins doch recht
genießen kann. Aber die Zeit eilt so schnell, meine Beste, und das nächste
Mal, dass ich Sie sehe, kommt schon der Abschied wieder. Zwar kein
Abschied auf lange – doch ein Abschied – welche Empfindungen man dabei zu
erwarten hat, weiß ich aus der Erfahrung. Es ist schrecklich, ohne
Menschen, ohne ein mitfühlende Seele zu leben; aber es ist auch ebenso
schrecklich, sich an irgend ein Herz zu hängen, wo man, weil doch auf der
Welt nichts Bestand hat, notwendig einmal sich losreißen und verbluten
muss.
Ich falle in eine finstere Laune und muss
abbrechen. Also zu Anfang der nächsten Woche sehe ich Sie zu Meinigen
gewiss? –
Ihren edlen, verehrungswerten Bruder
versichern Sie meiner ganzen immerwährenden Achtung. Je mehr ich ihn
kenne, desto schätzbarer wird er mir. Ihrer guten Lotte empfehlen Sie mich
auch und – vergessen Sie niemals
Ihres aufrichtigsten
Freundes
S.
Folgender ostensible Brief an Wilhelm von Wolzogen,
der die Nachforschungen nach Schillers Aufenthalt irre leiten solle, hätte
wahrscheinlich diesen Zweck verfehlt, wäre es dem Herzog Karl ernstlich
darum zu tun gewesen, ihn aufzufinden:
Frankfurt a.M., 19. Juni 1783
Mein liebster Freund!
Mein Schicksal hat mich nun hieher geführt.
Schon oft wollte ich dir schreiben; aber da ich unter so misslichen
Umständen lebe, so traue ich den Posten wegen meiner Briefe nicht, und
noch viel weniger bei solchen Briefen, die in die Akademie gehen. Man hat
euch vielerlei Gerüchte von mir vorgeschwatzt, wie mir Wieland bei seiner
Durchreise durch Mannheim erzählt hat. Ich hätte die Bekanntschaft eines
Engländers gemacht, der seine Großmut an mir zeigen wollte; allein du
weißt, dass der Mann, dem ich mich ganz überlassen soll, nicht von
gemeinem Schlag sein darf. Schwatzte ich dir doch nicht immer, als wir
noch beisammen waren, von meinen Schicksalen ungefähr so, wie sie nun
geworden sind? Ich kann’s nicht mehr so leiden. Überall finde ich zwar
immer manche treffliche Leute, und vielleicht könnte ich mich wohl noch an
einem Orte niederlassen – aber ich muss fort, ich will nach Amerika, und
dies soll mein Abschiedsbrief sein. Ich kenne deine Freundschaft und weiß,
du wirst mir mehrere Gründe anführen, die mich halten sollten – aber ich
bleibe bei Sternes Grundsatz – wo man keinen Rat annehmen will, muss man
auch nicht um Rat fragen.
Ich habe von einem hiesigen Handelshaus
genauen Unterricht von meiner Reise bekommen. Aber, wirst du fragen, was
drinnen tun? Das sollen Zeit und Umstände bestimmen. Ich habe meine
Medizin nicht vernachlässigt – auch die Philosophie könnte ich dort
vielleicht als Professor lehren – vielleicht auch politisch mich einlassen
– vielleicht auch gar nichts von allem. Aber Trauerspiele werde ich
deswegen nicht aufhören zu schreiben – du weißt, dass mein ganzes Ich
daran hängt.
Wenn’s eine Gelegenheit gibt, sollst du
Nachricht von mir aus Amerika haben, vielleicht schreib’ ich dir noch
einmal aus den Niederlanden. Lebe wohl, teuerster Freund, und fahre fort,
mich zu lieben, wie dich liebt
Dein ewig treuer Freund
Schiller.
Grüße Petersen, Azel, Abel und was
sonst noch meinem Herzen teuer war.
Folgender Brief an Frau von Wolzogen, im selben
Sinne geschrieben, damit er gelesen würde, ist von Hannover aus datiert.
Hannover, 8. Jänner 1783
Werden Sie mich entschuldigen, beste Frau,
dass ich Sie so viele Wochen ohne Nachrichten von meinem Schicksale ließ?
Ich komme sehr ungern auf mich zu sprechen. Wenn mir wohl ist, begnüge ich
mich damit, dass es so ist, und bin ich übel daran, so ist es doppelt
nicht nötig. Ich habe eine Hauptveränderung in meinen Planen gemacht, und
da ich anfangs nach Berlin wollte, wende ich mich jetzt vielleicht gar
nach England. Doch gewiss ist es noch nicht, so große Lust ich habe, die
Neue Welt zu sehen. Wenn Nordamerika frei wird, so ist es ausgemacht, dass
ich hingehe. In meinen Adern siedet etwas – ich möchte gern in dieser
holperichten Welt einige Sprünge machen, von denen man erzählen soll.
Schreiben Sie mir doch und lassen Sie mich hören, dass Sie meine Freundin
noch sind. Ich habe vor einigen Wochen – aber Sie müssen es mir verzeihen
– ein Gerücht ausgesprengt, dass ich nach Bauerbach sei. Ihnen kann es
nicht schaden, aber mir nützen. Sehen Sie, fürs erste hätte ich alle meine
Freunde für den Kopf gestoßen, wenn ich ihnen gestanden hätte, dass ich
nicht nach Berlin gehen wolle, wozu sie mir, die Mannheimischen besonders,
so edle Offerten gemacht. Fürs zweite wäre ich gern ohne Streichern
gereist, der mich ohne Zweifel hätte begleiten wollen, wenn er meinen
wahren Plan gewusst hätte. Zum dritten wäre ich gern inkognito gereist.
Sobald man es aber zu Mannheim oder Frankfurt erfahren hätte, würde es
jetzt überall bekannt sein, dass ich nach Hannover sei. Glaubt man aber,
ich sei zu Bauerbach, so bin ich vor allen Entdeckungen sicher. Endlich
und letztens bin ich vor überlästigen Briefen gesichert, wenn man meinen
Aufenthalt zu Hannover nicht weiß. Nach Bauerbach kann man schreiben. Sie
haben ja einen Verwalter dort? Nicht? – Der kann die Korrespondenz
unterhalten.
Lassen Sie mich doch wissen, ob Ihr
ältester Sohn aus der Akademie gekommen und wo er angestellt worden? Nicht
wahr, zu Hohenheim? – Auch empfehlen Sie mich vielmals.
Sie haben mich in Ihrem letzten Brief
gebeten, den Herzog in Schriften zu schonen, weil ich doch (meinen Sie)
der Akademie viel zu verdanken hätte. Ich will nicht untersuchen, wie weit
dem so ist, aber mein Wort haben Sie, dass ich den Herzog von Württemberg
niemals verkleinern will. Im Gegenteil habe ich seine Partei gegen
Ausländer (Franken und Hannoveraner besonders) schon hitzig genommen.
Von der Hauptmann Vischerin habe ich etwas
gehört, das mir unangenehm ist. Ich schrieb ihr vor etlichen Monaten einen
(etwas übereilten) Brief, der so beschaffen war, dass ihn niemand zu
Gesicht bekommen durfte. Die Vischerin kommunizierte ihn einem gewissen
Offizier. Sie hätte mir lieber, weiß nicht was, tun können. Eine solche
Indiskretion (das ist der gelindeste Name) tut weh, und ich dachte besser
von ihr. Wie muss ich mich doch so oft in meine liebsten Personen
betrügen! –
Nun leben Sie wohl, beste Wolzogen, und
legen Sie den Brief (wenn Sie mich nicht auch schon vergessen haben und
einer Antwort noch wert halten) bei meinen Eltern nieder. Ich sehe Sie
vielleicht mein Lebtag nicht wieder; aber mein Herz ist bei Ihnen, und
wenn Sie allein sind, so denken Sie bei sich selbst: ‚Jetzt denkt man
einige 100 Stund weit an mich.’
Ewig Ihr treuster
Fr. Schiller.
p.p. Die Vischerin lassen Sie nichts
merken. Es sollte mir doch weh tun, wenn sie wüsste, dass ich von
Stuttgart aus – und von ihren ersten Freunden fast alles erfahre.
Bauerbach, den 1. Februar
1783
Teuerste Freundin!
Gott sei Dank – eine Woche ohne Sie auf dem
Rücken. Also von 14, die bevorstunden, eine vom Halse. Ich wünschte, dass
die Zeit alle ihre Geschwindigkeit bis auf den Mai zusetzte, damit sie
hernach desto abgematteter ginge.
Meine Wünsche und meine Tränen haben Sie
begleitet, beste Freundin. Wo Sie auch sind, werden Sie solches Gefolge
von mir bekommen. Die Freude über die Erfüllung Ihres und meines Wunsches,
dass Ihre Lotte mit Ihnen darf, machte mir den Gedanken Ihrer Abreise
etwas erträglicher, und ich weiß nicht, ob ich bei Ihrem Hierbleiben, wenn
nämlich die Lotte nicht mitgedurft hätte, nicht ebenso traurig gewesen
wäre, so viel ich selbsten dabei gewonnen hätte. –
Eben wanderte in Brief an meine Eltern
fort; doch hab’ ich, soviel ich von Ihnen sprechen musste, kein Wort von
Ihrem bisherigen Hiersein und den fröhlichen Augenblicken unsres hiesigen
Beieinanderseins verloren. Sie selbst haben also das alles noch zu
erzählen und werden vermutlich ein paar aufmerksame Zuhörer haben.
Neues weiß ich Ihnen nichts zu schreiben.
Das satirische Gedicht, wovon Sie wissen2),
ist fertig; ich weiß aber nicht, wie es der H3)
aufgenommen. – Man spricht hier zu Bauerbach, dass in einem Zimmer des
Meininger Schlosses 30,000 fl. an Gold und Silber und einige Kisten von
Tabaksdosen, und was weiß ich? – Entdeckt worden. Gott bewahre aber, dass
ich’s nachsagen sollte. Doch unmöglich wäre es nicht, und auf die
diensttätige Fête wäre der Fund vortrefflich. – Die Tabaksdosen waren mir
wichtig, und derjenige, der eine ganze Kiste davon sammelte, muss mich
selbst übertroffen haben.
Liebste Freundin, heute haben wir einen so
trefflichen Frühlingstag, dass mir die ganze Zukunft, die so angenehm vor
mir liegt, zu Gedächtnis kommt. Wie wert müssen solche Tage alsdann sein,
wenn sie ihre Farben von der Freundschaft entlehnen! Ich mache einen
Ausflug auf den Berg und das Wäldchen. Vielleicht schieß’ ich einen
Raubvogel.
Leben Sie also recht wohl, meine Freundin.
Ihren Herrn Bruder versichern Sie meiner wahren Achtung, und dass ich
bedaure, kein Doctor juris zu sein, um ihm mit Leib und Seele zu dienen.
Viele Komplimente an Fräulein Lotte. Ohne Aufhören
Ihr
Friderich Chevalier.4)
p.p. Noch eine Hauptsache, beste
Wolzogen. Weil ich nach Mannheim die bewusste Lüge wegen meiner Abreise
geschrieben habe5), also notwendig und mit
dem nächsten eine Adresse nach einem andern Ort angeben muss, so fiel mir
ein, ob nicht Sie in Bamberg durch Ihre oder Ihrer Freunde Bekanntschaften
jemand ausfindig machen könnten, an den ich die Briefe, die von Mannheim
an mich kommen, nach Bamberg schicken und durch den hernach an Reinwalden
hieher adressieren lassen könnte. Es kommt auf einen Versuch an. Denken
Sie nach.
An Frau von Wolzogen (in
Urach)
Bauerbach, den 27. März 1783
Die guten Nachrichten, teuerste Freundin,
welche Sie mir von der Besserung meiner liebsten Mutter, von Ihrem und der
Ihrigen Wohl und Ihres Wilhelms Erlösung6)
gegeben, waren mir so erfreulich, als mir eine andre verdrießlich war. Sie
schreiben mir, dass sich ein gewisser Herr nicht abhalten lasse, mit Ihnen
nach Meiningen zu kommen. Die Gleichgültigkeit, womit Sie diesen Umstand
berühren, setzte mich in die äußerste Befremdung und in die unangenehme
Notwendigkeit, Ihnen meine Besorgnisse wegen diesen Punkt umständlich
mitzuteilen, welche ich Sie recht sehr zu beherzigen bitte.
Der Fall ist dieser. Wenn sich Herr von W.7)
wirklich mit Ihnen in M. einfinden sollte, so ist es durchaus unmöglich,
dass ich Ihre Ankunft erwarten kann. Lassen Sie sich diese Nachricht nicht
bestürzen, liebste Freundin, und gönnen Sie mir ein ruhiges Gehör. Ganz M.
weiß, dass sich ein Württemberger in Bauerbach aufhält, dass dieser ein
sehr guter Freund von Ihnen ist, und dass er sich mit Schriften
beschäftigt. Ganz M. vermutet, dass dieser Ritter nicht der ist, für den
er sich ausgibt; dass er vielleicht Verdruss in seinem Vaterland gehabt
hat und darum seinen Namen verschweigen muss. Man war schon lange
begierig, diesem verkappten Ritter auf die Spur zu kommen, man hat sogar
wegen einiger Äußerungen des vorigen Herzogs auf den Wahren geraten.
Nehmen Sie nun dies alles zusammen, und lassen sie besagten Herrn Nach M.
kommen. Wird man nicht die erste Gelegenheit ergreifen, nach mir zu
forschen? Zweifeln Sie, dass Herr von W., wenn ihm alle jene Umstände, mit
meinem Exterieur verbunden, gesagt werden, den Augenblick auf mich fallen
werde? Ich gebe es Ihnen zu bedenken, ob eine solche Person, die so, wie
jener Herr, von unsrer beiderseitigen Freundschaft, meinen Verhältnissen
zu meinem Vaterland und meinem ganzen Tun und Lassen unterrichtet ist, der
mehr als tausend andre neugierig ist und vorzüglich neugierig auf meine
Schicksale ist, ob eine solche Person, die so, wie jener Herr, von unsrer
beiderseitigen Freundschaft, meinen Verhältnissen zu meinem Vaterland und
meinen ganzen Tun und Lassen unterrichtet ist, der mehr als tausend andre
neugierig ist und vorzüglich neugierig auf meine Schicksale ist, ob eine
solche Person bei der ausgestreuten Erdichtung stehen bleiben werde? Ob
Sie selbst Gewalt genug über sich haben, das Gegenteil auf seine
zudringlichen Fragen mit unveränderter Stirne zu behaupten? – Ob er der
Mann ist, der in das Geheimnis der Sache gezogen werden darf? Ich erkläre
Ihnen entschlossen und offenherzig, dass ich das letztere niemalen zugeben
werde. Ich will ihm durchaus nichts von seinem Werte benehmen, denn er hat
wirklich einige schätzbare Seiten – aber mein Freund wird er nicht mehr,
oder gewisse zwei Personen müssten mir gleichgültig werden, die mir so
teuer wie mein Leben sind. Weil ich also eine Entdeckung auf dieser Seite
unmöglich Gefahr laufen kann, so muss ich einen Schritt tun, der mir von
allen meines Lebens der schmerzlichste ist – ich muss Sie verlassen. Ich
muss Sie zum letzten Mal gesehen haben. Es kostet mich viel, es Ihnen zu
sagen. Ich will nicht bergen, dass ich dadurch manche schöne herrliche
Hoffnung aufgeben muss, dass es vielleicht einen Riss in meinem ganzen
künftigen Schicksal zurücklässt; aber die Beruhigung meiner Ehre gehet
vor, und mein Stolz hat meiner Tugend schon so viele Dienste getan, dass
ich ihm auch eine Tugend preisgeben muss.
Überlegen Sie, teure Freundin, ob die Sache
noch zurückgetrieben werden kann, oder vielmehr, ob Sie es wünschen, sie
zurückzutreiben. Es wäre eine unverzeihliche Eitelkeit von mir, wenn ich
verlangen wollte, dass Sie um meinetwillen einen Menschen, der sich durch
Bande der Verwandtschaft und Liebe an Sie attachiert hat, der Sie auch
wirklich zu schätzen weiß, wegstoßen sollten. Nein, es wäre ein höchst
ungerechtes Zumuten, wenn ich prätendierte, dass Sie mir, der kein
Verdienst um Sie hat, als Freundschaft, eine Person aufopfern sollten, die
keinen Fehler hat, als dass ich Sie nicht liebe. Ich würde Ihre und Ihrer
guten Lotte Ankunft in Bauerbach nicht ertragen können, wenn mir einfiele,
dass ich Sie eines Freundes beraubte. Ich bleibe Ihnen immer und unter
allen Zufällen; aber dieser könnte Ursache finden, ein Misstrauen in Sie
zu setzen, wenn Sie ihn bei dieser Gelegenheit vernachlässigten. Also
überlegen Sie es recht, beste Freundin; denn wenn Sie auch in mir
denjenigen nicht finden sollten, den Sie suchten; wenn ich gewahr würde,
dass sie es bereuten, mir zulieb so viel aufgeopfert zu haben, so wäre es
um meine Ruhe geschehen. Ist der Fall unvermeidlich, so bitte ich Sie
inständig, es mir beizeiten zu wissen zu tun, dass ich mich in Betracht
meiner Barschaft darnach richten kann. An dieses letztere dürfen Sie sich
stoßen, Freundin. Die Mannheimer verfolgen mich mit Anträgen um mein neues
ungedrucktes Stück, und Dalberg hat auf eine verbindliche Art über seine
Untreue Entschuldigung getan. Ich kann also zu Ausgang des Mias so viel
Bargeld zusammenbringen, dass ich nach Berlin reisen und einiges Geräte
anschaffen kann. Dort werde ich bald Auskommen finden, und Adressen
bekomme ich in Menge dahin. Hungers sterben werd ich zuverlässig nicht,
und das Bewusstsein, Ihre Ruhe befördert zu haben, wird mich auch
glücklich machen. Also sein Sie über diesen Punkt gar nicht in Sorgen, und
handeln Sie ganz frei. Können Sie es aber ohne Ihren und eines Menschen
Nachteil dahin bringen, dass ich bleiben kann, so machen Sie niemand
größere Freude, als mir. Wollen Sie selbst, dass Sie die Gesellschaft
dieses Herrn verlieren, so streuen Sie aus, dass Sie in 5 – 6 Monaten
wieder nach Stuttgart kommen und ihn dann nebst Wilhelm mitnehmen wollen.
Was Sie tun, meine Beste, schonen Sie sich und meinen Stolz.
Nunmehr leben Sie wohl. 10,000,000 Grüße an
die lieben Meinigen, an Ihre Lotte und Wilhelm. Ewig
Ihr Freund
S.
Hier ist alles in gutem Stand, außer dass
der alte Flurschütz Kegel gestorben und unser junger Pfarrer sehr krank
ist.
An Rat Reinwald in Meinungen.
Bauerbach, den 21. Februar
1783
Sie werden denken, ich sei indes gestorben,
oder ich habe Sie vergessen, weil ich Ihnen nicht eine Zeile schrieb. Das
letztere kann wenigstens nur sein, wenn das erste ist, und dies ist ja nun
nicht.
Ich höre zu meinem Leidwesen, dass Sie
neulich einen Fehlgang um meinetwillen gemacht haben. Ich war schon am
Anfang des Walds, als es mit Macht zu schneien anfing, und wandte aus
keiner andern Ursache um, als weil ich gewiss glaubte, das Wetter würde
Sie abschrecken. Mir selbst wär’ es ganz das nämliche gewesen, aber ich
traute es Ihrer schwächern Natur nicht zu, und einen Fehlgang wollt eich
um so weniger Gefahr laufen, weil ich mein Schauspiel gern expediert
hätte. Sie haben also nur meine Mutmaßung, aber gewiss nicht meine
Freundschaft beschämt. Setzen Sie nun den nächsten erträglichen Tag selbst
aus, so will ich meine Versäumnis hereinbringen. Liebster Freund, ich
wünschte Sie oft – so oft in meine einsame grillenhafte Zelle herein und
möchte oft meine tägliche Kost um eine menschliche Gesellschaft
dahingeben.
Gelegenheitlich muss ich anmerken, dass ich
nunmehr der Meinung bin, dass das Genie wo nicht unterdrückt, doch
entsetzlich zurückwachsen, zusammenschrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von
außen fehlt. Man sagt sonst, es helfe sich in allen Fällen selbst auf –
ich glaub’ es nimmer. Wenn ich mich im weitesten Verstand zum Beispiel
setzen kann, so beweist meine jetzige Seelenlage das Gegenteil. Mühsam und
wirklich oft wider allen Dank muss ich eine Laune, eine dichterische
Stimmung hervorarbeiten, die mich in zehn Minuten bei einem guten
denkenden Freunde sonst anwandelt. Oft auch bei einem vortrefflichen Buch
oder im offenen Himmel. Es scheint, Gedanken lassen sich nur durch
Gedanken locken, und unsre Geisteskräfte müssen wie die Saiten eines
Instruments durch Geister gespielt werden. Wie groß muss das Originalgenie
sein, das weder in seinem Himmelsstrich und Erdreich, noch in seinem
gesellschaftlichen Kreis Aufmunterung findet und aus der Barbarei selbst
hervorspringt.
Hören Sie. Wenn ich nicht vorteilhaft mit
Weygand fahren sollte, so habe ich ziemlich Lust, es mit der Dessauischen
Kasse8) zu probieren. Schreiben Sie mir nur
das einzige, ob es bald gedruckt würde, wenn ich mich mit dieser einließe.
Dass es nicht gleich bezahlt wird, weiß ich. Aber so vorteilhaft ich auch
mit Buchhändlern handle, so glaube ich doch, treiben sich die Revenuen
eines Buchs durch den Weg der Dessauischen Kasse noch höher.
Mündlich das mehrere. Lassen Sie mich doch
wissen, sobald Sie abkommen können.
Ohne Veränderung Ihr
S.
Bauerbach, den 27. März 1783
Ich setze mich nieder, mein langes
Stillschweigen, das einen Mangle an Gelegenheit zur Ursache hatte, jetzt
auf einmal hereinzubringen. Zwei Briefe waren schon auf den Weg zu Ihnen,
und beide Male kamen ihre Überbringer wegen verschlimmertem Wetter zurück.
Mit Weygand bin ich fertig, wie Sie aus dem
Einschluss abnehmen werden. Ob ich mit Dalberg zustande kommen kann,
zweifle ich. Ich kenne ihn ziemlich, und meine Luise Millerin hat
verschiedene Eigenschaften an sich, welche auf dem Theater nicht wohl
passieren; z.B. die gotische Vermischung von Komischem und Tragischem, die
allzu freie Darstellung einiger mächtigen Narrenarten und die zerstreuende
Mannigfaltigkeit des Details. Eröffnen Sie mir Ihre Meinung darüber. Eh
ich mich in einen Weygandartigen Handel mit Dalberg einlasse, will ich die
Sache lieber gar nicht in Bewegung bringen.
Über ein neues Stück bin ich mit mir einig.
Um meines langen Hin- und Herschwankens zwischen Imhof und Maria Stuart
los zu sein, hab ich beide bis auf weitere Ordre zurückgelegt und arbeite
nunmehr entschlossen und fest auf einem Dom Karlos zu. Ich finde, dass
diese Geschichte mehr Einheit und Interesse zum Grunde hat, als ich bisher
geglaubt, und mir Gelegenheit zu starken Zeichnungen und erschütternden
oder rührenden Situationen gibt. Der Charakter eines feurigen, großen und
empfindenden Jünglings, der zugleich der Erbe einiger Kronen ist, - einer
Königin, die durch den Zwang ihrer Empfindung, bei allen Vorteilen ihres
Schicksals verunglückt, - eines eifersüchtigen Vaters und Gemahls – eines
grausamen heuchlerischen Inquisitors und barbarischen Herzogs von Alba
u.s.f. sollten mir, dächte ich, nicht wohl misslingen. Dazu kommt, dass
man einen Mangel an solchen deutschen Stücken hat, die große
Staatspersonen behandeln – und das mannheimische Theater dieses Süjet von
mir bearbeitet wünscht. Auch hier, lieber werter Mann, erwarte ich Ihren,
mir immer wichtigen Rat – und weil Sie mich schon so weit verbunden haben,
dass ich Ihnen die Vorteile und den Ruhm meiner jetzigen Beschäftigung
hälftig verdanken muss, so entziehen Sie mir auch hiebei Ihre
freundschaftliche Unterstützung nicht. Wenn ich eine spanische Geschichte
mit Vorteil behandeln soll, so werde ich notwendig mit dem
Nationalcharakter, den Sitten und der Statistik des Volkes bekannt sein
müssen. Sie, mein Freund, wissen am besten, aus welchen Quellen ich diese
Kenntnis schöpfen kann, und werden ohne Zweifel auf der Bibliothek
dergleichen Werke haben. Wenn Sie sich nun auf einen Augenblick in meine
Lage versetzen und en Zustand der Unentschlossenheit und Untätigkeit
kennen, der mir besonders hier unerträglich ist, so weiß ich gewiss, dass
Sie keine Zeit verlieren werden, die Ihren Freund in Geschäfte bringen und
in Verfolgung seiner Arbeit erleichtern kann. Bälder, als ich mit Spaniens
Sitten und Regierung bekannt bin, kann ich meinen Plan nicht vollenden und
noch viel weniger eine Ausführung auf Geratewohl wagen. Daher hoffe ich,
Sie werden meine Ungeduld wenigstens mit einigen dahin einschlagenden
Werken befriedigen. Die Judith wird abends, eh sie abgeht, bei Ihnen
anfragen und das, was Sie mir schicken wollen, abholen. Wenn Sie
allenfalls Brantomes Geschichte Philipps II. besitzen, so teilen Sie mir
solche auch mit. –
Es sollte mich doch befremden, wenn Sie
auch noch jetzt meinen Fiesco nicht haben, und möchte ich wissen, ob er in
der Gothaer Zeitung angekündigt worden.
Die Geschichte der Bastille hat mich sehr
unterhalten, und ich glaube, dass sie sich in französischer Sprache mit
vielem Vergnügen lesen lässt. Ich sende sie Ihnen mit dem nächsten
Botengang zurück. Haben Sie unter der Hand ein gutes Buch zu meiner
Belehrung und Unterhaltung entdeckt, so werden Sie ein dürres Erdreich
begießen, wenn Sie mir solches kommunizieren.
Jetzt, bester Freund, fangen die herrlichen
Zeiten bald an, worin die Schwalben auf unsern Himmel und Empfindungen in
unsre Brust zurückkommen. Wie sehnlich erwarte ich sie! – Einsamkeit,
Missvergnügen über mein Schicksal, fehlgeschlagene Hoffnungen und
vielleicht auch die veränderte Lebensart haben den Klang meines Gemüts,
wenn ich so reden darf, verfälscht und das sonst reine Instrument meiner
Empfindung verstimmt. Die Freundschaft und der Mai sollen es, hoff’ ich,
aufs neue in Gang bringen. Ein Freund soll mich mit dem
Menschengeschlecht, das sich mir auf einigen hässlichen Blößen gezeigt
hat, wiederum aussöhnen und meine Muse halbwegs nach dem Cocytus wieder
einholen. Aber ich verfalle in eine Melancholie und fürchte, Sie
anzustecken.
Die Frau von Wolzogen und ihre Tochter
empfehlen sich Ihnen. Präzise am 17. Mai verlassen sie Stuttgart.
Nun leben Sie wohl, lieber guter Mann, und
leiben Sie mich, nicht mehr und nicht weniger, als ich Sie. Ewig der
Ihrige
S.
Auf unsre nächste Zusammenkunft soll
eine Szene von Dom Karlos fertig sein, die Sie richten werden. NB. Das
Gedicht!
Bauerbach. Früh in der
Gartenhütte
Am 14. April 1783
In diesem herrlichen Hauche des Morgens
denk ich Sie, Freund – und meinen Karlos. Meine Seele fängt die Natur in
einem entwölkten blankern Spiegel auf, und ich glaube, meine Gedanken sind
wahr. Prüfen Sie solche.
Ich stelle mir vor, - jede Dichtung ist
nichts andres, als eine enthusiastische Freundschaft oder platonische
Liebe zu einem Geschöpf unsers Kopfes. Ich will mich erklären.
Wir schaffen uns einen Charakter, wenn wir
unsre Empfindungen und unsre historische Kenntnis von fremden in andre
Mischungen bringen – bei den Guten das Plus oder Licht – bei Schlimmern
das Minus oder den Schatten vorwalten lassen. Gleichwie aus einem
einfachen weißen Strahl, je nachdem er auf Flächen fällt, tausend und
wieder tausend Farben entstehen, so bin ich zu glauben geneigt, dass in
unsrer Seele alle Charaktere nach ihren Urstoffen schlafen und durch
Wirklichkeit und Natur oder künstliche Täuschung ein dauerndes oder nur
illusorisches und augenblickliches Dasein gewinnen. Alle Geburten unsrer
Phantasie wären also zuletzt nur wir selbst. Aber was ist Freundschaft
oder platonische Liebe denn anders, als eine wollüstige Verwechslung der
Wesen? Oder die Anschauung unsrer selbst in einem andern Glase? – Liebe,
mein Freund, das große unfehlbare Band der empfindenden Schöpfung, ist
zuletzt nur ein glücklicher Betrug. – Erschrecken, entglühen, zerschmelzen
wir für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf? Gewiss nicht.
Wir leiden jenes alles nur für uns, für das Ich, dessen Spiegel jenes
Geschöpf ist. Ich nehme selbst Gott nicht aus. Gott, wie ich mir denke,
leibt den Seraph so wenig als den Wurm, der ihn unwissend lobet. Er
erblickt sich, sein großes unendliches Selbst, in der unendlichen Natur
umhergestreut. – In der allgemeinen Summe der Kräfte berechnet er
augenblicklich sich selbst – sein Bild sieht er aus der ganzen Ökonomie
des Erschaffenen vollständig, wie aus einem Spiegel, zurückgeworfen und
leibt sich in dem Abriss, das Bezeichnete in dem Zeichen. Wiederum findet
er in jedem einzelnen Geschöpf (mehr oder weniger) Trümmer seines Wesens
zerstreut. Dieses bildlich auszudrücken – So wie eine Leibnitz’sche Seele
vielleicht eine Linie von der Gottheit hat, so hat die Seele der Mimosa
nur einen einfachen Punkt, das Vermögen zu empfinden von ihr, und der
höchste denkende Geist nach Gott – Doch Sie verstehen mich ja schon. Nach
dieser Darstellung komme ich auf einen reinern Begriff der Liebe.
Gleichwie keine Vollkommenheit einzeln existieren kann, sondern nur diesen
Namen in einer gewissen Relation auf einen allgemeinen Zweck verdient, so
kann keine denkende Seele sich in sich selbst zurückziehen und mit sich
begnügen. Ein ewiges notwendiges Bestreben, zu diesem Winkel den Bogen zu
finden, den Bogen in einen Zirkel auszuführen, hieße nichts anders, als
die zerstreuten Züge der Schönheit, die Glieder der Vollkommenheit in
einen ganzen Leib aufzusammeln – das heißt mit andern Worten: Der ewige
innere Hang, in das Nebengeschöpf überzugehen, dasselbe in sich
hineinzuschlingen, es anzureißen, ist Liebe. Und sind nicht alle
Erscheinungen der Freundschaft und Liebe – vom sanften Händedruck und
Kusse bis zur innigsten Umarmung – so viele Äußerungen eines zur
Vermischung strebenden Wesens?
Jetzt wär’ ich auf dem Punkt, zu dem ich
durch eine Krümmung gehen musste. Wenn Freundschaft und platonische Leibe
nur eine Verwechselung eines fremden Wesens mit dem unsrigen, nur eine
heftige Begehrung seiner Eigenschaft sind, so sind beide gewissermaßen nur
eine andre Wirkung der Dichtungskraft – oder besser: Das, was wir für
einen Freund, und was wir für einen Helden unsrer Dichtung empfinden, ist
eben das. In beiden Fällen führen wir uns durch neue Lagen und Bahnen, wir
brechen uns auf andern Flächen, wir sehen uns unter andern Farben, wir
leiden für uns unter andern Leibern. Können wir den Zustand eines Freunds
feurig fühlen, so werden wir uns auch für unsre poetische Helden erwärmen.
Aber die Folgerung, dass die Fähigkeit zur Freundschaft und platonischen
Liebe sonach auch die Fähigkeit zur großen Dichtung nach sich ziehen
müsse, würde sehr übereilt sein. – Denn ich kann einen großen Charakter
durchaus fühlen, ohne ihn schaffen zu können. Das aber wäre bewiesen wahr,
dass ein großer Dichter wenigstens die Kraft zur höchsten Freundschaft
besitzen muss, wenn er sie auch nicht immer geäußert hat. – Das ist
unstreitig wahr, dass wir die Freunde unsrer Helden sein müssen, wenn wir
in ihnen zittern, aufwallen, weinen und verzweifeln sollen; dass wir sie
als Menschen außer uns denken müssen, die uns ihre geheimsten Gefühle
vertrauen und ihre Leiden und Freuden in unsern Busen ausschütten und
entflammen wir Dichter am meisten, wenn wir selbst Furcht und Mitleid für
unsern Helden gefühlt haben. Ein großer Philosoph, der mir nicht gleich
beifallen will, hat gesagt, dass die Sympathie am gewissesten und
stärksten durch Sympathie erweckt werde. Jetzt denke ich diesen Satz in
seiner ganzen Deutlichkeit. Der Dichter muss weniger der Maler seines
Helden – er muss mehr dessen Mädchen, dessen Busenfreund sein. Der Anteil
des Liebenden fängt tausend seine Nuancen mehr als der scharfsichtigste
Beobachter auf. Welchen wir lieben, dessen Gutes und Schlimmes, Glück und
Unglück genießen wir in größern Dosen, als welchen wir nicht so lieben und
noch so gut kennen. Darum rührte mich Julius von Tarent mehr als Lessings
Aemilia, wenngleich Lessing unendlich besser als Leisewitz beobachtet. Er
war der Aufseher seiner Helden, aber Leisewitz war ihr Freund. Der Dichter
muss, wenn ich so sagen darf, sein eigner Leser und, wenn er ein
Theatralischer ist, sein eignes Parterre und Publikum sein. – –
Ich habe Ihnen hier vieles und, wie ich
beim Durchlesen finde, mit zu wenig Worten gesagt. Vielleicht führe ich
solches ein andermal aus.
Nun eine kleine Anwendung auf meinen
Carlos. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich ihn gewissermaßen statt meines
Mädchens habe. Ich trage ihn auf meinem Busen – ich schwärme mit ihm durch
die Gegend um – um Bauerbach herum. Wenn er einst fertig ist, so werden
Sie mich und Leisewitz an Con Carlos und Julius abmessen. – Nicht nach der
Größe des Pinsels – sondern nach dem Feuer der Farben; nicht nach der
Stärke auf dem Instrument – sondern nach dem Ton, in welchem wir spielen.
Karlos hat, wenn ich mich des Maßes bedienen darf, von Shakespeares Hamlet
die Seele, - Blut und Nerven von Leisewitz’ Julius – und den Puls von mir.
– Außerdem will ich es mir in diesem Schauspiel zur Pflicht machen, in
Darstellung der Inquisition die prostituierte Menschheit zu rächen und
ihre Schandflecken fürchterlich an den Pranger zu stellen. Ich will – und
sollte mein Carlos dadurch auch für das Theater verloren gehen – einer
Menschenart, welche der Dolch der Tragödie bis jetzt nur gestreift hat,
auf die Seele stoßen. Ich will – Gott bewahre, dass Sie mich nicht
auslachen. – –
Ihr letzter Brief, mein Bester, hat Ihnen
in meinem Herzen ein unvergessliches Denkmal gesetzt. Sie sind der edle
Mann, der mir so lange gefehlt hat, der es wert ist, dass er mich mit samt
allen meinen Schwächen und zertrümmerten Tugenden besitze, denn er wird
jene dulden und diese mit einer Träne ehren. Teurer Freund! Ich bin nicht,
was ich gewiss hätte werden können. Ich hätte vielleicht groß werden
können, aber das Schicksal stritte zu früh wider mich. Lieben und schätzen
Sie mich wegen dem, was ich untern bessern Sternen geworden wäre, und
ehren Sie die Absicht in mir, die die Vorsicht in mir verfehlt hat. Aber
bleiben Sie mein!
S.
An Frau von Wolzogen
Am 23. April 1783
Einen Schrecken hätte ich Ihnen also
gemacht, meine Freundin? – Dafür haben auch Sie mich in Ihrem letzten
Brief gedemütigt, und mehr, als ich verdiene.
Sie räumen beinah alle meine Besorgnisse
wegen der Ankunft des Herrn v. W.’s weg und setzen es dennoch auf
Schrauben, ob ich wohl bleiben werde? Sie scheinen es möglich zu finden,
dass ich überhaupt mein Glück auf Unkosten meines ehrlichen Namens und
guten Gewissens, meinen tausend Verpflichtungen und Pflichten gegen Sie
zum Trotz, hätte aufsuchen wollen, und möchten auf das bäldeste von mir
wissen, was ich entschlossen sei, und was zu meinem Glück diene? Sie sagen
mir also, nur mit andern Worten, dass Sie mich fähig halten, die
treuloseste und undankbarste Tat auf der Welt zu tun. Ich will Ihnen das
nicht zum Vorwurf gesagt haben, meine Beste. Weiß ich doch fest und
gewiss, dass Sie mich lieben, wie keine Mutter mehr lieben kann. Aber
glauben Sie mir doch endlich einmal, dass Sie keinen unwürdigen Sohn
haben!
Also zuverlässig im Monat Mai, meine Liebe.
Ich zähle darauf. Ihre Gegenwart ist niemand wichtiger, als mir. Aber auch
überhaupt ist sie notwendig, wie Sie jetzt hören werden. Ihr ganzes
Bauerbach ist gegenwärtig in Unruhe, welche nur durch Ihre persönliche
Autorität gestillt werden kann. Der ewige Groll der Gemeinde gegen den
Verwalter äußert sich täglich mehr.
Neulich entstund ein Streit zwischen beiden
Parteien wegen der Schafe. Vogt [der Verwalter] und Konsorten verboten,
das Vieh auf die Wiesen zu treiben. Der Wirt, Schnupp, Ziegenbein und
Straub (dessen Frau vor einigen Tagen starb) prätendierten das Gegenteil.
Die Gerichte sprachen zweimal für den Verwalter, und dem ungeachtet
treiben die letzteren die Schafe auf die Wiesen; Ihre eignen nicht
geschont. Ich kam zu einer Szene, die, so verdrießlich sie mir im Grunde
war, den besten Maler verdient hätte. Vogt und Familie kommen mit
Knütteln, die Schafe wegzutreiben, die andern wehren sich, man sagt sich
Grobheiten, Wahrheiten u. dergl. Des Wirts Sohn hetzt den Hund an den
Schulmeister, welcher, in Gefahr, Schläge zu kriegen, die Glocke ziehen
ließ und das ganze Dorf aufforderte. Nun ist ihm durch den Gerichtshalter
alle gewalttätige Exekution des Verbots untersagt und auf morgen ein
Termin angesetzt. Meine Meinung ist (ich habe beide Parteien gehört), Sie
soutenieren Ihren Schulzen, der doch immer Ihre Person vorstellen muss,
gegen das respektswidrige Betragen der Nachbarn. Das müssen Sie tun, wenn
Sie nur einen Befehl exequiert sehen wollen und die Ruhe erhalten werden
soll. Die Gemeinde aber müssen Sie auch gegen diesen in Sicherheit setzen.
Rein ist er nicht, wie Sie sehr wohl wissen, aber die Grobheit und
Gewalttätigkeit der andern ist auch unverantwortlich, und wie ich hörte,
soll ein Konfirmand, den Tag vor der Einsegnung, dem Verwalter zum Spott,
hinter die Orgel hofiert haben in Mitte des Gottesdiensts. Geben Sie
diesem positive Gewalt, aber behalten Sie sich vor, sein Verhalten zu
untersuchen. Mehr, wenn Sie selbst kommen; ich habe über diesen Punkt noch
einige Gedanken.
Reinwald und ich danken Ihnen beide für die
Wohltat, die Sie uns erwiesen, uns miteinander bekannt zu machen. Er ist
mir äußerst wert, und ich glaube, ich bin es auch ihm. Ihre Pfarrer zu
Bibra, Vater und Sohn, kenne ich sehr gut, und beide leiben mich, wie ich
sie, von Herzen. Den jungen helfe ich Ihnen gewiss zum Vorteil bilden,
sowie er mich in vielen, Ihnen auch sehr wichtigen Stücken befestigen
soll. Kurz, zu meiner Zufriedenheit in B. fehlt mir nichts als Sie, meine
Beste.
Sie schreiben mir nicht, ob Ihr Wilhelm aus
der herzoglichen Karls-Akademie gekommen und wo er gegenwärtig ist.
Empfehlen Sie mich ihm sehr, wie auch Fräulein Lotten, die mir doch
schreiben möge, ob sie bald Schach gelernt hat? –
Die Meinigen grüßen und küssen Sie
tausendmal; sie werden nun wohl meinen Brief haben. Mein Fiesco ist
gedruckt und wird wohl bald in Stuttgart zu verkaufen sein, wenn die
Ostermesse vorbei ist. Das ist mein zweitletzter Brief an Sie im Jahr
1783.
Ewig Ihr
Ritter.
Ich war unpässlich, aber nicht krank. Ich
ließ mir eine Ader schlagen.
Bauerbach, den 8. Mai 1783
Teuerste Freundin!
Hoffentlich trifft Sie dieser Brief noch in
Stuttgart. Da ich Ihnen nichts zu schreiben weiß, als dass ich, und was
Ihnen ungefähr in der Gegen am Herzen liegt, gesund sind, und dass wir
Ihrer Ankunft mit Sehnsucht entgegen sehen, so schreite ich sogleich zu
Kommissionen.
Haben Sie die Güte und befördern den
Einschluss durch einen Expressen nach der Solitude. Man soll meinen
Shakespeare ohne Verzug vom L. Scharffenstein abholen und meine Räuber vom
Akteur Haller, welche Sie dann mitzunehmen geruhen werden. Außerdem bitte
ich Sie, einstweilen die Auslage für mich zu machen und nebst etlichen
Buch Briefpostpapier, welches ich hierzuland nicht zu bekommen weiß, 2
oder 4 Pfund Marokkoschnupftabak, der mir schon 6 Monate nicht zu Nase
gekommen, vom Kaufmann Merklin oder Bailing ausnehmen zu lassen. Wenn Sie
können, lassen Sie sich – durch List – und durch den Weg meiner Schwester
mein Porträt von Scharffenstein geben.
Fräulein Lotte ist, wie es zu Meinungen
lautet, Braut mit H. von Pfaffenrath. Ich gratuliere also per Abschlag.
Ihrem lieben Wilhelm, dem Herrn Assessor,
oder wie man sprechen muss, tausend Empfehlungen. Wenn Sie in Zukunft an
ihn schreiben, werde ich schon meinen Teil auch einfließen lassen.
Meinen Fiesco werden Sie schon zu Gesichte
bekommen haben, wenn anders mein Vater die Exemplare bekommen hat, die ich
ihm assignierte. Wo nicht, so finden Sie ihn bei mir.
Morgen bekomme ich Visite von Reinwald,
Herrn Hofprediger und seiner Frau, wo eine Zinshenne bluten wird.
Was ich Ihnen von Wichtigkeit zu sagen
habe, kann warten, bis ich Sie von Angesicht zu Angesicht sehe. Dieser
Brief ist, wenn Gott will, der letzte auf lange Zeit. – Im Neuen Testament
hören die Opfer auf! – Ewig Ihr Freund
S.
An Rat Reinwald in Meinungen.
B., den 22. Mai 1783
Der erste Augenblick, der wieder mein eigen
ist, gehört Ihnen, teurer Freund. Heute kann ich einmal wieder Atem
schöpfen, denn schon 9 – 10 Tage war ich mit lauter Kleinigkeiten
überhäuft, die mich nicht zu mir selbst kommen ließen. Ich hatte es auf
mich genommen, auf die Ankunft der Frau von Wolzogen Haus und Garten
instand zu setzen, und weil ich im letztern eine neue Anlage machte, die
auch mein Vergnügen befördern sollte, so musste ich immer allerorten
selbst sein. Meine Luise Millerin blieb liegen, und mit dieser müssen auch
Sie, mein Guter, ein Schicksal teilen. Wärmer komme ich zu Ihnen, wie zu
dieser, zurück.
Den Einzug der Frau von Wolzogen habe ich
von den Untertanen feierlich begehen lassen, welches Gelegenheit zu einem
sehr angenehmen Abend gab. Von dem äußersten Ende des Orts ließ ich eine
Alle von Maien bis zu ihrem Hause anlegen. Am Hof des Hauses war eine
Ehrepforte von Tannenzweigen errichtet, die auch Sie noch mit ansehen
werden; denn bald, sehr bald müssen Sie kommen, mein Bester. Vom Hause
ging es unter Schießen in die Kirche, die überall mit Maien voll gesteckt
war. Wir hatten artige Musik mit Blasinstrumenten, und der Pfarrer von
Bibra heilt eine Einzugsrede u.s.f. Ich würde Ihnen dergleichen
Kleinigkeiten gar nicht schreiben, wenn ich es nicht etwas interessant
fände, dass in dem barbarischen Bauerbach dergleichen geschehen ist.
Sonntags, mein Lieber, werden Sie
schwerlich Geschäfte haben. Entschließen Sie sich, hieher zu kommen und
einen vergnügten Tag auf dem Lande zu genießen. Sie werden mich zu Masfeld
treffen und dann mit mir hieher spazieren.
Ich sehen mich nach Ihnen, guter, lieber
Mann, und habe es nötig, neue Glut und neuen Genuss in Ihren Armen zu
sammeln. Meinen Fiesco habe ich neulich bei Ihnen liegen lassen. Haben Sie
die Güte und geben ihn der Überbringerin mit. Bald wird man Kritiken
darüber hören. Wir wollen doch suchen.
Jetzt leben Sie wohl, lieber Freund, und
machen Sie mir doch ja Hoffnung, Sie bald zu sehen. Sie wissen ja, dass
Sie im Buch meiner Glückseligkeit ein starkes Alphabet einnehmen.
Ewig Ihr Freund
S.
An Wilhelm von Wolzogen.
B., den 25. Mai 1783
Über den vielen Zerstreuungen, welche die
Ankunft Ihrer besten Mutter bei mir notwendig machte, konnte ich Ihren
Brief nicht früher beantworten. Ich kann es auch jetzt so vollkommen
nicht, als ich wünschte, und behalte mir vieles auf bessere Muse vor.
Sie haben recht, teurer W., dass Sie mich
um die Glückseligkeit, im Kreis Ihrer guten Mutter und Schwester leben zu
dürfen, wo Sie verloren; aber in kurzer Zeit werden auch Sie unsern
vergnügten Zirkel vermehren, und ich zähle darauf, dass wir Sie festhalten
werden. Hier zum ersten Mal habe ich es in seinem ganzen Umfange gefühlt,
wie gar wenig Zurüstung es fordert, ganz glücklich zu sein. Ein großes,
ein warmes Herz ist die ganze Anlage zur Seligkeit, und ein Freund ist
ihre Vollendung. Seien Sie zufrieden, mein Lieber, dass Sie beides haben!
Sonderbar finde ich die Wege des Himmels
auch hier. Acht Jahre mussten wir beieinander sein, uns gleichgültig sein.
Jetzt sind wir getrennt und werden uns wichtig. Wer von uns beiden hätte
auch nur von ferne die verborgenen Fäden geahndet, die uns einmal so fest
aneinander zwingen sollten und ewig. Aber vielleicht war dieses
beiderseitige Ausweichen das Werk einer weisern Vorsicht. Wir sollten uns
erst kennen, wenn wir beide verdienen gekannt zu sein. Beide noch
unvollkommen, hatten wir zu früh und zu viele Schwächen aneinander
beobachtet und wären nie füreinander erwärmt worden. Achtung nur ist der
Freundschaft unfehlbares Band, und diese mussten wir noch erst beide
erwerben. Durch zweierlei Wege sind wir nunmehr zu eben dem Ziel gelangt
und finden uns hier mit Entzücken. Sie, mein Bester, haben den ersten
Schritt getan, und ich erröte vor Ihnen. Immer verstand ich mich weniger
darauf, Freunde zu erwerben, als die erworbenen festzuhalten.
Sie haben mir Ihre Lotte anvertraut, die
ich ganz kenne. Ich danke Ihnen für diese große Probe Ihrer Liebe zu mir.
Ich sehe daraus, dass Sie groß von mir denken müssen, denn jeder andre als
ein edler empfindender Mann würde die schöne Seele Ihrer Schwester nicht
zu lieben verdienen. Glauben sie meiner Versicherung, bester Freund, ich
beneide Sie um diese leibenswürdige Schwester. Noch ganz wie aus den
Händen des Schöpfers, unschuldig, die schönste, weichste, empfindsamste
Seele, und noch kein Hauch des allgemeinen Verderbnisses am lauteren
Spiegel ihres Gemüts – so kenn’ ich Ihre Lotte, und wehe demjenigen, der
eine Wolke über diese schuldlose Seele zieht! – Rechnen Sie auf meine
Sorgfalt für ihre Bildung, die ich nur darum beinahe fürchte zu
unternehmen, weil der Schritt von Achtung und feurigem Anteil zu andern
Empfindungen so schnell getan ist.
Ihre Mutter hat mich zu einem Vertrauten in
einer Sache gemacht, die das ganze Schicksal Ihrer Lotte entscheidet. Sie
hat mir auch Ihre Denkungsart über diesen Punkt entdeckt. Einem so
zärtlichen Bruder kann es nicht gleichgültig sein, auch eines Freundes Rat
in einer so wichtigen Sache zu hören.
Ich kenne den H. von Wn9).
Einige Kleinigkeiten, die jetzt zu weitläufig und für Sie zu unwichtig
wären, haben uns untereinander missgestimmt; dennoch glauben Sie es meinem
aufrichtigen, unbestochenen Herzen, er ist Ihrer Schwester nicht unwert.
Ein sehr guter und edler Mensch, der zwar gewisse Schwachheiten an sich
hat, die ich ihm aber mehr zur Ehre als zur Schande rechnen möchte. Ich
schätze ihn wahrhaftig, ob ich schon zur Zeit kein Freund von ihm heißen
kann. Er leibt Ihre Lotte, und ich weiß, er leibt sie, wie ein edler Mann,
und Ihre Lotte liebt ihn, wie das Mädchen, das zum ersten Male liebt. Mehr
brauch ich Ihnen nicht zu sagen. Außerdem hat er andre Ressourcen, als
sein Portepee, und ich bürge dafür, dass er sein Glück in der Welt machen
kann. – Mehr davon, wenn ich Ihnen das nächste Mal schreibe. Indes glauben
sie Ihrem und Ihrer Lotte zärtlichsten Freund.
Sonst kann ich Ihnen von Ihrer besten
Mutter und Lotten die angenehmsten Nachrichten geben. Der Einzug derselben
in B. ward mit einigen Feierlichkeiten gehalten, die Ihnen die erstere
vielleicht schon geschrieben hat. Auf ihren Geburtstag wünschte ich selbst
etwas auszudenken; aber alles, wozu die Leute des Dorfes gebraucht werden
müssten, dürfte zu schwer und zu weitläufig sein. Überhaupt liebt Ihre
Mutter dergleichen laute Äußerungen der Freude und des Attachements
weniger, als den stillen einfachen Ausdruck, und ich lobe sie darum. Man
denkt sich dabei so gern gewisse Festivitäten, die Sie so gut kennen als
ich, und welche alle ihnen ähnliche für die Zukunft durch eine garstige
Assoziation angesteckt haben. Wollen Sie indes etwas, das meine Muse
ausführen kann? Mit Freuden steht Ihnen die Dame zu Diensten.
Nunmehr leben Sie wohl, und erlauben mir
zum Schlusse die Bitte, dass Herz Ihrer Lotte zu schonen und mit daran zu
arbeiten, dass ihre Geschichte – oder soll ich sagen Roman? – Sich
glücklich entwickle. Erlauben Sie mir auch, Sie, als Ihr wahrer und warmer
Freund, mit Ihrer eignen gegenwärtigen Lage auszusöhnen und Sie inständig
zu bitten, ruhig in die Zukunft zu sehen. Diesen Rat gibt Ihnen kalter,
pedantischer Moralist, der das verdammt, was er selbst nicht hat – ein
Jüngling spricht mit Ihnen – ein Jüngling, der ebenso oder noch ungestümer
glüht, wie Sie, der alle Fehler der übereilenden Hitze gemacht hat und
seinen starren Kopf oft genug zersplittert hat um einem Freunde die Lehre
zu geben, kaltes Blut erst zu fragen.
Ewig der Ihrige
F. Ritter.
An Frau von Wolzogen (in Meiningen).
B., früh morgens am 28. Mai
1783
Alle guten Geister heute über Sie.
Da sitz ich, reibe mir die Augen, will zu
Ihnen und besinne mich, dass ich den Kaffee allein trinken muss – aber
mein Herz ist zwischen Ihnen und unsrer Lotte und begleitet Sie bis ins
Zimmer der Herzogin.10)
Heute, Freundin, wünsche ich Ihnen die
Stimme eines Donners – die Festigkeit eines Felsen und die Verschlagenheit
der Schlange im Paradies.
Denken Sie daran, dass Sie nichts als
elende 100 Taler daran setzen, aber für sich und die Lotte und auch für
mich alles zu gewinnen haben. Sagen Sie die ganze Pension ab, so will ich
alle Jahr eine Tragödie mehr schreiben und auf den Titel setzen:
Trauerspiel für die Lotte. Im Ernst, liebe Freundin, sehen Sie zu, dass
Sie mit guter Art von der H. loskommen und die Lotte von der Amtmännin11)
erlösen.
Ich erwarte Sie also 7 Uhr zu Masfeld bei
der Pächterin; bis dahin lebe ich einen langen traurigen Tag. Das obere
Wohnzimmer wird heut und morgen gebrückt, der Schreiner sagt, dass er
unmöglich fertig werden könne. Außerdem fordert der Schneider drei Dutzend
kleinere beinerne Knöpfe zu der Weste und Hosen, welche Sie so gnädig sein
werden zu besorgen. Also um 7 Uhr präzise bei der Pächterin, und die
Neuigkeit mit Ihnen, dass Lotte von der Amtmännin wegkommt.
Bis dahin Ihr hoffnungsvoller
Freund
S.
Diese Blumen schicke ich der Lotte.
B., Freitag abends, den 30.
Mai.
Zwei Tage muss ich also noch durchwaten,
ehe ich Sie sehe? Das ist schrecklich! Kaum freu ich mich ein wenig, dass
der heutige sich beurlaubt, und nun stehen mir noch achtundvierzig Stunden
bevor. Wär’ es nicht Ihrer Lotte zum besten, und wüsste ich nicht, dass
Ihre Gegenwart diese ebenso glücklich macht, als mich – ebenso, sag’ ich,
nicht glücklicher – glauben Sie, ich würde melancholisch, oder ich
trotzte.
Ach, meine Beste, in einer gepressten Lage
haben Sie mich verlassen. Nie war ich Ihrer liebevollen Ermunterung so
bedürftig, als eben jetzt, und weit und breit ist niemand, der meiner
zerstörten und wilden Phantasie zu Hilfe käme. Was werd’ ich, was kann ich
zu meiner Zerstreuung tun? Ich weiß nichts, als Ihnen zu schreiben, aber
ich fürchte mich selber in meinen Briefen. Entweder red ich darin zu
wenig, oder mehr als Sie hören sollten und ich verantworten kann. Sehr
gern schrieb ich an Ihre Lotte, aber ich scheue das Schicksal meines
vorigen Briefes, und solche Briefe, als die Amtmännin lesen darf, muss
mich ein andrer schreiben lehren.
Gottlob, dass indessen die Herzogin von
Gotha so kurz mit Ihnen angebunden. Wären Sie doch recht sehr grob! Ich
wollte Gott danken für Ihre Lotte, denn auf diese Art würden Sie, meine
Freundin, ein übriges tun. Es bleibt dabei, ich schreibe eine Tragödie
mehr, sobald die Herzogin ihre Pension zurücknimmt, und Lotte soll die
Pränumeration davon haben.
Dass Ihnen das Hofleben ekelhaft vorkommt,
hör’ ich sehr gern; aber es ist darum noch kein Kompliment für mich, dass
Sie sich aus demselbigen weg und nach Bauerbach sehnen. Man dürfte mich
zwischen Spandau und einer Assemblee wählen lassen. Ich wüsste wohl, was
geschähe; doch das bedeutet nicht viel, was allenfalls in meinem Kopfe
geschähe.
Sie schreiben mir, ich sei erkannt, und
schreiben dies so gelassen. Lieber hätt’ ich ein Aug verloren, als dass
mich die Meininger kennen. Wüsste ich den, der mir diesen Dienst getan
hat, ich würd ihn hassen, und wäre er mein erster Freund. Helfen Sie mir
doch ihn zu ergründen. Der Umstand verändert meinen Plan um ein Großes.
Bin ich wirklich entdeckt, so kann ich nicht mehr inkognito bleiben, oder
ich mache mich lächerlich. Ich muss unter meinen Namen in Gesellschaften
gehen und den Dummköpfen, die so hoch aufgelauscht haben, Impertinenzen
sagen. Es liegt mir an dem Respekt, der meinem Namen gebührt, und diesen
muss ich notwendig behaupten.
Doch ich bin wohl ein Thor. Jetzt liegt mir
auch an diesem nichts mehr. Es war eine Zeit, wo mich die Hoffnung eines
unsterblichen Ruhms so gut, als eine Galanterie ein Frauenzimmer,
gekitzelt hat. Jetzt gilt mir alles gleich, und ich schenke Ihnen meinen
dichterischen Lorbeer in die nächste Boeuf à la mode und trete Ihnen meine
tragische Muse zu einer Stallmagd ab, wenn Sie sich Vieh halten. Wie klein
ist doch die höchste Größe eines Dichters gegen den Gedanken, glücklich zu
leben! Ich möchte mit meiner Leonore sprechen:
„Lass uns fliehen – lass in den Staub uns
werfen all diese prahlende Nichts. Lass in romantischen Fluren ganz der
Freundschaft uns leben. Unsre Seelen, klar wie über uns das heitere
Himmelblau, nehmen dann den schwarzen Hauch des Grams nicht mehr an. Unser
Leben rinnt dann melodisch, wie die flötende Quelle, zum Schöpfer.“12)
Mit meinen vormaligen Planen ist es aus,
beste Freundin, und wehe mir, wenn das auch von meinen jetzigen gelten
soll! Dass ich bei Ihnen bleibe und womöglich begraben werde, versteht
sich. Ich werde es auch wohl bleiben lassen, mich von Ihnen zu trennen, da
mir drei Tage schon unerträglich sind. Nur das ist die Frage, wie ich bei
Ihnen auf die Dauer meine Glückseligkeit gründen kann. Aber gründen will
ich sie, oder nicht leben, und jetzt vergleiche ich mein Herz und meine
Kraft mit der ungeheuersten Hindernis, und ich weiß es, ich überwinde sie.
Ich überlese, was ich geschrieben habe. Es
ist ein toller Brief. Aber Sie verzeihen mir ihn. Wenn ich mündlich ein
Narr bin, so werde ich schriftlich wohl nicht viel Weiseres sein.
Noch etwas. Ein Junge von hier wollte zu
Ihnen und Ihnen melden, dass ein Stuttgarter Herr in Meiningen angelangt
und sich nach Ihnen erkundigt habe. Er sei mit vier Pferden gekommen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es Pfaffenrath oder Winkelmann. Sollte
der letztere es sein, so schicken Sie mir ein Expressen. Ich gehe nach
Weimar.
Nunmehr leben Sie wohl. An Lotten tausend
Empfehlungen. Auch an Reinwald ein Kompliment. Den letztern bitten Sie,
Ihnen den Messias zu verschaffen und Ossian.
Morgen mehr. Ich bin unwandelbar Ihr Freund
bis in den Tod und womöglich noch weiter.
F. Schiller.
Die leidenschaftliche Stimmung dieser letzten Briefe
deutet auf eine Neigung für Charlotte von Wolzogen, welche Schillers Herz
erfüllte, und die Idee, sich mit ihr zu verbinden.
Der Heiratsplan mit Hrn. von Winkelmann, auf den ein
früherer Brief an Wilhelm von Wolzogen sich bezieht, hatte sich durch
äußere Umstände und, wie es scheint, einige unzarte Äußerungen aufgelöst,
wie folgende Stelle aus einem Brief an diesen in einer Nachschrift zu
einem Brief der Frau von Wolzogen zeigt:
"Wir haben Ihre liebe Schwester beinah
vierzehn Tag bei uns gehabt und mit dem größten Vergnügen beobachtet, dass
eine ansehnliche Provinz ihres Herzens dem bewussten Götzen noch nicht
erb- und eigentümlich gehört. Im Ernst, liebster Freud, Ihre gute Lotte
ist so melancholisch nicht, als die Eigenliebe gewisse Personen zu bereden
scheint. Dieses schreibe ich Ihnen, damit es Ihre eignen Besorgnisse, die
ich nicht anders als billigen kann, zerstreue, und damit es Sie zugleich
in den Stand setze, dem gewissenhaften Winkelmann, der Ihre Schwester
nicht verlassen mag, eine beruhigende, tüchtige Antwort zu geben. Sie
werden wohl wissen, worauf ich ziele, und werden mir auch den Grad des
Unwillens nicht verdenken, den mir die Impertinenz jenes Herrn (der das
Herz Ihrer Schwester noch erst verdienen lernen müsste) eingeflößt hat.
Mehreres hat Ihnen vermutlich die Mama geschrieben; denn ich schließe aus
ihrer Aufwallung über Ihren letzten Brief, dass sie Ihnen ihr Herz ganz
mag ausgeschüttet haben. Ich erwarte mit Ungeduld eine Antwort von Ihnen
und wünsche aus Gründen, die ich Ihnen ein andermal schreiben will, dass
ich Ihren nächsten Brief an mich die Lotte schon sehen lassen dürfte. Nun
sind Sie (und vielleicht auch ich) der Parteilichkeit gegen W. verdächtig,
welcher Vorwurf uns um so schmerzlicher fallen muss, je unwürdiger die
Person ist, die uns denselben zugezogen hat. –"
Schiller war zu redlich und zartfühlend, um in
seiner ungewissen Lage Wünsche auszusprechen, die das Glück des
liebenswürdigen Mädchens nicht gründen konnten und denen ihre Familie
entgegen sein musste. So blieb das Verhältnis in Schweigen verhüllt. Nur
halb im Scherz spricht er in einem folgenden Brief an die Mutter diese
Idee aus. Lotte selbst scheint seine Neigung nicht bemerkt noch mit
anderem als freundschaftlichen Gefühl erwidert zu haben. Sie war von
ruhigem Charakter, in dem Besonnenheit und Empfindung im Gleichgewicht
lagen. Nach einigen Jahren gab sie ihre Hand einem andern Manne und wurde
nach ihrer ersten Niederkunft den Ihrigen durch den Tod entrissen.
Am Schluss der Schilderung des Aufenthalts in
Bauerbach stehe hier ein Gedicht, das an ein Mädchen, welches im Hause der
Frau von Wolzogen erzogen wurde, gerichtet ist. Dass Schiller selbst
diesem durch Innigkeit und Wahrheit der Empfindung rührenden Gedichte
keinen poetischen Wert zuschrieb, geht daraus hervor, dass er es nicht in
die Sammlung seiner Gedichte aufgenommen.
Hochzeitgedicht
auf die Verbindung
Henriettens N. mit N. N.
Von einem Freunde der Braut.
1783
Zum ersten Mal - nach langer Muße -
Dir, gutes Kind, zum Hochzeitgruße,
Ergreif' ich meinen Dichterkiel.
Die Schäferstunde schlägt mir wieder -
Von Herzen strömen warme Lieder
Ins brachgelegne Saitenspiel.
Darf sich in deinen Jubeltagen
Auch ernste Weisheit zu dir wagen? -
Sie kommt aus deines Freundes Brust.
Die Weisheit ist der Freude Schwester;
Sie trennt sie nicht - sie knüpft sie fester
Und lächelt zu erlaubter Lust.
Wenn Tugenden den Kranz gewinnen,
Da will die Freudenträne rinnen,
Da denk' ich an die schönre Welt -
So selten lohnt das Glück dem Besten! -
Oft weint die Tugend an den Festen,
Die das gekrönte Laster hält.
Du, Mädchen, mit dem besten Herzen,
Du hast Gefühl für fremde Schmerzen,
Für fremde Wonne Sympathie -
Erröte nicht! - Ich sahe Proben -
Und meine Leier - frag dort oben! -
Die stolze Leier schmeichelt nie.
Wie mühsam sucht durch Rang und Ahnen
Die leidende Natur sich Bahnen!
Gefühl erstickt in Ziererei.
Oft drücken ja, gleich Felsenbürden,
Mit Seelenruh bezahlte Würden
Der Großen kleines Herz entzwei!!! -
Dein Herz, das noch kein Neid getadelt,
Dein reines Herz hat dich geadelt,
Und Ehrfurcht zwingt die Tugend ab -
Ich fliege Pracht und Hof vorüber;
Bei einer Seele steh ich lieber,
Der die Empfindung - Ahnen gab.
Wer war der Engel deiner Jugend?
Wer rettete die junge Tugend? -
Hast du auch schon an sie gedacht?
Die Freundin, die dir Gott gegeben?
Ihr Adelbrief - ein schönes Leben!
(Den hass' ich, den sie mitgebracht).
Sie riss dich weg von Pöbelseelen -
Dein Brautgebet wird's Gott erzählen! -
Du gingst ihr nach und wurdest gut.
Sie schuf dich zu des Gatten Wonne,
Erwärmte, gleich der Frühlingssonne,
Zur Tugend deinen jungen Mut.
Wie eilte sie mit Muttergüte
Zu Hilfe jeder jungen Blüte,
Bis Leben in die Wurzel floss!
Wie pflegte sie mit Flammeneifer
Des zarten Sprösslings, bis er reifer,
Ein stolzer Wuchs, zum Himmel schoss.
So eile denn zum Brautaltare!
Die Liebe zeigt dir goldne Jahre -
Mein warmer Segen eilt voran.
Du kennst der Gattin Schuldigkeiten!
Du hast ein Herz für ihre Freuden,
Und glücklich preis' ich deinen Mann.
Wie schön ist doch das Band der Liebe!
Sie knüpft uns, wie das Weltgetriebe,
Auf ewig an den Schöpfer an.
Wenn Augen sich in Augen stehlen,
Mit Tränen Tränen sich vermählen,
Ist schon der süße Bund getan.
Wie göttlich süß ist das Vergnügen,
Ans Herz des Gatten sich zu schmiegen,
Wie süß, sich seines Glücks zu freun
Wie süßer - sich für ihn zu quälen!
Auch Wehmut kettet schöne Seelen,
Und wollustvoll ist diese Pein!
Du wirst mit liebevollem Eilen
Das Schicksal deines Mannes teilen,
Und schnell in seine Seele sehn.
Wie zärtlich wirst du jeden Träumen,
Die kaum in seinem Busen keimen,
Wie zärtlich rasch entgegen gehn?
Wenn unter drückenden Gewichten
Des Kummers und der Bürgerpflichten
Der müde Gatte niederfiel,
Wirst du mit einem holden Lächeln
Erfrischung ihm entgegen fächeln, -
Und spielend trägt er sie zum Ziel.
Wenn Schmerz in seinem Busen wütet
Und über ihm die Schwermut brütet,
In seinem Herzen Stürme wehn,
Wirst du mit heiterem Gesichte
Erquickend, gleich dem Sonnenlichte,
Durch seines Grames Nebel sehn.
Wenn selbst der Wonne süße Bürde
Dem Einsamen zu lästig würde
(Auch Lust gesellt sich Helfer bei),
Wirst du die schönste Hälfte tragen,
Und erst dein Auge wird ihm sagen,
Wie groß des Glückes Fülle sei.
Ja, - darf ich über Jahre fliehen,
Den Schleier von der Zukunft ziehen? -
Ein neues Glück erwartet dein!!
Das größte, so der Mensch empfindet,
Das nur im Himmel Muster findet -:
Die Mutter eines Kindes zu sein!!! -
Die Mutter eines Kinds zu werden! -
Was droben süß ist und auf Erden,
Das Wonnewort schließt alles ein.
Das kleine Wesen - welch Vergnügen! -
Im mütterlichen Schoß zu wiegen!
Was kann im Himmel schöner sein?
Die Seligkeit - du wirst sie kennen,
Wenn stammelnd dich die Kinder nennen
Und herzlich dir entgegen fliehn -
Die bange Lust - - die süßen Qualen - -
Umsonst! Kein Jüngling kann sie malen -
Hier werf' ich meinen Pinsel hin.
Was Lieder nicht zu singen wagen,
Lass dir der Mütter beste sagen,
"Was einer Mutterfreude glich?"
Du hörtest ihre Seufzer hallen,
Du sahest ihre Tränen fallen.
Du liebst sie, darum lieb' ich dich.
Lass dir der Mütter beste sagen,
Wie himmlisch alle Pulse schlagen,
Wenn nur des Kindes Name klingt?
Wie selbst das Land sich schöner malet,
Wie heller selbst der Himmel strahlet,
Der über ihren Kindern hangt?
Wie süß der Gram um Kleinigkeiten? -
Wie süß die Angst: Es möchte leiden?
Die Träne, die sie still vergießt?
Di Ungeduld, ihm zuzufliegen?
Wie unerträglich das Vergnügen,
Das nicht das Kind auch mit genießt?
Die Herrscherin der Welt zu scheinen?
Die Wolllust, um ihr Kind zu weinen? -
Lass ihr die Wahl - was wird sie tun?
Die Krone wirft sie auf die Erde -
Und fliegt mit jauchzender Gebärde,
Und fliegt dem lieben Kinde zu.
Nun freu dich denn! - Du wirst's genießen,
Das stille Glück, das viele missen, -
Was wünsch' ich dir? - Entweih es nie!
Die Freundin, die dein Herz gemildet,
Zur guten Mutter dich gebildet, -
Was wünsch ich dir? - Vergiss sie nie!
Vergiss sie nie - wenn deine Lieben
Im Kinderspiel sich um dich üben,
So führe sie der Besten zu.
Ihr sollen sie zu Füßen fallen,
Unschuldig ihr entgegenlallen:
"Die gute Mutter gabest du!"
Anregungen seiner Mannheimer Freunde riefen Schiller
wieder dorthin. Der Herzog von Württemberg betrug sich fortwährend
großsinnig, kränkte die Schiller’sche Familie auf keine Weise, und es
schien entschieden, dass er die Entfernung seines Zöglings und Dieners
nicht ahnden würde; ja, es war, als wollte er sie ganz ignorieren.
Wie viel auch die freundliche Einwirkung der Gräfin
von Hohenheim zur Besänftigung des Herzogs beigetragen haben mochte, so
hatte doch sicher sein Verstand und sein heller Blick in die Stimmung der
Zeit keinen geringeren Anteil an diesem milden Verfahren. Das Gewicht der
öffentlichen Meinung fing an, auf die Gemüter der Fürsten einzuwirken. Der
große Friedrich, der seine Macht fest in der Ehrfurcht seines Volkes
gewurzelt fühle, vergönnte Freiheit der Rede und Schrift. Joseph der
Zweite wollte dies schöne Beispiel nachahmen. Mehrere edle Fürsten
Deutschlands beschützten aus Neigung und Einsicht die Freimütigkeit ihrer
Gelehrten. Freisinnigkeit zu dulden, wurde ein Ehrenpunkt bei ihnen. Man
schämte sich der Eingriffe despotischer Willkür in das Leben des Geistes.
Die Zerstücklung in kleine Staaten, deren jeder in seiner innern
Verfassung für sich bestand, öffnete dem Verfolgten eine Zuflucht in einem
einsichtsvolleren Nachbarstatt, wenn er das Unglück hatte, einem
anzugehören, wo noch dumpfe Finsternis herrschte und Furcht der
Regierenden dieselbe zu erhalten bemüht war.
Die günstige Aussicht, seinen Fiesco auf die Bühne
zu bringen, die sich Schiller durch Herrn von Dalbergs Mitteilung
eröffnete, die Notwendigkeit, seiner äußern Existenz eine sichere Basis
unterzulegen, bewog ihn, den ihm so leib gewordenen einsamen Aufenthalt zu
verlassen. Er sah diese Entfernung anfangs nur als eine Reise an, und Frau
von Wolzogen, vielleicht in der Hoffnung, Schillers Verhältnisse in
Württemberg wieder herzustellen, begünstigte diese Ansicht.
Der fortgesetzte Briefwechsel mit seiner
mütterlichen Freundin gibt uns das treueste Bild von dieser Epoche seines
Lebens.
Ü
Þ
1)
Herzogin Maria Charlotte von Gotha.
2) Das Spottgedicht,
welches Schiller nach Angabe des Herzogs Georg von Meiningen über die
militärischen Anstalten des Koburger Hofs zur Besitzergreifung
Meiningens auf die Nachricht von einer Erkrankung dieses Herzogs
verfasste. Es hat den Titel: „Wunderseltsame Historia des berühmten
Feldzugs, als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda
unternehmen wollte, aber unverrichteter Dinge wieder einstellen musste.
Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von
Simeon Krebsauge, Bakkalaur.“ Es erschien, von Reinwald mehrfach
abgeändert, in den Meiningischen wöchentlichen Nachrichten vom 1.
Hornung 1783, vgl. Schiller, Hist.-krit. Ausg. 10, 169 ff.
3) Herzog.
4) Schiller hatte
während seines Bauerbacher Aufenthalts den Namen „Ritter“ angenommen.
5) Schiller hatte
unter dem 14. Januar an Streicher nach Mannheim geschrieben, er sei im
Begriff, von Bauerbach wegzugehen; auch hatte er in diesem Brief sich
ungehalten über Frau von Wolzogen ausgesprochen. Beides nur, um den
Freund, durch dessen Briefe an Schiller leicht des letzteren
Aufenthaltsort verraten werden konnte, irrezuführen und seiner
Wohltäterin, die vom Herzog Karl von Württemberg abhängig war, keine
Verlegenheit zu bereiten.
6) Die gehoffte, aber
nicht eingetretene Erlösung aus der Akademie.
7) Franz Karl Philipp
von Winkelmann, damaliger Offizier der Nobelgarde und Hofjunker des
Herzogs von Württemberg.
8) Eine im Jahre 1781
gegründete Aktiengesellschaft in Dessau: „Verlagskasse für Gelehrte und
Künstler“, hatte den Zweck, den unvermögenden Schriftstellern die
Herstellung, den Vertrieb und die Berechnung ihrer Werke zu übernehmen,
so dass ihnen der Gesamterlös nach Abzug einer geringen Provision
zufließen sollte. Das Unternehmen scheiterte im Jahr 1788, wobei nicht
wenige Schriftsteller in Schaden gerieten.
9) Winkelmann
10) Die 1827 in Genua
verstorbene Herzogin Maria Charlotte von Gotha ließ Lotte von Wolzogen
wegen verschiedener Dienste, die ihr der Vater geleistet, in einer
Pension erziehen, wo es ihr missfiel.
11) Bei der Frau
eines Amtmanns, d.h. eines landesherrlichen oder Patriomonialverwalters,
in der Nachbarschaft lernte Lotte die Wirtschaft.
12) Schiller, Fiesco,
Bd. II, S. 226
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