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Weimar, 7. Januar 1788.

Ungeachtet ich lange Zeit eines Freundes nicht so bedürftig gewesen bin, kann ich es doch immer noch nicht erlangen, Dir, mein Lieber, etwas Vollständiges und Klares über mich selbst und meine gegenwärtigen Empfindungen zu schreiben. Für’s Erste gehe ich wirklich seltener mit mir selbst um, ich bin mir ein fremdes Wesen geworden, weil mir meine Arbeiten wenig Zeit lassen, meinem inneren Ideengange zu folgen; und dann bin ich meiner Gedanken und der Erfahrungen über mich selbst noch nicht so Meister, um sie darstellen zu können. Kannst du wohl aus einer Folge meiner Briefe an Dich die gegenwärtige Stellung meines Gemüths errathen? Ich glaube kaum.

Du hast Charlotten geschrieben; aus einigem Wenigen, was mir ihr Mann daraus gesagt hat, mit dem sie darüber scheint gesprochen zu haben, sah ich, daß dich mein Verhältniß mit Wieland beunruhigt. Du schließest vielleicht aus meinen Briefen ein Abattement meines Geistes, aber Du irrst Dich, wie mir scheint, in den Gründen, denen Du es zuschreibst. Das Abarbeiten meiner Seele macht mich müde, ich bin entkräftet durch den immerwährenden Streit meiner Empfindungen, nicht durch Regeln oder Autoritäten gelähmt, wie Du glaubst. Wieland ist sich nicht gleich, nicht consequent, nicht selbst fest genug, daß seine Überzeugungen je die meinigen werden könnten, oder ich die Form seines Geistes auf Treu und Glauben annehmen möchte.

Im Dramatischen vollends gestehe ich ihm gar wenig Competenz zu. Aber freilich – und darin magst Du recht haben – freilich wäre mir’s besser, meine Kräfte an einem minder ausgebildeten Geschmack zu prüfen, weil mich dasjenige, was andere vor mir voraus haben, immer niederschlägt, ohne daß mir dasjenige, worin sie mir nachstehen, in gleichem Lichte gegenwärtig wäre.

Meine jetzigen Arbeiten mögen mitunter auch an dieser Ermattung schuld sein. Ich ringe mit einem mir heterogenen fremden und oft undankbaren Stoff, dem ich Leben und Blüthe geben soll, ohne die nöthige Begeisterung von ihm zu erhalten. Die Zwecke, die ich mit dieser Arbeit finde, halten meinen Eifer noch so hin, und verbieten mir, auf halbem Wege zu erlahmen.

Deine Geringschätzung der Geschichte kommt mir unbillig vor. Allerdings ist sie willkürlich, voll Lücken und sehr oft unfruchtbar, aber eben das Willkürliche in ihr könnte einen philosophischen Geist reizen, sie zu beherrschen, das Leere und Unfruchtbare einen schöpferischen Kopf herausfordern, sie zu befruchten und auf dieses Gerippe Nerven und Muskeln zu tragen. Glaube nicht, daß es viel leichter sei, einen Stoff auszuführen, den man sich selbst gegeben hat, als einen, davon gewisse Bedingungen vorgeschrieben sind. Im Gegentheil habe ich aus eigenen Erfahrungen, daß die uneingeschränkteste Freiheit, in Ansehung des Stoffes, die Wahl schwerer und verwickelter macht, daß die Erfindungen unserer Imagination bei weitem nicht die Autorität und den Credit bei uns gewinnen, um einen dauerhaften Grundstein zu einem solchen Gebäude abzugeben, welche uns Facta geben, die eine höhere Hand uns gleichsam ehrwürdig gemacht hat, d. h. an denen sich unser Eigenwille nicht vergreifen kann. Die philosophische innere Nothwendigkeit ist bei beiden gleich; wenn eine Geschichte, wäre sie auch auf die glaubwürdigsten Chroniken gegründet, nicht geschehen sein kann, d. h. wenn der Verstand den Zusammenhang nicht einsehen kann, so ist sie ein Unding; wenn eine Tragödie nicht geschehen sein muß, sobald ihre Voraussetzungen Realität enthalten, so ist sie wieder ein Unding.

Über die Vortheile beider Arten von Geistesthätigkeit ist nun vollends keine Frage. Mit der Hälfte des Werthes, den ich einer historischen Arbeit zu geben weiß, erreiche ich mehr Anerkennung in der sogenannten gelehrten und in der bürgerlichen Welt, als mit dem größten Aufwand meines Geistes für die Frivolität einer Tragödie. Glaube nicht, daß dieses mein Ernst nicht sie, noch weniger, daß ich Dir hier einen fremden Gedanken verkaufe. Ist nicht das Gründliche der Maßstab, nach welchem Verdienste gemessen werden? Das Unterrichtende, nämlich das, welches sich dafür ausgiebt, von weit höherem Range, als das bloß Schöne oder Unterhaltende? So urtheilt der Pöbel – und so urtheilen die Weisen. – Bewundert man einen großen Dichter, so verehrt man einen Robertson1) – und wenn dieser Robertson mit dichterischem Geiste geschrieben hätte, so würde man ihn verehren und bewundern. Wer ist mir Bürge, daß ich das nicht einmal können werde – oder vielmehr – daß ich es den Leuten werde glauben machen können?

Für meinen Carlos – das Werk dreijähriger Anstrengungen bin ich mit Unlust belohnt worden. Meine niederländische Geschichte, das Werk von fünf, höchstens sechs Monaten, wird mich vielleicht zum angesehenen Manne machen. Du selbst, mein Lieber, sei aufrichtig und sage, ob Du es einem Manne, der Dir das, was Du lernen mußt, durch Schönheit und Gefälligkeit reizend machte, nicht mehr Dank wissen würdest, als einem anderen, der Dir etwas noch so Schönes auftischt, das Du entbehren kannst. Ich selbst, der ich jetzt genöthigt bin, seichte, trockne und geistlose Bücher zu lesen, was gäbe ich drum, wenn mir einer die niederländische Geschichte nur so in die Hände lieferte, wie ich sie dem Publicum vielleicht liefern werde. Auf der Straße, die man gehen muß, dankt man für eine wohlthätige Bank, die ein Menschenfreund dem müden Wandrer hingesetzt hat, oder für eine liebliche Allee weit mehr, als wenn man sie in einem Lustgarten findet, dem man hätte vorübergehen können. Wenn es Nothdurft ist, die Geschichte zu lernen, so hat derjenige nicht für den Undank gearbeitet, der sie aus einer trockenen Wissenschaft in eine reizende verwandelt, und da Genüsse hinstreut, wo man sich hätte gefallen lassen müssen, nur Mühe zu finden. Ich weiß nicht, ob ich Dir meine Ideen klar gemacht habe; aber ich fühle, daß ich die Materie mit überzeugtem Verstande verlasse.

Nun auch zu anderen Artikeln. Daß ich jetzt so vielen Werth auf Gründlichkeit lege, führt Dich vielleicht auf die Vermuthung, daß ich für ein Etablissement arbeite. Das ist dennoch der Fall nicht, aber mein Schicksal muß ich innerhalb eines Jahres ganz in der Gewalt haben, und also für eine Versorgung qualificirt sein. Dahin habe ich seit dem vorigen September ohne Unterbrechung gearbeitet, und ich denke noch gleich über diesen Punkt. Damit hängt alles, was ich Dir unterdessen auch geschrieben haben mag, zusammen. Vielleicht – und das ist das Höchste, wonach ich strebe – vielleicht habe ich nie nöthig, von dieser Nothhilfe Gebrauch zu machen, aber sie muß bereit sein, wenn ich sie brauche. Es ist wahrscheinlich, daß ich einen Ruf nach Jena bekommen werde, vielleicht innerhalb eines halben Jahres, aber ich werde die schlechten Bedingungen, die man mir machen muß, dazu benutzen, ihn nicht anzunehmen, und auch nicht ganz abzuschlagen. Ich werde mir einige Jahre wenigstens retten, bis ich gesehen habe, ob ich durch den Mercur existiren kann. Ist dieses, so bedarf ich keiner Versorgung.

Aber ich muß eine Frau dabei ernähren können, denn noch einmal, mein Lieber, dabei bleibt es, daß ich heirathe. Könntest Du in meiner Seele so lesen, wie ich selbst, Du würdest keine Minute darüber unentschieden sein. Alle meine Triebe zu Leben und Thätigkeit sind in mir abgenutzt; diesen einzigen habe ich noch nicht versucht. Ich führe eine elende Existenz, elend durch den inneren Zustand meines Wesens. Ich muß ein Geschöpf um mich haben, das mir gehört, das ich glücklich machen kann und muß, an dessen Dasein mein eigenes sich erfrischen kann. Du weißt nicht, wie verwüstet mein Gemüth, wie verfinstert mein Kopf ist – und alles dieses nicht durch äußeres Schicksal, denn ich befinde mich hier von der Seite wirklich gut, sondern durch inneres Abarbeiten meiner Empfindungen. Wenn ich nicht Hoffnung in mein Dasein verflechte, Hoffnung, die fast ganz aus mir verschwunden ist; wenn ich die abgelaufenen Räder meines Denkens und Empfindens nicht von neuem aufwinden kann, so ist es um mich geschehen. Eine philosophische Hypochondrie verzehrt meine Seele, alle ihre Blüthen drohen abzufallen. Glaube nicht, daß ich Dir hier die Laune eines Augenblicks gebe. So war ich noch bei Euch, ohne es mir selbst klar zu machen, so bin ich fast die ganze Zeit meines Hierseins gewesen, so kennt mich Charlotte seit langer Zeit. Mein Wesen leidet durch diese Armuth, und ich fürchte für die Kräfte meines Geistes.

Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die anderen Freuden genieße. Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner wohlthätiger häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt ein isolirter fremder Mensch in der Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigenthum besessen. Alle Wesen, an die ich mich fesselte, haben etwas gehabt, das ihnen theurer war, als ich, und damit kann sich mein Herz nicht behelfen. Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz, und das ist das Einzige, was ich jetzt noch hoffe.

Glaube nicht, daß ich gewählt habe. Was ich Dir von der Wieland geschrieben, war, wie gesagt, nicht mehr als hingeworfener Gedanke. Ich glaube, daß ich nicht unglücklich wählen würde; aber niemand als ich kann für mich wählen. Hier ist ein Fall, wo ich sehr viel anders bin, als andere Menschen, und keiner meiner Freunde würde sich einen Fehlgriff in meine Glückseligkeit vorwerfen wollen. Übrigens bin ich noch ganz frei und das ganze Weibergeschlecht steht mir offen; aber ich wünschte bestimmt zu sein. – Schreibe mir bald, mein Bester, und schreibe mir weitläufig. Ich muß abbrechen, ob ich Dir gleich noch gerne mehr sagen wollte. Übrigens wiederhole ich Dir noch einmal, halte mich nicht im geringsten für gefesselt, aber fest entschlossen, es zu werden.

Unsere lieben Weiber und Huber grüße ich von Herzen. Kann ich es über mich gewinnen, so schreibe ich Deiner Frau und Dorchen über die Sache und meine Empfindungen dabei. Für jetzt aber möchte ich eigentlich nur Deine und Hubers Gedanken darüber, das heißt, männliche. Adieu. Charlotte läßt Dir für Deinen Brief recht schön danken. Den nächsten freien schönen Nachmittag, der ihr gehört, welches freilich jetzt selten ist, wird sie anwenden, Dir zu antworten. Adieu, mein Lieber.

S.

Ü    Þ


1) Den Verf. Der Geschichte Karls V. ­

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