Homepage
Literatur
Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Siebenter Abschnitt Anstellung in Jena. Verheiratung.
Wir wenden uns von der individuellen Lage, die die
vorhergehenden Briefe darstellen, nun zu den Nachrichten des trefflichen
Freundes Körner.
Als der Professor Eichhorn Jena verließ, war eben
Schillers Werk über den Abfall der Niederlande erschienen und versprach
viel von ihm für den Vortrag der Geschichte. Goethe und der Geheime Rat
von Voigt bewirkten daher seine Anstellung als Professor in Jena. Schiller
war dies allerdings erwünscht, aber zugleich überraschend, da er zu einem
solchen Lehramt noch eine Vorbereitung von einigen Jahren für nötig
gehalten hatte.
Seit seiner Abreise von Dresden bis zum Frühjahr
1789, als der Zeit, da er seine Professur in Jena antrat, beschäftigte ihn
hauptsächlich sein historisches Werk. Er schrieb darüber einem Freunde:
„Du glaubst kaum, wie zufrieden ich mit
meinem neuen Fach bin. Ahnung großer unbebauter Felder hat für mich so
viel Reizendes. Mit jedem Schritt gewinne ich an Ideen, und meine Seele
wird weiter mit ihrer Welt.“
Eine spätere Äußerung über den historischen Stil war
folgende:
„Das Interesse, welches die Geschichte des
peleponnesischen Krieges für die Griechen hatte, muss man jeder neuern
Geschichte, die man für die Neuern schreibt, zu geben suchen. Das eben ist
die Aufgabe, dass man seine Materialien so wählt und stellt, dass sie des
Schmucks nicht brauchen, um zu interessieren. Wir Neuern haben ein
Interesse an unsrer Gewalt, das kein Grieche und kein Römer gekannt hat
und dem das vaterländische Interesse bei weitem nicht beikommt. Das letzte
ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt.
Ein ganz andres Interesse ist es, jede merkwürdige Begebenheit, die mit
Menschen vorging, dem Menschen wichtig darzustellen. Es ist ein
armseliges, kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem
philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich. Dieser kann
bei einer so wandelbaren, zufälligen und willkürlichen Form der
Menschheit, bei einem Fragmente (und was ist die wichtigste Nation
anders?) nicht stille stehen. Er kann sich nicht weiter dafür erwärmen,
als soweit ihm diese Nation oder Nationalbegebenheit als Bedingung für den
Fortschritt der Gattung wichtig ist.“
Eine so begeisternde Ansicht der Geschichte machte
gleichwohl Schiller der Dichtkunst nicht untreu.
Seine poetischen Produkte in diesem Zeitraum waren
nicht zahlreich, aber bedeutend, und Fortschritte, sowohl in Ansehung der
Form als des Inhalts, zeigten sich sehr deutlich in den Göttern
Griechenlands und in den Künstlern. Auch beschäftigten ihn Pläne zu
künftigen poetischen Arbeiten. Die Idee, einige Situationen aus Wielands
Oberon als Oper zu behandeln, km nicht zur Ausführung. Länger verweilte
Schiller bei dem Gedanken, zu einem epischen Gedicht den Stoff aus dem
Leben des Königs Friedrich des Zweiten zu wählen. Es finden sich hierüber
in Schillers Briefen folgende Stellen:
„Die Idee, ein episches Gedicht aus einer
merkwürdigen Aktion Friedrichs des Zweiten zu machen, ist gar nicht zu
verwerfen, nur kommt sie für sechs bis acht Jahre für mich zu früh. Alle
Schwierigkeiten, die von der so nahen Modernität dieses Süjets entstehen,
und die anscheinende Unverträglichkeit des epischen Tons mit einem
gleichzeitigen Gegenstand, würden mich so sehr nicht schrecken. – Ein
episches Gedicht im achtzehnten Jahrhundert muss ein ganz anderes Ding
sein, als eines in der Kindheit der Welt. Und eben das ist’s, was mich an
diese Idee so anzieht. Unsere Sitten, der feinste Duft unserer
Philosophien, unsere Verfassungen, Häuslichkeit, Künste, kurz, alles muss
auf eine ungezwungene Art darin niedergelegt werden, und in einer schönen
harmonischen Freiheit leben, so wie in der Iliade alle Zweige der
griechischen Kultur usw. anschaulich leben. Ich bin auch gar nicht
abgeneigt mir eine Maschinerie dazu zu erfinden; denn ich möchte auch alle
Forderungen, die man an den epischen Dichter von Seiten der Form macht,
haarscharf erfüllen. Diese Maschinerie aber, die bei einem so modernen
Stoff, in einem so prosaischen Zeitalter die größte Schwierigkeit zu haben
scheint, kann das Interesse in einem hohem Grad erhöhen, wenn sie eben
diesem modernen Geist angepasst wird. Es rollen allerlei Ideen darüber in
meinem Kopf trüb durcheinander, aber es wird sich noch etwas Helles daraus
bilden. Aber welches Metrum ich dazu wählen würde, errätst Du wohl
schwerlich – kein anderes, als ottave rime. Alle andern, das jambische
ausgenommen, sind mir in den Tod zuwider; und wie angenehm müsste der
Ernst, das Erhabene in so leichten Fesseln spielen! Wie sehr der epische
Gehalt durch die weiche sanfte Form schöner Reime gewinnen! Singen muss
man es können wie die griechischen Bauern die Iliade, wie die Gondoliere
in Venedig die Stanzen aus dem befreiten Jerusalem. Auch über die Epoche
aus Friedrichs Leben, die ich wählen würde, habe ich nachgedacht. Ich
hätte gern eine unglückliche Situation, welche seinen Geist unendlich
poetischer entwickeln lässt. Die Haupthandlung müsste, womöglich, sehr
einfach und wenig verwickelt sein, dass das Ganze immer leicht zu
übersehen bleibe, wenn auch die Episoden noch so reichhaltig wären. Ich
würde darum immer sein ganzes Leben und sein Jahrhundert darin anschauen
lassen. Es gibt hier kein besseres Muster, als die Iliade.“
Wie sehr Schiller in dieser Periode seines Lebens
die echte Kritik ehrte und mit welcher Strenge er sich selbst behandelte,
ergibt sich aus folgenden Stellen seiner Briefe:
„Mein nächstes Stück,“ schreibt er, „das
schwerlich in den nächsten zwei Jahren erscheinen dürfte, muss meinen
dramatischen Beruf entschieden. Ich traue mir im Drama dennoch am
allermeisten zu, und ich weiß, worauf sich diese Zuversicht gründet. Bis
jetzt haben mich die Pläne die mich ein blinder Zufall wählen ließ, aufs
äußerste embarassiert, weil die Komposition zu weitläufig und zu kühn war.
Lass mich einmal einen simpeln Plan behandeln und darüber brüten.“
Wieland hatte ihm den Mangel an Leichtigkeit
vorgeworfen.
„Ich fühle,“ schreibt er darüber, „während
meiner Arbeiten nur zu sehr, dass er Recht hat; aber ich fühle auch, woran
der Fehler liegt, und dies lässt mich hoffen, dass ich mich sehr darin
verbessern kann. Die Ideen strömen mir nicht reich genug zu, so üppig
meine Arbeiten auch ausfallen, und meine Ideen sind nicht klar, ehe ich
schreibe. Fülle des Geistes und Herzens von seinem Gegenstand, eine lichte
Dämmerung der Ideen, ehe man sich hinsetzt, sie aufs Papier zu werfen, und
leichter Humor sind notwendige Requisiten zu dieser Eigenschaft; und wenn
ich es einmal mit mir selbst dahin bringe, dass ich jene drei
Erfordernisse besitze, so soll es mit der Leichtigkeit auch werden.“
Ein solches Streben, jede höhere Forderung zu
befriedigen, artete jedoch nie in kleinliche Ängstlichkeit aus. Über die
Freiheit des Dichters in der Wahl seines Stoffes schrieb er damals
Folgendes:
„Ich bin überzeugt, dass jedes Kunstwerk
nur sich selbst, das heißt, seiner eigenen Schönheitsregel Rechenschaft
geben darf, und keiner andern Forderung unterworfen ist. Hingegen glaube
ich auch festiglich, dass es gerade auf diesem Weg alle übrigen
Forderungen mittelbar befriedigen muss, weil sich jede Schönheit doch
endlich in allgemeine Wahrheit auflösen lässt. Der Dichter, der sich nur
Schönheit zum Zweck setzt, aber dieser heilig folgt, wird am Ende alle
andern Rücksichten, die er zu vernachlässigen schien, ohne dass er es will
oder weiß, gleichsam zur Zugabe mit erreicht haben, da im Gegenteil der,
der zwischen Schönheit und Moralität, oder was es sonst sei, unstet
flattert, oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt.“
In einem andern damaligen Brief findet sich folgende
Äußerung:
„Ihr Herren Kritiker, und wie ihr euch
sonst nennt, schämt oder fürchtet euch vor dem augenblicklichen,
vorübergehenden Wahnwitz, der sich bei allen eignen Schöpfern findet, und
dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von dem Träumer
unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil ihr zu früh
verwerft und zu streng sondert.“
Schillers folgende Briefe an uns sprachen ebenfalls
Zufriedenheit mit der neuen Lage aus, und wir hatten alle Ursache, uns der
Stellung unseres Freundes in äußern Leben zu freuen. Sein Lehramt begann
er auf eine sehr glänzende Art; über vierhundert Zuhörer strömten zu
seinen Vorlesungen.
Jena, den 30. Mai 1789
„Es ist lange, dass ich Ihnen keine
Nachricht von mir gegeben habe; aber die Zerstreuungen und Geschäfte,
womit ich mich bis jetzt überladen sah, machten mir alles ruhige Schreiben
unmöglich. Der Anfang meiner Vorlesungen fiel gerade in diese Woche und
überraschte mich fast unbereitet, weil ich in den ersten Wochen meines
Hierseins die Zeit sündlich verschwenden musste. Die erste Unruhe ist
jetzt vorüber, und ich kann wieder meinen Empfindungen leben.
Wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen! –
Aber die Hoffnung, die Sie mir dazu geben, ist so aufs Ungewisse
hinausgerückt und die Zeit, die Sie mir schenken wollen, so sparsam
zugemessen, dass Ihr vorletzter Brief mich nur halb fröhlich gemacht hat.
Ich war gar nicht darauf gefasst, in Ihrem Aufenthalte zu Lobeda
Hindernisse zu sehen, alle schien mir so leicht tunlich; und nun soll ich
mich mit zwei Tagen begnügen. Was kann man einander in zwei Tagen sein?
Mit dem Griesbachischen Hause bin ich jetzt
sehr in Verbindung; ich weiß nicht, wodurch ich mir den alten Kirchenrat
gewogen gemacht habe; aber er scheint es mit mir sehr gut zu meinen, und
über wissenschaftliche Dinge spreche ich nicht ungern mit ihm. Sonst habe
ich mich hier noch ziemlich gut, und mit dem Schützischen und
Reinholdischen Hause lebe ich noch in den Flitterwochen und lasse mir
schöne Sachen sagen. Einige unter den Professoren interessieren mich, und
ich denke gut und leicht mit ihnen zu leben. Unser hiesiges Frauenzimmer
taugt wenig – doch das hab’ ich vorher schon vermutet. Ich war unterdessen
auch auf einem Ball, wo ich allerlei Gesichter zu sehen kriegte. Eine
Mlle. Zickler war das hübscheste darunter, aber dabei auch das leerste und
seelenloseste. Ich nahm meine Zuflucht zum Spielen.
Vor acht oder zehn Tagen war ich Ihnen auch
um zwei Stunden näher, bei Rothenstein, nach Kahla zu, auf einem Berge,
der eine herrliche Aussicht über den Saalgrund bis zur Leuchtenburg
eröffnet. Ich habe dabei lebhaft an Sie gedacht, und der vorige Sommer kam
mir in Erinnerung. Aber wie ungleich war Ihnen die Gesellschaft, in der
ich jetzt war!
Übrigens führe ich ein behaglicheres Leben
in Jena als in Weimar, oder sonst irgendwo, wo ich mich häuslich
niedergelassen habe. Ich schöpfe Vergnügen aus dem Gedanken, dass ich hier
zu Hause bin, und hänge auch mehr mit der Welt zusammen, die mich umgibt,
weil ich hier zu einem Ganzen gehöre. Jeder Besuch von jungen Leuten oder
Professoren, jede andre Angelegenheit, in die ich dadurch verwickelt
werde, bringt diesen Gedanken zurück und erneuert dieses für mich neue
Vergnügen.
In meine Lage weiß ich mich ziemlich gut zu
finden, und meine Contenance hat mich bei den ersten Vorlesungen keinen
Augenblick verlassen. Der Zulauf war groß, und dies vermehrte meinen Mut;
auch meine Stimme hat sich gut gehalten und den ganzen Hörsaal ausgefüllt,
ohne mich zu sehr anzustrengen. Ich lese zwei Tage hintereinander, und
dann die Woche nicht mehr – wodurch ich fünf freie Tage gewinne, die mir
zur Vorbereitung und zu schriftstellerischen Arbeiten unentbehrlich sind.
In Griesbachs Auditorium, wo ich lese, können Sie mich hören, wenn Sie
hieher kommen und zum Fenster heraussehen, Dienstag und Mittwoch Abends
von 6 bi s7 Uhr.
Für die Pfefferkuchen schönen Dank, sie
sollen mir recht wohl schmecken. Schreiben Sie Beulwitz viele Grüße von
mir und empfehlen Sie mich Ihrer Mutter. Gleichen und seiner Frau
überbringen Sie meinen freundlichen Glückwunsch. Kommt das neue Ehepaar
einmal nach Jena, so will ich hoffen, dass sie mich nicht übergehen.
Adieu! Adieu! Ich schicke Ihnen hier etwas zu lesen, wenn Sie es noch
nicht kenne. Das große Gedicht an Bürgers zweite Frau hat ganz
vortreffliche Stellen.
Leben Sie recht wohl und behalten mich
lieb.
Schiller.
Die Bürgerischen Gedichte sind
zurückgeblieben. Ich soll sie rezensieren, und dazu brauche ich das
Exemplar.
Im Julius reisten wir über Jena, um unsre Freundin
Karoline von Dachröden von dem Gute ihres Vaters zur Badekur nach
Lauchstädt abzuholen. Seit der persönlichen Bekanntschaft in Erfurt hatte
sich eine innige Freundschaft unter uns angeknüpft, die durch unser ganzes
Leben in gleicher Wärme und Treue bestand und aus der sich mancherlei
Verhältnisse, auch für Schiller, entspannen. Sie machte ihn mit der großen
Neigung und Achtung bekannt, die der Koadjutor von Mainz, Freiherr von
Dalberg, für seine Schriften gefasst, und erregte den Wunsch in Schiller,
sich diesem Manne näher bekannt zu machen.
Wir hatten in Jena einen Tag bei unserer gütigen
Freundin Griesbach in ihrem anmutigen Garten mit Schiller verlebt. Er
dachte uns auch in Lauchstädt zu besuchen; doch waren seine Plane noch
unbestimmt. Folgender Brief an meine Schwester zeigt seine damalige
Stimmung.
An Lottchen von Lengefeld.
Jena, den 24. Julius 1789
„Beinahe möchte ich mich des Zufalls
freuen, der Ihren ersten Brief an mich – den ich nunmehr auch habe –
verspätet hat, weil er Ihnen Gelegenheit gab, mich aufs neue von Ihrer
Freundschaft zu überzeugen, die ich zwar nie bezweifle, aber auch nicht zu
viel bestätigt hören kann. Wie sehr danke ich es Ihnen, meine liebste
Freundin, dass Sie meiner gedacht haben, und dass Sie mir Beweise davon
gegeben haben. In Gedanken uns nahe sein zu dürfen, ist ja beinahe alles,
was das Schicksal uns zu gönnen scheint. Ihr letzter Aufenthalt in Jena
war für mich nur ein Traum – und kein ganz fröhlicher Traum; denn nie
hatte ich Ihnen so viel sagen wollen, als damals, und nie habe ich weniger
gesagt. Was ich bei mir behalten musste, drückte mich nieder; ich wurde
Ihres Anblicks nicht froh. So oft ist mir dieses schon begegnet, und nicht
immer konnte ich äußerliche Hinderungen anklagen. Kaum sollte man es
denken, dass oft auch die übereinstimmendsten Menschen – die einander so
schnell und leicht auffassen und so lebendig ineinander leben – wieder
einen so weiten Weg zu einander haben. So nah und doch so ferne! –
Ihre Empfindungen an diesem Abend waren
eine dunkle Ahndung von den meinigen, und ich wünschte, sie wären ein
Abdruck davon gewesen, so hätten Sie mich ohne Worte verstanden, und alle
die Menschen und menschenähnlichen Wesen um uns her hätten unsre Sprache
nicht gestört. Ich hatte in meinem Karlos eine Stelle, die ich mit der
ganzen Szene, worin sie stand, weggelassen habe. Diese Stelle drückt am
besten aus, was ich hier meine.
… Schlimm, dass der Gedanke
Erst in der Worte tote Elemente
Zersplittern muss, die Seele sich im Schalle
Verkörpern muss, der Seele zu erscheinen.
Den treuen Spiegel halte mir vor Augen,
Der meine Seele ganz empfängt und ganz
Sie wiedergibt; dann, dann hast du genug,
Das Rätsel meines Lebens aufzuklären!
Ihre Freundin muss ein edles und liebes
Geschöpf sein, wenn sie dem Bilde gleicht, das ich mir, nach Ihrer und
Ihrer Schwester Beschreibung, von ihr gemacht habe. Ich wäre sehr
begierig, sie zu sehen und zu beobachten, wie sich Ihre drei Charakter
ineinander mischen. Aber ich fürchte, ich würde ein schlechter Beobachter
sein – ich würde lieber daran Anteil nehmen. Was für ein schönes Leben,
wenn dieses Lauchstädt eine von den glücklichen Inseln in der Fabel wäre,
jedem andern Menschen, als den wir alsdann noch vermissten, unzugänglich!
Sie glauben es nicht, liebste Freundin, wie
viel Mut ich brauche, um dieses freudenlose Dasein hier fortzusetzen – und
bloß allein von den Gütern der Phantasie zu leben. Hier ist auch gar kein
Mensch, an den ich mich als Freund anschließen könnte. Ich bin wie einer,
der an eine fremde Küste verschlagen worden und die Sprache des Landes
nicht versteht. Meinem Herzen fehlt es ganz und gar an Nahrung, an einer
beseelenden Berührung, und durch keinen Gegenstand um mich her geübt, der
mir teuer wäre, verzehrt sich mein Gefühl an wesenlosen Idealen.
Aber warum schreibe ich Ihnen solche Dinge?
Ich denke hier nur auf mich selbst und sollte mich Ihrer angenehmen
Existenz in L. vielmehr freuen. Denken Sie noch ferner an mich, wenn Sie
vergnügt in Ihrem kleinen Zirkel sind. Ich werde mich oft unter Sie
versetzen.
Dass ich noch nicht bestimmen kann, ob ich
Sie in Lauchstädt sehe, wird Ihnen Karoline sagen. Aber ich werde tun, was
möglich ist, um diese Hinderung zu entfernen. Auf jeden Fall kann Ihre
Zurückkunft über Jena mit der Anwesenheit meiner Freunde zusammentreffen.
Auch Frau von Kalb wird vermutlich alsdann hier sie sehen. Sie wünscht
sehr, Sie und Ihre Schwester zu sehen.
Leben Sie wohl und empfehlen Sie mich Ihrer
zweiten Schwester, die mir unter diesem Namen sehr wert und teuer ist.
Diesen verwirrten Brief verzeihen Sie mir. Ich hätte gar nicht schreiben
dürfen, oder der Brief musste so ausfallen, wie er ist. Adieu! Adieu!
Schiller.“
Nach diesem Briefe kam Schiller in Lauchstädt an;
der Plan, mit seinem Freund Körner in Leipzig zusammen zu treffen, gab den
Schein der Absichtslosigkeit.
Die Erklärung erfolgte in einem Momente des
befreiten Herzens, den herbeizuführen ein guter Genius wirksam sein muss.
Meine Schwester bekannte ihm ihre Liebe und versprach ihm ihre Hand.
Die Zufriedenheit der guten Mutter, die uns heilig
war, hofften wir, obgleich die äußere Lage wohl noch Bedenken bei ihr
erregen konnte. Um ihr unnötige Sorge zu ersparen, sollte noch alles für
sie geheim bleiben, bis Schiller eines kleine fixen Gehalts gewiss würde,
der seine Existenz in Jena sicherte; einen solchen Konnten wir von dem
Herzog von Weimar erwarten. Meine Schwester fühlte die Unmöglichkeit, ohne
Schiller zu leben. Einem andern Verhältnis, das sich ankündigte, war sie
durchaus abgeneigt. Schillers ganzes Herz, alle seine Hoffnungen für das
Leben hingen an dieser Aussicht. Bei unsern einfachen Gewohnheiten,
entfernt von Ansprüchen an äußern Glanz, sah ich in eine sorgenlose
Zukunft für meine Schwester und freute mich lebhaft der Hoffnung auf ein
öfteres Zusammenleben mit meinem Freunde, in einem so nahen Verhältnisse.
Wir lernten Körner in Leipzig kennen, und selbst in
einem sehr flüchtigen Zusammensein fühlten wir, wie sehr er Schillers
Freundschaft verdiene. Auch unsere liebenswürdige Freundin wurde Schiller
sehr wert. Unser vereintes Leben in Lauchstädt war, die Sorge wegen eines
heftigen Krankheitsanfalles, der die Freundin traf, abgerechnet, sehr
heiter. Hier las uns zuerst ein Bekannter den Sturm auf die Bastille mit
Enthusiasmus vor. Wir erinnerten uns oft in späterer Zeit, als dieser
Begebenheit die Umwälzung und Erschütterung von ganz Europa folgte und die
Revolution in jedes einzelne Leben eingriff, wie diese Zertrümmerung eines
Monumentes finsterer Despotie unserem jugendlichen Sinne als ein Vorbote
des Sieges der Freiheit über die Tyrannei erschien und wie es uns
erfreute, dass sie in das Beginnen schöner Herzensverhältnisse fiel.
Schiller wollte die Ferien in Rudolstadt zubringen.
Wie seine Seele in neuer fröhlicher Lebenshoffnung aufflammte, sprechen
seine Briefe aus. Einige unter vielen, deren zarte Innigkeit das
Öffentliche scheut, folgen hier.
An Lottchen von Lengefeld.
Dienstag abends, den 25.
August 1789
„Wie schön bin ich heute erweckt worden!
Das erste, worauf mein Auge fiel, waren Briefe von Dir. Mit dem Gedanken
schlief ich ein, heute welche zu erhalten. An diesen periodischen Freuden
werde ich künftig alle meine Zeit abzählen, bis uns endlich dieser
dürftige Behelf nicht mehr nötig ist.
Aber wie ungenügsam sind doch unsre
Wünsche! Wie viel hätte ich noch vor einem Monat um die bloße Hoffnung
dessen gegeben, was jetzt schon in Erfüllung gegangen ist! Um einen
einzigen Blick in Deine Seele! Und jetzt, da ich alles darin lese, was
mein Herz sich so lange wünschte, eilt mein Verlangen der Zukunft vor, und
ich erschrecke über den langen Zeitraum, der uns noch trennen soll. Wie
kurz ist der Frühling des Lebens, die Blütenzeit des Geistes! Und von
diesem kurzen Frühling soll ich – Jahre vielleicht noch verlieren, ehe ich
das besitze, was mein ist. Unerschöpflich ist die Liebe – und wenig sind
der Tage des Lenzes!
In einer neuen schöneren Welt schwebt meine
Seele, seitdem ich weiß, dass Du mein bist, teure liebe Lotte, seitdem Du
Deine Seele mir entgegen trugst. Mit langen Zweifeln ließest Du mich
ringen, und ich weiß nicht, welche seltsame Kälte ich oft in Dir zu
bemerken glaubte, die meine glühenden Geständnisse in mein Herz zurück
zwang. Ein wohltätiger Engel war mir Karoline, die meinem furchtsamen
Geheimnis so schön entgegenkam. Ich habe Dir unrecht getan, teure Lotte.
Die stille Ruhe Deiner Empfindung habe ich verkannt und einem abgemessenen
Betragen zugeschrieben, das meine Wünsche von Dir entfernen sollte. O, Du
musst sie mir noch erzählen, die Geschichte unserer werdenden Liebe. Aber
aus Deinem Munde will ich sie hören.
Es war ein schneller, und doch so sanfter
Übergang! Was wir einander gestanden, waren wir einander längst; aber
jetzt erst genieße ich alle unsere vergangenen Stunden. Ich durchlebe sie
noch einmal, und alles zeigt sich mir jetzt in einem schöneren Lichte.
Wie gut kommt mir der glückliche Wahnsinn
jetzt zu statten, der mich so oft aus der Gegenwart entrückte! Die
Gegenwart ist leer und traurig um mich herum – und in ungeborenen Fernen
blühen meine Freuden. Ich kann mir die Resignation, die Genügsamkeit nicht
geben, die eine Stärke weiblicher Seelen ist. Ungeduldig strebt die
meinige, alles zu vollenden, was noch nicht vollendet ist. Du siehst ruhig
der Zukunft entgegen – das vermag ich nicht.
Aber mündlich davon mehr. Wie viel werden
wir diesen Herbst noch miteinander zu berichtigen haben! Ich will alles
tun, um ihn zu beschleunigen. Wolzogens Brief folgt hier zurück. Er machte
mir sehr viel Freude. Seine Anhänglichkeit ist so innig, und nichts
Fremdes hat sich noch in sein Wesen gemischt. Er ist ein gar guter Mensch;
ich wünschte, dass er um uns leben könnte.
Lebe wohl, teure liebe Lotte, und denke,
dass für mich keine Freude ist, als bis ich wieder Briefe von Dir sehe.
Adieu! Meine Liebe
S.“
An Lottchen von Lengefeld.
Jena, 1. September
„Ich eile jetzt ganz gewaltig, und meine
Studenten freuen sich ordentlich, wie schnell es geht. Ganze Jahrhunderte
fliegen hinter uns zurück. Morgen bin ich schon mit dem Alkibiades fertig,
und es geht mit schnellen Schritten dem Alexander zu, mit dem ich aufhöre.
Unser Plutarch tut mir jetzt gar gute Dienste; aber freilich habe ich
jetzt auch mehr Gelegenheit, mich über ihn zu ärgern. Einige Vorlesungen
will ich dir doch zum Spaß mitbringen, die etwas Interessantes für Dich
haben können. Die erste, welche in den Deutschen Merkur kommt, liesest Du
ohnehin.
Auf die Voyages d’Anacharsis bin ich sehr
begierig. Sie sind ein sehr zuverlässiges historisches Werk, und nichts
als die Einkleidung ist poetisch. Ich verspreche mir große Genüsse davon.
Von Gibbon habe ich einige neue Teile erhalten und den Abschnitt von der
Ausbreitung des Christentums angefangen, der mich aber noch nicht recht
interessieren will.
Ach! Wie schön wird es in der Zukunft sein,
wenn wir alle Schriften dieser Art gemeinschaftlich miteinander genießen
und jedes Gute und Schöne darin, veredelt durch das Gepräge, das wir
darauf drücken, in unsern Seelen niederlegen; wenn alles unter uns
gemeinschaftlich sein wird, bis auf die Erwerbungen unseres Geistes!
Schlaf wohl, liebste Teuerste. Es ist schon
sehr spät, und ich muss morgen früh auf sein. Übermorgen, denke ich, habt
ihr diesen Brief, und ich auf den Sonnabend wieder einen von Dir. Noch
vier Briefe, und wir sind wieder beieinander. Adieu! Adieu! Diesen Kuss
bringe Dir der gute Engel unsrer Liebe! Adieu!
S.“
An Lottchen von Lengefeld.
Donnerstag abends, den 10.
September 1789
„Wieder ein Tag überstanden, um den ich Dir
näher bin. – Wie langsam schleicht jetzt die Zeit, und wie unerbittlich
schnell wird sie mir bei dir vorübereilen! Wäre indessen die Periode nur
da, wo wir uns bloß über die Flüchtigkeit des Lebens zu beklagen hätten! O
meine Teure! Wie so anders ist jetzt alles um mich her, seitdem mir auf
jedem Schritt meines Lebens nur Dein Bild begegnet! Wie eine Glorie
schwebt Deine Liebe um mich, wie ein schöner Duft hat sie mir die ganze
Natur überkleidet. Ich komme von einem Spaziergang zurück. In dem großen
freien Raume der Natur, wie in meinem einsamen Zimmer – es ist immer
derselbe Äther, in dem ich mich bewege, und die schönste Landschaft ist
ein schönerer Spiegel der immer bleibenden Gestalt. Nie hab’ ich es noch
so sehr empfunden, wie frei unsere Seele mit der ganzen Schöpfung schaltet
– wie wenig sie doch für sich selbst zu geben imstande ist und alles,
alles von der Seele empfängt. Nur durch das, was wir ihr leihen, reizt und
entzückt uns die Natur. Die Anmut, in die sie sich kleidet, ist nur der
Widerschein der innern Anmut in der Seele ihres Beschauers, und großmütig
küssen wir den Spiegel, der uns mit unserm eigenen Bilde überrascht. Wer
würde auch sonst das ewige Einerlei ihrer Erscheinungen ertragen, die
ewige Nachahmung ihrer selbst! Nur durch den Menschen wird sie
mannigfaltig, nur darum, weil wir uns verneuen, wird sie neu. Wie oft ging
mir die Sonne unter, und wie oft hat meine Phantasie ihr Sprache und Seele
geliehen! Aber nie, nie, als jetzt, hab’ ich in ihr meine Liebe gelesen.
Bewundernswert ist mir doch immer die erhabene Einfachheit und dann wieder
die reiche Fülle der Natur. Ein einziger und immer derselbe Feuerball
hängt über uns – und er wird millionenfach verschieden gesehen von
Millionen Geschöpfen, und von demselben Geschöpf wieder tausendfach
anders. Er darf ruhen, weil der menschliche Geist sich statt seiner bewegt
– und so liegt alles in toter Ruhe um uns herum, und nichts lebt als
unsere Seele. Und wie wohltätig ist uns doch wieder diese Identität,
dieses gleichförmige Beharren der Natur! Wenn uns Leidenschaft, innerer
und äußerer Tumult lang genug hin und her geworfen, wenn wir uns selbst
verloren haben, so finden wir sie immer als die nämliche wieder, und uns
in ihr. Auf unserer Flucht durch das Leben legen wir jede genossene Lust,
jede Gestalt unseres wandelbaren Wesens in ihre treue Hand nieder, und
wohlbehalten gibt sie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen
und sie wieder fordern. Wie unglücklich wären wir, wir, die es so nötig
haben, auch die Freuden der Vergangenheit haushälterisch zu unserem
Eigentum zu schlagen, wenn wir diese fliehenden Schätze nicht bei dieser
unveränderlichen Freundin in Sicherheit bringen könnten! Unsere ganze
Persönlichkeit haben wir ihr zu danken; denn würde sie morgen umgeschaffen
vor uns stehen, so würden wir umsonst unser gestriges Selbst wieder
suchen. Aber ich lasse mich von meinen Träumereien fortreißen, da ich dir
doch weit bessere Dingen sagen könnte. Die Erinnerung an Dich führt mich
auf alles, weil alles wieder ich an Dich erinnert. Auch hab’ ich nie so
frei und kühn die Gedankenwelt durchschwärmen können, als jetzt, da meine
Seele ein Eigentum hat und nicht mehr Gefahr laufen kann, sich aus sich
selbst zu verlieren. Ich weiß, wo ich mich immer wieder finde. Meine Seele
ist jetzt gar oft mit den Szenen der Zukunft beschäftigt; unser Leben hat
angefangen; ich schreibe vielleicht auch, wie jetzt; aber ich weiß Dich in
meinem Zimmer; Karoline ist bei uns, sie ist am Klavier beschäftigt, und
Du arbeitest neben ihr, und aus dem Spiegel, der mir gegenüber hängt, seh’
ich euch beide. Ich lege die Feder weg, um mich an Deinem schlagenden
Herzen lebendig zu überzeugen, dass ich Dich habe, dass nichts, nichts
Dich mir wieder entreißen kann. Ich erwache mit dem Bewusstsein, dass ich
Dich finde, und mit dem Bewusstsein, dass ich Dich morgen wieder finde,
schlummere ich ein. Der Genuss wird nur durch die Hoffnung unterbrochen,
und die süße Hoffnung nur durch die Erfüllung, und getragen von diesem
himmlischen Paar, verfliegt unser goldenes Leben!“
Endlich kamen die Ferien; Schiller bewohnte wieder
sein Haus in Volkstädt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns
zu, da die Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der
glücklichen Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war,
empfanden wir, als eine ungewohnte Störung, doppelt schmerzlich in dieser
goldnen Zeit; denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet; doch tröstete
uns der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für
Schiller.
Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der
Thalia und dem Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in
der Gegend umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch
manche poetische Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf
denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf ein
glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner
Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte; aber
die Ungewissheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte, erzeugte
auch oft Sorge und Unruhe.
Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der
günstige Moment, seine Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch
fern, und an ihrer Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an
der Festigkeit der Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so
erging sich unsre Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten.
Städte, Länder und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der
Gestaltung bedurften, lagen immer bereit. Die Phantasie durfte, wie
Aladdins Zauberlampe, nur gescheuert werden, und sie schüttete ihre
reichsten Schätze vor uns aus.
Schiller musste nach Jena zurückkehren, und Briefe,
der Trost getrennter Liebe, flogen wieder hin und her.
An Lottchen von Lengefeld.
Jena, Freitag abends (23.
Oktober) 1789
„Gestern Abend um zehn bin ich glücklich
angekommen, teure Lotte, und sehe mich nun wieder an der Stelle, die ich
vor fünf Wochen so freudig verließ. Ich weiß noch nicht, meine Liebe, wie
ich mich jetzt wieder darein finden werde, dass mir ganze Tage ohne Dich
vorübergehen. Ach, ich fühle, ich bin noch immer bei Dir. Dein Bild in
meinem Herzen hat ein Leben und eine Wirklichkeit, wie keins von allen den
Dingen, die mich so nahe umgeben.
Gesprochen habe ich hier außer Griesbachs
noch niemand.
Die Kollegien haben erst gestern
angefangen, und zwar nur die Vormittags-Kollegien, so dass ich gar nichts
versäumt habe. Den nächsten Montag aber fangen die Nachmittagsstunden an,
und ich muss ohne Barmherzigkeit auch daran. Mein Kopf ist heiter, und ich
fühle den Mut in mir, den ich brauche, um auszudauern.
Heute Vormittag begegnete mir etwas, das
ich zu lachen machte. Es hatte sich ein fremder Professor der Mathematik
bei mir melden lassen. Er wollte nicht Geringeres von mir, als dass ich
einem Unternehmen beitreten sollte, welches er in Frankfurt am Main
ausführen wollte. Er wollte dort ein Lyceum oder Museum nach Art des
parisischen errichten, worin nämlich über wissenschaftliche Dinge und
schöne Kunst Vorlesungen gehalten würden. Er verlangte 200 Häuser zu
Abonnenten, jedes sollte 50 Gulden jährlich bezahlen; drei Professoren
sollten sich in das Werk verteilen, einer in Naturwissenschaften, ein
anderer in Mathematik und Experimentalphysik, ein dritter in
philosophischen und schönen Wissenschaften. Aus allen Wissenschaften aber
sollte nur das Interessante gewählt und auf eine Art, die den Liebhaber
befriedigt, vorgetragen werden. Er rechnete vorzüglich auf die Damen und
meinte, dass es bald Ton werden würde, das Lyceum zu besuchen. Er selbst
war in Frankreich und Italien, wie er sagt; indessen erweckte er mir keine
hohe Meinung von sich. Es war mir aber lustig, dass ich gleich den andern
Tag nach unserer Trennung einen Antrag erhielt, der mich fast ganz bis
nach Mainz führte, wenn er zur Ausführung käme. Ich habe mich zwar nicht
darauf eingelassen, weil ich keine Erwartungen von dem Herrn habe und
keinen Glauben an Frankfurt; aber ich wünschte mir nichts mehr als eine
Beschäftigung dieser Art, wo ich nicht mir rohen Studenten zu tun hätte
und eine Auswahl unter dem, was mich interessiert, machen dürfte. Über die
Mainzer Professoren schimpfte der Herr sehr; er nannte sie trockene
Pedanten. Gern hätte ich ihn mehr darüber ausgefragt; aber ich hielt ihn
weder für instruiert, noch für unparteiisch genug dazu.
Morgen, meine Teuerste, erhalte ich Briefe
von Dir. Möchte ich hören, dass Karolinens Gesundheit sich bessert! Dies
ist’s, was mir jetzt viele Unruhe macht. Ich fürchte zwar nichts für
jetzt; aber ich fürchte, dass diese Zufälle öfters wiederkehren möchten.
Körperliche Zerrüttungen könnten das freie Spiel ihres Geistes stören und
ihr gerade das, was sie und uns in ihr glücklich macht, verbieten. Ihre
Seele hat Stärke, aber eben darum darf das Instrument nicht schwach sein,
worauf sie spielt; sonst wird sie es durch jede lebhafte Bewegung
angreifen.
Adieu! Meine Teuerste! Meine Seele ist Dir
nahe. Ich bin nicht von Dir getrennt. Adieu! Adieu!
S.“
An Lottchen von Lengefeld.
Jena, den 3. November 1789
„Wie freut mich, teure Lotte, was Du mir
von Karolines Gesundheit schreibst! Und wie liebe ich den Himmel wegen
dieses Geschenks, das er mir gab! Ich habe zwei oder drei glückliche Tage
erlebt, und ich habe mein eigenes Herz dabei beobachtet. Eine Arbeit1),
die mir anfangs nichts versprach, hat sich plötzlich unter meiner Feder,
in einer glücklichen Stimmung des Geistes, veredelt und eine
Vortrefflichkeit gewonnen, die mich selbst überrascht. Ich habe noch
nichts von diesem Werte gemacht, wenn ich anders die noch zu große Wärme
meines Kopfes, die leicht auch auf mein Urteil übergehen könnte, nicht
irret; nie habe ich so viel Gehalt des Gedankens in einer so glücklichen
Form vereinigt und nie dem Verstand so schön durch die Einbildungskraft
geholfen. Du wirst mich über mein Selbstlob auslachen; aber ich spreche
wie ein fremder Mensch von mir; denn wirklich bin ich mir in dieser Arbeit
selbst eine fremde und eine neue Erscheinung geworden. Es tut mir nur
leid, dass Du die ganze Schönheit nicht wohl genießen kannst, weil sie
einige genaue historische und politische Kenntnisse voraussetzt, die Dir
fehlen und recht gut fehlen dürfen. Es war mir aber nie so lebhaft, dass
jetzt niemand in der deutschen Welt ist, der gerade das hätte schreiben
können, als ich. Noch einmal! Du wirst mich auslachen; aber möchtest Du es
immer – wenn ich dir nur so nahe wäre, es zu sehen!
Ach! Und wie hat sich auch dieses innige
Geistesvergnügen doch wieder an mein Liebstes, mein alles angeschlossen
und ist von Dir schöner und süßer zu mir zurückgekehrt. Ich gehöre nicht
mehr mir selbst! Nur dass ich Deiner werter bin, dass ich dem Bilde näher
trete, das Deine Liebe Dich von mir machen lässt, nur dieses ist es, was
mich entzückt, wenn ich mir über etwas Großem begegne, wenn ich mir meine
eigne Achtung abgewinne. Jedes erhöhte Selbstgefühl wird zu einem
lebhafteren Glauben an Deine Liebe, und darum vergebe ich es mir auch
selbst. Ach! Was für himmlisch süße Stunden uns bevorstehen, wenn wir
zusammen wohnen werden, teure Liebe! Wenn meine Seele, durch eine
gelungene Beschäftigung aufflammend und bewegt, auch meiner Liebe Flammen
der Schöpfung zubringen und Deine Liebe meinem Geiste Feuer und Leben
borgen wird. Wie viele solcher Augenblicke erhöhterer Empfindung habe ich
gestern und heute in toter Einsamkeit, ohne Gewinn für mein Herz und für
das Deinige, verzehren müssen! Wie viel hätte ich Dir in diesen Stunden
geben können, und wie viel von Dir empfangen! Auch selbst von Dir
getrennt, wurde meine höchste Begeisterung zur Liebe, und selbst meine
Geistesarbeiten haben Dich so lieb, dass sie mich, ohne den Gedanken an
Dich, nicht entzücken wollen.
Diesen Brief schrieb mir die Kalb. Sie ist
doch ein seltsam wechselndes Geschöpf, ohne Talent, glücklich zu sein; wie
könnte sie also geben, was sie selbst nicht hat? Das Urteil, das man Dir
von ihr gefällt hat, finde ich ziemlich richtig. Vor ihrer Neugierde muss
man sich hüten, vor ihrer Inkonsequenz, die sie oft verleitet, sogar sich
selbst nicht zu schonen, und auch vor ihrer Starkgeisterei, die sie leicht
verführen könnte, es mit dem Besten anderer nicht so genau zu nehmen.
S.“
An Karoline von B.
Jena, den 4. November 17892)
„Das überschickte Buch habe ich richtig
bekommen, und ich danke Ihnen, dass Sie es mir noch zu rechter Zeit
schicken wollten, denn es hat wirklich sehr pressiert.
Ich bin eben aus der Vorlesung nach Hause,
und schon erwartet mich wieder ein dringendes Geschäft. Wie gerne benutzte
ich diese schöne Gelegenheit, Ihnen mehr zu schreiben! Lottchen vermutete
ich wieder in Rudolstadt. Sie schrieben mir nichts von Ihrer Gesundheit;
aber aus Lottchens Abwesenheit schließe ich, dass es fortfährt gut zu
gehen. Hufeland war heute bei mir und hat mir von seiner großen Reise
erzählt, hat mir allerlei Empfehlungen aus Berlin und selbst aus
Königsberg (von Kanten) mitgebracht, die mich freuen. Gedicke, der
Universitätsbereiser, denkt meiner auch, und Engel scheint mir gewogener
zu werden. Das sind die neuesten Neuigkeiten aus meinem Zimmer.
S.
Leben Sie recht wohl, und halten Sie bald
Wort, mir zu schreiben. Ewig der Ihrige.“
An Lottchen von Lengefeld.
Jena, den 10. November 1789
„Dass mein Geburtstag heute ist, habe ich
erst von Dir erfahren; denn ich bin ganz urnichtig in der Zeit. Voriges
Jahr hab’ ich ihn mit Dir durchlebt – aber nein, Du bist mir, unsrer
Entfernung ungeachtet, heute viel näher als im vorigen Jahr. Meine Seele
besitzt Dich, und das ist etwas ganz andres, als wenn Deine Gestalt in
meinen Augen lebte. Der Tag in Lauchstädt, jener Morgen, wo ein so langes,
schmerzhaftes Stillschweigen endlich brach – wo das entscheidende Wort
gesprochen wurde, das mein ganzes Wesen umkehrte – jener Morgen ist mir
ein weit lieberer, schönerer Tag als der zehnte November. Was läge mir an
meiner Geburt, wenn ich nicht zur Freude geboren wäre?
Es freut mich, dass Du heute doch auch
etwas von mir empfangen wirst. Der Bote versprach mir gegen acht in R. zu
sein. Die Gründe, warum ich der Mutter noch nicht schreiben soll, sind mir
ganz einleuchtend; überhaupt ist die Sache nur insofern dringend, als sie
ihr nicht länger verschwiegen bleiben würde. Den Brief habe ich noch zu
schreiben.
Was ich durch den Boten schrieb, ist mir
sehr ernst. Ich wünschte sehnlichst, dass wir es überhoben sein könnten,
bloß von Briefen zu leben, und ich würde es mir nicht und niemals
verzeihen, wenn ich die Entdeckung machte, dass dieser Zwang, diese
Resignation wirklich nicht nötig gewesen wäre. Welcher böse Genius gab mir
ein, hier in Jena mich zu binden! Ich habe nichts, gar nichts dadurch
gewonnen, aber unendlich viel verloren. Wäre ich nicht hier, so könnte ich
leben, wo ich wollte, könnte noch weit besser als jetzt einen Plan zu
einem Etablissement verfolgen, weil meine ganze Zeit mein wäre. Im Äußern
habe ich mich ganz und gar nicht verbessert; im Gegenteil, ich habe
Verlust erlitten und mir heillose Bekanntschaften aufgebürdet,
Verhältnisse, die mir zuwider sind. Meine einzige Hoffnung ist auf den
Koadjutor gesetzt. Versichert er mich bestimmt und nachdrücklich, dass er
für mich handeln will, so lege ich bei dem nächsten Anlass meine Jenaische
Professur nieder. Ich will aber auch im Preußischen etwas anzuspinnen
suchen, und könnte ich nur Wien mit Euch gut vereinigen, so wäre mir’s
nicht leid, in einem halben Jahr es durchzusetzen, dass ich dort wäre.
Aber wie traurig, dass man von Dingen außer sich abhängt! Wenn ich mir
denke, dass wir drei zusammen, an mehr als einem auserlesenen Platz, mit
1000 Taler vortrefflich leben könnten und dass wir diese so gut als schon
haben, denn wenn ich meine ganze Zeit in der Gewalt habe und mein Geist
frei ist, so sind mir 600 Taler leicht, bloß durch Arbeiten der
Schriftstellerei zu verdienen, denn ich habe sie in manchem Jahre wirklich
mir erworben. Dann wäre jede Abhängigkeit, jedes lästige Verhältnis mir
erspart, und wenn es ja sein müsste, so würde ich mit jedem Jahre fähiger
sein und vorbereiteter, ein Amt zu übernehmen, und vielleicht hätte ich
alsdann die Wahl! Wenn Sie, liebe Karoline, meinten, so will ich noch
einen Versuch machen, der vielleicht durchzusetzen ist. Der Koadjutor kann
mir vielleicht in der Pfalz, in Mannheim selbst, ein Etablissement
verschaffen, entweder bei der dortigen Akademie, oder in Heidelberg. Sein
Bruder muss alles tun, was er will – aber ich fürchte nur, dieser Bruder
kann wenig. In Mannheim würde ich Sie auch recht gern sehen, es ist ein
lieblicher Himmel und eine freundlichere Erde – die ich alsdann erst mit
Freude betreten würde. Aber bei diesem Mannheim fällt mir ein, dass Sie
mir doch manche Thorheit zu verzeihen haben, die ich zwar vor der Zeit,
eh’ wir uns kannten, beging, aber doch beging! Nicht ohne Beschämung würde
ich Sie auf dem Schauplatz herumwandeln sehen, wo ich als ein armer Thor,
mit einer miserablen Leidenschaft im Busen, herumgewandelt bin.
Warum fallen mir diese Armseligkeiten
wieder ein? Ich durchsuche alle Winkel der Erde, um den Platz zu finden,
den das Schicksal unserer Liebe bereitet haben könnte. Jena bleibt mir
immer gewiss, und wenn mir der Herzog 200 Taler Pension bezahlt, wie
Reinholden, so würden wir uns ganz bequem auf 1000 stehen. Diese 200
müssten sich schon finden.
Heute an meinem Geburtstag habe ich mein
erstes Kollegiengeld eingenommen, von einem Bernburger Studenten; was mir
doch lächerlich vorkam. Zum Glück war der Mensch noch neu, und noch
verlegener als ich. Er retirierte sich auch gleich wieder. Mit dem
hiesigen akademischen Senat kann ich Händel bekommen, und ich werde sie
nicht vermeiden. Was für Erbärmlichkeiten! Weil ich auf dem Titel meiner
gedruckten Vorlesung mich einen Professor der Geschichte nannte, so hat
sich der Professor Heinrich beklagt, dass ich ihm zu nahe getreten sei,
weil ihm die Professur der Geschichte namentlich übertragen wäre. Ich bin
(das ist wahr, aber ich hab’ es jetzt erst erfahren), ich bin nicht als
Professor der Geschichte, sondern der Philosophie berufen; aber das
Lächerliche ist, dass die Geschichte nur ein Teil aus der Philosophie ist
und dass ich also, wenn ich das eine bin, das andere notwendig sein muss.
Es ist so weit gegangen, dass sich der Akademiediener erlaubt hat, den
Titel meiner Rede von dem Buchladen, wo er angeschlagen war, wegzureißen.
Ich lasse es jetzt untersuchen, ob er’s für sich und auf seine Gefahr
getan Hat; und je nachdem das ausfällt, werde ich meine Maßregeln nehmen;
denn so lächerlich mir dieses Verhältnis ist, so wenig lasse ich mir etwas
zu viel geschehen.
Diese elende Zänkerei hat mir aber doch
heute Laune und Freude verdorben; denn sie hat mich lebhafter daran
erinnert, dass ich hier bin und ohne allen Zweck und Nutzen – ach! Und
dass ich so schön in Weimar sein könnte, wo ich Sie zu erwarten hätte. O
meine Lieben, Teuerste meiner Seele! Prüfen Sie alle Möglichkeiten –
untersuchen Sie alle Fälle – und denken Sie ein Mittel aus, wie wir die
Zeit unserer Trennung verkürzen können. Das ist kein Leben, das ist nicht
gelebt, wie wir jetzt unsere Stunden hinharren müssen. Adieu! Ich kann und
mag eure lieben Briefe heut nicht beantworten. Meine Seele ist zu trübe.
Der erste helle Augenblick, den ich habe, soll euer sein. Lebt wohl!
S.“
Lottchen und ich rieten für den Moment zur Geduld
und einstweiliger Ertragung der Unannehmlichkeiten des Professorlebens,
bis eine entschiedene Verbesserung der Lage einträte. Schon hier zeigte
sich die wohltätige Kraft ihrer stillen ruhigen Seele auf Schillers so oft
wechselnde Vorstellung von den äußern Verhältnissen, welches Schwanken
jetzt noch durch leidenschaftliche Ungeduld gesteigert ward. Unsre nahe
Reise nach Weimar beruhigte ihn, und ein Hauch der Liebe und Freude
beschwichtigte überhaupt leicht alle widrigen Gefühle in ihm.
Vom Dezember 1789 an lebte meine Schwester eine
Zeitlang mit mir in Weimar, da die gute Mutter uns gern während H. v. B.’s
Abwesenheit einen lebhaftern Winteraufenthalt vergönnte. Schiller besuchte
und beinahe jede Woche. Auch mit unsrer Freundin in Erfurt lebten wir in
Besuchen und Gegenbesuchen auf die angenehmste Weise.
Auf die günstige Antwort des Herzogs von Weimar, der
mit vieler Bereitwilligkeit einen fixen Gehalt zusicherte, wie die
Umstände es erlaubten, erfolgte die Erklärung Schillers an unsere Mutter.
Sie antwortete zusagend auf folgenden Brief; und nichts stand jetzt der
Vereinigung der Liebenden mehr entgegen.
An Frau von Lengefeld.
Jena, den 18. Dezember 1789
„Wie lange und wie oft, seit mehr als einem
Jahre, gnädige Frau, habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen
soll, Ihnen zu gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich
muss Sie bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles
gegenwärtig zu machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach; ich
selbst muss mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für
mich zu erkennen glaubte, um in diesem Augenblick Mut und Hoffnung zu
fassen. Es gab Augenblicke – unvergesslich sind sie meinem Herzen – wo Sie
mich vergessen ließen, dass ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo
Sie unter Ihre Kinder auch mich zu zählen schienen. Was Sie damals ohne
Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres Herzens Ihnen
eingab – wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon kein andrer Wunsch
mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden! Sie haben es in Ihrer Gewalt,
jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für mich zu verwandeln.
Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in
Ihre Hände. Ich liebe Lottchen – ach! Wie oft war dieses Geständnis auf
meinen Lippen; es kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage,
wo ich in Ihr Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr
verlassen. Ihr schönes edles Herz hab’ ich durchschaut. In so vielen froh
durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten
mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft Zeugin
waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens. Mit jedem Tage
wuchs die Gewissheit in mir, dass ich durch Lottchen allein glücklich
werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht bekämpfen sollen, da ich
noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen auch die Meine werden kann? Ich
hab’ es versucht; ich habe mir einen Zwang vorgeschrieben, der mir viele
Leiden gekostet hat; aber es ist nicht möglich, seine höchste
Glückseligkeit zu fliehen, gegen die laute Stimme des Herzens zu streiten.
Alles, was meine Hoffnungen niederschlagen könnte, habe ich in diesem
langen Jahre, wo diese Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen;
aber mein Herz hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch
meine innige ewige Liebe, und kann ich Sie, verehrungswürdigste, lebendig
davon überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines
Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten als die
zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter; und glücklich
wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und dass
dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.
Wollen Sie, teuerste Mutter, - o lassen Sie
mich bei diesem Namen Sie nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine
Hoffnungen gegen Sie ausspricht – wollen Sie das Teuerste, was Sie haben,
meiner Liebe anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in
Wirklichkeit verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn
wir uns beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken
haben, als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in
der Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsre Dankbarkeit wird geschäftig sein,
Ihr Leben zu verschönen und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe zu
erstatten.
Ich erlaube mir keine weitere Erklärung,
bis Sie über die Wünsche meines Herzens entschieden haben werden. Steht
nur in Ihrer Seele meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine
Hindernisse von außen ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht
erwarte ich von Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe
allein wird Sie leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der
Ihrige mit der innigsten Ehrfurcht und Liebe.
Schiller.“
Unsre treue Freundin, Frau von Stein, war uns bei
dieser ganzen Verhandlung hilfreich; und ihr schöner Verstand und ihr
treues warmes Herz waren ihren Freunden in jeder Verlegenheit eine sichere
Zuflucht. Schillers Charakter hatte ihre Achtung gewonnen, wie sein
Talent.
Die nähere Bekanntschaft desselben mit dem Koadjutor
Freiherrn von Dalberg öffnete die schönsten Aussichten für die Zukunft,
die auch der guten Mutter viel Beruhigung gaben. Er interessierte sich mit
vollem Herzen für Schiller und das Glück seiner Liebe. Er versprach,
sobald er Kurfürst würde, welches bei dem hohen Alter des damaligen
Regenten in kurzem zu erwarten war, Schiller ganz nach seinem Wunsch und
Sinn anzustellen, und bat mich, meiner Mutter zu sagen, dass ihre Tochter
auch in der äußern Existenz sich durch diese Heirat nicht aus ihrem
gewohnten Kreise gerissen sehen sollte. Wir wussten durch unsre Freundin,
dass er Schiller ein Gehalt von 4000 fl. zudachte und ihm den ganz freien
Gebrauch seiner Zeit dabei überlassen wollte.
Welche tiefe Einsicht in Schillers Talent und welche
feste Überzeugung, er werde einst mächtig wirken, der edle Mann hatte,
geht aus diesem Plan hervor. Nie erlaubte er sich in seinen
Regierungsmaßregeln nach kleinlichen persönlichen Motiven mit dem
Staatseinkommen zu schalten. Auf einen Brief Schillers an ihn, in späterer
Zeit geschrieben, gab er folgende Antwort, der wir ein anderes Schreiben
desselben trefflichen Fürsten zufügen:
„Hochgeehrtester Herr!
Ihr Brief hat mich sehr erfreut. Das
Andenken eines Mannes von Ihrem Geist und Herzen hat für mich so viel
Innnigst-Erfreuliches. Ich wage es nicht zu bestimmen, was Schillers
allumfassender allbelebender Genius unternehmen soll. Nur sei mir erlaubt
der stille Wunsch, dass Geister, mit Riesenkräften ausgerüstet, sich
selbst fragen möchten: Wie kann ich der Menschheit am nützlichsten sein?
Dies Forschen (dünkt mich) führt am sichersten auf den Weg der
Unsterblichkeit und lohnt mit himmlischem Bewusstsein. Genießen Sie die
reinste Glückseligkeit und denken Sie manchmal beide an Ihren Freund und
Diener.
Mainz, den 12. September 1790.
Dalberg.“
„Hochgeehrter Herr!
Hier sind, fürtrefflicher Mann, meine
Gedanken, die sie wiederholt verlangen. Ich wage sie schüchtern und
ungern, weil mir bei Schillers Unternehmungen die Wahl wehe tut. Prüfen
Sie und folgen Sie innigster Überzeugung. Ich bin mit großer Hochachtung
Ew. Wohlgeboren ergebenster Diener
Erfurt, den 2. November 1790.
Dalberg.“
„Der höchste Geist lebender Darstellung
bildet Situation und Gespräche, umfasst und schildert den Menschen ganz
und von allen Seiten.
Der Geschichtsschreiber darf nur diejenigen
Stellen aus gleichzeitigen Geschichtsschreibern ausheben, welche Helden
oder Völker darstellen.
Geschmack der Darstellung sind ihm genug;
geistvoller Trieb der Darstellung gefährlich, weil sie ihn leicht in die
Gefilde des Romans führen.
Der aufmerkende, prüfende, sammelnde
Forschungsgeist ist Element des Geschichtsschreibers; der Genius höchst
lebender Darstellung Element des dramatischen Dichters.
Nur darin treffen beide mit allen
Geisteswerkmeistern überein, dass jeder seinen eignen Brennpunkt haben
muss, durch den er seinem Werke Einhalt gibt, die Teile in ein Ganzes
schmelzt. – So schmelzt Shakespeare die leben- und geistvollen Kinder
seiner Phantasie in ein Drama, und Robertson schmelzt die Bruchstücke
seines sammelnden, forschenden Fleißes in eine Geschichte.
Hohes Darstellungs-, Bildungsvermögen ist
seltenes Geschenk der Natur. Forschungsgeist ist Werk des Fleißes, kann
eher erworben werden.
Schiller vereinigt beides, Bildungskraft
und das schätzbare Ausdauern des Fleißes. Doch wünsche ich, dass er in
ganzer Fülle dasjenige leiste, wirke, was nur er leisten kann, und das ist
Drama.
Wirkung auf die Menschheit hängt von dem
Grade der Kraft ab, den der Verfasser in sein Werk legt. Thukydides und
Xenophon würden nicht leugnen, dass Homer und Sophokles wenigstens
ebensoviel wie sie gewirkt haben.“
Während unseres Weimarischen Aufenthaltes machte
Schiller auch die Bekanntschaft Wilhelm von Humboldts, der durchs ganze
Leben mit ihm in einem innigen Verhältnis blieb. Schon damals kündigte
sich die geistige Kraft dieses Mannes an, die, bei einer Vereinigung der
vielseitigsten Kenntnisse, immer neue Blüten im Felde der Philosophie und
Ästhetik trieb, so wie sein Charakter sich offenbarte, der später in die
großen Weltbegebenheiten so kräftig als edel einwirkte.
Das Bedürfnis eines immer regen Ideenlebens band ihn
an Schillers Umgang so sehr, dass er mehrere Jahre in Jena lebte und, da
er sich von dem Freunde trennen musste, in einem immer lebhaften
Briefwechsel mit ihm blieb. Er wurde der Gatte unsrer Freundin, und die
innige Verbindung mit diesen lieben und durch so viele Vorzüge
ausgezeichneten Menschen war eine der schönen Lebensblüten, die das
Geschick uns darbot. Aus Goethes und Schillers Korrespondenz lernt man das
vertrauliche Verhältnis genau kennen, das sich in geistvoller Teilnahme
und Liebe immer gleich blieb.
Die glückliche Verbindung unsrer Freundin hatte sich
auch in Weimar entschieden. Es waren heitere Tage. In der engen Verbindung
eines kleinen Kreises guter und geistvoller Menschen, wo jedes seine
Originalität behauptet du sich vom Odem der Liebe getragen und verstanden
fühlt, liegt wohl immer der reinste Lebensgenuss, und der daraus
entstehende Kontrast mit der übrigen fremden Welt, wo alles an Berechnung,
Rücksicht und Beschränkung mahnt, erzeugt manche komische, wunderliche
Situationen, die jenem Genuss eine eigene Würze geben. Das Glück jedes
menschlichen Wesens war uns heilig; nichts als die Wahrheit galt; aber
belästigt wollten wir so wenig als möglich durch fremde Existenzen sein,
die nur Leerheit und Flachheit darboten; und vielleicht achteten wir
zuweilen der notwendigen Weltformen nicht genug, fehlten in der Art, sie
von uns abzureißen, und jugendlicher Scherz geriet in Übermut.
Um unsern edeln Freund und Beschützer Dalberg
dachten wir uns in der schönen Gegend von Mainz ein herrliches Leben. Sein
großer, immer lebendiger Geist, mit wahrhaft kindlicher Güte des Herzens,
wie sie dem Genie eigen ist, vereint, gaben dem Leben mit ihm einen
Zauber, der das Herz unwiderstehlich anzog. Wilhelm von Humboldt wollte
auch dort leben und ich in Besuchen mich mit meinen Freunden oft vereinen.
Schwerlich hat je ein so schönes Leben existiert, als es unsre Phantasie
dichtete. Dalberg hörte unsern Träumen oft lächelnd zu; dann verfinsterte
aber oft tiefer Ernst seine Züge, und er sagte: „Kinder, denkt euch das ja
nicht als etwas Gewisses; mancher Sturm kann das alles umstürzen.“ Er
ahnte als Staatsmann die Zerstörung des Vaterlandes und seiner Aussichten.
Die Pariser Begebenheiten waren natürlich oft der
Gegenstand seiner Gespräche, und ich erinnere mich, dass er, wenn wir uns
des Geistes und der schönen Reden der Nationalversammlung erfreuten,
sagte: Es sei unmöglich, dass von einer Gesellschaft von sechshundert
Menschen etwas Vernünftiges beschlossen werde. Schiller musste vermöge
seiner innern Natur sich stets und bald wieder von der fröhlichen Seite
des Lebens zur ernsten wenden; er war ein Tasso; auch er konnte von sich
sagen:
Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
So ist das Leben mir kein Leben mehr. –
Folgender Brief an meine Schwester spricht diese
Stimmung aus
Sonntag abends [14. Februar
1790]
„Du bist jetzt zusammen mit Deiner Lieben,
und mein Herz sagt mir, dass ich Dir nicht fern bin. Noch vier Tage, und
ich bin in eurer Mitte – das ist eine unaussprechlich schöne Aussicht.
Meine Sorge ist nur, dass wir einander so wenig werden sein können. Einige
Vormittagsstunden – das wird wohl alles sein, und ihr werdet dafür sorgen,
fürchte ich, dass die Vormittage nicht zu frühe anfangen. Ich will eine
Stunde Vorlesung mehr noch daran wenden und es einrichten, dass ich
Donnerstag abends spätestens zwischen neun und zehn in Erfurt bin.
Auf die neuen Familiengestalten bin ich
begierig. Tu’ mir den Gefallen und beschreibe mich als einen wunderlichen
Kopf, oder lieber gleich als einen Bären – das hat in Rudolstadt schon
mein Glück gemacht; und wenn ich dann nur niemand fresse, so bin ich ein
artiger Mensch. Das Universum von Dalberg3)
hätte ich noch gar gern gelesen; aber hier ist es nicht zu haben. In
Erfurt hoffe ich es zu finden; ich rechne darauf, es aus der Tasche heraus
sehen zu lassen, wenn ich beim Koadjutor bin. Da ich diese Zeit her alles
Interesse an Arbeiten verloren, die nicht durch sich selbst es erzwingen,
so bin ich darauf gefallen, ein altes Schauspiel wieder hervorzusuchen,
wovon schon vor drei Jahren Szenen fertig waren4).
Die Szenen missfielen mir; aber ich habe eine davon mit vielem Glück
retouchiert. In der Thalia wirst Du sie lesen, oder auch hier im
Manuskript. Schon lange fehlte es mir an einem Gefühl des gegenwärtigen
Genius – so dass es schien, als wenn er mit mir schmollte; aber Amor und
der Genius der Dichter sind aufeinander nicht neidisch; vielmehr ist es
ihr Interesse, wenigstens bei mir, freundlich zusammen zu halten. Ich kann
gar nicht beschreiben, meine Liebe, wie mich die Aussicht freut, mich an
Deiner Seite mit einer dichterischen Arbeit zu beschäftigen. Die höchste
Fülle des künsterlischen Genusses mit dem gegenwärtigsten Genuss des
Herzens zu verbinden, war immer das höchste Ideal, das ich vom Leben
hatte, und beide zu vereinigen, ist bei mir auch das unfehlbarste Mittel,
jeden zu seiner höchsten Fülle zu bringen. An Deinem Herzen, meine Liebe,
werde ich diesen Wunsch in Erfüllung sehen. Liebe allein, ohne dieses
innere Tätigkeitsgefühl, würde mir ihren schönsten Genuss bald entziehen –
wenn ich glücklich bleiben soll, so muss ich zum Gefühl meiner Kräfte
gelangen; ich muss mich der Glückseligkeit würdig fühlen, die mir wird –
und dieses kann nur geschehen, wenn ich mich in einem Kunstwerk beschaue.
Es ist nicht Egoisterei, nicht einmal Stolz, es ist eine von der Liebe
unzertrennliche Sehnsucht, sich selbst hoch zu schätzen.
Ihr seid alle gesund, will ich hoffen, und
eure Glückseligkeit wird durch nichts gestört. Ich drücke Dich an mein
Herz, meine Lotte!
S.“
In diesem Winter wurde Kotzebues „Menschenhass und
Reue“ zuerst in Weimar gespielt. Schiller bat uns, mit ihm ins Theater zu
gehen, da er das Stück gern sehen wolle. Wir blieben ganz ungerührt und
spaßten über die vielen falschen sentimentalen Dinge und Motive, die es
enthält. Schiller kannte den Standpunkt des Geschmacks in großen Publikum
und sagte vorher, dass Kotzebue viel Glück machen würde.
In dieser Zeit lernten wir auch den liebenswürdigen
Dichter Salis kennen, dessen Persönlichkeit ganz mit seinen Dichtungen im
Einklang stand. Er brachte ein Empfehlungsschreiben von Wilhelm von
Wolzogen aus Paris. Die Gräuelszenen hatten dort begonnen. Salis’
Erzählungen und Wilhelms Brief schlugen unsere Freude über den Sturm der
Bastille schrecklich nieder, und wir gerieten in Unruhe über die Existenz
unseres Freundes auf jenem Vulkan aller empörten Leidenschaften. Schiller
hatte diese Begebenheiten schon bei ihrem ersten Entstehen ernst und
ahnungsvoll aufgenommen; er hielt die Franzosen für kein Volk, dem echt
republikanische Gesinnungen eigen werden könnten.
Zwischen ihm und Goethe war, zu unserm großen
Verdruss, kein Verhältnis entstanden, obgleich sich der letztere gegen
uns, wie früher, freundschaftlich benahm und in realen Verhältnissen
Schiller immer wohlwollend entgegenkam. Was uns damals als unangenehme
Lücke erscheinen musste, sollte nach einigen Jahren herrlicher, als wir
ahnen konnten, ausgefüllt werden.
Am 20. Februar 1790 wurden Schiller und meine
Schwester in der Kirche von Wenigenjena durch Herrn Pfarrer Schmidt
getraut. Die Mutter war von Rudolstadt gekommen und freute sich des
Glückes ihrer Kinder von ganzer Seele. Die schönste Gabe des Himmels,
vollkommene, dauernde Einstimmung der Herzen, beglückte diese Ehe. Unter
den Leiden, die jedes Erdenleben umdrängen, waren häuslicher Friede in
zarter Liebe und ungetrübtem Vertrauen, Harmonie des Geschmacks und
gleiche Stimmung für gesellige Freuden ein immer lauterer Quell des Segens
und Trostes. Tief rührte mich folgendes Sonett, das ich unter den Papieren
meiner Schwester fand. Es ward am neunzehnten Jahrestage ihrer Trauung
geschrieben, vier Jahre nach Schillers Tod. Um so tiefer ergriff es mich,
da in diesem Monat auch die tödliche Krankheit meines Mannes, dessen treue
Freundschaft im Andrang stürmischer Zeit der Schwester Trost und Stütze
war, sich entschied.
Die wechselnden Gefährten
Den 20. Februar 1809
zum Gedächtnis des 20. Februar
1790.
Als das Geschick dereinst zu süßem Lohne
Mir zu Begleitern Lieb’ und Treu’ gegeben,
Da dünkt’ ich mir zum Himmel aufzuschweben;
Das Leben reichte seine Blütenkrone.
Nun fasst nur Sehnsucht jene hellen Sterne
Im Himmelsraum; die Zeit gebiert nur Schmerzen,
Und Glaub’ und Wahrheit fliehen in die Ferne.
Nichts stillt die Wehmut der zerrissnen Herzen.
Die Sorge naht in grauem Nebelschleier
Und will für die Geliebten, die mir blieben,
Kein freundlich Bild der Zukunft mehr enthüllen.
Nicht eilen wir zu Tagen froher Feier;
Das Schicksal will des Herzens Kräfte üben,
Und nicht auf Erden wird der Schmerz sich stillen.
Ü
Þ
1)
Die Abhandlung vor den Memoires.
2) Dieser Brief war
bisher irrtümlich vom 4. Mai datiert.
3) Betrachtung über das
Universum. Frankfurt 1777.
4) Der Menschenfeind.
|