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Literatur
Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Achter Abschnitt Häusliches Leben. Krankheit. Reise nach Schwaben.
Schillers äußere Lage gestaltete sich durch
glückliche Ereignisse noch besser, als wir gehofft hatten; die Gegenwart
war heiter, in die Zukunft sah man sorgenlos. Die unternommene Herausgabe
von Memoires, wozu Schiller die einleitenden Abhandlung schrieb, deren er
in einem seiner oben mitgeteilten Briefe gedacht, und die Fortsetzung der
Thalia sicherten ihm eine für seine Bedürfnisse hinlängliche Einnahme. Es
blieb ihm dabei noch Zeit zu Rezensionen für die Allgemeine
Literaturzeitung übrig, zu der er schon seit 1787 Beiträge lieferte. Dann
hatte ihn der Buchhändler Göschen aufgefordert, eine Geschichte des
dreißigjährigen Kriegs für einen historischen Almanach zu schreiben; und
ein deutscher Plutarch war die Arbeit, die den folgenden Jahren
vorbehalten wurde.
In den ersten Monaten nach seiner Heirat schrieb
Schiller seinem Freund Körner:
„Es lebt sich doch ganz anders an der Seite
einer lieben Frau, als so verlassen und allein – auch im Sommer. Jetzt
erst genieße ich die schöne Natur ganz und leben in ihr. Es kleidet sich
wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft regt sich’s wieder
in meiner Brust. Was für ein schönes Leben führe ich jetzt! Ich sehe mit
fröhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine so schöne Nahrung
und Erholung. Mein Dasein ist in eine harmonische Gleichheit gerückt;
nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir diese Tage
dahin. Meinem künftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Mut entgegen.
Jetzt, da ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie alles
doch über meine Erwartungen gegangen ist. Das Schicksal hat die
Schwierigkeiten für mich besiegt; es hat mich zum Ziele gleichsam
getragen. Von der Zukunft hoffe ich alles. Wenige Jahre, und ich werde im
vollen Genusse meines Geistes leben; ja, ich hoffe, ich werde wieder zu
meiner Jugend zurückkehren; ein inneres Dichterleben gibt mir sie zurück.“
Seitdem Schiller ein sicheres, ruhiges Hausleben
beglückte, war er mit Menschen und Verhältnissen, die sonst so oft
Unzufriedenheit in ihm erregten, ausgesöhnt. Seiner Frau suchte er eine
angenehme Geselligkeit zu bereiten. Das Griesbachische und Paulusche Haus
gewährten eine anmutige Unterhaltung, die durch das musikalische Talent
und die schöne Stimme der Frau Paulus einen besondern Reiz gewann.
Schiller liebte sehr die Musik und hatte sie gern in einem Nebenzimmer,
wenn er in seiner Arbeitsstube auf- und abging und sich einer
dichterischen Stimmung überließ. Dies bewog meine Schwester, noch weiteren
Unterricht im Klavierspielen zu nehmen. Das Lied von Gluck: „Einen Bach,
der fließt“ brachte ihm immer die angenehmsten Phantasien zu. Wanderungen
in die so mannigfaltige freundliche Gegend, Reisen nach Rudolstadt zu
meiner Mutter und mir gaben dem Leben Abwechslung und Heiterkeit.
Mit den meisten Gelehrten stand Schiller im besten
Vernehmen, mit Schütz und Hufeland in freundschaftlichem Verhältnis, in
genauerer Verbindung mit Reinhold. Es konnte nicht fehlen, dass er
besonders durch letztern auf die Kantische Philosophie aufmerksam gemacht
wurde und dass diese ihn anzog. Reinholds Briefe, erinnere ich mich, waren
damals schon oft der Gegenstand seiner Gespräche mit unserm Freunde
Gleichen und mir.
Dieses Jahr war wohl eines der glücklichsten in
Schillers Leben, und der erste Gedanke, Wallensteins Abfall und Tod
dramatisch zu bearbeiten, welcher bei dem Lesen der Quellen des
dreißigjährigen Krieges entstand, war die Blüte eines heitern in sich
befriedigten Daseins. Auch die ästhetischen Studien, die ebenfalls ihn zum
Schaffen anregten, erfreuten ihn, wie sich aus folgender Stelle eines
Briefes an mich (vom 15. Mai 1790) ergibt:
„Lottchen hat gestern zwei Stunden im
Kabinett neben meinem Auditorium zugebracht und mich lesen hören und mir
Tee gemacht. Sie hat sich erst vor den Studenten gefürchtet, jetzt aber
hat sie Herz. Ich fing gestern die Vorlesungen über die Tragödie an und
finde gar viel Vergnügen an dieser Arbeit. Ich entdecke viele Erfahrungen,
die die Ausübung der tragischen Kunst mir verschafft hat, und von denen
ich selbst nicht wusste, dass ich sie hatte. Zu diesen suche ich den
philosophischen Grund, und so ordnen sie sich unvermerkt in ein
lichtvolles, zusammenhängendes Ganze, das mir viel Freude verspricht. Ich
habe so doch jede Woche eine aufgeheiterte Stunde an einem Orte, wo sie
sonst nicht sehr zu erwarten ist.“
Schiller beschäftigte sich in dieser Zeit, da er
über den Ödipus Vorlesungen hielt, mit der Poetik des Aristoteles und
übersetzte meiner Schwester und mir oft Stellen daraus. Die Ansichten
dieses großen Geistes erfreuten ihn, und wahrscheinlich schrieb er auch
damals an seinen Freund Körner:
„Ich habe vor einiger Zeit Aristoteles’
Poetik gelesen, und sie hat mich nicht nur nicht niedergeschlagen und
eingeengt, sondern wahrhaft gestärkt und erleichtert. Nach der peinlichen
Art, wie die Franzosen den Aristoteles nehmen und an seinen Forderungen
vorbeizukommen suchen, erwartet man einen kalten, unliberalen und steifen
Gesetzgeber in ihm, und gerade das Gegenteil findet man. Er bringt mit
Festigkeit und Bestimmtheit auf das Wesen, und über die äußeren Dinge ist
er so lax, als man sein kann. Was er vom Dichter fordert, muss dieser von
sich selbst fordern, wenn er irgend weiß, was er will; es fließt aus der
Natur der Sache. Die Poetik handelt beinahe ausschließlich von der
Tragödie, die er mehr als irgendeine andere poetische Gattung begünstigt.
Man merkt ihm an, dass er aus einer sehr reichen Erfahrung und Anschauung
heraus spricht, und eine ungeheure Menge tragischer Vorstellungen vor sich
hatte. Auch ist in seinem Buche absolut nichts Spekulatives, keine Spur
von irgend einer Theorie; es ist alles empirisch; aber die große Anzahl
der Fälle und die glückliche Wahl der Muster die er vor Augen hat, gibt
seinen empirischen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt und die völlige
Qualität von Gesetzen.“
„In den Jahren von 1790 bis 1794,“ fährt
Körner fort, „wurde kein einziges Originalgedicht fertig, und bloß die
Übersetzungen aus dem Virgil fallen in diese Zeit. Es fehlte indessen
nicht an Plänen zu künftigen poetischen Arbeiten. Besonders waren es Ideen
zu einer Hymne an das Licht und zu einer Theodicee, was Schiller damals
beschäftigte.“
„Auf diese Theodicee,“ schreibt er, „freue
ich mich sehr, denn die neue Philosophie ist gegen die Leibnitzsche viel
poetischer, und hat einen größeren Charakter.“
Vorzüglich gab ihm die Geschichte des
dreißigjährigen Krieges, die er für Göschens historische Almanache vom
Jahr 1791 an bearbeitete, Stoff zu poetischer Tätigkeit. Einige Zeit
beschäftigte ihn der Gedanke, Gustav Adolph zum Helden eines epischen
Gedichts zu wählen, wie aus folgender Stelle seiner Briefe zu ersehen ist:
„Unter allen historischen Stoffen, wo sich
poetisches Interesse mit nationalem und politischem noch am meisten gattet,
steht Gustav Adolph obenan. – Die Geschichte der Menschheit gehört als
unentbehrliche Episode in die Geschichte der Reformation, und diese ist
mit dem dreißigjährigen Kriege unzertrennlich verbunden. Es kommt also
bloß auf den ordnenden Geist des Dichters an, in einem Heldengedicht, das
von der Schlacht bei Leipzig bis zur Schlacht bei Lützen geht, die ganze
Geschichte der Menschheit ungezwungen, und zwar mit weit mehr Interesse zu
behandeln, als wenn dies der Hauptstoff gewesen wäre.“
Die Idee zum Wallenstein blieb die vorherrschende
und wäre vielleicht bald zur Ausführung gelangt. Aber ein harter Schlag
traf Schiller und die Seinen in dieser sich so glücklich gestaltenden
Zeit. Während eines Besuchs, den er dem Koadjutor in Erfurt machte, ward
er beim Abendessen, nach einem Konzert im Stadthause, wozu uns jener
eingeladen, von einem heftigen Fieber angefallen. Erkältung war
wahrscheinlich der Hauptgrund dieses Anfalls. Nach einigen Tagen war er so
weit hergestellt, dass er wieder nach Jena zurückreisen konnte. Aber kaum
dort angelangt, ergriff ihn eine Brustkrankheit, die seinen körperlichen
Zustand für seine ganze Lebenszeit zerrüttete.
Ich eilte nach Jena, fand die augenblickliche Gefahr
durch seinen trefflichen Arzt Starke abgewendet; aber Rückfälle waren zu
fürchten.
Die allgemeine Liebe, die sich Schiller in Jena
erworben, zeigte sich in der hilfreichen Teilnahme, die man meiner
Schwester bezeigte. Viele von seinen Zuhörern, im freundlichen
Jugendeifer, boten sich zur Pflege und zu Nachtwachen bei dem Kranken an.
Hardenberg, der später unter dem Namen Novalis bekannt wurde, zeigte die
innigste Teilnahme und kam damals zuerst Schiller vertraulich nahe. Gustav
von Adlerskron, ein Livländer, der besonderer Familienverhältnisse wegen
unter einem angenommenen Namen in Jena studierte, zeigte einen so
anhaltenden Eifer und eine solche Umsicht und Zartheit in Schillers
Wartung, dass er diesem sehr wert wurde und immer als treuer Hausfreund
angesehen bleib. Hardenbergs Talent für die Dichtkunst tat sich damals
schon kund. Sein Vater besuchte Schiller in Jena und bat ihn, das
Vertrauen, welches sein Sohn in ihn setze, zu benutzen und denselben
eifrig auf der Bahn der Studien zu erhalten, die sein künftiges
Emporkommen im Staatsdienst, für den er bestimmt sei, fördern könnten.
Schiller sprach im Sinne des Vaters zu dem Jüngling, legte ihm die
väterliche Sorge ans Herz, und für einige Zeit hatten die freundlichen
Ermahnungen den besten Erfolg. Andere Umgebungen und der Tod seiner Braut
waren Ursache, dass der Sinn des Jünglings sich von allen Aussichten auf
irdisches Glück abwandte. Die reinen Laute seines Herzens, sein religiöses
Gefühl, sein Sehnen nach dem Ewigen bleiben allen Gleichfühlenden teuer.
Schiller genas; aber beängstigende Brustkrämpfe
waren von dieser Krankheit zurückgeblieben. Die öffentlichen Vorlesungen
mussten unterbrochen werden; er versammelte in seinem Zimmer so viele
Zuhörer, als es fassen konnte, zu Privatvorträgen über Ästhetik.
Wunderbar erhielt sich die Kraft seines Geistes.
Alle leidensfreien Tage waren heiter; er arbeitete und suchte die Gefahr,
die er selbst in den ersten Zeiten für dringend hielt, den Seinen zu
verbergen.
Kants System hatte ihn mehr und mehr angezogen, wie
man bei der spekulativen Richtung, die sein Geist früh nahm, erwarten
konnte. Wie sehr der große Geist dieses Philosophen ihn ansprach, geht aus
folgenden Briefen an Körner hervor.
Jena, den 3. März 1791
„Du errätst wohl nicht, was ich jetzt lese
und studiere? Nichts Schlechters als – Kant. Seine Kritik der
Urteilskraft, di ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch
ihren neuen, lichtvollen, geistreichen Inhalt und hat mir das größte
Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hinein zu
arbeiten. Beim einer wenigen Bekanntschaft mit philosophischen Systemen
würde mir die Kritik der Vernunft und selbst einige Reinholdsche Schriften
für jetzt noch zu schwer sein und zu viel Zeit wegnehmen. Weil ich aber
über Ästhetik schon selbst viel gedacht habe und empirisch noch mehr darin
bewandert bin, so komme ich in der Kritik der Urteilskraft weit leichter
fort und lerne gelegenheitlich viele Kantische Vorstellungsarten kennen,
weil er sich in diesem Werke darauf bezieht und viele Ideen aus der Kritik
der Vernunft in der Urteilskraft anwendet. Kurz, ich ahne, dass Kant für
mich kein so unübersteiglicher Berg ist, und ich werde mich gewiss noch
genauer mit ihm einlassen. Da ich künftigen Winter Ästhetik vortragen
werde, so gibt mir dieses Gelegenheit, einige Zeit auf Philosophie
überhaupt zu wenden. Dein
S.“
Jena, den 1. Januar 1792.
„Ich treibe jetzt mit Eifer Kantische
Philosophie und gäbe viel darum, wenn ich jeden Abend mit Dir darüber
verplaudern könnte. Mein Entschluss ist unwiderruflich gefasst, sie nicht
eher zu verlassen, bis ich sie ergründet habe, wenn mich dies auch drei
Jahre kosten könnte. Übrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus
genommen und in mein Eigentum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit
gerne Locke, Hume und Leibnitz studieren.“
Jena, den 25. März 1792.
„An die ästhetischen Briefe habe ich, wie
Du leicht begreifen wirst, jetzt noch nicht kommen können; aber ich lese
in dieser Absicht Kants Kritik der Urteilskraft wieder und wünschte
deswegen, dass Du Dich vorläufig auch recht damit vertraut machen
möchtest. Wir werden einander dann umso leichter begegnen und mehr auf den
nämlichen Zweck arbeiten, auch eine mehr gleichförmige Sprache führen.
Baumgarten will ich auch noch vorher lesen.“
Jena, den 15. Oktober 1792
„Jetzt stecke ich bis an die Ohren in Kants
Kritik der Urteilskraft. Ich werde nicht ruhen, bis ich diese Materie
durchdrungen habe und sie unter meinen Händen etwas geworden ist. Auch ist
es nötig, dass ich auf alle Fälle ein Kollegium ganz durchdenke und
erschöpfe, damit ich in diesem Sattel völlig gerecht bin, und auch um mit
Leichtigkeit, ohne Kraft- und Zeitaufwand etwas Lesbares, für die Thalia,
zu jeder Zeit schreiben zu können. Bald werde ich Dich mit meinen
Untersuchungen und Entdeckungen zu unterhalten den Anfang machen und die
verabredete Korrespondenz einleiten.“
Das Studium der Kantischen Philosophie unter
Reinholds Leitung hatte viele geistvolle Männer nach Jena gezogen, die
sich bei Schiller zu philosophischen Gesprächen einfanden. Der Doktor
Erhard, aus Nürnberg, interessierte ihn besonders durch seinen Scharfsinn,
und der Eifer des Barons Herbert, den im Mannesalter Liebe zur Philosophie
aus Steiermark nach Jena gezogen, war ihm achtungswürdig; er leibte den
Umgang dieses jovialen liebenswürdigen Menschen. Aber Anfälle von schweren
Brustkrämpfen blieben nicht aus und griffen störend in das heitere
geistige Leben. Bei einem Besuch in Rudolstadt erlitt er einen neuen
harten Anfall, wo er sich entschieden dem Tode nahe glaubte. Das Leben war
ihm wert und reizend; aber mit männlicher Fassung suchte er uns zu
beruhigen und das Unvermeidliche ertragen zu lernen. Ich las ihm die
Stellen aus Kants Kritik der Urteilskraft, die auf Unsterblichkeit deuten,
vor. Den Lichtstrahl aus der Seele des ruhigen Weisen und den tröstenden
Glauben meines Herzens, dass solch ein Wesen in der Blüte seiner Kraft
nicht enden, uns nicht für immer entzogen werden könne, nahm er ruhig auf.
„Dem allwaltenden Geiste der Natur müssen wir uns ergeben,“ sagte er, „und
wirken, so lange wir’s vermögen.“ Wir sollten unsere Freunde zu ihm kommen
lassen, damit sie lernten, wie man ruhig sterben könne. Als ihm die
Sprache schwer zu werden anfing, griff er nach dem Schreibzeuge und
schrieb: „Sorget für eure Gesundheit, man kann ohne das nicht gut sein.“
Noch verwahre ich diese rührenden Worte der Liebe.
Die Krämpfe ließen nach auf die Mittel unsers
geschickten Arztes Conradi, der uns immer mit der Hoffnung tröstete, sie
seien nicht tödlich. „Es wäre doch schön, wenn wir noch länger zusammen
blieben!“, sagte er seiner Frau und mir, mit sehr heiterm Blick.
Der Zustand besserte sich; er glaubte wieder an ein
längeres Leben, machte Pläne zu Arbeiten und las viel in den schlaflosen
Nächten. Reisen interessierten ihn sehr. In unsern Gesprächen wanderten
wir über die ganze bekannte Erde, durch alle Zonen. Die Natur und
besonders die Verschiedenheit der Menschen und ihre Zustände zogen unsre
Betrachtung an. Die Länder am Nordpol, wo der Mensch mit allen Elementen
um sein Dasein kämpfen muss, waren Schiller besonders merkwürdig. „Man
bringt doch immer etwas von solch einer Reise um die Erde zurück,“ sagte
er.
In dieser Zeit las er auch Tassos befreites
Jerusalem in Heinses Übersetzung mit dem größten Anteil. Als wir einmal
von einem Besuch über Land zurückkamen, hatte er das Gedicht vollendet und
sagte: „Der Tasso liegt mir in allen Gliedern.“ In dieser Epoche fing die
Unordnung im Schlaf und Wachen bei ihm zuerst an. Er fand, dass er eher
einschlafe, wenn er unter einem leichten Geschäft sich vom Schlaf
übermannen ließ, als wenn er ihn erwarte. Unsre Hausjungfern spielten mit
ihm Karten, wobei er sehr heiter war, so dass sie gern ein paar Stunden
Schlaf opferten, dessen meine Schwester und die übrigen Hausbewohner so
sehr bedurften, um dem Leidenden den Tag heiter zu machen.
Ende Julius konnte er nach Karlsbad reisen, wo er
sehr eingezogen lebte. Die Bekanntschaft mit einigen bedeutenden
österreichischen Kriegern interessierte ihn und gab ihm neue Ansichten
dieses Standes, in den er, seines Wallensteins wegen, gern hinein schaute.
In Eger besuchte er das Rathaus; er sah hier ein Bild Wallensteins, auch
das Haus, wo dieser seinen Tod fand.
Den September brachte er in Erfurt zu; die Abende
meistens bei dem immer gleich freundschaftlichen und tätig teilnehmenden
Dalberg. Vieles kam unter ihnen zur Sprache, besonders Wallenstein.
Wie Schiller unter den Krankheitsanfällen, die
eigentlich dieselben blieben, aber bei ihrer traurigen Wiederkehr für ihn
und uns allmählich von ihrer Furchtbarkeit verloren, sein reges
Geistesleben erhielt, zeigen seine Arbeiten in dieser Periode. Er setzte
die früher begonnene Geschichte des dreißigjährigen Krieges fort, sowie
seine ästhetischen Studien, und erheiterte sich durch die Übersetzungen
aus der Aeneide, da er sich zu eigenen Dichtungen nicht stark genug
fühlte. „Auch darf man nicht glauben,“ sagt sein Freund Körner, „dass
überhaupt damals eine hypochondrische Stimmung durch körperliche Leiden
bei ihm hervorgebracht worden wäre. Mehrere Stellen aus seinen Briefen
beweisen, dass er eben in dieser Zeit für begeisternde Wirksamkeit und für
edlern Lebensgenuss nichts weniger als erstorben war.“
Ein sehr angenehmer, geistreicher Kreis von
Hausfreunden die auch großenteils an Schillers Tische zu Mittag aßen, trug
viel zur Erheiterung bei. Der jetzige Präsident Fischenich, Niethammer,
Herr von Stein, der liebenswürdige Sohn unserer Freundin, von Fichart und
sein Hofmeister Göritz waren die tägliche Tischgesellschaft. Offenheit und
Heiterkeit herrschte bei dem mäßigen Mahl. Schiller gab sich dem muntern
Gespräch unter diesen guten, von regem wissenschaftlichem Interesse
belebten Menschen hin, von denen mehrere sich in der Folge durch Schriften
und im Staatsdienst merkwürdig gemacht haben.
Mit Niethammer und Fischenich unterhielt er sich
vorzüglich über die Kantische Philosophie, und diese war, bei dem
lebhaften Interesse, das sie den drei Männern einflößte, ein nie
versiegender Quell für gegenseitige Mitteilung. Ein dauerndes Band blieb
durchs ganze Leben; und nach Schillers Tode fand der edle Fischenich
Gelegenheit, seine Freundschaft für denselben den Hinterlassenen treu und
auf die großmütigste Art zu beweisen.
Eine Reise im Frühjahr 1792 zu seinem Freunde Körner
gewährte Schiller großen Genuss; doch war sei auch durch Krankheitsanfälle
getrübt.
Fischenich begleitete ihn nach Dresden, und
philosophische Gespräche beseelten jede freie Stunde. Dann erfreute
Schiller auf das innigste ein Besuch seiner Mutter, die eben eine schwere
Krankheit überstanden hatte, und seiner jüngsten Schwester. Früher hatte
er mir geschrieben: „Heute habe ich einen Brief von Hause erhalten, worin
die angenehme Nachricht steht, dass meine Mutter sich anfängt zu erholen.
Herzlich hat sie mich erfreut. Ich hoffe noch einmal sie wieder zu sehen
und ihr einige frohe Tage zu schenken. Auch dich und Lottchen muss sie
noch sehen und mein Vater euch seine Artigkeiten ins Angesicht sagen.“ Die
fünfzehnjährige Schwester hatte die schönsten Anlagen. Stellen aus
Schillers Gedichten zu deklamieren, war ihre größte Freude, und ihre
Naivität machte uns viel Vergnügen.
Mehrere Rückfälle ließen indes das Schlimmste für
Schillers Gesundheit fürchten. Er bedurfte der größten Schonung;
öffentliche Vorlesungen wären ihm äußerst schädlich gewesen; selbst
Privatvorträge verboten ihm seine immer wiederkehrenden Brustkrämpfe.
„Diese und alle andern anstrengenden Arbeiten mussten ausgesetzt bleiben,“
sagt Körner. „Es kam alles darauf an, ihn wenigstens auf einige Jahre in
eine sorgenfreie Lage zu versetzen, und hierzu fehlte es in Deutschland
weder an Willen noch an Kräften. Aber ehe für diesen Zweck eine
Vereinigung zustande kam, erschien unerwartet eine Hilfe aus Dänemark. Von
dem damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg und von dem Grafen von
Schimmelmann wurde Schiller ein Jahrgehalt von tausend Talern auf drei
Jahre, ohne alle Bedingungen und bloß zu seiner Wiederherstellung,
angeboten; und dies geschah mit einer Feinheit und Delikatesse, die den
Empfänger, wie er schreibt, noch mehr rührte, als das Anerbieten selbst.
Dänemark war es, woher einst auch Klopstock die Mittel einer unabhängigen
Existenz erhielt, um seinen Messias zu endigen. Gesegnet sei eine so
edelmütige Denkart, die auch bei Schiller durch die glücklichsten Folgen
belohnt wurde!“
Wir teilen den Brief dieser edlen Freunde mit.
Den 27. November 1791
„Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn
miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann! Beide
sind Ihnen unbekannt, aber beide verehren und lieben Sie. Beide bewundern
den hohen Flug Ihres Genius, der verschiedene Ihrer neuern Werke zu den
erhabensten unter allen menschlichen Werken stempeln konnte. Sie fanden in
diesen Werken die Denkart, den Sinn, den Enthusiasmus, der das Band ihrer
Freundschaft knüpfte, und gewöhnten sich bei ihrer Lesung an die Idee, den
Verfasser derselben als Mitglied ihres freundschaftlichen Bundes
anzusehen. Groß war also auch ihre Trauer bei der Nachricht von seinem
Tode, und ihre Tränen flossen nicht am sparsamsten unter der großen Zahl
der guten Menschen, die ihn kennen und lieben.
Dieses lebhafte Interesse, welches Sie uns
einflößen, edler und verehrter Mann, verteidige uns bei Ihnen gegen den
Anschein von unbescheidener Zudringlichkeit! Es entferne jede Verkennung
der Absicht dieses Schreibens. Wir fassen es ab mit einer ehrerbietigen
Schüchternheit, welche uns die Delikatesse Ihrer Empfindungen einflößt.
Wir würden diese sogar fürchten, wenn wir nicht wüssten, dass auch ihr,
der Tugend edler und gebildeter Seelen, ein gewisses Maß vorgeschrieben
ist, welches sie ohne Missbilligung der Vernunft nicht überschreiten darf.
Ihre durch allzu hastige Anstrengung und
Arbeit zerrüttete Gesundheit bedarf, so sagt man uns, für einige Zeit
einer großen Ruhe, wenn sie wieder hergestellt und die Ihrem Leben
drohende Gefahr abgewendet werden soll. Allein Ihre Verhältnisse, Ihre
Glücksumstände verhindern Sie, sich dieser Ruhe zu überlassen. Wollen Sie
uns wohl die Freude gönnen, Ihnen den Genuss derselben zu erleichtern? Wir
bieten Ihnen zu dem Ende auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von
tausend Talern an. Nehmen Sie dieses Anerbieten an, edler Mann! Der
Anblick unserer Titel bewege Sie nicht, es abzulehnen. Wir wissen dies zu
schätzen. Wir kennen keinen Stolz als nur den, Menschen zu sein, Bürger in
der großen Republik, deren Grenzen mehr als das Leben einzelner
Generationen, mehr als die Grenzen eines Erdballs umfassen. Sie haben hier
nur Menschen, Ihre Brüder, vor sich, nicht eitle Große, die durch einen
solchen Gebrauch ihrer Reichtümer nur einer etwas edlern Art von Hochmut
frönen. Es wird von Ihnen abhängen, wo Sie diese Ruhe genießen wollen.
Hier bei uns würde es Ihnen nicht an Befriedigungen für die Bedürfnisse
Ihres Geistes fehlen, in einer Hauptstadt, die der Sitz einer Regierung,
zugleich ein großer Handelsplatz ist und sehr schätzbare Büchersammlungen
enthält. Hochachtung und Freundschaft würden von mehreren Seiten
wetteifern, Ihnen den Aufenthalt in Dänemark angenehm zu machen; denn wir
sind hier nicht die einzigen, welche Sie kennen und lieben. Und wenn Sie
nach wieder hergestellter Gesundheit wünschen sollten, im Dienste unseres
Staates angestellt zu werden, so würde es uns nicht schwer fallen, diesen
Wunsch zu befriedigen.
Doch wir sind nicht so klein eigennützig,
diese Veränderung Ihres Aufenthalts zu einer Bedingung zu machen. Wir
überlassen dieses Ihrer eigenen freien Wahl. Der Menschheit wünschen wir
einen ihrer Lehrer zu erhalten, und diesem Wunsche muss jede andere
Betrachtung nachstehen.“
In der ersten Wärme des Dankgefühls glaubte sich
Schiller stark genug, eine Reise nach Dänemark unternehmen zu können und
versprechen zu dürfen; was er in einer Antwort auf jenen Brief tat. Der
Prinz von Holstein erwiderte:
„Erlauben sie, edler und verehrter Mann,
dass ich Ihnen meine Freude über Ihre Antwort und über die uns gegebene
Hoffnung bezeige, Sie hier in Dänemark zu besitzen. Ihr Betragen in dieser
Angelegenheit ist ganz Ihrer würdig und vermehrt die Hochachtung, welche
ich schon bisher für Sie hegte. Nichts kommt jetzt meiner Sehnsucht bei,
Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ich sehe dem Augenblick mit
verdoppelter Ungeduld entgegen, in welchem ich Sie als Mitbürger meines
Vaterlandes werde begrüßen können.“
Das Verlangen Schillers, diese edlen Freunde
persönlich kennen zu lernen, ihnen mündlich zu danken, mit ihnen
umzugehen, was für Geist und Herz so reichen Genuss versprach, dieses
lebhafte Verlangen blieb indes unerfüllt. Das Misstrauen, das er in seine
Gesundheit setzte, nahm mit den Jahren zu; er durfte eine Reise in ein
nördliches Klima nimmermehr wagen. Ein fortgesetzter Briefwechsel mit der
Gräfin Schimmelmann, in dem sich die herrliche Seele dieser
ausgezeichneten Frau, so wie die ihres Gemahls darstellt, erhielt
inzwischen eine geistige rege Verbindung. Schillers Bitte, die später in
den Horen erschienenen Briefe über ästhetische Erziehung an den Prinzen
von Holstein richten zu dürfen, wurde von demselben auf das freundlichste
angenommen.
Im kräftigen Mannesalter wurde auch dieser edle
Fürst der Welt entrissen. Das Andenken des Trefflichen zu erhalten, ist
eine heilige Pflicht der Mitlebenden; von dem Grabe edler Verstorbenen
geht ein belebender Hauch aus für die Nachwelt.
Körner sagt: „Völlige Wiederherstellung seiner
Gesundheit war für Schiller nicht zu erwarten; aber die Kraft seines
Geistes, der sich vom Druck äußerer Verhältnisse frei fühlte, siegte über
die Schwäche des Körpers. Kleinere Übel vergaß er, wenn ihn eine
ergreifende Arbeit, oder ein ernstes Studium beschäftigte; und von
heftigen Anfällen bleib er oft jahrelang befreit. Er hatte noch schöne
Tage zu erleben, genoss sie mit heitrer Seele, und von dieser Stimmung
erntete seine Nation die Früchte in seinen trefflichen Werken.“
Der Plan zum Wallenstein stand Schiller immer vor
der Seele, und in seinen heitern Stimmungen beschäftigte er sich damit.
Als er schon im Jahre 1792 zur Ausführung kommen sollte, schrieb er
darüber folgendes an Körner:
„Eigentlich ist es doch nur die Kunst
selbst, wo ich meine Kräfte fühle; in der Theorie muss ich mich immer mit
Prinzipien plagen; da bin ich bloß Dilettant. Aber um der Ausführung
selbst willen philosophiere ich gern über die Theorie. Die Kritik muss mir
jetzt selbst den Schaden ersetzen, den sie mir zugefügt hat. Und geschadet
hat sie mit in der Tat; denn die Kühnheit, die lebendige Glut, die ich
hatte, ehe mir noch eine Regel bekannt war, vermisse ich schon seit
mehreren Jahre. Ich sehe mich jetzt erschaffen und bilden, ich beobachte
das Spiel der Begeisterung, und meine Einbildungskraft beträgt sich mit
minder Freiheit, seitdem sie sich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich
aber erst so weit, dass mir Kunstmäßigkeit zur Natur wird, wie einem
wohlgesitteten Menschen die Erziehung, so erhält auch die Phantasie ihre
vorige Freiheit wieder zurück, und setzt sich keine andere als freiwillige
Schranken.“
Durch die Zeitungen erfuhr Schiller, dass man ihm,
wie mehreren andern deutschen Gelehrten, ein französisches Bürgerdiplom
zugesendet, das von drei Mitgliedern des Nationalkonvents unterschrieben
war; nach einigen Jahren erhielt er es durch Campe. Schon seit geraumer
Zeit hatte die Revolution sich mit Ungerechtigkeit und Blut befleckt, und
viele edle Franzosen selbst, die den Sieg der Freiheit auf der Bahn des
Rechts und durch erhöhte rein menschliche Gesinnung zu erringen gehofft,
entflohen, um dem Blutgerüste zu entgehen, in das Ausland. Als das
Schicksal Ludwigs XVI. entschieden werden sollte, schrieb Schiller (im
Dezember 1792) folgendes an seinen Freund Körner:
„Weißt Du mir niemand, der gut ins
französische übersetzte, wenn ich etwas in den Fall käme, ihn zu brauchen?
Kaum kann ich der Versuchung widerstehen, mich in die Streitsache wegen
des Königs einzumischen und ein Memoire darüber zu schreiben. Mir scheint
diese Unternehmung wichtig genug, um die Feder eines Vernünftigen zu
beschäftigen, und ein deutscher Schriftsteller, der sich mit Freiheit und
Beredsamkeit über diese Streitfrage erklärt, dürfte wahrscheinlich auf
diese richtungslosen Köpfe einen Eindruck machen. Wenn ein Einziger aus
einer ganzen Nation ein öffentliches Urteil sagt, so ist man wenigstens
auf den ersten Eindruck geneigt, ihn als Wortführer seiner Klasse, wo
nicht seiner Nation, anzusehen, und ich glaube, dass die Franzosen gerade
in dieser Sache gegen fremdes Urteil nicht ganz unempfindlich sind.
Außerdem ist gerade dieser Stoff sehr geschickt dazu, eine solche
Verteidigung der guten Sache zuzulassen, die keinem Missbrauch ausgesetzt
ist. Der Schriftsteller, der für die Sache des Königs öffentlich streitet,
darf bei dieser Gelegenheit schon einige wichtige Wahrheiten mehr sagen,
als ein anderer, und hat auch schon etwas mehr Kredit. Vielleicht rätst Du
mir an, zu schweigen; aber ich glaube, dass man bei solchen Anlässen nicht
indolent und untätig bleiben darf. Hätte jeder frei gesinnte Kopf
geschwiegen, so wäre nie ein Schritt zu unserer Verbesserung geschehen. Es
gibt Zeiten, wo man öffentlich sprechen muss, weil Empfänglichkeit dafür
da ist, und eine solche Zeit scheint mir die jetzige zu sein.“
Ehe dieser Gedanke zur Ausführung kommen konnte, war
das Urteil des unglücklichen Königs schon gefällt.
Das Studium von Kants Kritik der Urteilskraft führte
Schiller in immer weitere philosophische Untersuchungen, deren Resultate
er in der Abhandlung über Anmut und Würde, in verschiedenen Aufsätzen der
Thalia und hauptsächlich später in den schon erwähnten Briefen über die
ästhetische Erziehung des Menschen bekannt machte. Die Schrift „Anmut und
Würde“ dedizierte er in der ersten Ausgabe unserm Freunde Dalberg mit
einer Zeile aus Milton: „Was du hier siehest, edler Geist, das bist du
selbst.“ Gewiss ein Muster einer feinsinnigen Dedikation.
In der Mitte des Jahres 1793 schrieb Schiller an
Körner: „Die Liebe zum Vaterlande ist sehr lebhaft in mir geworden.“ Das
Verlangen, dasselbe nach so langer Zeit wieder zu sehen, ward lebendiger;
und im August unternahm er mit seiner Gattin die Reise nach Schwaben. Er
verweilte zuerst in der damaligen Reichsstadt Heilbronn, wo er die
freundlichste Aufnahme und in dem Umgang mit einigen geistvollen Männern
die angenehmste Unterhaltung fand. Das kleine Gemeinwesen, in der
lachendsten, reichen Gegend, wo Ordnung, Fleiß und Wohlhabenheit die
Bürger beglückte, erfreute Schiller sehr, und das Wiedersehen der Eltern,
Schwestern und Jugendfreunde, nach so langer Trennung, labte sein Herz.
Von Heilbronn aus schrieb er dem Herzog von
Württemberg im Sinn des dankbaren ehemaligen Zöglings, den widrige
Verhältnisse von seinem Vaterlande entfernt. Er erhielt zwar keine
Antwort, aber durch seine Freunde die Nachricht, der Herzog habe
öffentlich geäußert: „Schiller werde nach Stuttgart kommen und von ihm
ignoriert werden.“
Seit dem Frühling 1793 lebte ich in Schwaben,
mehrenteils auf dem reizenden Landgut der Frau von Senkenberg, Gaisburg,
wo ich das Cannstatter Bad gebrauchte, dessen gelinde Wirkung die Ärzte
für mein Nervenübel sehr zuträglich fanden. Meine Krankheit hatte in den
letzten Jahren so zugenommen, eine solche Verstimmung erzeugt, dass ich’s
billig fand, einem von vielen Seiten achtungswürdigen Manne durch eine
Trennung seine Freiheit wieder zu geben. Ich wollte in diesem Zeitpunkt
allein stehen und handeln und keinen meiner Freunde in die
Unannehmlichkeiten verflechten, die bei der Auflösung eines solchen
Verhältnisses nicht ausbleiben. Ein einsames, stilles Leben war mein
innigstes Bedürfnis.
Im September besuchte ich Schiller in Heilbronn, da
meine Schwester ihrer Niederkunft entgegen sah. Die vaterländische Luft,
Jugenderinnerungen und die Nähe der Seinen hielten Schiller in sehr milder
Stimmung.
Ich erinnere mich sehr merkwürdiger Gespräche, die
Schiller in Heilbronn mit dem berühmten Arzt Gemlin über tierischen
Magnetismus führte. Diese wichtige Entdeckung unsrer Zeit zog ihn sehr an;
doch fand er seinen eignen Krankheitszustand für Versuche mit dieser
Heilmethode nicht geeignet.
Da von dem Herzog von Württemberg keine
Feindseligkeit zu befürchten war, zog Schiller nach Ludwigsburg, wo er den
Seinen näher war; denn sein Vater lebte als Major auf der Solitüde und
hatte die Oberaufsicht über die fürstlichen Gräten und Pflanzschulen.
Vorzüglich zog ihn dahin sein treuester Jugendfreund, von Hoven, in dessen
geistreichen Umgang und einsichtiger ärztlichen Pflege er für sich und die
Seinen die größte Beruhigung, wie die angenehmste Unterhaltung zu finden
hoffte. Er fand beides im reichen Maße. Herr von Hoven und seine
liebenswürdige Frau taten alles, um den Ludwigsburger Aufenthalt angenehm
zu machen. Hören wir ihn selbst in seinen Erinnerungen aus dieser Zeit:
„Von unsern Empfindungen beim Wiedersehen
sage ich nichts; ich sage nur, wie ich Schiller nach einer Trennung von
zehn Jahren wieder gefunden habe. Ich fand einen ganz anderen Mann an ihm.
Sein jugendliches Feuer war gemildert; er hatte weit mehr Anstand in
seinem Betragen; an die Stelle seiner vormaligen Nachlässigkeit im Anzuge
war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein
blasses kränkliches Ansehen vollendete das Interessante seines Anblicks
bei mir und allen, die ihn früher näher gekannt hatten. Leider war der
Genuss seines Umgangs häufig, fast täglich, durch seine Krankheitsanfälle
gestört; aber in den Stunden des Besserbefindens – in welcher Fülle ergoss
sich da der Reichtum seines Geistes! Wie liebevoll zeigte sich sein
weiches, teilnehmendes Herz! Wie sichtbar drückte sich in allen seinen
Reden und Handlungen sein edler Charakter aus! Wie anständig war jetzt
seine sonst etwas ausgelassene Jovialität! Wie würdig waren selbst seine
Scherze! Kurz, er war ein vollendeter Mann geworden.“
Da er selten ganz frei von seinen Anfällen war, so
konnte er nur wenig arbeiten; indes schrieb er doch fast täglich, meistens
in der Nacht, einige Stunden an seinem Wallenstein, der damals seine
Hauptbeschäftigung war. Die Stunden, wo er sich dazu weniger aufgelegt
fühlte, widmete er seinen Briefen an den Herzog von Augustenburg über die
ästhetische Erziehung des Menschen. Vom Wallenstein, von dem er mir
verschiedene eben fertig gewordene Szenen zu lesen gab, bemerke ich, dass
er anfangs in Prosa geschrieben war. Ich äußerte, dass ich ihn lieber, wie
den Don Karlos, in Jamben geschrieben sähe, und ich weiß nicht, ob diese
Äußerung dazu beigetragen hat, dass er in Jamben erschienen ist. Gedichte
hat er, während er in Ludwigsburg war, nicht gemacht; nur die Götter
Griechenlands hat er in dieser Zeit abgeändert; aber so, wie er mir damals
dieses Gedicht vorgelesen, hat er es nicht drucken lassen. Von seinen
Räubern und andern früheren Stücken sprach er nicht gern; ja, es schien
mir oft, als wünsche er sie ungedruckt. Von Goethes Iphigenia äußerte er
einst auf einem Spaziergang, dass dies das einzige deutsche dramatische
Produkt sei, das er beneide, weil er fühle, dass er kein ähnliches machen
könne. Von Voß war er ein großer Verehrer. Die Übersetzung des Homer
machte ihm große Freude, beinah alle Abende als er daraus vor und pries
wechselseitig das Original und die Übersetzung. Von Gerstenberg bedauerte
er, dass er so früh zu dichten aufgehört habe. Die Bekanntschaft
Matthissons, der eben nach Ludwigsburg kam, freute ihn; wie er die
Zartheit seiner Gedichte schätzte, ist bekannt.
Während Schillers Aufenthalt im Vaterlande erfolgte
der Tod des Herzogs Karl von Württemberg. Dankbarkeit gegen seinen
Erzieher, Erinnerung des Wohlwollens, so er seiner frühesten Jugend
bezeigt, ergriffen sein Gemüt und verdrängten die düstern Bilder der
Folgezeit. „Ich sah Schiller,“ sagt von Hoven, „bei der Nachricht, dass
der Herzog krank und seine Krankheit eine zum Tode sei, sehr bewegt, und
die Nachricht von dem wirklich erfolgten Tode erfüllte ihn mit einer
Trauer, als hätte er den Tod eines Freundes vernommen.“
Sein Vater, dem natürlich an der Gunst des neuen
Regenten viel gelegen war, konnte ihn nicht dazu vermögen, diesem zum
Regierungsantritt ein Glückwunschungsschreiben zu senden, obgleich man
sich von Ludwig Eugen, einem Fürsten von der größten Herzensgüte, und
wegen des Eifers, mit welchem er sich als Agnat bei jeder Gelegenheit der
Landesverfassung gegen die Anmaßungen seines Bruders angenommen hatte, das
goldene Zeitalter für Württemberg versprach. Schiller wollte
wahrscheinlich wegen seines früheren Verhältnisses zu dem verstorbenen
Herzog auch den geringsten Schein meiden, als freue er sich seines Todes.
Hier, wie in mehreren Fällen, zeigte sich, dass er sein Zartgefühl immer
vor allem, was äußern Vorteil bringen konnte, vorherrschen ließ.
„Nie vergesse ich,“ sagte von Hoven ferner, „was er
mir einst auf einem Spaziergang, wo wir auf das fürstliche Begräbnis
hinsehen konnten, über den hingeschiedenen Herzog sagte: ‚Da ruht er also
(dies waren seine eigenen Worte), dieser rastlos tätig gewesene Mann! Er
hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch; aber die ersten wurden
von seinen großen Eigenschaften übertragen, und das Andenken an die
letzteren muss mit dem Toten begraben werden. Darum sage ich dir, wenn du,
da er nun dort liegt, jetzt noch jemand nachteilig von ihm sprechen hörst,
traue diesem Menschen nicht, er ist kein guter, wenigstens kein edler
Mensch!’ Von dem französischen Freiheitswesen, welches auch in Württemberg
damals einigen Anhang hatte, war Schiller kein Freund. Die schönen
Aussichten in eine glückliche Zukunft schienen ihm zweifelhaft. Er hielt
die französische Revolution für eine Wirkung der Leidenschaften, nicht für
ein Werk der Weisheit, die allein wahre Freiheit zur Folge haben kann. Er
gab zwar zu, dass viele wichtige Ideen, die sich zuvor nur in Büchern und
in den Köpfen aufgeklärter Menschen bestanden, zur öffentlichen Sprache
gekommen seien; aber ‚die eigentlichen Prinzipien,’ sagte er, ‚die einer
wahrhaft glücklichen bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden
müssen, sind noch nicht so gemein unter den Menschen; sie sind (indem er
auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies) noch
nirgends anders als hier. Die französische Republik wird ebenso schnell
aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung wird in
einen Zustand der Anarchie übergehen, und früher oder später wird ein
geistvoller, kräftiger Mann erscheinen, er mag kommen, woher er will, der
sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern auch vielleicht von einem
großen Teile Europas machen wird.’“
Wie prophetisch zeigte sich Schillers Genius in
diesen Worten, zehn Jahre vor Napoleons Kaiserkrönung gesprochen!
Tröstend und hilfreich war uns der treue Freund v.
Hoven in den ängstlichen Tagen der Niederkunft meiner Schwester. „Sie war
schwer und dauerte lange,“ sagte er; „Schiller zweifelte in manchen
Momenten an einem glücklichen Ausgange; er suchte seine Besorgnisse zu
verbergen, aber seine Angst blickte sichtbar aus seinem ganzen Betragen
hervor. Umso größer war seine Freude nach der endlich glücklich erfolgten
Entbindung; es war die Freude des gefühlvollen, edlen Mannes über die
Rettung einer zärtlich geliebten Frau und das Entzücken des Vaters über
seinen erstgeborenen Sohn.“
In dieser Zeit entstand auch die Bekanntschaft mit
Herrn von Cotta, die zu einem dauernden Freundschafts- und
Geschäftsverhältnis führte. Herr von Cotta zeigte sich großsinnig für die
deutsche Literatur. Schiller schätzte seinen tiefen Verstand, seine
Umsicht in allen Verhältnissen, seine außerordentliche Tätigkeit, und
vertraute seinem edlen Charakter.
Der Plan zu den Horen wurde gemacht, zu dessen
Ausführung die ersten Geister der Nation eingeladen werden sollten, und
Herrn von Cottas Anerbietungen übertrafen alles, was bis jetzt für
deutsche Schriftsteller geschehen war. Schiller entwarf auch den Plan zu
einer deutschen Zeitung, die ihm ein wahres Bedürfnis der Nation dünkte1).
Höhere philosophische Ansicht der Begebenheiten, reines, freies, völlig
parteiloses Urteil, Maß und Anstand in den Äußerungen, Klarheit der
Sprache, Schönheit des Stils sollten diese Blätter vor allem, was man bis
jetzt in der Art kannte, auszeichnen. Schiller selbst wollte an der
Redaktion Anteil nehmen; eine solche Zeitung erschien ihm als ein
mächtiges Organ zur Ausbildung des Staats- und des bürgerlichen Lebens und
daher höchst wichtig, zumal in jener sich neu gestaltenden Zeit. Es ist
nicht zu zweifeln, dass die Ausführung dieses Planes eine Quelle reichen
Gewinnes für ihn würde geworden sein, und als Vater fühlte er sich doppelt
verpflichtet, auch hierauf große Rücksicht zu nehmen. Aber in kurzem
gewann die Poesie wieder die Oberhand in ihm. Ein bestimmtes Geschäft, das
ihn dieser entfremden musste, dünkte ihm gegen seine Natur; und Herr von
Cotta führte den Plan in der Allgemeinen Zeitung, die sich immer vor allen
andern Blättern der Art ausgezeichnet hat, ohne Schiller aus, aber stets
bewies er bei dem glücklichen Fortgang des Unternehmens dem ersten Stifter
desselben die reinste Anerkennung.
Schiller besuchte während seines Aufenthalts in
Schwaben auch seinen treuen Freund und ehemaligen Lehrer Abel in Tübingen.
Dieser, wie seine Freunde in Stuttgart, wünschten nichts mehr, als ihm im
Vaterlande eine würdige Laufbahn eröffnet zu sehen. Die schöne Natur, der
milde Himmel Schwabens und vor allem die warmen Herzen seiner Freunde
zogen ihn sehr an. Alle Umstände lagen günstig, und die entschiedenen
Anträge, die in der Folge gemacht wurden, zeigten, wie ernstlich seine
Freunde gewirkt hatten, ihn seinem Vaterlande wiederzugeben. Die große
Anhänglichkeit meiner Schwester an ihre Familie und Freunde, ihre Vorliebe
für die weimarischen Verhältnisse und den geselligen Ton in Sachsen waren
ein großes Motiv, Schiller in Jena fest zu halten, denn immer nahm er die
zarteste Rücksicht auf ihre Zufriedenheit.
Bei längerem Aufenthalte Schillers in Stuttgart
modellierte Dannecker Schillers Büste, und der Umgang mit diesem ihm so
werten genialen Jugendfreund erweckte in ihm ein großes Interesse für die
bildende Kunst; er zählte die Stunden, die er mit Dannecker zubrachte,
unter die genussreichsten des Stuttgarter Aufenthaltes. Ich gedenke immer
mit Rührung des Augenblicks, wo Dannecker, als er die letzte Hand an die
Büste gelegt, zu mir ins Nebenzimmer trat; Tränen standen in seinen Augen,
und er sagte: „Ach, es ist doch nicht ganz, was ich gewollt habe!“ Wie
spricht sich das Gefühl des echten Genius, der immer ein höheres Ideal
auch seiner vollkommensten Werke in sich trägt, so schön in diesen Worten
aus! Annecker führte sein Modell in Marmor aus. In Hinsicht auf treue,
geistige Ähnlichkeit und zarte Ausführung ist diese Büste, die sich jetzt
auf der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar befindet, ein wahres
Kunstwerk, den besten dieser Art an die Seite zu setzen.
Ü
Þ
1)
Der Plan zu der deutschen Zeitung stammt vielmehr von Cotta her.
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