Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1799

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena 19. März [Dienstag] 99.

Ich habe mich schon lange vor dem Augenblick gefürchtet, den ich so sehr wünschte, meines Werks los zu seyn; und in der That befinde ich mich bei meiner jetzigen Freiheit schlimmer als der bisherigen Sklaverei. Die Masse, die mich bisher anzog und fest hielt, ist nun auf einmal weg, und mir dünkt als wenn ich bestimmungslos im luftleeren Raume hienge. Zugleich ist mir, als wenn es absolut unmöglich wäre, daß ich wieder etwas hervorbringen könnte; ich werde nicht eher ruhig seyn, bis ich meine Gedanken wieder auf einen bestimmten Stoff mit Hofnung und Neigung gerichtet sehe. Habe ich wieder eine Bestimmung, so werde ich dieser Unruhe los seyn, die mich jetzt auch von kleineren Unternehmungen abzieht. Ich werde Ihnen, wenn Sie hier sind, einige tragische Stoffe, von freier Erfindung, vorlegen, um nicht in der ersten Instanz, in dem Gegenstande, einen Mißgriff zu thun. Neigung und Bedürfniß ziehen mich zu einem frei phantasierten, nicht historischen, und zu einem bloß leidenschaftlichen und menschlichen Stoff; denn Soldaten, Helden und Herrscher habe ich vor jetzt herzlich satt.

Wie beneide ich Sie um Ihre jetzige nächste Thätigkeit. Sie stehen auf dem reinsten und höchsten poetischen Boden, in der schönsten Welt bestimmter Gestalten, wo alles gemacht ist und alles wieder zu machen ist. Sie wohnen gleichsam im Hause der Poesie, wo Sie von Göttern bedient werden. Ich habe in diesen Tagen wieder den Homer vorgehabt und den Besuch der Thetis beim Vulcan mit unendlichem Vergnügen gelesen. In der anmuthigen Schilderung eines Hausbesuchs, wie man ihn alle Tage erfahren kann, in der Beschreibung eines handwerksmäßigen Geschäfts ist ein unendliches in Stoff und Form enthalten, und das naive hat den ganzen Gehalt des göttlichen.

Daß Sie schon im Herbst die Achilleis zu vollenden hoffen, es doch wenigstens für möglich halten, ist mir bei aller Ueberzeugung von Ihrer raschen Ausführungsweise, davon ich selbst Zeuge war, doch etwas unbegreifliches, besonders da Sie den April nicht einmal zu Ihrer Arbeit rechnen. In der That beklage ichs, daß Sie diesen Monat verlieren sollen; vielleicht bleiben Sie aber in der epischen Stimmung und alsdann lassen Sie Sich ja durch die Theatersorgen nicht stören. Was ich Ihnen in Absicht auf den Wallenstein dabei an Last abnehmen kann, werde ich ohnehin mit Vergnügen thun.

Dieser Tage hat mir die Imhof die 2 letzten Gesänge ihres Gedichts geschickt, die mir sehr große Freude gemacht haben. Es ist überaus zart und rein entwickelt, mit einfachen Mitteln und ungemeiner Anmuthigkeit. Wenn Sie kommen, wollen wir es zusammen besprechen.

Hier sende ich die Piccolominis zurück und bitte mir dafür Wallensteins Lager aus, das ich auch noch abschreiben lassen will und dann die 3 Stücke zusammen endlich an Körnern senden.

Der Kasten mit Gries ist von einem H Meiern in Ihrem Nahmen abgefordert und ihm überliefert worden. Sie haben ihn doch erhalten?

Leben sie recht wohl. Meine Frau grüßt schönstens. Morgen hoffe ich zu hören, daß wir Sie Donnerstags erwarten können.

Sch.


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1 Zu S. 21. Z. 1. Vgl. Goethe an Sch. vom 16. März. Zu Z. 12. Die Schwestern von Lesbos.

 
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