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Literatur
Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Fünfter Abschnitt Neigung. Rudolfstadt.
Schiller erwähnt in einem Briefe an seine Freundin
vom Mai 1784 flüchtig seiner ersten Bekanntschaft mit der Familie meiner
Schwester, seiner künftigen Frau, und mit dieser selbst.
Wir kehrten aus der Schweiz zurück. Die Verhältnisse
mit der uns nahe verwandten Wolzogen’schen Familie und ein Besuch, den wir
Schillers Eltern auf der Solitüde mit Frau von Wolzogen gemacht,
veranlassten uns, seien Bekanntschaft in Mannheim zu suchen. Er erschien
bei uns, als wir eben abreisen wollten. Seine hohe, edle Gestalt
frappierte uns; aber es fiel kein Wort, das lebhafteren Anteil erregte.
Die mannigfachen und großen Gegenstände, von denen wir soeben geschieden
waren, füllten unsre Seele. Von den reizenden Ufern des Genfer Sees und
dem freundlichen Vevey am Fuß der Alpen, das jedes jugendlich fühlende
Herz im Zauberduft der Rousseauschen Dichtung erblickt, von lieben
Freunden, die hier wohnten, hatten wir uns mit Schmerzen getrennt.
Lavaters Umgang, ergreifend durch die Macht und
Grazie des lebendigsten Gefühls, bei vorherrschender religiöser Stimmung,
und die vaterländischen Freiheitsgesänge der Oltner Gesellschaft, in der
wir mit Güte und Leibe aufgenommen wurden, tönten in unsrer Seele nach.
So sahen wir Schiller zum ersten Mal wie aus einer
Wolke wehmütiger Sehnsucht, die uns nur schwankende Formen erblicken ließ.
Der Theaterwelt waren wir fremd. In den Räubern hatten uns einzelne Szenen
gerührt, die Masse von wildem Leben zurückgescheucht.
Aber es wunderte uns, dass ein so gewaltiges und
ungezähmtes Genie ein so sanftes Äußere haben könne. Fiesco und manche
Gedichte der Anthologie hatten uns angesprochen. Gern hätten wir dies
geäußert; aber unser Zusammensein war zu kurz, als dass sich ein Gespräch
hätte entfalten können. Wir scherzten oft in der Folge über die Kälte
unsers ersten Begegnens.
Meine Schwester lebte mit meiner Mutter und wir in
Rudolfstadt, am Ufer der Saale, in einem Tale, dem ferne groß gezeichnete
blaue Gebirge und nahe Wald umkränzte Anhöhen, von denen es umgeben ist,
so großen Reiz verleihen. Die sanfte Krümmung des Flusses, die drei
frischen und angebauten Täler, die sich dem Auge eröffnen, geben der
Gegend einen eignen mannigfaltigen Zauber. Dieser anmutige Ort, in welchem
sich erst unter der Regierung des gütigen Kunst liebenden Fürsten Ludwig
Friedrich und seiner geistvollen Gemahlin ein geistiges und geselliges
Leben bildete, war damals tot und langweilig und stand hinsichtlich aller
Annehmlichkeiten des geselligen Lebens hinter den benachbarten Städten
weit zurück. Obgleich es an wissenschaftlich gebildeten Männern nicht
fehlte, ein Gymnasium, eine gute Bibliothek, eine Kupferstich-Sammlung und
ein Naturalien-Kabinett alle Elemente zur Ausbildung darboten, ja sogar
sich einige Poeten daselbst befanden, so ging von dem allen doch wenig in
den gesellschaftlichen Kreis über.
Unser trefflicher Vater, der als Forstmann berühmt
war und dieser Wissenschaft eine neue Bahn brach, hatte eine große Welt-
und Lebensansicht. Friedrich der Große, aufmerksam auf ihn gemacht, suchte
ihn in seine Dienste zu ziehen, um neue Einrichtungen in seinen Forsten zu
treffen. Zu Ende des siebenjährigen Krieges ließ der große König unsern
Vater nach Leipzig kommen, und die vorteilhaftesten Anträge, die von uns
unter den Familiendokumenten aufbewahrt werden, waren das Resultat einer
Unterredung mit ihm. Durchdrungen von dem Lichtblick, dem großen Sinne und
dem Wohlwollen des Königs, brach dennoch unser Vater die Unterhandlung ab.
Die Schwierigkeit des Unternehmens, lang eingewurzelte Missbräuche zu
bekämpfen, die Bedenklichkeit, die Existenz vieler Individuen aufs Spiel
zu setzen, da bei ihm nur die gute Sache und strenge Rechtlichkeit galten,
schreckten ihn ab. Auch seine physische Unbehilflichkeit, da er im
zwanzigsten Jahr am linken Bein und rechten Arm gelähmt ward, nur auf
einen Stock gestützt gehen und alle Besichtigungen im Wald nur im Wagen
machen konnte, war ein Hindernis. Eine tiefe Verehrung des großen
Friedrichs blieb ihm, die bei uns Kindern zum Enthusiasmus ward.
Der Vater wollte die Töchter besser unterrichtet
sehen, als es in dem kleinstädtischen Wesen, das uns umgab, gebräuchlich
war; und unsre Mutter, in deren liebenswürdiger Natur Empfänglichkeit für
alles Schöne lag, die auch selbst eine bessere Erziehung genossen, ging
ganz in seine Gesinnung ein. Und freilich, wenn auch der Umgang mit dem
Vater und der Mutter uns vor dem Gemeinen und Alltäglichen schützte, war
bei unsrer aufgeregten jugendlichen Phantasie Bildung des Verstandes und
eine ernste Richtung desselben notwendig. Wir hatten früh vielerlei, wie
es der Zufall bot, gelesen, meistens Bücher, die das Herz und Gemüt
ansprechen; Schiller scherzte späterhin oft mit uns und behauptete, man
werde es uns immer anmerken, dass wir mit dem Grandison aufgewachsen
seien. Die Phantasie bot uns ihre schönste Freuden, und unser tägliches
einsames Hausleben, durch sie verschönert und reich, war uns so lieb, dass
uns jede gewöhnliche Gesellschaft eine leidige Unterbrechung schien. Nur
wer uns von fremden Orten und Gegenden erzählte, war uns willkommen; denn
bei aller Freude am Hause erfüllte uns doch ein lebhaftes Verlangen, die
Welt kennen zu lernen, und eine Sehnsucht nach der Ferne.
Dass dieses Leben in der Phantasie uns nicht
schädlich würde, dafür sorgte der Vater auf zweierlei Weise. Er bemühte
sich sorgsam um die Ausbildung unsers Körpers; ihm machte es große Freude,
wenn wir nach den Lehrstunden in muntern Spielen in freier Luft unsre
physischen Kräfte übten. Unser Haus lag frei an einem Berge, und wir
genossen alles Erfreuliche und Unbeschränkte des Landlebens. Dann sorgte
er für die Entwicklung unsers Verstandes. Seiner klaren und weiten
Weltansicht, die sich meist bei Tisch, wo er gerne lange saß, aussprach
und die gar nicht im Lehrton, sondern im heitern Gespräch in uns überging,
verdankten wir eine frühe Anregung desselben. Wir lernten den Geist
erkennen und schätzen, der alle Erscheinungen auf ihren Ursprung, auf
ihren Grund zurückführt. Die Welt, die wir uns hinter unsern blauen Bergen
dichteten, gewann im Lichtblick seines Verstandes feste Umrisse. Wir
lernten zeitig fühlen, was wir suchen sollten. Ein Gefühl des wahren
Wertes der Menschen, der männlichen Würde insbesondere, fasste Wurzel in
uns; denn die verehrte Gestalt des Vaters, die Festigkeit in Grundsätzen
der Ehre und schöne Sitte ausdrückte, war ihr reines Abbild. Der Tod
entriss uns den Trefflichen, als ich dreizehn Jahr alt war; die drei Jahre
jüngere Schwester nahm aus meinem reiferen Anschauungsvermögen die Züge
seines Bildes auf, das sich unmittelbar noch nicht hatte einprägen können.
Meine Mutter wünschte eine Hofdamenstelle für meine
Schwester, da sich mir schon in meinem sechzehnten Jahr ein Heiratsantrag
dargeboten. Die edle Herzogin Luise von Weimar, der meine Mutter die
Tochter am liebsten anvertraut hätte, interessierte sich für diesen Wunsch
und zeigte sich durch ihre würdige Freundin, Frau von Stein, die auch die
unsre war, geneigt, ihn zu erfüllen. Damit meine Schwester sich für ihre
nächste Bestimmung Fertigkeit in der französischen Sprache und Weltton
erwürbe, beschloss meine Mutter, eine Zeit lang in der französischen
Schweiz zu leben. Diese Reise entzückte unsern jugendlichen Sinn und
durchwebte unser ganzes Leben mit lichten, schönen Bildern.
Wir lebten nach der Rückkehr in unserm kleinen Tale,
in welchem zu belieben ich durch meine Verheiratung bestimmt war, in
Erinnerungen. Eine wehmütige Sehnsucht nach dem Genfer See wandelte uns
freilich oft an. Doppelt altmodisch und traurig schienen uns die
geselligen Umgebungen. Rege Phantasie söhnt sich indes leicht auch mit der
einförmigen Wirklichkeit aus, da sie Leben und Geist durch alles zu
hauchen weiß. Das Streben nach Kenntnissen, das die mannigfaltigen
Ansichten der Menschenwelt und Natur in uns angeregt hatten, besonders das
Lesen des Plutarch, zu dem wir immer zurückkehrten, der vertrauliche
Umgang mit liebenswürdigen Jugendfreunden füllte und erheiterte unser
Leben. Die geschmacklose Förmlichkeit eines kleinen Hofes gab uns, die wir
noch voll waren von dem heitern freien Leben der französischen Schweiz,
Anlass zu manchen tollen und muntern Einfällen. Damals ging noch keine
Kunststraße durch dies kleine Tal; ein Fremder war ein Phänomen hinter den
grünen Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte
Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend. Dennoch
erfrischte uns immerwährend der Zauber dieser Berge.
An einem trüben Dezembertage im Jahr 1787 kamen zwei
Reiter die Straße herunter. Sei waren in Mäntel eingehüllt; wir erkannten
unsern Vetter Wilhelm von Wolzogen, der sich scherzend das halbe Gesicht
mit dem Mantel verbarg; der andre Reiter war uns unbekannt und erregte
unsre Neugier. Bals löste sich das Rätsel durch den Besuch des Vetters,
der um die Erlaubnis bat, seinen Reisegefährten, Schiller, der seine
verheiratete Schwester und Frau von Wolzogen in Meiningen besucht, am
Abend bei uns einzuführen. Schillers Zukunft knüpfte sich an diesen Abend;
deshalb wird man verzeihen, dass ich so viel von unsrer Familie geredet.
Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm
Familienkreise. Entfernt vom flachen Weltleben, galt uns das Geistige mehr
als alles; wir umfassten es mit Herzenswärme, nicht befangen vn kritischen
Urteilen und Vorurteilen, nur der eignen Richtung unsrer Natur folgend.
Dies war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang aufzuschließen. Wir
kannten seinen Don Karlos noch nicht. Ohne alle schriftstellerische
Eitelkeit schien es ihm am Herzen zu liegen, dass wir ihn kennen lernten.
Ich erinnere mich nicht, dass unsre Gespräche noch etwas anderes aus der
Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius an Raffael und die
auf diese sich beziehenden Gedichte der Anthologie ausgenommen. Der
Gedanke, sich unsrer Familie anzuschließen, schien schon an jenem Abend in
ihm aufzudämmen, und zu unsrer Freude sprach er beim Abschiede den Plan
aus, den nächsten Sommer in unserm schönen Tale zu verleben.
Wilhelm von Wolzogen hing an uns mit der
herzlichsten Freundschaft. Wir waren die ersten weiblichen Wesen, die bei
einem Besuche in der Akademie sein Herz gerührt hatten, und seine
Jugendträume blieben an unser Bild geheftet. Bei jedem Abscheide forderte
er in jugendlich ritterlichem Sinne feierlich von uns das Versprechen, ihm
zu schreiben, wenn er uns in irgend einer Not helfen könne; vom Ende der
Welt würde er zu uns eilen. Er bereitete sich zu einer Reise nach Paris
vor, um sich ganz dem Studium der Architektur zu widmen; doch wünschte er
nichts sehnlicher, als einst in unsrer Nähe leben zu können. Des Vetters
freundschaftliche Gesinnung gegen uns teilte der Freund, unser kurzes
Zusammensein ward beseelt und erhöht durch Innigkeit und lebendige
Empfindung, deren Nachklang, wie der Eindruck, den wir auf Schiller
gemacht, sich in folgendem Briefe des letzteren an Frau von Wolzogen
ausspricht:
Weimar, den 20. Dezember 1787
„Endlich! Werden Sie sagen, endlich doch
ein Brief! Und in der Tat schreibe ich Ihnen etwas spät, wie wir
angekommen sind. Aber die Geschäfte, die ich hier vorfand, haben mich bis
jetzt nicht zu Atem kommen lassen. Sie werden mir das aufs Wort glauben
und verzeihen.
Wir sind glücklich nach Rudolfstadt
gekommen, wo ich eine sehr hochachtungswerte und liebenswürdige Familie
fand. Ich kann nicht anders, als Wilhelms guten Geschmack bewundern; denn
mir selbst wurde so schwer, mich von diesen Leuten zu trennen, dass nur
die dringendste Notwendigkeit mich nach Weimar ziehen konnte.
Wahrscheinlich werde ich aber diese Nachbarschaft nicht unbenutzt lassen
und, sobald ich auf einige Tage Luft habe, dort sein. In Weimar hat
Wilhelm sich nur zwei kleine Tage aufgehalten, wo ich ihn in den Klub
geführt und mit Bode, Wieland und Bertuch bekannt gemacht habe. Mlle.
Schröter haben wir auch besucht und bei Kalbs zu Mittag gegessen. Über
diese Dinge wird er Ihnen selbst Auskunft geben. Jetzt, meine liebste
Freundin, sitze ich wieder unter Foltanten und alten staubigten
Schriftstellern wie begraben und zehre gleichsam von der Erinnerung dieser
10 fröhlichen Tage, die ich bei Ihnen zugebracht habe. Wir haben uns doch
wieder gesehen und die freudige Entdeckung gemacht, dass wir die nämlichen
geblieben. Ohne Zweifel wohnen Sie jetzt wieder einsam in Bauerbach; aber
ich beneide Ihnen manchmal diese Lage. Sie genießen da das höchste Glück
in meinen Augen, Unabhängigkeit und Ruhe. Abwechselung können Ihnen die
kleinsten Geschäfte geben. Leben sie recht wohl und grüßen Sie Wilhelm von
mir. Der lieben Lotte werde ich bald nach Hildburghausen schreiben. Ewig
Ihr
Schiller.“
Ein Brief, den Schiller einige Wochen nach dem oben
mitgeteilten an seinen Freund Körner schrieb1),
sagt deutlicher, welche Empfindungen der Besuch in Rudolfstadt in ihm
aufgeregt hatte; gewiss erfüllte damals schon eine lebhafte Neigung zu
meiner Schwester sein Herz.
„Ich bedarf eines Mediums, durch das ich
die andern Freuden genieße. Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und
Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe
feiner, wohltätiger, häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt
und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt, ein
isolierter, fremder Mensch, in der Natur herumgeirrt und habe nichts als
Eigentum besessen. – Ich sehen mich nach einer bürgerlichen und häuslichen
Existenz. – Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt und
nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sonder darum, weil
ich die Freuden mehr naschte, als genoss, weil es mir an immer gleicher
und sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens
gibt. –„
Meine Schwester konnte wohl in jedem Sinne eine
wünschenswerte Verbindung für Schiller sein. Sie hatte eine sehr anmutige
Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte
ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und
empfänglich für alles Gute und schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr
ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren
Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte
Talent zum Landschaftszeichnen, einen feinen und tiefen Sinn für die Natur
und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Unter günstigern Umgebungen
hätte sie in dieser Kunst etwas leisten können. Auch sprach sich jedes
erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der
Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll
Grazie und sanfter Empfindung sind.
Wir lebten in innigster Vertraulichkeit; alle meine
Gedanken und Gefühle gingen in sie über, und ihr Glück war meine
herzlichste Sorge, ja meine einzige Lebenshoffnung, da ich mich in einer
Stimmung befand, die mich mein eignes ganz aufgeben hieß. Ihr Gemüt war
wund und bewegt durch eine herzliche Neigung, die sie angeben musste, da
äußere Umstände ungünstig waren. Der edle und liebenswürdige Mann, dem
ihre Neigung zugewandt war, sprach seine Liebe in allem schmerz der
Hoffnungslosigkeit aus und nährte so die Empfindung, die für ihn sprach.
Seine Verhältnisse trugen ihn im Militärdienst über das Meer nach einem
andern Weltteile, und die Wehmut eines solchen Abschieds tönte lange in
dem Wesen meiner Schwester nach. Um sie zu erheitern, veranlassten wir
einen Aufenthalt von einigen Monaten in Weimar, wohin auch die Aussicht
auf die Hofdamenstelle führte, da die immer gleich gütige Herzogin
fortdauernd geneigt blieb, ihres Versprechens zu gedenken, wenn eine
Veränderung an ihrem Hofe einträte. Hier sah meine Schwester Schiller
wieder. Er heilt sich in der gehörigen Entfernung, wie ihn die Umstände
und seine Feinheit lehrten. Einige nachfolgende Billets und Briefe zeigen
dennoch, wie sich sein Herz zu meiner Schwester gezogen fühlte, und welche
Hoffnungen er an die Bekanntschaft mir ihr knüpfte.
Schiller an Charlotte von Lengefeld
„Wahrhaftig, gnädiges Fräulein, Sie handeln
auch sehr grausam an der armen Komödie, dass Sie sie gerade in dasjenige
Licht stellen, wo sie sich am allerkläglichsten ausnimmt, nämlich in eine
Alternative mit Ihnen. Es könnte mich beinahe ärgern, dass sie nicht
besser ist, oder dass es nicht irgend sonst eine Freude gibt, um Ihnen
zeigen zu können, wie gerne ich sie für das größere Vergnügen versäume, um
Sie zu sein. Hier könnten Sie mich zwar erinnern, wie lange Sie schon hier
sind, und wie wenig ich mir dennoch Ihren Aufenthalt zu nutze gemacht
habe; aber glauben Sie mir für jetzt, dass dieses letztere das erste so
wenig umstößt, dass ich vielmehr, wenn ich mich selbst gewissenhaft darum
befrage, eins durch das andre erklären muss. Mein Aufenthalt in
Rudolfstadt (worauf ich mich freue, wie ich mich noch auf wenige Dinge
gefreut habe) soll mich für das Versäumte schadlos halten, wenn anders
eine Versäumnis von dieser Art nachgeholt werden kann; und alsdann,
gnädiges Fräulein, hoffe ich Sie auch zu überzeugen, wie wenig meine
bisherige seltene Erscheinung bei Ihnen der Unfähigkeit zuzuschreiben war,
den Wert Ihres Umgangs zu empfinden. Ich fühle, dass dieses Billet Ihnen
nicht ganz verständlich sein wird; aber das hat auch sein Gutes; Sie
werden dadurch gezwungen sein, es noch einmal zu durchlesen, und um so
weniger wird Ihnen dasjenige darin entgehen, wovon ich Sie vorzüglich
überzeugen wollte – meine ehrerbietigste Achtung für Sie.
Eben zieht mich ein Schlitten ans Fenster,
und wie ich hinaus sehe, sind Sie’s. Ich habe Sie gesehen, und das ist
doch etwas für diesen Tag. Doch da Sie nunmehr schwerlich mehr allein sein
werden, so muss ich dieses Billet bis morgen früh ersparen.
Schiller.“
„Sie können sich nicht herzlicher nach
Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen, mein gnädiges Fräulein, als ich –
und vollends nach denen in Rudolfstadt, wohin ich mich jetzt in meinen
glücklichsten Augenblicken im Träume versetze. Man kann den Menschen recht
gut sein, und doch wenig von ihnen empfangen; dieses, glaube ich, ist auch
Ihr Fall; jenes beweist ein wohlwollendes Herz, aber das letztere einen
Charakter. Edle Menschen sind schon dem Glücke sehr nahe, wenn nur ihre
Seele ein freies Spiel hat; dieses wird oft von der Gesellschaft (ja oft
von guter Gesellschaft) eingeschränkt; aber die Einsamkeit gibt es uns
wieder, und eine schöne Natur wirkt auf uns wie eine schöne Melodie. Ich
habe nie glauben können, dass Sie in der Hof- und Assembleeluft sich
gefallen; ich hätte eine ganz andre Meinung von Ihnen haben müssen, wenn
ich das geglaubt hätte. Verzeihen Sie mir; so eigenliebig bin ich, dass
ich Personen, die mir teuer sind, gerne meine eigne Denkungsart
unterschiebe.
Heute würde ich mir die Erlaubnis von Ihnen
ausbitten, Sie besuchen zu dürfen; aber ich bin schon von gestern her
engagiert, eine Partie Schach an Frau von Koppenfels zu verlieren. Wie
sehr wünschte ich nun, dass Sie eine Besuchschuld an sie abzutragen
hätten, und dass Ihr Gewissen Sie antriebe, es heute zu tun. Die Tage
haben für mich einen schönern Schein, wo ich hoffen kann, Sie zu sehen,
schon die Aussicht darauf hilft mir einen traurigen ertragen. Von Wolzogen
habe ich gestern einen Brief erhalten, der jetzt in dem traurigen
Stuttgart die angenehmen Stunden in der Erinnerung wiederholt, die er –
und vorzüglich in Rudolfstadt – genossen hat. An Frau von Kalb habe ich
von Ihnen eine Empfehlung bestellt. In das Stammbuch will ich morgen
schreiben.
Leben Sie recht wohl.
Schiller.“
[5. April 1788]
„Sie werden gehen, liebstes Fräulein, und
ich fühle, dass Sie mir den besten Teil meiner jetzigen Freuden mit sich
hinweg nehmen. Dass Sie nicht bleiben konnten, wusste ich; ich habe mir
dieses schon so oft gesagt, dass es mich nicht mehr überraschen sollte,
und doch tut es das. So wenige Augenblicke Ihres Hierseins auch die
meinigen waren und die meinigen sein konnten, so war mir Ihr Hiersein doch
schon an sich allein ein Vergnügen, und die Möglichkeit, Sie alle Tage zu
sehen, ein Gewinn für mich. Ihre Abreise bringt mich um alles dieses. Aber
Sie gehen auch ungern – und beinahe hätte mich das gefreut. Sie glauben
doch nicht im Ernste, dass ich dem Worte Freundschaft gram sei? Nach dem,
was ich Ihnen freilich hie und a vom Missbrauch dieses Namens mag gesagt
haben, klingt es vielleicht stolz, wenn ich bei Ihnen darauf Anspruch
mache – aber der Name soll mich nicht stören. Lassen Sie das kleine
Samenkorn nur aufgehen; wenn die Frühlingssonne darauf scheint, so wollen
wir schon sehen, welche Blume daraus werden wird. Meinem hiesigen Umgang
mit Ihnen hat Ihre Güte seinen besten Wert gegeben; ich fühle selbst recht
gut, wie zusammengebunden und zerknickt ich oft gewesen bin. Viel mehr bin
ich nun wohl nicht, aber doch um etwas Weniges besser, als ich während der
kurzen Zeit unsrer Bekanntschaft und bei den Außendingen, die uns umgaben,
in Ihren Augen habe erscheinen können. Eine schönere Sonne, hoffe ich,
wird etwas Besseres aus mir machen, und der Wunsch, Ihnen etwas sein zu
können, wird dabei einen sehr großen Anteil haben. Auch in Ihrer Seele
werde ich einmal lesen, und ich freue mich im voraus, bestes Fräulein, auf
die schönen Entdeckungen, die ich darin machen werde. Vielleicht finde
ich, dass wir in manchen Stücken miteinander sympathisieren, und das soll
mir eine unendlich werte Entdeckung sein.
Sie wollen also, dass ich an Sie denken
soll; dieses würde geschehen sein, auch wenn Sie mir es verboten hätten.
Meine Phantasie soll so unermüdet sein, mir Ihr Bild vorzuführen, als wenn
Sie in den acht Jahren, dass ich sie den Musen verdingt habe, sich nur für
dieses Bild geübt hätte. Ich werde Sie an jedem schönen Tage unter freiem
Himmel wandeln sehen, und an jedem trüben auf Ihrem Zimmer – vielleicht
denken Sie dann auch meiner; damit ich aber dessen versichert bin, so
müssen Sie mir erlauben, bestes Fräulein, dass ich Ihnen zuweilen sage,
wenn ich mit Ihnen beschäftigt bin. Keine Korrespondenz, Gott bewahre! Das
sieht so pflichtmäßig aus, und selbst die Antworten will ich Ihnen
erlassen, wenn Sie glauben sollten, dass Sie mir sie schuldig sind. Einmal
aber müssen Sie mir doch Nachricht geben, ob ich das bewusste Logis
erhalten kann. Heute Mittag hätte ich Sie also bei Schardts sehen können,
wenn mein guter Engel mich zu rechter Zeit erinnert hätte. Aber ich war
wirklich nicht ganz wohl, um in eine ganz fremde Gesellschaft zu gehen.
Sehen will ich Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr. – Abschiede, auch auf
kurze Zeit, sind etwas so Trauriges für mich. Vielleicht sehe ich Sie im
Vorbeifahren noch; ich vermute auch, dass Sie jetzt immer umringt und
beschäftigt sein werden. Frau von Kalb wird umso mehr beklagen, Sie nicht
mehr hier zu finden, wenn Sie hört, wie nahe sie dabei war.
Leben Sie also recht wohl, bestes Fräulein,
erinnern Sie sich manchmal und gern daran, dass hier jemand ist, der es
unter die schönsten Zufälle seines Lebens zählt, Sie gekannt zu haben.
Noch einmal, leben Sie recht glücklich.
Vom Jones folgen hier noch drei Bände; die
übrigen sind von der Bodischen Übersetzung noch nicht heraus. Verlangen
Sie sie aber, so kann ich sie Ihnen in einer andern nach Rudolfstadt
nachschicken. Ihrem Hause empfehlen Sie mich recht schön und suchen Sie zu
machen, dass ich da ein wenig willkommen bin. Adieu. Leben Sie recht wohl.
Schiller.“
Weimar, den 11. April 1788
„Sie werden in Rudolfstadt nun wieder
eingewohnt sein, mein bestes Fräulein, und bei diesem schönen Wetter sich
Ihrer ländlichen Einsamkeit freuen. Die Vergnügungen der Geselligkeit, wie
man sie in Weimar und solchen Orten findet, werden gar oft durch
Langeweile und Zwang gebüßt, den notwendigen Übeln in den leidigen
Assembleen. Diesen sind Sie jetzt glücklich entronnen, und Ihr
Familienkreis, fürchte ich, wird Sie für alles schadlos halten, worauf Sie
in Weimar vielleicht einigen Wert gelegt haben. Wie beneide ich Ihre
Familie und alles, was um Sie sein darf! Aber auch Sie beneide ich um Ihre
Familie; ein einziger Tag war mir genug, mich zu überzeugen, dass ich
unter sehr edeln Menschen wäre. Warum kann man solche glückliche
Augenblicke nicht festhalten! Man sollte lieber nie zusammen geraten –
oder nie mehr getrennt werden.
Seitdem Sie Weimar verlassen haben, ist die
Erinnerung an Sie meine beste Gesellschaft gewesen. Die Einsamkeit macht
jetzt meine Glückseligkeit aus, weil Sie mich mit Ihnen zusammenbringt und
mich ungestört bei dem Andenken der vergangenen Freuden und der Hoffnung
auf die noch kommenden verweilen lässt. Was für schöne Träume bilde ich
mir für diesen Sommer, die Sie alle wahr machen können. Aber ob Sie es
auch wollen werden? Es beunruhigt mich oft, mein teuerstes Fräulein, wenn
ich daran denke, dass das, was jetzt meine höchste Glückseligkeit
ausmacht, Ihnen vielleicht nur ein vorübergehendes Vergnügen gab; und doch
ist es so wesentlich für mich, zu wissen, ob Sie Ihr eignes Werk nicht
bereuen, ob Sie das, was Sie mir in so kurzer Zeit geworden sind, nicht
lieber zurücknehmen möchten, ob es Ihnen angenehm oder gleichgültig ist.
Könnte ich hoffen, dass von der Glückseligkeit Ihres Lebens ein kleiner
Anteil auf meine Rechnung käme, wie gern entsagte ich manchen entwürfen
für die Zukunft, um des Vergnügens willen, Ihnen näher zu sein! Wie wenig
sollte es mir kosten, den Bezirk, den Sie bewohnen, für meine Welt
anzunehmen!
Sie haben mir selbst einmal gesagt, dass
eine ländliche Einsamkeit im Genuss der Freundschaft und schöner Natur
Ihre Wünsche ausfüllen könnte. Hier wäre schon eine sehr wesentliche
Übereinstimmung zwischen uns. Ich kenne kein höheres Glück. Mein Ideal von
Lebensgenuss kann sich mit keinem andern vertragen. Aber was bei mir ein
unabänderlicher Charakterzug ist, war bei Ihnen vielleicht nur eine
jugendliche Phantasie, eine vorübergehende Epoche. Vielleicht denken Sie
einmal anders, oder, wenn dies auch nicht wäre, vielleicht dürfen Sie
einmal nicht mehr so denken. Beides fürchte ich, und ich sehe ein, wie
sehr ich Ursache hätte, mich noch beizeiten eines Vergnügens zu entwöhnen,
von dem ich mich vielleicht wieder trennen muss. Ich mag dieser traurigen
Idee nicht Raum geben.
Wie leben Sie jetzt in Rudolfstadt? Wie
haben Sie es da wieder nach der kleinen Abwesenheit gefunden? Ich kann mir
recht wohl denken, wie ungeduldig man sich nach Ihnen gesehnt hat. In
einem so engen Kreise ist eine solche Lücke sehr fühlbar; und wahrhaftig,
das Opfer war groß, das Ihre Familie Ihnen gebracht hat, Sie so lange zu
entbehren. Sie hatten den Vorteil der Zerstreuung, des Neuen und der
Menge; den Ihr eigen fehlte dies alles. Jedes unter ihnen hat
wahrscheinlich für das eine eine eigentümliche Empfindung, die Sie einer
Schwester mitteilen, behalten Sie vor einer Mutter zurück, und auch
umgekehrt. Alles dieses hat also während Ihrer Abwesenheit unter dem
Schlüssel bleiben müssen. Habe ich nicht recht? Und mit je weniger
Menschen man lebt, desto mehr bedarf man dieser wenigen.
Seitdem Sie weg sind, habe ich niemand von
Ihrer hiesigen Bekanntschaft gesehen; ich kann Ihnen also auch nichts
davon hinterbringen. Einer meiner intimsten Freunde, der mich dieser Tage
hier besuchte, veranlasste mich, ihn nach Gotha zu begleiten. Frau von
Kalb war gerade da, wie ich dort ankam; aber ich habe sei nicht gesehen.
Sie war nicht ihr eigener Herr; ich hätte bis den andern Tag warten
müssen, und dieses konnte ich nicht. Morgen, höre ich, soll sie
zurückkommen.
Schade, dass Sie jetzt nicht mehr hier
sind; Sie würden öfters spazieren gehen, und sehen könnte ich Sei
wenigstens mehr. Es ist jetzt gar freundlich und schön im Stern2)
und im Garten, und die Nachtigallen schlagen. Ihren Favorit, die Schnecke3),
habe ich heute bewundern gehört; der Herzog selbst nahm sie in Schutz und
hat ihr Gnade widerfahren lassen. Haben Sie indessen meiner auch wegen
einer Wohnung gedacht? Ich hätte mich nicht unterstanden, Ihnen diesen
Auftrag zu geben; aber Sie waren ja so gütig – und können Sie mir
verdenken, wenn ich diese Gelegenheit hurtig ergriff, die Sie an mich
erinnern wird? Aber die notwendigsten Möbel müsste ich auch dabei haben,
wenn es nur irgend möglich ist; alsdann auch, wenn es angeht, die Kost;
doch diese soll den Handel nicht rückgängig machen, wenn es damit
Schwierigkeiten hätte, weil ich sie mir aus der Stadt würde holen lassen
können. Noch einmal, bestes Fräulein, verzeihen Sie mir diesen Missbrauch
Ihrer Güte. Es soll der letzte Auftrag dieser Art sein. Den Ihrigen sagen
Sie recht viel Schönes von mir. Leben Sie recht wohl und erinnern sich
zuweilen meiner.
Schiller.“
Weimar, den 2. Mai 1788
„Sie haben die Angelegenheit, deren
Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und über
alle meine Erwartungen zustande gebracht, bestes Fräulein, dass ich Ihnen
unendlich mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im
Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Eine
fürstliche Nachbarschaft hätte mir meine ganze Existenz verdorben. Ich
habe Ihnen viele Mühe gemacht; aber ich weiß auch, dass Ihnen das
Vergnügen, welches Sie mir dadurch verschaffen, statt alles Dankes ist.
Meinem Lieblingswunsche steht also nichts mehr im Wege, als die
Unsicherheit der Jahreszeit, die aber in wenigen Tagen wird gehoben sein,
und die Berichtigung einiger Kleinigkeiten, die mich aber auch nicht
länger als etwa 8 oder 10 Tage hier aufhalten soll. Zehn Tage sind also
mein längster Termin; dann adieu Weimar. Ich werde in Ihren schönen
Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein eignes Herz wieder finden, und
Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird für mich alles, was ich hier
zurücklasse, reichlich entschädigen.
Jetzt sind wir hier einzig and die liebe
Natur verwiesen; die Komödie, ihre armselige Stellvertreterin im Winter,
hat uns verlassen. Der Frühling ist dafür da, mit allen schönen Sachen,
die er mitbringt. Mich verdrießt es ordentlich, dass ich diese lieblichen
Tage hier in der Stadt und auf den kümmerlichen Spaziergängen da herum so
ganz und gar verlieren soll. Wie viel angenehmer sollten sie mir in Ihrer
Nachbarschaft vorübergehen!
Sie warnen mich, bestes Fräulein, dass ich
mir von meinem Aufenthalt bei Ihnen (oder wollten Sie vielleicht sagen,
von Ihrer Freundschaft?“ nicht zu viel versprechen soll. Mir ist in der
Tat für nichts bange, als dass ich, bei allen Bestrebungen und Wünschen,
nichts, gar nichts im Vermögen haben werde, was gegen das Vergnügen, das
Ihr Umgang, auch ohne Ihr Zutun, mir gewährt, in Anschlag kommen kann.
Aber Ihre Warnung, bestes Fräulein, erinnert mich, dass es doch wohl
möglich sein könnte, ich setze zu viele gute Meinung von mir bei Ihnen
selbst voraus, und mehr, als ich bis jetzt Gelegenheit gehabt habe zu
verdienen. Ich finde wirklich, dass ich bisher mehr, als ich sollte, an
mich selbst dabei gedacht habe, und dass mich die liebliche Vorstellung
Ihrer Freundschaft gar wohl verleitet haben könnte, sie als etwas schon
Erworbenes und Entschiedenes vorauszusetzen. Dieses, bestes Fräulein, und
nicht meine Phantasie habe ich zu fürchten, denn meine Phantasie, das
glauben Sie nur! Hat gar keinen Anteil an meiner Vorstellung von Ihnen.
Ich bitte also für mich selbst um die Toleranz, die Ihre Bescheidenheit
Sie von mir begehren ließ, und im Ernste bitte ich Sie darum. Werden Sie
auch meine Fürsprecherin bei den Ihrigen; sagen Sie ihnen lieber recht
viel Schlimmes von mir, dass sie doch durch das wenige Gute, was ich noch
habe, überrascht werden und es mir höher anschreiben. Vor allen Dingen
aber sagen Sie ihnen, wie sehnlich ich unsrer nähern Bekanntschaft
entgegensehe.
Wolzogen hat mir noch nicht geantwortet.
Seine Mutter (wie Sie vielleicht schon wissen) hat eine schmerzhafte
Operation mit vieler Standhaftigkeit und glücklich überstanden.
Leben Sie recht wohl. Adieu.
Schiller.“
Im Frühlingsmond 1788 bezog Schiller seine Wohnung
in Volkstädt, eine halbe Stunde von der Stadt. Das Haus lag frei vor dem
Dorfe, und aus seinem Zimmer übersah er die Ufer der Saale, die sich in
einem sanften Bogen durch die Wiesen krümmt und im Schatten uralter Bäume
dahinfließt. Die gegenüber am jenseitigen Ufer des Flusses sich erhebenden
waldigen Berge, an deren Fuß freundliche Dörfer liegen, und das hoch und
schön gelegene Schloss von Rudolfstadt an der andern Seite geben diesem
Platz den Reiz der Mannigfaltigkeit, zugleich einer Einsamkeit, aus der
man nur anmutige Gegenstände überschaut. Auf einer kleinen Anhöhe, dem
Hause gegenüber, die ein Wäldchen krönt, hat ein Kunst liebender Verehrer
Schillers ein Monument für ihn errichtet, wozu Dannecker seine kolossale
Büste zu einem Bronzeabguss verehrte. Oft wird dieser schöne Platz denen,
die Schiller noch persönlich gekannt, und den jüngeren, seinem Geist
befreundeten Bewohnern zum Vereinigungsplatz dienen und Goethes sinnvolle
Worte bewähren:
Die Stelle, die ein guter Mensch betrat,
Sie bleibt geweiht für alle Zeiten.
In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben.
Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt;
uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele
erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und
philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies
Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein
Gespräch floss über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige Einfälle, und
wenn oft störende Gestalten unsern kleinen Kreis beengten, so ließ ihre
Entfernung uns das Vergnügen des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch
lebhafter empfinden. Wie wohl war es uns, wenn wir nach einer langweiligen
Kaffeevisite unserm genialen Freunde unter den schönen Bäumen des
Saaleufers entgegengehen konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale
ergießt und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn
erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommen
erblickten, dann erschloss sich ein heiteres ideales Leben unserm innern
Sinne. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen
Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen
den umwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen
Gesprächen. Wie wir uns beglückte Geister denken, von denen die Banden der
Erde abfallen und die sich in einem reinern leichtern Elemente der
Freiheit eines vollkommeneren Einverständnisses erfreuen, so war uns zu
Mute.
Gibt es irgend eine Lebensepoche, in der wir alle
unsre Gemüts- und Geisteskräfte zu völliger Befriedigung im Einklang
fühlen, so ist dies in der Blütenzeit einer beginnenden geistigen
Freundschaft. Die Zukunft lächelt uns, vom Zauber der Ahnung und Hoffnung
umsponnen, und kein Stachel des Verlangens leidenschaftlicher Zuneigung
stört den friedlichen Genuss der Gegenwart. Nicht gespannt und gedrückt
durch heftiges Streben, Liebe zu gewinnen, entfaltet sich unser Wesen
frei, ruhig und still in seinen tiefsten Kräften, und vom Strahl der
Wahrheit beleuchtet, spiegelt sich Seele in Seele. Auf diesem milden
Lichtpfad wollte Schiller das Herz meiner Schwester gewinnen. Als die
ältere Tochter, die das Haus seit meiner Verheiratung mit Herrn von
Beulwitz führte, leitete ich auch gewöhnlich die Unterhaltung. Selten war
es mir so wohl geworden, mich so ganz über alles aussprechen zu können.
Schiller fühlte immerwährend das Bedürfnis eines Lebens in Ideen, und
meine ganze Stimmung begegnete ihm. In der Schweiz durch unvorsichtiges
Baden in dem sehr kalten Genfer See von einer Nervenkrankheit befallen,
glaubte ich nur auf ein kurzes leben rechnen zu dürfen. In dieser Stimmung
widmete ich mich ganz den Meinigen, und ihre Zufriedenheit zu erhalten und
zu mehren, ward mein tägliches Bestreben. Innerlich lebte ich in meiner
Ideenwelt, und besonders las ich von philosophischen Schriften, was ich
auftreiben konnte. Der erste Teil von Herders Ideen hatte mich sehr
befriedigt, und in reinerer Harmonie erklang mein ganzes Wesen nach dieser
Lektüre. Eine angeborne Heiterkeit des Geistes verließ mich selten. Mein
lebendiges Gefühl durchrang alle menschlichen Zustände meines Kreises; ich
konnte kein Wesen leiden sehen, und mit Heiterkeit und Gewandtheit suchte
ich alle Verhältnisse zurecht zu legen. Selten duldete ich eine
Missstimmung lange in meinem Kreise. Mein eignes verletztes Gefühl lösete
sich meist in ein unendliches Mitleiden mit allen menschlichen Schwächen
auf. So erhielt ich gute Laune und Harmonie um mich her; alles Heterogene
fand ein Medium der Verbindung. Nur Engherzigkeit und langweiliges Haften
an den Unbedeutendheiten des täglichen Lebens wies ich trocken und kalt
ab, und ein unversöhnlicher Hass gegen die Plattheit erhielt immer das
geistige Interesse vorherrschend. Die Personen, die, außer Schiller, meine
nächste Umgebung ausmachten, förderten diese Neigung.
Herr v.B. hatte viele Kenntnisse und
wissenschaftliche Ausbildung und machte sich mit allen neuen Erscheinungen
in der literarischen Welt bekannt. Der Baron Gleichen, mit dem wir, sowie
mit seiner damaligen Braut, in geschwisterlicher Freundschaft und
Vertraulichkeit aufgewachsen waren, gehörte beinah täglich zu unsrer
Gesellschaft. Er war einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen.
Ausbildung des Geistes war sein innigstes Bedürfnis, und die reinste,
wohlwollendste Gesinnung stellte sich in seinem ganzen Leben, wie in
seiner ausgezeichnet schönen Gestalt dar. Er hatte viel Sinn für bildende
Kunst; wir zeichneten, malten zusammen und durchsahen Kupferwerke, die uns
mit den vorzüglichsten Werken der Kunst bekannt machten. Eine reinere,
kindlichere Freude an schönen Formen findet man selten; er war recht zum
Genuss des Schönen aller Art geschaffen. Keine anmutige Bewegung der Seele
wie des Körpers entging ihm; keine sinnige Rede, die dem Gedanken und dem
Gefühl die ihm gehörende plastische Form gab, ging ihm verloren. Sein
ganzes Wesen war Religion, Achtung vor dem Gewissen, Abweisen alles
Unrechts und zarte Schonung jedes Verhältnisses. Dennoch konnte dieser
treffliche Mensch nicht zur Einigkeit mit sich selbst kommen. Er studierte
alle philosophischen Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit
Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinn gestört; er
lebte immer im Zweifel. Unsre Gespräche betrafen meistens Gegenstände der
Metaphysik; ich wünschte Überzeugung für meinen Freund. Schiller musste
sich uns ergeben, wenn er auch oft nach einer andern Richtung strebte und
dringend bat, die Metaphysik nur einige Tage ruhen zu lassen. In der
Kantischen Philosophie fand unser Freund späterhin viel Beruhigung, und
ein Geschäft, das ihn aufforderte, die Kräfte seines Geistes praktisch zu
üben und äußere Beziehungen zu beachten und zu ehren, die Erziehung der
Söhne seines Freundes, des Fürsten von Rudolfstadt, entzog ihn seinem
überwiegenden Hang zur Abstraktion.
Der Fürst und sein Bruder, Prinz Karl, lebten als
liebenswürdige Jünglinge viel in unserm Kreise und bewahrten immer eine
herzliche Freundschaft für Schiller.
Dieser arbeitete in Volkstädt an seiner „Geschichte
der Niederländischen Revolution“, und er las uns die einzelnen Abschnitte
vor, wie sie vollendet waren. Auch der „Geisterseher“ beschäftigte ihn,
und das philosophische Gespräch in diesem Roman war vielleicht ein
Nachklang unsrer vorherrschenden spekulativen Unterhaltungen.
Die Werke der Dichter, die uns bis dahin nur den
schönsten Lebensgenuss und Trost gewährt, die wir, nur von dem natürlichen
Gefühl und Sinn geleitet, aufgenommen hatten, ergriffen wir, in Schillers
Ansicht, nun auch mit Reflexion, und unser Gefühl und Geschmack klärte
sich selbst durch sicheres Urteil auf. Zum ersten Mal lasen wir den ganzen
Homer, von dem uns nur Bruchstücke bekannt waren. Was jeder Deutsche
Vossens Übersetzung zu danken hat, ist unaussprechlich. Schiller las uns
abends die Odyssee vor, und es war uns, als rieselte ein neuer Lebensquell
um uns her. Die Bekanntschaft mit den griechischen Tragikern vollendete
diese neue Gestaltung unsers Kunstsinns. Diese große Darstellung der
Menschheit in ihrer Allgemeinheit und ewigen Naturwahrheit ergriff uns im
tiefsten Innern und entzückte uns so sehr, dass wir viele Stellen der
Tragödien, die wir aus Brumoys griechischem Theater kennen lernten,
übersetzten, um nur diese Reden, Gefühle und Bilder vermittelst unsrer
Sprache inniger in Herz und Seele aufzunehmen. Schiller versprach uns,
unsre Lieblingsstücke zu verdeutschen; und dass dies Leben und Weben in
diesen Urgebilden auch ein Wendepunkt für seinen eignen Geist wurde, ja
auf den Wallenstein mächtig einwirkte, ist wohl nicht zu verkennen. Er
schrieb in dieser Zeit an seinen Freund Körner:
„Ich lese jetzt fast nichts als Homer; die Alten
geben mir wahre Genüsse. Zugleich bedarf ich ihrer im höchsten Grade, um
meinen eignen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit,
Künstlichkeit und Witzelei sehr von der wahren Simplizität zu entfernen
anfing.“
Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben
dieses ganzen Sommers mit seinen genussreichen und bildenden Tagen und
Stunden für uns alle. Schiller wurde ruhiger, klarer, seine Erscheinung,
wie sein Wesen, anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des
Lebens, die er bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter. Meiner
Schwester ging neue Lebenshoffnung und Freude im Herzen auf, und ich
wendete mich wieder mehr zum wahren Genuss des Lebens im Glück einer neu
beseelenden Freundschaft. Alles, was uns umgab, genoss und teilte diesen
freundlichen Zauber.
Unsre Pläne für die Zukunft deuteten auf ein oft
vereintes Leben. Eine bestimmte Absicht auf meine Schwester wagte Schiller
nicht auszusprechen, da noch keine feste Lebensaussicht für ihn vorhanden
war und er sich über die Bedenklichkeit seiner ganzen Lage nicht täuschen
konnte. Die Standesverhältnisse wurden in jener Zeit strenger genommen,
und die mütterliche Sorge um die Haltbarkeit der äußern Existenz musste
ihm selbst höchst einleuchtend erscheinen.
Auch ich war besonnen, wenn es dem Glück meiner
Freunde galt; und für meine Schwester konnte ich nur eine Heirat wünschen,
die sie in eine heitre, sorgenfreie Lage versetzte. Wir waren nicht so
reich, dass Schiller von ihrem Vermögen hätte unabhängig leben können; und
Unabhängigkeit wünschte ich für sein Talent über alles. Das bloße
Schriftstellerleben ohne Sicherheit in einer bürgerlichen Existenz war mir
ängstlich. Der Theaterwelt war ich abgeneigt; sie schien mir von der
Sphäre des häuslichen Lebens abzuführen und der stillen, höheren
Produktion der Poesie nicht günstig. Mit Freuden nahm ich wahr, dass der
Wunsch einer festen Lage auch in Schiller oft aufdämmerte. Gern gedachte
er seiner medizinischen Studien. Er reit uns, Haller, für den er immer die
tiefste Verehrung behielt, zu lesen, und las uns selbst die für uns
passenden Stellen aus der Physiologie dieses Mannes, die er in Hinsicht
auf Darstellung als ein hohes Werk des Genius betrachtete.
Eine Professur der Geschichte kam auch zur Sprache;
sie passte mehr zu seinen schriftstellerischen und poetischen Arbeiten und
Vorsätzen; auch äußere Umstände waren dem Plan, eine solche zu erwerben,
günstiger, und dieser wirkte erheiternd auf seine gegenwärtige Arbeit. Die
Gegenwart war genussreich, und die Zögerung auf dem Wege zu einer
beglückenden Verbindung, zu einer erwünschten Häuslichkeit, diese
Zögerung, die Vernunft und Zartheit geboten, war nicht drückend für ihn
und meine Schwester, da die Hoffnung doch von fern freundlich zuwinkte.
Wilhelm von Wolzogen besuchte uns noch vor seiner
nahen Abreise nach Paris. Er hatte die größte Hoffnung, seine damals noch
kränkelnde Mutter werde vollkommen genesen. Nach vier Wochen erhielten wir
die Nachricht ihres Todes. Wie sehr der Verlust dieser treuen Freundin
Schiller ergriff, lesen wir in dem Brief an den trauernden Sohn.
Rudolfstadt, den 10. August
1788
„Noch ganz betäubt, liebster Freund, von
der traurigen Nachricht, die Sie mir geben, setze ich mich, Ihnen zu
schreiben. Ja gewiss, eine teure Freundin, eine vortreffliche Mutter haben
Sie und ich in ihr verloren; es war ein edles und gutes und äußerst
wohltätiges Geschöpf, auch ohne die vielen besondern Ursachen, die Sie als
Sohn und ich als ihr Freund haben, dankbar gegen sie zu sein, auch ohne
alles dieses unsrer ganzen Liebe, unsrer aufrichtigen Tränen wert. Ich
darf die vielen Augenblicke der Vergangenheit, wo ich ihre schöne,
liebevolle Seele habe kennen lernen, nicht lebendig in mir werden lassen,
wenn ich die ruhige Fassung nicht verlieren will, in der ich Ihnen gerne
schreiben möchte. Aber ihr Andenken wird ewig und unvergesslich in meiner
Seele leben; und alle Liebe, die ich ihr schuldig war, und alle herzliche
Achtung, die ich für sie hegte, soll ihr ewig gewidmet bleiben. Mein und
unser aller Trost ist dieser, dass sie durch diesen sanften und
geschwinden Tod vielem Leiden entgangen ist, das ihr unausbleiblich
bevorstand. Ihrer Kinder und ihrer Freunde Herz würde weit mehr dabei
gelitten haben, wenn sie ein hoffnungsloses und martervolles Leben hätte
fortleben müssen, ohne Aussicht von Besserung; und ein langes körperliches
Leiden, liebster Freund, würde gewiss endlich ihren Geist darnieder
gedrückt und den Mut gebeugt haben, mit dem sie allem Unglück trotzte.
Lassen sei uns das ein Trost sein, da wir beide fühlen, dass ein
schmerzvolles, halbes Dasein ein traurigeres Los ist, als der Tod. Ihr Mut
und Ihre Gelassenheit bei diesem Verluste hat mich innigst beruhigt; wir
können, was uns lieb und teuer ist, beweinen; aber eine edle und männliche
Seele erliegt dem Kummer nicht.
Alle Liebe, die mein Herz ihr gewidmet
hatte, will ich ihr in ihrem Sohne aufbewahren und es als eine Schuld
ansehen, die ich ihr noch im Grabe abzutragen habe. Wir sind schon längst
durch die zärtlichste Freundschaft gebunden; lassen Sie uns dieses Band
mit brüderlicher Herzlichkeit fortsetzen und womöglich noch fester
knüpfen. Wir wollen einander wie Brüder angehören. – Ach! Sie war mir
alles, was nur eine Mutter mir hätte sein können!
Beruhigen Sie Charlotten; dieser Schlag
wird sie sehr hart getroffen haben. Vor allen Dingen aber, liebster
Freund, kommen Sie hierher in unsre Arme. Sie brauchen Mitteilung,
Beruhigung, Zerstreuung. Finden Sie sie bei uns! Wenn ich auch nach
Meinungen käme, würden wir uns recht genießen? Würden wir nicht beide von
außen gedrückt und niedergeschlagen werden? Ich sende Ihnen diesen
Expressen, weil ich fürchtete, dass die Post zu langsam sein würde. Lassen
Sie mich durch ihn erfahren, dass Sie auf einige Tage kommen wollen, so
gehe ich Ihnen bis Ilmenau entgegen, um Sie zu empfangen. Ihre hiesigen
Freunde sehnen sich herzlich danach, Ihnen etwas zu sein, sie sehnen sich
nach Ihrer Gesellschaft. Kommen Sie ja. Wir wollen suchen, Ihnen Ruhe und
Heiterkeit zu geben. Wir verlassen uns darauf, Sie spätestens den
Donnerstag bei uns zu sehen. Suchen Sie aber alle Geschäfte, die Sie in
Meinungen noch vorfinden könnten, zu berichtigen, dass Sie unmittelbar von
hier nach Stuttgart zurückgehen und also desto länger bei uns bleiben
können. Sobald mir der Bote Antwort bringt, werde ich mich aufs Pferd
setzen, um Ihnen nach Ilmenau entgegen zu gehen. Ich sehne mich nach
Ihnen. Wenn wir uns sprechen, so werde ich Sie auch überzeugen können,
dass ich Ihnen hier mehr sein kann, als in Meinungen.
Mit dem Gedichte würde es jetzt ohnehin zu
spät sein, da die Beerdigung vorbei ist. Ihr Brief war vier Tage
unterwegs; aber ich habe eine andre Idee, das Andenken der guten Mutter zu
ehren, die ich Ihnen mündlich mitteilen will. Kommen Sie ja, liebster
Freund. Wir sehen Ihnen mit Sehnsucht entgegen.
Schiller.“
Während dieses Sommers sah Schiller Goethe zuerst in
unserm Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten uns dieses Dichters
Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsre erhöhteren, echt
menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache;
Goethe und Rousseau waren unsre Hausgötter. Auch floss des erstern so
liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin, Frau von
Stein, kennen gelernt, mit dem Dichter in unserm Gemüt in eins zusammen,
und wir liebten ihn wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet.
Wir hatten Schiller die Rezension des Egmont fast nicht verzeihen können.
Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft
und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die nicht erfolgte. Von
Goethe hatten wir, bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner äußern
Stellung, Entgegenkommen erwartet, und von unserm Freunde auch mehr Wärme
in seinen Äußerungen. Zu unserm Trost schien Goethe von schmerzlicher
Sehnsucht nach Italien befangen; und da wir selbst bei der Rückkehr aus
der Schweiz empfunden, wie man sich nach dem Genusse einer größern Natur
nicht sogleich wieder mit ihrer gewöhnlichen, wenn auch anmutigen
Erscheinung verträgt, so leihen wir ihm gern diese Empfindungsart, als
Grund seiner Kälte.
Es freute uns sehr, dass Goethe das Heft des
Merkurs, welches die Götter Griechenlands enthielt und das von ungefähr
auf unserm Tisch lag, nachdem er einige Minuten hineingesehen, einsteckte
und bat, es mitnehmen zu dürfen.
Schillers Äußerungen gegen uns, nach dieser
Zusammenkunft, stimmten ganz mit dem überein, was er seinem Freunde Körner
über dieselbe schrieb:
„Im ganzen genommen, ist meine in der Tat
große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht
vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken
werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu
wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein
ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige,
seine Welt ist nicht die meinige, unsre Vorstellungsarten scheinen
wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen
Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das weitere
lehren.“
Stolbergs Fehdebrief gegen die „Götter
Griechenlands“ tat uns sehr weh, umso mehr, da seine Gedichte zu denen
gehörten, die unsre Jugend verschönert hatten. Es war hart von dem so
edeln Manne, eine poetische Ansicht und momentane Dichterlaune vor das
strenge Forum der Orthodoxie zu ziehen, wo er gewiss war, Plattheit und
Beschränktheit als Mitstreiter zu finden und unserm Freund auch in der
Meinung gutmütiger Schwachheit zu schaden. Er ließ sich wahrscheinlich von
momentaner Empfindung, die die Folgen nicht ermaß, hinreißen. Was kann man
einem Menschen Schreckliches schuld geben, als ein Gottesleugner zu sein?
Es zerstört seine ganze Menschheit in Vernunft und Empfindung. Die letzte
Strophe dieses Gedichtes dünkte uns gerade sehr rührend durch die
Sehnsucht nach dem Höchsten und Ewigen, die sie ausspricht.
Schiller war empfindlich bewegt; doch gab er zu
unserer Freude die Idee, in der ersten Aufwallung zu antworten, auf,
obgleich Wieland (wie wir aus einem unten mitzuteilenden Brief sehen) ihn
dazu ermuntert hatte. Dass er in der spätern Sammlung der Gedichte die
anstößige Stelle umgestaltete, zeigt, wie sehr ihm daran lag, die bessere
Überzeugung und das Heilige in keinem Menschenherzen zu beleidigen. Schon
während des Rudolfstädters Lebens vermied er dieses sorgsam. Mit meiner
Mutter, die den schönen Glauben ihres liebenden Herzens doch an strenge
dogmatische Formeln und Vorstellungsarten band, gab es oft kleine
Streitigkeiten; aber auf dem Boden allgemeiner Güte und Liebe fand man
sich immer wieder zusammen. Er schenkte ihr eine englische Bibel und
schrieb die Zeilen hinein:
Nicht in Welten, wie die Weisen träumen,
Auch nicht in des Pöbels Paradies,
Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen,
Aber wir begegnen uns gewiss!
Auch Zacharias Becker lernte Schiller in unserm
Hause kennen. Dieser merkwürdige Mensch, dessen Name von allen Deutschen
mit Achtung und Liebe genannt zu werden verdient, fasste eine herzliche
Zuneigung für Schiller, die er noch nach dessen Tode der trauernden
Familie durch die tätigste Teilnahme bewies. Verwandt hinsichtlich der
starken Seite ihrer Seelen, durch ein höheres gemeinsames Interesse an der
Menschheit, durch echte Freiheitsliebe wurden sie sich gegenseitig wert,
und ihre Gemüter begegneten sich im Enthusiasmus für die Ausbildung des
Nationalsinns, den jeder auf seine Weise zu fördern suchte. Becker
verbreitete unter dem Schutz des trefflichen Herzogs Ernst von Gotha seine
Volksschriften, die wahre Volksbildung bezweckten, ohne zur Verbildung zu
führen, und Schiller löste die deutsche Muse aus den Fesseln des
gallischen Geschmacks. Wie tief beide ins Herz des Volkes gegriffen, davon
gibt die Zeit der Befreiung vom fremden Joche Kunde.
Das Verhältnis des freundlichen Greises Wieland zu
unserm Freunde, das sich immer rein und wohltätig für ihn erhielt, zeigt
sich in folgenden Briefen.
Gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Talente,
Offenheit und heitere Laune blühten seit der ersten Bekanntschaft zwischen
beiden immer frisch und ungekränkt.
Wieland an Schiller.
„Sie sind also in Ihrem selbst gewählten
Pathmos glücklich angelangt, mein liebster Schiller, und gefallen sich da?
Quod felix faustumque ist! Und mögen Ihnen auch, wie dem heil. Johannes
Theologus, - nur nicht ganz in seiner Manier – hohe Offenbarungen daselbst
zu teil werden!!
Es ist mir dermalen aus Mangel an Zeit usw.
nicht möglich, mich mit Ihnen länger zu unterhalten; ich reserviere mir
diesfalls reservanda auf ein andermal und begleite diesmal die
beikommenden Pakte und Päktlein nur mit einem Gruß von uns allen und der
Nachricht, dass wir gestern vor acht Tagen einen ganz goldnen
paradiesischen Tag in den Gärten von Belvedere zugebracht und da nicht nur
an Sie gedacht, sondern Sie herzlich zu uns gewünscht, und – wenigstens
ich für meinen Teil – ein wenig über den Kakodämon geflucht haben, der
Ihnen eine so dicken Flor vor die Augen zog, nicht zusehen, dass Sie Ihre
Wohnung nur zu Belvedere aufzuschlagen brauchten, um alle Vorteile der
Einsamkeit mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens zu haben und uns doch
nahe genug zu belieben, dass wir uns wenigstens alle vierzehn Tage hätten
sehen können. Doch es geschehe des Schicksals Wille in allen Dingen.
Hoffentlich wird es auf seinen ehernen oder diamantnen Tafeln auch
geschrieben stehen, dass Sie bald wieder zu uns kehren; denn nun, da Sie
weg sind, ist mir, ich hätte unendlich viel mit Ihnen zu reden und
abzutun, wiewohl ich, da Sie bei uns waren, so übel von der Gelegenheit
profitiert habe.
Von Ihrem innern Berufe haben Sie mich,
mein Bester, in Ihrer beinahe allzu ernsthaften Deduktion so vollkommen
überzeugt, dass, wenn ich über ein hübsches Mädchen mit zwanzigtausend
Talern zu disponieren hätte, ich heute noch einspannen lassen und sie
Ihnen zuführen wollte.
Den Merkur lege ich Ihnen so nahe ans Herz
als möglich und umarme Sie schließlich mit warmen Wünschen für Ihr
Wohlbefinden und Vergnügen, als ewig der Ihrige
Weimar, den 2. Juni 1788.
Wieland.“
„Lieber Herr und Freund! Dass Sie mich und
den armen Merkur ganz vergessen zu haben scheinen, sehe ich als ein
Zeichen an, dass Ihnen in Ihrer schönen Einsamkeit wohl ist, und dass Sie
sich in irgend eine neue Region auf, über oder unter der Erde
hineingearbeitet und darin zu sehr vertieft haben, um noch an etwas
anderes denken zu können. Bei alledem dringt mich die Not, Sie an das
freundliche und, so viel ich mich erinnere, ganz positive Versprechen zu
erinnern, womit Sie mich bei Ihrer Abreise getröstet haben. Ich muss
diesen Monat Junius beinahe ganz allein bestreiten, und mit dem Julius und
August wird es nicht besser gehen. Mir ist leid, dass ich genötigt bin,
Ihr Mitleiden zu erregen. Es ist noch nicht sehr lange, dass Sie die Idee
hatten, sich für den Merkur mit mir zu verbinden und ihm eine neue Gestalt
geben zu helfen. Auch diese Idee scheint sich von Ihnen entfernt zu haben.
Überlegen Sie indessen die Sache in der Stille, worin Sie jetzt leben, und
schreiben mir das Resultat Ihrer Betrachtungen und Kalküls. Wenn etwas
dergleichen geschehen soll, so muss es dem Publiko wenigstens ein
Vierteljahr vor dem Schlusse dieses Jahres angekündigt werden können, und
wir müssten also bald dazu tun. Verzeihen sie, Lieber, meine
Zudringlichkeit. Ich bin zuweilen stark versucht, Sie einmal in Ihrem
Dörfchen zu überraschen. Die größte Schwierigkeit liegt bloß darin, wo ich
die Zeit hernehmen soll; denn ich bin in der Tat mitten unter
unaufhörlichen, gewöhnlichen und zufälligen Abhaltungen und Zerstreuungen
mit Arbeit so überhäuft, dass ich nicht weiß, was endlich aus mir werden
wird. Anstatt dass so viel, was ich schon getan habe, mir einige Ruhe für
mein Alter verschaffen sollte, nimmt die Drudgery vielmehr mit jedem Jahre
zu. – Doch keine Klage noch Empörung gegen die eiserne Notwendigkeit und
die diamantne Spindel der großen Pepromene!
Leben sie wohl, liebster Freund, und
vergessen uns nicht ganz. Wir sprechen fast alle Tage von Ihnen und
vermissen Sie oft. Meine Frau und das ganze Haus lässt Ihnen durch mich
recht viel Freundliches sagen. Noch einmal, leben Sie wohl. Ich umarme Sie
von ganzem Herzen.
Weimar, den … Junius 1788.
Wieland.“
„Meine Zeit, liebster Schiller, misst sich
noch immer nach Augenblicken, und ich habe davon Laune genug übrig, um Sie
einmal wieder an mich zu erinnern, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen
und Ihnen meinen Dank für Ihren neulichen trefflichen Beitrag zum Merkur
wenigstens mit zwei Worten zu erkennen zu geben. Ich habe dieses Stück,
welches man eine kritische Geschichte der Genesis Ihres Don Karlos nennen
kann, mit unbeschreiblichem Vergnügen und neuer Bewunderung Ihres Geistes
gelesen; sie ist zugleich ein Muster der Apologie und Kritik, jene ohne
irgend einen geheimen Einfluss der Parteilichkeit gegen sich selbst, diese
so schafsinnig und tief gedacht, dass wenige Leser des Don Karlos sie
lesen werden, ohne sich zugleich belehrt und beschämt zu finden. Ich bin
nach der Fortsetzung sehr begierig und bitte Sie darum, was ich bitten
kann.
Man glaubt hier, Sie amüsierten sich sehr
gut in Ihrer Reträte, und legt einen Teil des Verdienstes, Ihnen diesen
Secessum angenehm gemacht zu haben, auf die schönen oder doch auf eine
schöne Rudolfstädterin. Desto besser! – Ich habe in diesen vergangenen
vier Wochen ein zerstreuungsvolles Leben führen müssen, welches mich mit
meinen Arbeiten sehr in die Enge gebracht hat, so dass ich kaum weiß, wie
ich es machen soll, um den Kopf überm Wasser zu erhalten.
Meine ganze Familie empfiehlt sich Ihrem
Andenken und erfreut sich, wenn es Ihnen recht wohl ergeht, wünscht aber
doch mit mir, dass Weimar, das durch die Anwesenheit schon nicht viel
gewinnt, durch die Abwesenheit nicht gar zu viel bei Ihnen verlieren möge.
Ich umarme Sie, mein Freund, von ganzem Herzen.
Weimar, den 28. Julius 1788.
Wieland.“
„Lieber Herr und Freund! Omne rarum carum.
Je länger Sie mich auf Ihren Brief haben warten lassen, desto angenehmer
war es mir, endlich einmal wieder unter Ihrer Hand und Signatur zu lesen,
dass Sie mich noch leiben und in Ihrem Elysium oder Quasi-Elysium
wenigstens noch nicht aus dem Lethe getrunken haben. Mich freut, dass Sie
wohl sind, und dass wir etwas davon geahnet haben, dass es nicht bloß die
schönen Felsen, Berge und Täler um Rudolfstadt sind, die Sie in diesen
Gegenden so lang bezaubert halten.
Mit uns geht es immer im gewöhnlichen Train
fort, außer dass ich, seitdem die berühmte Reise nach Italien angetreten
worden, d.i. seit vierundzwanzig Tagen, um ein gut Teil mehr Muße habe,
meinen vielen Arbeiten obzuliegen. Apropos meiner Arbeiten danke ich Ihnen
mit Mund und Hand für die überschickten Beiträge zum Merkur. Was Sie mir
noch zu schicken versprechen, soll eben so willkommen sein. Mir ist lieb,
dass Sie den platten Grafen Leopold für seine, selbst eines Dorfpfarrers
im Lande Handeln unwürdige Querelen über Ihre griechischen Götter ein
wenig heimschicken wollen. Ich hatte gehofft, der Mann würde sich seines
Herrgotts in einer tüchtigen Ode, oder doch in einem archilochischen
Jamben annehmen; aber er wird, wie es scheint, immer prosaischer, und es
ist wirklich erbärmlich, zu sehen, was er für Schlüsse macht. Aber so
rächt sich die Philosophie an den Poeten, die von Jugend an ohne sie
auszukommen sich gewöhnt haben.
In meinem Hause werden Sie Lücken finden,
wenn Sie wieder kommen. Amalia ist heute vor vierzehn Tagen zu Osmannstädt
mit ihrem trauten Liebeskind verkettet worden, und Karolinen steht in
vierzehn Tagen das nämliche mit Diakonus Schorcht in Jena bevor. Wie Sie
sehen, mein Bester, werden zu Realisierung Ihres guten Wunsches alle von
uns abhangenden Anstalten gemacht.
Ich muss abbrechen. In meiner Lage erwarten
Sie doch ohnehin weder witzige, noch gelehrte, noch interessante Briefe
von mir. Fuhr- und Avisbriefe sind das einzige, wozu ich Zeit habe – der
Fehler ist nur, dass sie nicht viel zu bedeuten haben.
Leben Sie wohl et res tuas feliciter age.
Meine ganze Familie empfiehlt sich Ihrem Andenken und erfreut sich mit
einem beinahe heroischen Uneigennutz, dass es Ihnen in R. so wohl gefällt,
dass Sie das Wiederkommen vergessen zu haben scheinen.
Weimar, den 15. September 1788.
Wieland.“
In der Mitte Novembers kehrte Schiller nach Weimar
zurück. Pläne und Arbeiten, vielleicht auch eine zarte Rücksicht gegen
meine Schwester, da das Publikum sich schon mit dem Gerücht von einer
Heirat trug, zu deren Realisierung sich doch noch keine Aussicht zeigte,
bewogen ihn dazu. Zudem schnitt der Winter den Landaufenthalt ab; er
wohnte in den letzten Wochen schon in der Stadt. Wir selbst mussten
wünschen, dass Schiller nicht länger einen lebhafteren, wissenschaftlichen
Umgang und literarischen Verkehr entbehre, so schmerzlich uns auch der
Verlust seines Umgangs war.
Einige Billets, von seinem Dorfe aus an meine
Schwester an mich, oder an uns beide gerichtet, mögen diese Zeit noch
bezeichnen. Zu erfahren, wie ein ausgezeichneter Mensch liebt und das
dauernde innigste Verhältnis, die Ehe, behandelt, ist immer wichtig und
dient oft, seinen sittlichen Wert zu bestimmen.
An Karoline von B.
(Volkstädt, 26. Mai)
„Ich hoffe, dass Ihnen allen die gestrige
Partie so gut bekommen sei, wie mir. Es war ein gar lieblicher,
vertraulicher Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten Hoffnungen
gibt. Mehr solche Abende und in so lieber Gesellschaft – mehr verlange ich
nicht.
Rudolfstadt, und diese Gegend überhaupt,
soll, wie ich hoffe, der Hain der Diane für mich werden; denn seit
geraumer Zeit geht mir’s wie dem Orest in Goethens Iphigenia, den die
Eumeniden herumtreiben. Den Muttermord freilich abgerechnet, und statt der
Eumeniden etwas andres gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist. Sie
werden die Stelle der wohltätigen Göttinnen bei mir vertreten und mich vor
den bösen Unterirdischen beschützen.
Diesen Abend werde ich Sie wohl schwerlich
sehen. Ich tauge heute gar nicht unter Menschen, und unter solche, die ich
liebe, noch weit weniger. Sie werden es auch diesem kleinen Pröbchen
anmerken. Nichts ist in meinen Augen unverzeihlicher, als einen Zirkel von
Fröhlichen mit seinem schwerfälligen Humor zu stören – und diese
Wandelbarkeit der Laune ist leider ein Fluch, der auf allen Musensöhnen
ruht.
Gedenken Sie meiner in der Gesellschaft, wo
Sie sind, und empfehlen Sie mich Herrn von Knebel recht schön, wenn ich
ihn vielleicht nicht mehr sehen sollte. Bitten Sie ihn, seines
Versprechens zu gedenken. Haben Sie für morgen etwas beschlossen, wonach
ich mich allenfalls zu richten habe, so haben Sie die Güte, es mich durch
die zurückgehende Estaffette wissen zu lassen.
Leben Sie recht wohl!
Schiller.“
„Haben Sie tausend Dank für Ihr liebes
Andenken an mich armen verlassenen Robinson. Schon war ich dreimal im
Begriff, mich hinzusetzen und Sie fußfälligst um die Geschichte der
schönen Melusine, oder den gehörten Siegfried zu bitten, damit diese
Zentnerlast von Langeweile von mir abgewälzt würde. Um so besser nun, dass
ich durch die überschickten Pakete Stoff, vorzüglich aber durch die
Versicherung, dass Sie meiner gedachten, Freude zum Leben erhalten.
Der alte Wieland hat meiner auch gedacht
und mir einen sehr jovialischen Brief geschrieben.
Aus Leipzig habe ich neun Bogen von meiner
Geschichte der Niederlande erhalten, die ich Ihnen vielleicht morgen (weil
Sie mir erlauben, zu kommen) mitteilen werde. Kurz, von allerlei Orten und
Menschen habe ich Lebenszeichen erhalten.
Mögen Sie recht sehr vergnügt sein bis
morgen. Glauben Sie mir, meine Teuersten, dass auch mir der Gedanke, Sie
so nahe zu wissen, ohne unter Ihnen sein zu können, unleidlich war. Sie
sind meinem Herzen schon so viel – und der Winter wird so bald da sein!
Wie wird das werden?
Leben Sie recht wohl, und recht schöne
Empfehlungen der Mama und Herrn von B. Ihr
Fr.“
An Lottchen von Lengefeld
nach Kochberg.4)
(Rudolfstadt, 3. September.)
„Ihre Billets haben mir einen recht schönen
Morgen gemacht. Gestern schlief ich mit der schönen Hoffnung ein, dass ich
heute etwas von Ihnen sehen würde, und Sie haben sie mir erfüllt. Dass Sie
gestern mit der Botenfrau nicht schrieben, hat uns etwas gewundert, und
fast hätt’ es uns betrübt; aber wir haben es uns erklärt, so gut wir
konnten.
Könnte ich doch zur Verschönerung Ihres
Lebens etwas tun! Ich glaube, ich würde das meinige dann selbst mehr
lieben. Was ist edler und was ist angenehmer, als einer schönen Seele den
Genuss ihrer selbst zu geben; und was könnte ich mehr wünschen, als die
lieblichen Gestalten Ihres Geistes anzuschauen und immer und immer um mich
her zu fühlen! Sie sind nicht allein glücklich, wenn Sie es sind.
So leicht kann ich mich nicht in die
Notwendigkeit ergeben, wie Sie, wie es überhaupt Ihr Geschlecht kann. Ich
meine immer, ich müsse das Schicksal zwingen, das mich aus Ihrem Zirkel
reißen will.
Es freut mich, wenn Sie diejenigen Stücke
von mir, die mir selbst lieb sind, lieb gewinnen und sich gleichsam zu
eigen machen; dadurch werden unsre Seelen immer mehr und mehr aneinander
gebunden werden.
Ich sehe diese Stücke als die Garants
unserer Freundschaft an; es sind abgerissene Stücke meines Wesens, und es
ist ein entzückender Gedanke für mich, sie in das Ihrige übergegangen zu
sehen, sie in Ihnen wieder anzuschauen und als Blumen, die ich pflanzte,
wieder zu erkennen.
Leben Sie recht wohl, bestes L. Ich möchte
gar gerne noch viel mit Ihnen reden; aber ich fürchte in einen Text zu
geraten, woraus kein Ausgang ist.
Gestern lasen wir in der Odyssee, und eine
Szene aus den Phönikierinnen des Euripides hätte uns bald Tränen gekostet.
Kommen Sie doch nicht so gar spät wieder!
Adieu! Adieu!
S.“
An Lottchen.
(Rudolfstadt, 13. Oktober)
„Sie sind uns heute um eine Stunde näher;
das freut mich, wenn ich Sie auch schon nicht sehe. Unter fremden
Gesichtern (wo mir überhaupt nie wohl ist) würden wir uns doch nichts sein
können. Mir ist nur lieb, dass von den acht Tagen, die Sie in Kochberg
zubringen sollen, schon 3 ½ um sind. Der Himmel wird auch von den übrigen
helfen.
Was soll die Parenthese in Ihrem Brief?
Hab’ ich gesagt, dass wir keine traulichen Abende mehr zusammen genießen?
Ich habe gesagt, dass die Abende anfangen kurz zu werden; und das ist Ihre
Schuld, nicht die unsrige.
Für Ihr Andenken und Ihren Brief danke ich
Ihnen recht schön. Ich bin also doch in Ihrer Erinnerung? Möchte ich nie
ganz darin verlöschen, oder daraus verdrungen werden! Bessere als ich
finden Sie überall, aber ich fordre jeden heraus, ob er’s besser als ich
mit Ihnen meint.
Genießen Sie noch recht schöne Tage in
Kochberg. Sie sind in sehr guten Händen. Ich habe die Stein sehr lieb
gewonnen, seit dem ich ihrem Geist mehr zugesehen habe. Ich leibe den
schönen Ernst in ihrem Charakter, sie hat Interesse für das, was sie für
wahr hält und was edel ist. Viele Menschen sterben, ohne je was davon zu
ahnen. Auch an Ihnen liebe ich diese Mischung von Lebhaftigkeit und Ernst
und habe beidem schon sehr schöne Stunden zu verdanken.
Adieu, liebste Freundin. Bringen Sie mir
eine freundliche Miene zurück, wenn Sie wieder kommen. – Adieu.
S.“
An Lottchen.
(Rudolfstadt, November)
„Wüsste ich nur etwas, womit ich Sie ebenso
schön an mich erinnern könnte, als Ihre schöne Zeichnung Ihr Bild bei mir
lebendig halten wird. Dies bedarf zwar keiner äußerlichen Hilfe; aber
alles Gute und Schöne, wie Sie schon aus dem lieben Evangelium wissen, hat
wie die Sakramente eine unsichtbare Wirkung und ein sichtbares Zeichen.
Die Zeichnung wird meinem Schreibtisch
gegenüber stehen, manchen stillen Abend von mir betrachtet werden und mir
das Bild derer zurückrufen, die mir hier so freundlich und wohltätig
vorübergeeilt sind. Noch einmal, haben sie recht schönen Dank dafür! Es
gibt mir eine gar angenehme Empfindung, zu wissen, dass sie sich mit etwas
beschäftigt haben, das mir Vergnügen machen würde.
Jetzt, da es sich dem Ziele nähert, mache
ich mir Vorwürfe, dass ich nicht besser mit den Augenblicken hausgehalten
habe, die ich bei Ihnen zubringen konnte. Oft meine ich, Ihnen viel, gar
viel gesagt zu haben, und doch finde ich zu andern Zeiten, dass ich noch
weit mehr hätte sagen können und sagen wollen. Wenn indessen nur der
gelegte Grund fest und massiv ist, so wird die liebe wohltätige Zeit noch
alles zur Reife bringen. Ich weiß und fühle, dass mein Andenken hier unter
Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.
Leben Sie recht wohl. Ich sehe Sie wohl
heute Abend nach Tisch noch?
Schiller.“
(Rudolfstadt, 10. November)
„Dank Ihnen beiden, dass Sie einen
freundlichen Anteil an meinem Geburtstage nehmen. Mir wird er immer vor
vielen andern merkwürdig sein, weil Ihre Freundschaft in diesem Jahre für
mich aufblühte. Ich hoffe, er ist auch nicht der letzte, den ich unter
Ihnen erlebe und der mir durch Ihre liebevolle Teilnahme interessant
würde. Ich denke mit Verwunderung nach, was in einem Jahr doch alles
geschehen kann. Heute vor einem Jahr waren Sie für mich so gut als gar
nicht in der Welt – und jetzt sollte es mir schwer werden, mir die Welt
ohne Sie zu denken. Denken auch Sie immer wie heute, so ist unsre
Freundschaft unzerstörbar, wie unser Wesen!
Das sich mich in meiner Vermutung nicht
betrogen haben, das gestrige Gedicht5) würde
Sie interessieren, freut mich ungemein; es beweist mir, dass Ihre Seele
Empfindungen und Vorstellungsarten zugänglich und offen ist, die aus dem
innersten meines Wesens gegriffen sind. Dies ist eine starke
Gewährleistung unsrer wechselseitigen Harmonie, und jede Erfahrung, die
ich über diesen Punkt mache, ist mir heilig und wert.
Ich wollte wohl auch, dass Sie mir diesen
Tag mehr angehörten, als die Umstände es erlauben. Gegen 5 Uhr komme ich
gewiss – möchten wir alsdann nur nicht gestört werden. Adieu!
S.“
(Rudolfstadt, 11. November)
„Sie mischen mir da Süßes und Bittres so
durcheinander, dass ich nicht sagen kann, ob mehr dieses neue Zeichen
Ihrer Freundschaft und dies Pfand Ihres Andenkens mich rührt, als die
deutliche Vorstellung unsrer Trennung mich niederschlägt. Bis jetzt hatte
ich vermieden, einen Tag zu bestimmen, ob es gleich ei mir entschieden
war, dass es diese Woche sein müsste. Aber der Zufall kommt mir zur Hilfe,
und mir selbst erleichtert es diese Trennung, wenn ich Sie auch anderswo
weiß. Reisen Sie also morgen mit Ihrem Onkel.
Wir haben einander nichts mehr
anzuempfehlen, das nicht, wie ich gewiss hoffe, schon richtig und
entschieden ist. Ihr Andenken ist mir teuer, und teurer gewiss, als ich
Ihnen mit Worten gestanden habe, weil ich über Empfindungen nicht viel
Worte liebe. Auch das meinige, weiß ich, wird Ihnen wert sein. Leben Sie
recht wohl! Leben Sie glücklich!
Für Ihr schönes Geschenk dank’ ich Ihnen
sehr. Sie haben aus meiner Seele gestohlen, was mich freut. Sie haben mir
den Rudolfstädter Sommer in dieser Vase mitgegeben. Adieu! Adieu! Hindern
die Zurüstungen zu Ihrer morgenden Reise Sie nicht, so würde ich heute
einen Spaziergang vorschlagen – doch nein. Es würde mir ein trauriger
Spaziergang sein, und besser, wir haben uns gestern für einige Monate zum
letzten Mal gesehen.
Werden Sie mir gerne von Ihnen Nachricht
nach Weimar geben und mich dem Gang Ihrer Seelen auch abwesend folgen
lassen? Mit dem meinigen, hoffe ich, sollen Sie immer bekannt bleiben.
Haben Sie mir etwas nach Weimar aufzutragen?
Adieu! Adieu! Noch einmal Dank, tausend
Dank für die vielen, vielen Freuden, die Ihre Freundschaft mir hier
gewährt hat. Sie haben viel zu meiner Glückseligkeit getan, und immer
werde ich das Schicksal segnen, das mich hieher geführt hat.
Ewig Ihr
Schiller.“
(Rudolfstadt, 12. November)
„Eben seh’ ich Ihren Wagen herauffahren. Es
ist mir, als reisten wir miteinander. Ich möchte Sie doch gerne heute noch
sehen, wär’s auch nur von weitem, und einen Augenblick. Die Anstalten zur
Reise betäuben mich, und ich werde erst, wenn ich unterwegs bin, zu mir
selbst kommen.
Aber, beste Freundinnen, lassen Sie uns
diese Trennung nicht schwerer denken und machen, als sie ist. Die
Vorstellung unserer Wiedervereinigung steht hell und heiter vor mir. Alles
soll und wird mich darauf zurückführen. Alles wird mich an Sie erinnern
und mir teurer sein durch diese Erinnerung.
Möchte ich Sie doch von meiner innigen
Freundschaft so lebhaft überführt haben, als sie ein Teil meines Wesens
geworden ist. Ja, meine Lieben, Sie gehören zu meiner Seele, und nie werde
ich Sie verlieren, als wenn ich mir selbst fremd werde.
Adieu! Adieu! Leben Sie recht glücklich.
Denken Sie oft meiner und lassen Sie mich Ihnen nahe sein im Geiste.
Adieu! Adieu!
Ewig Ihr
Schiller.“
Ü
Þ
1)
7. Januar 1788.
2) Eine parkartige
Anlage auf dem rechten Ilmufer gegenüber dem Schloss.
3) Eine laubenartige
Parkanlage, von einer Wendeltreppe, die bis zu ihrer Höhe führte, so
genannt.
4) Ein Landgut der Frau
von Stein in der Nähe von Rudolfstadt.
5) Die Künstler.
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