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Schiller, Friedrich
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Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Vierter Abschnitt Leipzig. Dresden. Weimar.
Schillers Brief an seine mütterliche Freundin vom
26. Mai bis 15. Juni ist durch die drei neuen Bekanntschaften, die er
andeutet, von Bedeutung für Schillers Leben. Neue freundschaftliche
Verbindungen gaben seinem Lebensgange eine andere Richtung; denn dieser
ward meist von seinem Herzen bestimmt, dessen Stimme vor allen andern bei
jeder Veränderung in seinen Planen für das Leben gehört ward. Mit
befreundeten Menschen musste er sich umgeben fühlen, wenn er wahrhaft
leben sollte.
Den Gang seiner Geistesarbeiten bezeichnet Körner:
Es war in Schillers Charakter, bei jedem Eintritte
in neue Verhältnisse sich sogleich mit Planen einer viel umfassenden
Wirksamkeit zu beschäftigen. Mit welchem Ernste er die dramatische Kunst
betrieb, ergibt sich aus seiner Vorrede zur ersten Ausgabe der Räuber, aus
dem Aufsatze über das gegenwärtige deutsche Theater in dem
Württembergischen Repertorium, und aus einer im ersten Hefte der Thalia
eingerückten Vorlesung über die Frage: Was kann eine gute stehende
Schaubühnen wirken? In Mannheim hoffte er viel für das höhere Interesse
der Kunst. Er war Mitglied der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft
geworden, sah sich von Männern umgeben, von denen er eine kräftige
Mitwirkung erwartete, und entwarf einen Plan, dem Theater in Mannheim
durch eine dramaturgische Gesellschaft eine größere Vollkommenheit zu
geben. Dieser Gedanke kam nicht zur Ausführung; aber Schiller versuchte
wenigstens allein für diesen Zweck etwas zu leisten und bestimmte dazu
einen Teil der periodischen Schrift, die er im Jahre 1784 unter dem Titel:
Rheinische Thalia unternahm. In der Ankündigung dieser Zeitschrift wirft
er sich mit jugendlichem Vertrauen dem Publikum in die Arme. Seine Worte
sind folgende:
„Alle meine Verbindungen sind nunmehr
aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverän,
mein Vertrauter. Ihm allein gehöre ich jetzt an. Vor diesem und keinem
andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur fürcht’ ich und verehr’
ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andere Fessel
zu tragen, als den Ausspruch der Welt – an keinen andern Thron mehr zu
appellieren, als an die menschliche Seele. – Den Schriftsteller überhüpfe
die Nachwelt, der nicht mehr war als seine Werke – und gern gestehe ich,
dass bei Herausgabe dieser Thalia meine vorzügliche Absicht war, zwischen
dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu knüpfen.“
Zu den dramatischen Stoffen, mit denen sich Schiller
während seines Aufenthalts in Franken und Mannheim abwechselnd
beschäftigte, gehörte die Geschichte Konradins von Schwaben und ein
zweiter Teil der Räuber, der eine Auflösung der Dissonanzen dieses
Trauerspiels enthalten sollte. Auch entstand damals bei ihm die Idee:
Shakespeares Macbeth und Timon für die deutsche Bühne zu bearbeiten. Aber
Don Karlos war es endlich, wofür er sich bestimmte, und einige Szenen
davon erschienen im ersten Hefte der Thalia.
Die, wahrscheinlich von Herrn von Dalberg
veranlasste Vorlesung dieser Szenen des Karlos am Darmstädter Hofe, an dem
der Herzog von Weimar eben gegenwärtig war, führten Schiller zuerst in die
Sphäre der höhern und feinern Gesellschaft ein. Diese Dichtung, welche den
ewigen Widerstreit des innern Lebens mit dem Zwange politischer und
konventioneller Verhältnisse darstellt, wurde besonders günstig in der
Hofwelt aufgenommen. Manches Fürstenherz, dessen wärmste Gefühle der Welt
geopfert waren, fand seine eigene geheime Geschichte darin enthalten und
seine stillen Empfindungen in den Worten des Dichters ausgesprochen. Wahr
und zart hatte der Genius diese Bilder einer ihm fremden Welt in ihm
hervorgerufen. Politische Verhältnisse konnte eine philosophische Ansicht
der Geschichte auffassen, das glühende Kolorit der Liebe von dem eigenen
Herzen den Geschöpfen der Phantasie angehaucht werden; aber die Haltung,
den zarten Umriss in der leidenschaftlichen Bewegung und dem Betragen
dieser dramatischen Gestalten winkte die Muse zu; und des Dichters leiser
Takt folgte ihrem Winke.
An die liebenswürdige damalige Frau Landgräfin von
Darmstadt und den aufmunternden Anteil, den sie bei dieser Vorlesung
gezeigt, erinnerte sich Schiller immer mit Vergnügen. Des Herzogs von
Weimar Güte, die ihm den Ratstitel verlieh, gestaltete seine Zukunft; und
der Beifall eines Fürsten, der, wie Körner mit Wahrheit sagt, „an das
Vortreffliche gewöhnt war,“ musste Schillern höchst erfreulich sein.
Dieses neue Verhältnis gab ihm auch eine sicherere Stellung gegen
Württemberg.
Die Bekanntschaft mit Frau von Kalb, deren der
vorletzte von den oben mitgeteilten Briefen erwähnt, wurde bei dem
längeren Aufenthalt derselben in Mannheim zur Freundschaft. Sie war die
erste geistvolle und vielseitig ausgebildete Frau, mit der er in näherem
Verhältnisse stand, und er äußerte gegen uns, dass ihr Umgang während der
Ausarbeitung des Don Karlos sehr belebend auf ihn gewirkt, ja dass sie zu
einigen Zügen im Charakter der Königin Elisabeth die Veranlassung gegeben
habe. Ihr Geist hatte früh eine ernste Richtung genommen. Bei höherer
Stellung und Ansicht des Lebens waren ihr die Formen der Weltverhältnisse
eigen; auch wirkte sie günstig auf Schillers Haltung im geselligen Leben.
Sein Genius fand bei ihr die Freiheit und Wärme des Begegnens in Gefühl
und Ideen, deren er bedurfte, und die zarte Schonung der Freundschaft in
leidenschaftlichen Stimmungen. Durchs ganze Leben nahm er den innigsten
Anteil an ihrem Schicksal.
In einem der obigen Briefe gedenkt Schiller des
Vergnügens, welches er im Umgang der Tochter seines Freundes, des
Buchhändlers Schwan, fand. Die Anziehungskraft, die das liebenswürdige
geistvolle Mädchen auf ihn ausgeübt, scheint von dauernder Art gewesen zu
sein. Im neunzehnten Jahre besorgte sie das Hauswesen ihres Vaters, der
eben seine Gattin verloren, als Schiller nach Mannheim kam. Margarete
Schwan war nach der Schilderung einer verständigen, dem Hause vertrauten
Person ein sehr schönes Mädchen, mit großen ausdrucksvollen Augen und von
sehr lebhaftem Geiste, welcher sei mehr zur Welt, Literatur und Kunst, als
zur stillen Häuslichkeit hinzog. Im gastfreien Hause des Vaters, welches
ein Vereinigungspunkt für Gelehrte und schöne Geister war, gewann sie
schon in früher Jugend eine ausgezeichnete Bildung, lernte aber auch die
Kunst, diese Vorzüge geltend zu machen. Schiller, im Familienzirkel
aufgenommen, schien auf sie Eindruck zu machen, ob er gleich ernst und
zurückhaltend in seinem Betragen war. Er las ihr die Szenen aus seinen
Stücken vor, wie er sie eben vollendet hatte, und rezitierte ihr Verse mit
besonderem Ausdruck. Der Vater war bei diesen Unterhaltungen immer
gegenwärtig, und eine geraume Zeit blieb bei Schiller das Verhältnis ein
bloß freundschaftliches; erst im Herbst und Winter 1784 und 1785 schien
das Herz sich einzumischen, und beide junge Leute mochten sich mit dem
Gedanken an eine Verbindung für das Leben tragen. Bei der Abreise nach
Leipzig, im März 1785, schrieb dieser dem Vater und bat ihn um die Hand
seiner Tochter. Herr Schwan, ohne Margareten mit diesem Antrage bekannt zu
machen, gab eine abschlägige Antwort und gründete diese auf das mildernde
Motiv, dass seine Tochter, bei der Eigentümlichkeit ihres Charakters, zu
Schillers Gattin nicht passe. Margaretens Richtung im folgenden Leben soll
bewiesen haben, dass Herr schwan richtig gesehen und auch hierin als
Freund gegen Schiller gehandelt habe. Dieser brach nun natürlich die
schriftliche Unterhaltung mit der Tochter ab, wodurch das gute Mädchen,
die die Ursache des Schweigens nicht kannte, sehr betrübt ward. Sie soll
gegen Freunde ihren Schmerz frei geäußert haben. So löste sich dieses
Verhältnis, ohne alle Schuld von Schillers Seite, auf. Eine
freundschaftliche Verbindung bestand fort, und Margarete nährte vielleicht
noch stille Hoffnungen, besonders als sie im nächsten Jahre mit ihrem
Vater nach Leipzig reisen durfte, wo Vater und Tochter bei Schiller die
freundlichste Aufnahme fanden. Als dieser, verheiratet, nach Schwaben
reiste, besuchte Margarete ihn und seine Gattin, wenn ich nicht irre, in
Heidelberg. Letztere fand sie sehr liebenswürdig und erzählte mir, sie
sei, wie Schiller selbst, bei dem Wiedersehen sehr bewegt gewesen.
Margarete verheiratete sich und starb im sechsunddreißigsten Jahre an den
Folgen einer Niederkunft.
Wie alle edleren männlichen Naturen, behielt
Schiller immer ein liebevolles Andenken an die Frauen, die ihm zärtliche
Gefühle eingeflößt. Diese Erinnerungen bewegten ihn jederzeit, und er
sprach selten davon. Immer war ihm die Liebe etwas Ernstes – eine Gottheit
– der Jüngling, der mit Psyche sich vermählt, nicht der leichtsinnig
flatternde Knabe.
Verdrießlichkeiten mit einigen Mitgliedern des
Schauspielerpersonals, Missmut darüber, dass er seine höhern Ansichten von
der Bühne nicht geltend machen konnte, wie aus den Erinnerungen an jene
Zeit, die er uns mitteilte, und aus seinen Briefen an Herrn von Dalberg
hervorgeht, bewogen ihn, Mannheim zu verlassen. Die Ausarbeitung des Don
Karlos und die Rheinische Thalia, die ihn ausschließlich beschäftigten,
banden ihn an keinen bestimmten Aufenthalt.
Körner und Huber, zwei junge Gelehrte in Leipzig,
waren die Freunde, die Schillers Genius in der Sendung begrüßten, deren
sein letzter Brief erwähnt und die von ihm mit so warmer Empfindung
aufgenommen wurde; Minna Stock, Körners Braut, und ihre Schwester Dora
hatten die freundlichen Gaben gearbeitet. Tröstend und schön ist’s zu
fühlen, wie ein günstiges Geschick aus kleinen Anlässen Verbindungen
erzeugt, die auf das ganze Leben einen wohltätigen Einfluss üben. Der
Einfall einer glücklichen Stunde, den vier gute Menschen ausführten, gab
Schiller das, was er vor allem bedurfte, einen Freund, der seinen Geist
aufzufassen vermochte und mit seinem Herzen zu empfinden wusste. Die
Freundschaft mit Körner, die der Gemüter vereinenden Liebe zum Idealen
entblühte, wurde zum segensvollen dauernden Bande für das wirkliche Leben.
Tugenden und Vorzüge des Geistes, Ruhe und Heiterkeit, die dem Grunde
eines reinen Gemüts entquollen, immer rege Empfänglichkeit für die
Mitteilungen des Genius, ein natürliches Gefühl für das Schöne und wahre
und ein sicheres Urteil, aus dem Schatze der mannigfaltigsten Ausbildung
geschöpft, fesselten Schiller an diesen trefflichen Freund, und immer
wachsende Begeisterung für alles Große und Schöne und treues Froschen nach
Wahrheit gaben dem Bunde Bestand bis zur Trennung durch den Tod.
Körner lebte in der schönen Frühlingszeit
glücklicher Liebe, als er sich Schiller näherte. Einer ansehnlichen
Familie in Leipzig entsprossen, von allen Vorteilen einer
wissenschaftlichen und liberalen Erziehung begünstigt, lebte er einzig den
Wissenschaften, bevor er in den sächsischen Staatsdienst trat und als
Appellationsrat nach Dresden versetzt wurde. Seine Minna, schön,
geistreich und liebenswürdig, im engen Familienkreis von einer trefflichen
Mutter mit einer ihr ähnlichen Schwester erzogen, hatte sich alle
gesellschaftlichen Talente erworben, die das Leben schmücken. Der Vater,
ein braver Künstler, lehrte die Töchter richtig zeichnen; Musik, im
väterlichen Hause fleißig geübt und durch Körners Talent fürs Klavier und
seine schöne Bassstimme belebt, gab die anmutigste Unterhaltung, sowie das
Lesen der besten Dichter und Schriftsteller den Geist bereicherte.
Huber, der sich durch Schriften späterhin in der
gelehrten Welt vorteilhaft bekannt gemacht hat, war durch Geist und
Neigung diesem Zirkle eng verbunden, und es erhielt sich zwischen ihm und
Schiller stets ein freundschaftliches Verhältnis.
Mit Körner hatte sich von Mannheim aus ein
Briefwechsel angeknüpft. Das Verlangen nach persönlicher Bekanntschaft
wuchs, und im April 1785 folgte Schiller der Einladung, sich in Leipzig
diesem glücklichen Kreise anzuschließen. Auch seine Freundin, Frau von
Kalb, riefen Familienverhältnisse nach Sachsen. Diese neuen, sowie seine
früheren Verbindungen ließen ihn eine Heimat des Herzens in diesem Lande
hoffen; und da der Herzog von Weimar ihn durch den verliehenen Titel
anerkannt und geehrt, schloss sich die Aussicht auf eine künftige
bürgerliche Existenz dieser Hoffnung an.
Das Anschauen einer fremden bewegten Welt und jene
Verbindungen, die ihn die Freunde vertrauter Freundschaft genießen ließen,
wirkten wohltätig auf Schillers Gemütsstimmung in Leipzig. Jünger, der zu
früh verstorbene Schauspieldichter, durch den er auch mit einigen Gliedern
der Leipziger Bühne, vorzüglich mit Sekonda und seiner Frau, bekannt
wurde; Göschen, ein gebildeter Buchhändler, und der schon erwähnte Huber
schlossen um Körner inen geistreichen geselligen Kreis. Schiller verlebte
einige angenehme Sommermonate in Gohlis, einem nah gelegenen Dorfe, das
durch das anmutige Wäldchen, das Rosenthal genannt, mit der Stadt
verbunden ist. Dort dichtete er das Lied an die Freude. Gern gedachten
alle diese Freunde der fröhlich verlebten Tage, in die auch Körners
glückliche Verbindung fiel. Dieser musste seine Stelle in Dresden
antreten; auch Huber zogen Dienstverhältnisse und Neigung dorthin, und
Schiller folgte diesen ihm so lieb, so unentbehrlich gewordenen Freunden.
Die reizende Lage an dem großen Strome, die
mannigfaltig anmutige Umgebung, die Kunstsammlungen, die
wissenschaftlichen Anstalten machten Dresden zu einem wünschenswerten
Aufenthalt. Fremde aus allen Weltgegenden versammeln sich hier und geben
der Gesellschaft Bewegung und Leben. An den Ufern der Elbe liegt in einem
vom Weinbergen umschlossenen Tale das kleine Dorf Loschwitz. Dort besaß
Körner einen Weinberg mit einem angenehmen Wohnhaus, in welchem Schiller
mit der Familie seines Freundes die schönsten Tage verlebte. Ein
Gartensaal auf der Anhöhe, wo sich der Weinberg an ein Fichtenwäldchen
anschließt, war Schiller eingeräumt; dort arbeitete er an seinem Don
Karlos. Immer gedachte er der ersten Zeit seines Dresdener Lebens mit
Vergnügen. Die tägliche Unterhaltung mit seinem Freunde, in der er sich
über seine liebsten Gedanken aussprechen konnte, beruhigte und erheiterte
ihn. Körners klarer Geist gab ihm seine Ideen gestalteter und in
fruchtbarerem Zusammenhange zurück; seine Lebensansicht wurde
entschiedener, und die Geschichte ergriff er wahrscheinlich in dieser
Epoche als Zweck seiner geistigen Tätigkeit, der sich eine äußere Existenz
anschließen sollte. Wie auf einer fruchtbaren, freundlichen Insel dachte
er hier zu ruhen und die Erscheinungen der vorüber gleitenden Muse zu
erwarten.
Die talentvollen und liebenswürdigen Frauen wussten
dem Leben immer eine erfreuliche Abwechselung und einen eignen Zauber zu
geben. Die geistvollen Kopien in Pastell vieler der vorzüglichsten Bilder
aus der Dresdener Galeri machten später Dora Stock rühmlich in der
Kunstwelt bekannt. Was sich durch Geist und Kunst auszeichnete, erschien
in diesem Kreise. Auch gab die äußere große Welt, der Körner als
Staatsdiener nicht ganz entfliehen konnte, wiewohl damals noch in manchen
lästigen Formen befangen, Schiller manche neue Ansicht. Unter dem
gerechten und weisen Regenten lebte jeder sicher. Von Despotenlaunen, die
die Existenz bedrohten, wie sie Schiller früher erfahren, war nichts zu
befürchten. Alles ging im gewohnten Gleise. Aber die alten Fromen, das
eiserne Herkömmliche, das alles bindend und hemmend umgab, erschien
strebenden Geistern auch als Tyrannei. Durch alle Grade hindurch hielt
Regel und Gewohnheit jeden gefesselt, und Tadel und Missdeutung drohte
jedem von der gezogenen Linie abweichenden Schritt. So hielten
Abgemessenheit und Steifheit auch das Gespräch und die Äußerungen des
Geistes in unerfreulichen Schranken. Im engeren Freundeszirkel hielt man
sich für diesen äußern Zwang schadlos.
Über Schillers geistige Tätigkeit und die
Erzeugnisse derselben während des Lebens in Dresden hören wir Körner:
„Don Karlos wurde hier nicht bloß geendigt,
sondern erhielt auch eine ganz neue Gestalt. Schiller bereute oft,
einzelne Szenen in der Thalia bekannt gemacht zu haben, ehe das Ganze
vollendet war. Er selbst hatte während dieser Arbeit beträchtliche
Fortschritte gemacht, seine Forderungen waren strenger geworden, und der
anfängliche Plan befriedigte ihn ebenso wenig, als die Manier der
Ausführung in den ersten gedruckten Szenen.
Der Entwurf zu einem Schauspiel: Der
Menschenfeind, und einige davon vorhandene Szenen gehören auch in diese
Periode. Von kleinern Gedichten erschienen damals nur wenige. Schiller war
teils zu sehr mit der Fortsetzung seiner Zeitschrift beschäftigt, teils
war in ihm der Wunsch rege geworden, durch irgend eine Tätigkeit außerhalb
des Gebietes der Dichtkunst sich eine unabhängige Existenz zu gründen. Er
schwankte einige Zeit zwischen Medizin und Geschichte und wählte endlich
die letzte. Die historischen Vorarbeiten zum Don Karlos hatten ihn auf
einen reichhaltigen Stoff aufmerksam gemacht, den Abfall der Niederlange
unter Philipp dem Zweiten. Zur Behandlung dieses Stoffs fing er daher an
Materialien zu sammeln. Auch beschloss er damals, Geschichten der
merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen herauszugeben, wovon aber
nur ein Teil erschien, der von Schillern selbst etwas enthält.
Cagliostro spielte damals eine Rolle in
Frankreich, die viel Aufsehen erregte; unter dem, was von diesem
sonderbaren Manne erzählt wurde, fand Schiller manches brauchbar für einen
Roman, und es entstand die Idee zum Geisterseher. Es lag durchaus keine
wahre Geschichte dabei zum Grunde; sondern Schiller, der nie einer
geheimen Gesellschaft angehörte, wollte bloß in dieser Gattung seine
Kräfte versuchen. Das Werk wurde ihm verleidet und blieb unbeendigt, als
aus den Anfragen, die er von mehreren Seiten erhielt, hervorzugehen
schien, dass er bloß die Neugierde des Publikums auf die Begebenheit
gereizt hätte. Sein Zweck war eine höhere Wirkung gewesen.“
Außer dem engen und so reichen Freundeskreise zogen
Schiller noch mancherlei andere Verbindungen an. Der Theaterwelt konnte er
sich nicht entfremden; zu sehr schloss sie sich an seine Dichtungssphäre.
Einer der damaligen vorzüglichen Schauspielerinnen, Sophie Albrecht,
gedachte er immer als einer geistreichen und liebenswürdigen
Gesellschafterin. Er besuchte sie häufiger, da sie auch die Vertraute
einer Leidenschaft war, die ihm eine ausgezeichnete Schönheit einflösste.
Auf einer Redoute hatte er das schöne Fräulein1) zuerst gesehen, sich ihr
genähert und war gefällig von ihr aufgenommen worden. Er sah sie bei jener
Schauspielerin und durfte sie auch in ihrem eignen Hause besuchen. Der
Mutter schien die Eroberung eines schon damals als ausgezeichnet
anerkannten Dichters zu schmeicheln und die Gewalt der Reize ihrer Tochter
zu verbürgen. Der unerfahrene, leidenschaftliche Jüngling wurde von diesem
Zaubernetz umstrickt, das jedoch nur Eitelkeit gewoben hatte. Wenn das
gute Kind auch selbst herzlicher Zuneigung fähig war, so musste sich ihr
Gefühl doch immer nur der auf Effekt und Glück berechneten mütterlichen
Ansicht unterwerfen. An Wahrheit und dauerndes Herzensglück war unter
dieser Konstellation nicht zu glauben, und Schillers Freude boten alle
Macht klarer Einsicht und herzlicher Sorge auf, ihn diesen Fesseln zu
entziehen. Die Geleibte hatte ihrem Freunde die Weisung gegeben, dass,
wenn er Licht in einem gewissen Zimmer sehe, er nicht ins Haus kommen
dürfe, weil sie da in Familiengesellschaft sei. Seine Freunde wussten,
dass sie dann von der Mutter begünstigtere Anbeter empfing. Der Kampf
zwischen Vernunft und Leidenschaft begann; aber ein Zauberblick der Liebe
riss ihn wieder hin, und die Stimme der erstern ward überhört. Zeit, Geld
und Herzensruhe wurden versplittert. Seine Freunde selbst, so schmerzlich
sie seinen Umgang entbehrten, drangen auf seine Entfernung. Die Trennung
kostete dem Mädchen viele Tränen; sie scheint sich gegen ihr Gefühl nur
dem Einfluss ihrer Umgebungen hingegeben zu haben; und Schiller freute
sich stets, dass sie in späterer Zeit glücklich wurde. Es ist zu bedauern,
dass an sie gerichtete Briefe und Gedichte verloren gegangen sind.
Die Einsicht in diese Verirrung, das Gefühl der
erfahrenen Täuschung und Selbsttäuschung, welches ihm nach der kurzen
Periode dieser Herzensangelegenheit blieb, war nicht erfreulich und von
einer bittern Nachempfindung begleitet. Wahrscheinlich wirkte diese auf
die Gestaltung der Griechin im Geisterseher. Ein glückliches Geschick
führte unsern Freund bald zur Wahrheit, zu besseren Naturen in der
Frauenwelt.
Schiller begab sich im Frühling 1787 nach Weimar,
wohin ihn seine Freundin Frau von Kalb längst eingeladen hatte. Wielands
Anträge, Mitarbeiter am Deutschen Merkur zu werden, kamen ihm freundlich
entgegen, und den Ort, wo dieser, Goethe und Herder lebten, wo die größten
Geister Deutschlands begünstigt in schöner Freiheit wirkten, musste er in
jedem Sinn kennen lernen.
Goethe war damals in Italien; von Wieland und Herder
wurde Schiller mit Wohlwollen aufgenommen. Herder war für ihn äußerst
anziehend; aber die väterliche Zuneigung, mit der ihm Wieland zuvorkam,
wirkte in einem noch höhern Grade auf seine Empfänglichkeit. Er schrieb
damals an einen Freund:
„Wir werden schöne Stunden haben; Wieland
ist jung, wenn er liebt.“
Dieses trauliche Verhältnis gab Anlass, dass
Schiller zu einer dauernden Teilnahme am Deutschen Merkur aufgefordert
wurde; wie denn die Idee, dieser Zeitschrift durch ihn eine frischere und
jugendlichere Gestalt zu geben, für Wieland sehr erfreulich war. Schiller
ließ es nicht an Tätigkeit fehlen; er lieferte die „Götter Griechenlands“,
„Die Künstler“, „ein Fragment der niederländischen Geschichte“, „die
Briefe über Don Karlos“ und einige andere prosaische Aufsätze, für die
Jahrgänge des Merkur von 1788 und 1789, die überhaupt zu den
reichhaltigsten gehören und zugleich durch Beiträge von Goethe, Kant,
Herder und Reinhold sich auszeichnen.
Die Weimar’sche Welt wirkte im ganzen mehr bildend
als belebend auf Schiller. Der Ton der Gesellschaft war kritisierend, mehr
abweisend als entgegenkommend. Von rheinländischer Liberalität und
schwäbischer Herzlichkeit war wenig zu finden. Im Hause der Herzogin
Amalia, wo man sonst jede neue Erscheinung freundlich begrüßte, war man
mit Studien und Zurüstungen zur italienischen Reise beschäftigt. Der
Herzog, viel abwesend, scheint damals keinen besondern Anteil an Schiller
bezeigt zu haben, und der eigentliche Hofzirkel war abgeschlossen. Die
vorzüglichsten Geister übten so großen Einfluss, dass überall Literatur
Gegenstand der Unterhaltung war; aber im Grunde ward mehr darüber
geschwatzt, als gedacht, und das eigentliche Leben, dessen Schiller
bedurfte, um sich heiter zu entfalte, fehlte.
Seine Stimmung war trübe, und vielleicht aus eigner
Schuld, oder weil kein glücklich mitwirkender Zufall eintrat, fühlte er
sich sehr isoliert; nur bei Wieland und Frau von Kalb war ihm wohl, und
mit Riedel, dem Erzieher des Erbprinzen, und Schulz, dem Verfasser einiger
Romane und Reisebeschreibungen, hatte er zuweilen einen heitern Abend. Ein
Klub, der sich wöchentlich versammelte, erhielt ihn in Verbindung mit der
guten Gesellschaft; Bode, Bertuch, Corona Schröter und mehrere gebildete
Familien fanden sich da zusammen. Schiller unterhielt sich mit einer
Partie Whist. Auch wissen wir von ihm, dass er mit dem Geheimenrat
Schmidt, der viel Anteil an der Literatur nahm und früher in Verbindung
mit Klopstock gestanden, oft interessante Gespräche über Richardsons
Clarisse, die dieser, wie Schiller selbst, sehr hoch hielt, geführt habe.
Das Theater beschäftigte damals seinen Geist wenig.
Sein guter Genius hatte indessen für eine neue
Richtung des Lebens gesorgt. Am Ende des Oktobers 1787 machte er eine
Reise nach Meinungen zu seiner, dort an seinen Freund Reinwald
verheirateten ältesten Schwester und der treuen Freundin, Frau von
Wolzogen, die sich eben der Anwesenheit ihres Sohnes erfreute. Diese Reise
führte ihn in neue Verhältnisse.
Ü
Þ
1)
Elisabeth Henriette von Arnim, Tochter der Witwe eines sächsischen
Offiziers, später verehelichte von Künheim.
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