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Weimar, 23. Juli 1787.

Vorgestern Abend kam ich hier an. Was uns auf der Reise nach Leipzig begegnete, wird Euch die Schneider geschrieben haben. – In Naumburg hatte ich das Unglück, den Herzog von Weimar um eine Stunde im Posthause zu verfehlen, wo er mir beinahe die Pferde weggenommen hätte. Was hätte ich nicht um diesen glücklichen Zufall gegeben! Jetzt ist er in Potsdam und man weiß noch nicht, wiebald er zurückkommen wird.

Am nämlichen Abend sah ich Charlotten1). Unser erstes Wiedersehen hatte so viel Gepresstes, Betäubendes, daß mir’s unmöglich fällt, es Euch zu beschreiben. Charlotte ist sich ganz gleichgeblieben, bis auf wenige Spuren von Kränklichkeit, die der Paroxysmus der Erwartung und des Wiedersehens für diesen Abend aber verlöschte, und die ich erst heute bemerken kann. Sonderbar war es, daß ich mich schon in der ersten Stunde unseres Beisammenseins nicht anders fühlte, als hätte ich sie erst gestern verlassen: so einheimisch war mir alles an ihr, so schnell knüpfte sich jeder zerrissene Faden unseres Umgangs wieder an.

Ehe ich Euch über sie und auch über mich etwas mehr sage, laßt mich zu mir selbst kommen. Die Erwartung der mancherlei Dinge, die sich mir hier in den Weg werfen werden, hat meine ganze Besinnungskraft eingenommen. Überhaupt wißt Ihr, daß ich bald von den Dingen, die mich umgeben und nahe angehen, betäubt werde. Das ist jetzt mein Fall, mehr und mit größerem Rechte als jemals. Ich habe mit keinen Kleinigkeiten zu thun, und die vielerlei Verhältnisse, in die ich mich hier zertheilen muß, in deren jedem ich doch ganz gegenwärtig sein muß, erschrecken meinen Muth und lassen mich die Einschränkung meines Wesens fühlen.

Gestern, als am Sonntag, hab’ ich keinen Besuch gemacht, weil ich den ganzen Tag bei Charlotten zubringen sollte.

Diesen Morgen habe ich Wieland in einem Billet begrüßt, und erhalte eben die Antwort, daß er mich diesen Nachmittag bei sich erwarten wird. Auch er scheint nicht von aller Unruhe frei zu sein, denn er schreibt mir, meine Erwartungen so tief als möglich herabzustimmen. Er scheint sehr ungeduldig mit mir bekannt zu werden, ich brenne vor Ungeduld in seine Seele zu sehen.

Einige Bekanntschaften habe ich indeß schon bei Charlotten gemacht: eines Grafen von Solms und einer Frau von Imhof, der Schwester der Frau v. Stein, die Körner aus meiner Beschreibung bekannt ist. Meine Bekanntschaft mit dem ersten ist sehr lebhaft geworden, und bei der letzteren habe ich, wie ich glaube, einen ziemlich erträglichen Eindruck gemacht; was mir lieb ist, weil sie noch denselben Abend in einer großen Assemblee den ersten Laut von mir wird haben erschallen lassen. die übrigen Weimar’schen Götter und Götzendiener werde ich in dieser Woche schon expediren. Wieland soll mir hierin einige politische Maßregeln vorzeichnen. Goethe ist noch in Italien, Bode in Paris, Bertuch ist auch abwesend, Reinhold ist schon in Jena. Mlle. Schröder sehe ich wahrscheinlich bei Charlotte. Mlle. Schmidt soll ein redseliges, affectirtes und kaltes Geschöpf sein2); also aus der Partie wird nichts. Schlagt mir eine bessere vor.

Ich wohne bis jetzt noch im Gasthof zum Erbprinzen. Frau v. Imhof will sich um ein Logis für mich bemühen. So lange ich nicht in meinen vier Wänden bin, erwartet nichts Ordentliches von mir. Ort und Gegenden habe ich noch nicht Zeit gehabt in Augenschein zu nehmen; doch gewann ein niedliches Wäldchen, das zum Spaziergang angelegt ist, schon im Hereinfahren mein Herz. Meine Lieben, werde ich oft unter Euren Schatten herumwandeln.

Charlotte ist eine große sonderbare weibliche Seele, ein wirkliches Studium für mich, die einem größeren Geist, als der meinige ist, zu schaffen geben kann. Mit jedem Fortschritt unseres Umgangs entdecke ich neue Erscheinungen in ihr, die mich, wie schöne Partien in einer weiten Landschaft, überraschen und entzücken. Mehr als jemals bin ich jetzt begierig, wie dieser Geist auf den Eurigen wirken wird. Herr von Kalb und sein Bruder werden im September eintreffen, und Charlotte hat alle Hoffnung, daß unsere Vereinigung im October zu Stande kommen wird. Aus einer kleinen Bosheit vermeidet sie deswegen auch, in Weimar die geringste Einrichtung für häusliche Bequemlichkeit zu machen, daß ihn die Armseligkeit weg nach Dresden treiben soll. Sind wir einmal da, so läßt man Euch für das Weitere sorgen. Die Situation des Herrn v. Kalb am Zweibrück’schen Hofe, wo er eine Carriere machen dürfte, wenn der Churfürst von der Pfalz sterben sollte, läßt sie vielleicht zehn bis funfzehn Jahre über ihren Aufenthalt frei gebieten3).

Von dem kleinen Fritz habe ich Euch noch nichts gesagt. Es ist ein liebes Kind aus ihm geworden, das mir viele Freude macht; er wird recht gut behandelt, und hat schon sehr viele Züge von Güte und Gehorsam gezeigt. Charlotte geht wenig in Gesellschaft, wird aber nunmehr in diesem Punkte eine Veränderung treffen. Zu Ende dieser Woche oder Anfang der folgenden wahrscheinlich, lasse ich mich der Herzogin vorstellen.

Jetzt Adieu, meine Lieben. Ich muß diesen Brief abbrechen, weil er gleich auf die Post muß. Meine ganze Seele ist bei Euch – denn sollte Freundschaft ein so armseliges Feuer sein, daß es durch Theilung verlöre? Kein Geschöpf in der Welt kann Euch die Liebe, kann Euch nur den kleinsten Theil der Liebe entziehen, womit ich auf ewig an Euch gebunden bin. Adieu. Kunzes meine herzlichen Empfehlungen.

Fried. Schiller.

[Weimar 24. Juli] Dienstag früh.

Der Brief wäre hier auf der Post unnütz liegen geblieben, weil ich zu spät gekommen bin, und erst Donnerstags eine Post abgeht. Ich erbreche ihn und erzähle euch, wie es mir gestern gegangen ist.

Ich besuchte also Wieland, zu dem ich durch ein Gedränge kleiner und immer kleinerer Creaturen von lieben Kinderchen gelangte. Unser erstes Zusammentreffen war wie eine vorausgesetzte Bekanntschaft. Ein Augenblick machte alles. Wir wollen langsam anfangen, sagte Wieland, wir wollen uns Zeit nehmen, einander etwas zu werden. Er zeichnete mir gleich bei dieser ersten Zusammenkunft den Gang unseres künftigen Verhältnisses vor, und was mich freute, war, daß er es als keine vorübergehende Bekanntschaft behandelte, sondern als ein Verhältniß, das für die Zukunft fortdauern und reifen sollte. Er fand es glücklich, daß wir uns jetzt erst gefunden hätten. Wir wollen dahin kommen, sagte er mir, daß einer zu dem anderen wahr und vertraulich rede, wie man mit seinem Genius redet.

Unsere Unterhaltung verbreitete sich über sehr mancherlei Dinge, wobei er viel Geist zeigte und auch mir dazu Gelegenheit gab. Einige Materien, Religionsgespräche zum Beispiel, legte er besonders auf künftige Tage zurück; hierbei schien er sich sehr wohl zu haben, und über diesen Stoff, ahne ich, werden wir warm werden. Auch über politische Philosophie wurde viel gesprochen, etwas über Literatur, Goethe, die Berliner und Wien. Von Klinger sprach er sehr witzig; Stolberg ist seine Renonce, wie die unsrige; er ist jetzt ganz in den Lucian versunken, den er wie den Horaz übersetzen und commentiren wird.

Sein Äußeres hat mich überrascht. Was er ist, hätte ich nicht in diesem Gesichte gesucht – doch gewinnt es sehr durch den augenblicklichen Ausdruck seiner Seele, wenn er mit Wärme spricht. Er war sehr bald aufgeweckt, lebhaft, warm. Ich fühlte, daß er sich bei mir gefiel und wußte, daß ich ihm nicht mißfallen hatte, ehe ich’s nachher erfuhr. Sehr gerne hört er sich sprechen, seine Unterhaltung ist weitläufig und manchmal fast bis zur Pedanterie vollständig, wie seine Schriften, sein Vortrag nicht fließend, aber seine Ausdrücke bestimmt. Er sagte übrigens viel Alltägliches, hätte mir nicht seine Person, die ich beobachtete, zu thun gegeben, ich hätte oft lange Weile fühlen können. Im Ganzen aber bin ich sehr angenehm bei ihm beschäftigt worden, und was unser Verhältniß betrifft, kann ich sehr mit ihm zufrieden sein. Man sagte mir nachher, daß er es nicht gewohnt wäre, sobald in den Ton mit einem anderen zu entriren, und unverkennbare Theilnahme, Wohlwollen und Achtung sprach aus ihm. Er wird sich näher an mich anschließen, er verweilte mit Wärme bei meinem Alter und bei der Idee, wie viel Spielraum mir noch übrig wäre. Wir wollen aufeinander wirken, sagte er, und ob er gleich für Umänderung zu alt wäre, so wäre er doch nicht unverbesserlich.

Über meine Erwartungen und meine Absicht habe ich, aus guten Gründen, in der ersten Unterredung kein Wort mit ihm verloren. Überhaupt kann ich, da der Herzog doch noch nicht sobald kommt, abwarten, bis er selbst davon anfangen wird. Es sollte mich wundern, wenn er nicht hierüber etwas im Schilde führte. Ich blieb zwei Stunden bei ihm, nach deren Verfluß er in den Clubb mußte. Er wollte mich dort gleich einführen, aber ich hatte Charlotten zugesagt, mit ihr spazieren zu gehen. Unterwegs wollte er wegen der Schwan bei mir auf den Busch klopfen, ich war aber kalt wie Eis und höchst einsylbig. Es machte mir Spaß, wie er sich dabei nahm.

Wieland ist hier ziemlich isolirt, wie er mir auch gesagt hat. Er lebt fast nur seinen Schriften und seiner Familie. Diese habe ich noch nicht gesehen, er will mich das nächstemal darin einführen. Mit ihm werde ich vermuthlich auch nach Jena gehen.

Ich weiß nicht, was ich Euch über ihn gesagt und was ich vergessen habe. Ist es etwas Wichtiges, so wird es mir ein andermal einfallen. Morgen besuche ich Herder. Was ich dort sehe und höre sollt Ihr noch in diesem Briefe erfahren.

Hier ist, wie es scheint, schon ziemlich über mich und mich und Charlotten gesprochen worden. Wir haben uns vorgesetzt, kein Geheimniß aus unserem Verhältniß zu machen.

Einige Mal hatte man schon die Discretion – uns nicht zu stören, wenn man vermuthete, daß wir fremde Gesellschaft los sein wollten. Charlotte steht bei Wieland und Herder in großer Achtung. Mit dem ersten habe ich selbst über sie gesprochen. – Sie ist jetzt bis zum Muthwillen munter, ihre Lebhaftigkeit hat auch mich schon angesteckt, und sie ist nicht unbemerkt geblieben.

Heute schickt der Kammerherr Einsiedel4), den ich weder besucht noch gesehen habe, zu mir, und läßt sich entschuldigen, daß ich ihn nicht zu Hause getroffen habe. Er wollte mir aufwarten – ich verstand anfangs nicht, was das bedeutete, Charlotte aber glaubt, daß es ein Pfiff wäre, mich zu ihm zu bringen, weil er mich der Herzogin vorstellen sollte. Diese lebt auf dem Lande, eine halbe Stunde von hier. Nun kann ich nicht umhin, mich nächster Tage präsentiren zu lassen.

Ein Logis habe ich im Hause der Frau v. Imhof erhalten; ich weiß aber noch nicht, wie mir’s gefallen und was es mir kosten wird. Heute soll ich’s erst sehen. Es ist auf der Explanade, eine Allee vor dem Hause, welche mich oft an das Fleischmann’sche und an den japanischen Garten erinnern wird.

– – ich komme von Herder. Wenn Ihr sein Bild bei Graff gesehen habt, so könnt Ihr ihn Euch recht gut vorstellen, nur daß in dem Gemälde zu viel leichte Freundlichkeit, in seinem Gesicht mehr Ernst ist. Er hat mir sehr behagt. Seine Unterhaltung ist voll Geist, voll Stärke und Feuer, aber seine Empfindungen bestehen in Haß oder Liebe. Goethe liebt er mit Leidenschaft, mit einer Art von Vergötterung.

Wir haben erstaunlich viel über diesen gesprochen, was ich Euch ein andermal erzählen will. Auch über politische und philosophische Materien einiges, über Weimar und seine Menschen, über Schubart und den Herzog von Würtemberg, über meine Geschichte mit diesem. Er haßt ihn mit Tyrannenhaß. Ich muß ihm erstaunlich fremd sein, denn er fragte mich, ob ich verheirathet wäre. Überhaupt ging er mit mir um, wie mit einem Menschen, von dem er nichts weiter weiß, als daß er für etwas gehalten wird. Ich glaube, er hat selbst nichts von mir gelesen.

Herder ist erstaunlich höflich, man hat sich wohl in seiner Gegenwart. Ich glaube, ich habe ihm gefallen, denn er äußerte mehrmals, daß ich ihn öfters wieder sehen möchte.

Über sein Bild von Graff ist er nicht sehr zufrieden. Er holte mir’s her, und ließ mich’s mit ihm vergleichen. Er sagt, daß es einem italienischen Abbé gleichsehe.

Goethe, gesteht er, habe viel auf seine Bildung gewirkt.

Er lebt äußerst eingezogen, auch seine Frau, die ich aber noch nicht gesehen habe. In den Clubb geht er nicht, weil dort gespielt oder gegessen oder Taback geraucht würde; das wäre seine Sache nicht. Weilands Freund schient er nicht sehr zu sein. Musaeus hat er mir gerühmt. Er klagt sehr über viele Geschäfte und daß er zur Schriftstellerei wenig Zeit übrig behielte. Unter allen Weimarschen Gelehrten sei Wieland der einzige, der seinem Geschmack und seiner Feder leben könnte.

Von Herder ist mir hier eine Schrift in die Hand gekommen: Gott ist der Titel5). Der Anfang, der von Spinoza handelt, hat mir gefallen. Das Übrige hat keine Klarheit für mich.

Herder haßt Kant, wie Du wissen wirst.

Eben hatte ich eine gar liebliche Unterbrechung, welche so kurz war, daß ich sie Euch ganz hersetzen kann.

Es wird an meiner Thür geklopft.

„Herein.“

Und herein tritt eine kleine dürre Figur in weißem Frack und grüngelber Weste, krumm und sehr gebückt.

„„Habe ich nicht das Glück, sagte die Figur, den Herrn Rath Schiller vor mir zu sehen?““

„Der bin ich, ja.“

„„Ich habe gehört, daß Sie hier wären, und konnte nicht umhin, den Mann zu sehen, von dessen Don Carlos ich eben komme.““

„Gehorsamer Diener. Mit wem habe ich die Ehre?“

„„Ich werde nicht das Glück haben, Ihnen bekannt zu sein. Mein Name ist Vulpius.““

„Ich bin Ihnen für diese Höflichkeit sehr verbunden – bedauere nur, daß ich mich in diesem Augenblick versagt habe und eben (zum Glück war ich angezogen) im Begriff war auszugehen.“

„„Ich bitte sehr um Verzeihung. Ich bin zufrieden, daß ich Sie gesehen habe.““

Damit empfahl sich die Figur6) - und ich schreibe fort.

Ich muß hier einen Bedienten annehmen, weil ich zum Verschicken die Leute nicht habe, und alle Tage etwas dergleichen vorfällt. Charlotte hat mir einen ausgemacht, und ich erwarte ihn in einer Stunde. Gefällt er mir, und ist er nur mit fünf Thalern des Monats zufrieden, so bringe ich ihn mit nach Dresden.

Das schwarze Kleid hätte ich ganz entbehren können. Ich kann im Frack zum Herzog und zur Herzogin. Annoncirt werde ich heute. Ich habe den Kammerherrn Einseidel besucht, der ein herzlich gutes Geschöpf ist, mit dem ich eine Stunde von deutschen Fürstenbund gesprochen habe. In diesem Hause kann ich Musik hören, ein gewisser Schlick geht dort aus und ein.

Nun will ich doch schließen. Gott weiß, wann Ihr diesen Brief erhalten werdet. Charlotte hat Euch schon geschrieben.

Lebt tausendmal wohl, und behaltet mich lieb.

               Ewig der Eurige.

S.

Ü    Þ


1) Frau v. Kalb. ­
2) Caroline Schmidt, Tochter des Geh. Assistenz-Raths, der Schiller ein Exemplar des Don Carlos mit einem Widmungsgedichte (S. Schr. 6, 1) schenkte, wird in der Folge öfter genannt.
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3) Vgl. I, 130. ­
4) Hildebr. V. Einsiedel, Kammerherr der verwitweten Herzogin Amalia, die in Tiefurt wohnte.
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5) Gott! Einige Gespräche. Gotha 1787. ­
6) Vulipus war der Bruder von Goethes nachmaliger Frau, damals Secretair des Grafen Soden in Nürnberg, und hatte schon eine Reihe von Leihbibliotheksromanen geschrieben.
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