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Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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            1797

Friedrich Schiller an Gottfried Körner.

Jena 6. Aug. [Sonntag] 1797.

Die drückende Hitze in der vorigen Woche hat mich so sehr angegriffen, und vielleicht hat auch eine Erkältung dazu beygetragen, daß ich mich in den letzten acht Tagen recht übel befand, Fieber spürte und eine ernstliche Krankheit befürchtete. Heute ist der erste Tag, wo ich mich wieder etwas leidlicher befinde, obgleich ich mich noch an Geist und Körper ermattet fühle.

Es hat mich erfreut zu hören, daß Du Dir im Umgang mit Humboldt so wohl gefallen hast. Zum Umgang ist er auch recht eigentlich qualifiziert: er hat ein seltenes reines Interesse an der Sache, weckt jede schlummernde Idee, nöthigt einen zur schärfsten Bestimmtheit, verwahrt dabey vor der Einseitigkeit und vergilt jede Mühe die man anwendet, um sich deutlich zu machen, durch die seltene Geschicklichkeit, die Gedanken des andern aufzufassen und zu prüfen. So wohlthätig er aber auch für jeden ist, der einen gewissen Gedankenreichthum mitzutheilen hat, so wohlthätig, ja so höchst nothwendig ist es auch für ihn, von außen ins Spiel gesetzt zu werden, und zu der scharfen Schneide seiner intellektuellen Kräfte einen Stoff zu bekommen; denn er kann nie bilden, immer nur scheiden und combinieren. Ich fürchte, die Anstalten die er macht, um sich der neuen Weltmasse, die ihn in Italien erwartet, zu bemächtigen, werden ihn um die eigentlichste und höchste Wirkung bringen, die Italien auf ihn machen sollte. Er versieht sich jetzt schon im Voraus mit Zwecken, die er dort verfolgen, mit Sehorganen durch die er jene Welt betrachten will, und so wird er machen, daß er auch nur darinn findet, was er mitbringt, und über dem ängstlichen Bestreben, viele einzelne Resultate mit nach Hause zu bringen, wird er, fürchte ich, dem Ganzen nicht Zeit und Raum lassen, sich als ein Ganzes in seine Phantasie einzuprägen. – Italien könnte ihm sehr nützlich werden, wenn es seiner Einbildungskraft, die von seinem Verstande wie gefangen gehalten wird, einen gewißen Schwung geben, eine gewiße Stärke verschaffen könnte. Dazu gehörte aber, daß er nicht hinein zöge wie ein Eroberer, mit so vielen Maschinen und Geräthschaften, um es für seinen Verstand in Besitz zu nehmen. Es fehlt ihm zu sehr an einer ruhigen und anspruchslosen Empfänglichkeit, die sich dem Gegenstande hingiebt, er ist gleich zu activ und dringt mir zu unruhig auf bestimmte Resultate. Doch Du kennst ihn genug und wirst wahrscheinlich hierin meiner Meinung seyn.

Ueber Alexander habe ich noch kein rechtes Urtheil; ich fürchte aber, trotz aller seiner Talente und seiner rastlosen Thätigkeit wird er in seiner Wißenschaft nie etwas Großes leisten. Eine zu kleine unruhige Eitelkeit beseelt noch sein ganzes Wirken, und ich kann ihm keinen Funken eines reinen objectiven Interesse abmerken, und wie sonderbar es auch klingen mag, so finde ich in ihm, bei allem ungeheuren Reichthum des Stoffes, eine Dürftigkeit des Sinnes, die bei dem Gegenstande, den er behandelt, das schlimmste Uebel ist. Es ist der nakte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfaßlich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schaamlos ausgemessen haben will und, mit einer Frechheit die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maaßstabe macht. Kurz mir scheint er für seinen Gegenstand ein viel zu grobes Organ und dabey ein viel zu beschränkter Verstandesmensch zu seyn. Er hat keine Einbildungskraft und so fehlt ihm nach meinem Urtheil das nothwendigste Vermögen zu seiner Wißenschaft – denn die Natur muß angeschaut und empfunden werden, in ihren einzelnsten Erscheinungen, wie in ihren höchsten Gesetzen.

Alexander imponiert sehr vielen, und gewinnt in Vergleichung mit seinem Bruder meistens, weil er ein Maul hat und sich geltend machen kann. Aber ich kann sie, dem absoluten Werthe nach, gar nicht miteinander vergleichen, so viel achtungswürdiger ist mir Wilhelm.

Dein Urtheil über Burgsdorf möchte wohl sehr gegründet seyn. Ich habe ihn zu selten und mit zu wenig Interesse gesehen, als daß ich eine Forderung an ihn hätte machen können; indessen fand ich ihn, besonders in der letzten Zeit immer ohnmächtig und, wie die schwächlichen Naturen, eigensinnig.

Göthe ist seit 8 Tagen weg, ich habe noch keine Nachricht von ihm.

Meine Arbeiten sind in den letzten 14 Tagen, wie Du leicht denken kannst, liegen geblieben, was mir meinen Zustand doppelt unerträglich machte; auch jetzt habe ich weder Stimmung noch Kraft zu irgend einer productiven Thätigkeit. Einige Lieder, welche ich durch Zelter habe setzen lassen, will ich Dir mit dem nächsten Posttage schicken. Auch das Reiterlied wird er setzen; es hat ihn sehr gerührt.

Lebewohl, herzlich umarmen wir euch. Dein

S.


Bemerkungen

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1 Von dem Erben der Frau Körner Herrn Ulrich ist mir vor c. 20 Jahren erzählt worden, daß er sich die Herausgabe des Briefwechsels Schiller-Körner nicht habe gestatten wollen, weil er gewußt habe, daß Körner und Minna Bedenken getragen hätten, so offenherzige Urteile über noch Lebende zu veröffentlichen, wie sie z. B. dieser Brief enthalte. Als er gedrängt worden sei, habe er Alexander v. Humboldt offen sein Bedenken gestanden. Dieser habe den ihn betreffenden Brief, d. h. also diesen Brief sehen wollen und nach der Durchsicht, habe er groß erklärt, weder Schiller noch ihn könne dieser Brief in den Augen Verständiger herabsetzen. Die Verschiedenartigkeit ihrer Naturen und sein damals noch jugendliches Alter erkläre alles zur Genüge (vgl. auch deutsche Revue 1885 S. 340). Ich möchte auf diese Entscheidung Alexander v. Humboldts die Worte Schillers anwenden dürfen:

   Unter des Herrn großen Thaten allen
Hat mir das Stückchen besonders gefallen.

Körner nahm in Z. Alexander v. Humboldt Schs. herben Äußerungen gegen über in Schutz. Wie treffend sind seine Worte: „Aber gesetzt, daß es ihm auch an Einbildungskraft fehlt, um die Natur zu empfinden, so kann er doch, däucht mich, für die Wissenschaft vieles leisten. Sein Bestreben alles zu messen und zu anatomiren, gehört zur scharfen Beobachtung, und ohne diese giebt es keine brauchbaren Materialien für den Naturforscher“ etc. Dichter und Naturforscher sind zu verschiedenartig, als daß der Dichter, zumal ein sentimentaler Dichter wie Schiller, den Mathematiker und Naturforscher recht verstehen sollte. Auch wird ins Feenreich der Dichtkunst ein Naturforscher und Mathematiker mindestens so selten kommen wie ein Reicher ins Himmelreich.
Zu S. 235. Z. 1. Über Burgsdorf hatte Körner am 21. Juli geschrieben, daß er ihm in letzter Zeit weniger gefalle. „Es ist etwas Weichliches in seiner Natur, das ich nicht liebe.“

 
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