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Weimar, 10. September 1787. Ich fange an, mich hier ganz leidlich zu befinden, und das Mittel, wodurch ich es bewerkstellige – Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher darauf gefallen bin – das Mittel ist: ich frage nach Niemand. Das hätte ich zwar schon in den ersten Wochen wegkriegen können, denn wohin ich nur sehe, pflegt hier jeder ein Gleiches zu thun. – So viele Familien, ebenso viele abgesonderte Schneckenhäuser, aus denen der Eigenthümer kaum herausgeht, um sich zu sonnen. In diesem Stücke ist Weimar das Paradies. Jeder kann nach seiner Weise privatisiren, ohne damit aufzufallen. Eine stille, kaum merkbare Regierung läßt einen so friedlich hier leben und das Bischen Luft und Sonne genießen. Will man sich anhängen, eindrängen, brilliren, so findet man allenfalls seine Menschen auch. – Anfangs hab’ ich mir alles viel zu wichtig, zu schwer vorgestellt. Ich habe mich selbst für zu klein und die Menschen umher für zu groß gehalten. Jeden glaubte ich meinen Richter, und jeder hat genug mit sich selbst zu thun, um mich auszulauern. Jetzt gehe ich sehr wenig aus; Tags zweimal zu Charlotten und zweimal spazieren, wozu ich mir den Stern erwählt habe. Hier begegnen mir doch zuweilen Menschen, und will ich, so kann ich auch ganz allein sein. Alle anderen Tage besuche ich Bode, Bertuch, Herder, Voigt oder sonst jemand. Montags gehe ich in den Clubb. Die übrige Zeit bin ich zu Hause und arbeite. Bode hat eine schlechte Idee von Paris zurückgebracht. Die Nation habe alle Energie verloren und nähere sich mit schnellen Schritten ihrem Verfall. Die Einführung der Notables selbst wäre nur ein Kniff der Regierung – sie hätte ihn aber fünf Jahre zu früh gebraucht und noch etwas unerwarteten Gegendruck gefunden. Fünf Jahre später hätte sie diesen nicht mehr riskirt. Das Parlament wolle nichts bedeuten. Seine ganze Wirksamkeit bestehe aus Schulexercitien, die es eingebe und höchlich froh sei, wenn sie gut gerathen; just so, wie die Schulknaben in den Gymnasien. – Die Stempelverordnung sei eine Anstalt, die in der Ausübung tausend Hindernisse finden müsse. Beaumarchais wird in Paris von den Bessern verachtet. Wollte man nach ihm fragen, so heißt es: que voulez vous de ce vilain? Bode sagte mir, daß er in Betreff der Maurerei aus Paris etwas Erhebliches mitgebracht habe. Er ist sehr mit den Berlinern über die drohende Gefahr des Katholicismus einig. Ich habe aber schon vergessen, was er mir alles darüber gesagt hat. Deinem Wurmb1) traut er wenig Gutes zu. – Die jetzige Anarchie der Aufklärung meint er, wäre hauptsächlich der Jesuiten Werk. Die Jesuiten und Herrenhuter, behauptet er, wären von Anfang an verbündet gewesen. In herrenhutterischen Bezirken handle kein Jesuit, und umgekehrt, wo Jesuiten Missionen hätten, träfe man keine herrenhuterische Missionaire und vice versa. Magnetismus leugnet er nicht. Ein Agens nimmt er darin an, ohne zu ergründen, wie es wirke. Weishaupt2) ist jetzt sehr das Gespräch der Welt. Seine aufgefundenen Briefe wirst Du gelesen haben, sowie auch die Recension des ersten Bandes in der Literaturzeitung, welche von Hufeland, und nach meinem Urtheil vortrefflich ist. Was denkst Du denn von seinem unglücklichen Verbrechen? – Alle Maurer, die ich noch gehört habe, brechen den Stab über ihn und wollen ihn ohne Gnade bürgerlich vernichtet haben. Aber der Orden bleibe ehrwürdig, auch nachdem Weishaupt ein schlechter Kerl sei3). Es läßt sich vielerlei darüber sagen, und ich muß gestehen, daß mir die moralischen Declamationen dieser Herren etwas verdächtig sind. Ein Kind abtreiben ist unstreitig eine lasterhafte That – für jeden. Aber eins machen, ist für einen Chef de parti unverzeihlicher. Was sie mir von der Abscheulichkeit des Kindermords und von der empörenden Rücksicht: daß ein Vater dieses thue, sagen, ist falsch und schief. Dieser Fall ist kein Kindermord. Ein ungeborenes Kind ist das meinige nicht. Es wäre schlimm, wenn man keine triftigeren Ursachen hätte, eine solche That zu verabscheuen, als jene schielenden Raisonnements. Ich habe nur einen Maßstab für Moralität, und ich glaube, den strengsten: Ist die That, die ich begehe, von guten oder schlimmen Folgen für die Welt – wenn sie allgemein ist? Bode hat mich sondirt, ob ich nicht Maurer werden wolle. Hier hält man ihn für einen der wichtigsten Menschen im ganzen Orden. Was weißt Du von ihm? Über die hiesigen Menschen hat mir Bode manche und drollige Aufschlüsse gegeben. Ich erzählte ihm meine jetzige Lage mit Wieland. Das wäre ganz in der Ordnung, sagte er; es sei nicht mir allein so mit ihm gegangen. Wieland sei ein Kind. Nach einiger Zeit würde er Frau und Kinder zusammenrufen und sie fragen, wie er denn eigentlich mit mir auseinandergekommen sei? das sei ihm hundertmal begegnet. Klopstock habe ihn nach Wieland einmal gefragt, darauf habe er ihm folgende Antwort gegeben. Er wünsche Wielands wegen, daß er auf eine halbe Stunde Jesus Christus beim jüngsten Gericht sein dürfe. – „Was würden Sie dann thun,“ fragte Klopstock. – Wieland müsse vor ihm, alle seine Schriften unter deren Arm, erscheinen, um sein Urtheil zu hören. – Sind Sie Herr Wieland aus Weimar, würde er zu ihm sagen – Ja – Nun Herr Wieland, sehen Sie, dahin liegt rechts und dorthin links. Gehen Sie nun, wohin es Ihnen beliebt – wohin es Ihnen beliebt; aber nehmen Sie sich nur in acht, das sage ich Ihnen. Geben Sie wohl acht! – Die Satyre ist sehr fein, wenn man Wieland kennt, sein Laviren zwischen gut und übel, seine Furcht und seine Klugheit. Wieland hat noch jetzt erstaunlich viel Jugendliches, fast Kindisches. Er hatte sich immer decisiv und scharf gegen Lavater erklärt. Lavatter kam4) nach Weimar, und bei Goethe war Souper, wo er, Wieland, Herder, Bode und der Herzog beisammen waren. Da kriegte ihn Lavater so ganz weg, daß er ihm die Hand küßte, als er in den Wagen stieg; und jetzt spricht Wieland wieder mit bitterer Verachtung von ihm – davon war ich selber Zeuge. Diese Ungleichheit bezeichnet sein ganzes Wesen; aber sie ist an ihm mehr, als an tausend anderen zu verwundern, und doch auch zu entschuldigen – denn Wieland hat eine höchst reizbare Empfindung, welche ihn nie zu Grundsätzen gelangen läßt. Ich muß abbrechen, Charlotte schickt zu mir und läßt mich holen. Seit vierzehn Tagen habe ich keine Zeile von Euch gesehen. Heute erwarte ich mit Zuversicht. – Grüße mir Alle hunderttausendmal. Unterlaßt ja nicht mir oft zu schreiben. Eure Briefe geben mir hier meine schönsten Stunden. Lebe wohl, Lieber. Dein S. 1)
Vermuthlich ist der kursächsische Cabinetsminister F. L. v. Wurmb (geb.
1723, gest. 1800) gemeint, der zugleich Director der Commerzdeputation
war.
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