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Rudolstadt, den 10. April 1791. Ich habe Dich lange auf Briefe warten lassen, aber schon seit einigen Wochen bin ich hier, und habe soviel möglich den Schreibtisch vermieden, um von einer beschwerlichen Arbeit auszuruhen, die ich vor meiner Abreise aus Jena beendigte. Meine Brust ist mir seitdem um nichts leichter geworden, vielmehr empfinde ich noch immer bei starkem tiefem Athemholen einen spannenden Stich auf der Seite, welche entzündet gewesen ist, öfters Husten und zuweilen Beklemmungen. Ich mag es hier niemand sagen, was ich von diesem Umstande denke; aber mir ist, als ob ich diese Beschwerden behalten müßte. Eine Stunde laut zu lesen, wäre mir ganz und gar unmöglich. Doch habe ich seit meiner Krankheit kein Blut ausgeworfen. Ich ließ mir kürzlich zum zweitenmale Blutegel auf der rechten Brust setzen, die mir sehr viel Blut abnahmen, aber eher verschlimmerten, als besserten. Auch reite ich die Woche 3-, 4mal spazieren, und erwarte nur die frischen Kräuter, um nach der Verordnung meines Arzts abwechselnd Selzerwasser mit Milch und frische Kräutersäfte zu gebrauchen. Der Herzog, der vor 3 oder 4 Wochen selbst in Jena war, hat mich diesen Sommer vom Lesen dispensirt, wie ich Dir wohl schon geschrieben habe. Indessen dispensirte es sich von selbst, denn ich würde nicht gekonnt haben, was mir unmöglich ist. Mein Gemüth ist heiter und es soll mir nicht an Muth fehlen, wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird. Es ist nicht gut, daß ich diesen Sommer nicht von Arbeit frei bin, aber da es von mir abhängt, den 30jährigen Krieg mit dieser zweiten Lieferung zu endigen oder noch etwas für eine dritte aufzuheben, da es auch nicht gerade darauf ankommt, wie viel oder wie wenig Bogen er enthalte, so hoffe ich doch, diese Arbeit mit der Sorge für meine Gesundheit noch leidlich vereinigen zu können. Mehr freue ich mich auf die zweite Hälfte des Sommers, wo ich Dich zu sehen hoffe, und wo auch meine Beschäftigungen mehr nach meinem Geschmack sein werden. Ich habe in den letzten Zeiten meines Jenaer Aufenthalts einige Bekanntschaften gemacht, die mir seitdem sehr viel Vergnügen verschafft haben. Darunter gehört ein gewisser Erhard1) aus Nürnberg, Doctor medicinae, der hieher gekommen ist, um Reinhold und mich kennen zu lernen, und sich über Kantsche Philosophie weiter zu belehren. Es ist der reichste, vielumfassendste Kopf, den ich noch je habe kennen lernen, der nicht nur Kantsche Philosophie, nach Reinholds Aussage, aus dem Grunde kennt, sondern durch eigenes Denken auch ganz neue Blicke darein gethan hat, und überhaupt mit einer außerordentlichen Belesenheit eine ungemeine Kraft des Verstandes verbindet. Er ist Mathematiker, denkender Arzt, Philosoph, voll Wärme für Kunst, zeichnet ganz vortrefflich und spielt ebenso gut Musik; doch ist er nicht über fünfundzwanzig Jahr alt. Sein Umgang ist geistvoll, sein moralischer Charakter vortrefflich und größtentheils sein eigenes Werk; denn er hatte lange und hat noch mit einem starken Hange zur Satyre zu kämpfen. Die erste Erscheinung kündigt ihn nicht gleich so vortheilhaft an, als er sich bei längerem Umgange zeigt; weil er etwas decidirtes und sicheres an sich hat, das man leicht für Prätension und Zudringlichkeit auslegt. Er arbeitet jetzt an einer Vertheidigung der Reinholdschen Philosophie gegen einige Angriffe, die in der allgemeinen Literaturzeitung darauf gemacht wurden,2) und an einer größeren Schrift, welche den medicinischen Wissenschaften, ebenso wie Kants Kritik der Philosophie, ihre Grenzen abstecken soll. Geschrieben hat er noch nichts, und hat auch nicht im Sinne als Schriftsteller zu wirken; weil er es seinen Kräften und Neigungen angemessener hält, im lebendigen Umgange auf einen kleinen Zirkel zu wirken. Ich schreibe Dir deßwegen so viel von ihm, weil Du ihn bei seiner Rückreise von Königsberg, wohin er in einigen Wochen abgeht, zu Dresden kennen lernen wirst. In eben diesem Sommer werde ich Dir auch einen anderen jungen Mann schicken, der Dich als Künstler interessiren wird. Es ist ein Liefländer, Namens Graß,3) der sich einige Jahre in Jena aufhielt, um da Theologie zu studiren. Darinn hat er’s nun nicht weit gebracht, aber desto weiter im Zeichnen und Landschaftmalen, wozu er ganz außerordentlich viel Genie besitzt. Goethe hat ihn kennen lernen, und er versicherte mir, daß er die Anlage zu einem vortrefflichen Maler in ihm finde. Im vorigen Sommer machte er eine Excursion in die Schweiz, von wo er ganz begeistert zurückkam. Er wird Dir einige Schweizer-Landschaften zeigen, die er aus der Erinnerung hinwarf, voll Kraft und Leben, obgleich nichts weniger als ausgeführt. Dabei hat er große Talente zur Poesie, wovon Du im nächsten Stück der Thalia eine Probe lesen wirst. Er ist ein herzlich attachirtes Wesen, wo es ihm wohl ist; sein Äußerliches verräth in jedem Betracht das Genie. Eine andre meiner Bekanntschaften ist ein gewisser Baron Herbert aus Klagenfurt, ein Mann an den 40, der Weib und Kind hat, eine Fabrike in Klagenfurt besitzt und auf 4 Monate nach Jena reiste, Kantisch-Reinholdsche Philosophie zu studiren. Ein guter, gesunder Kopf mit ebenso gesundem moralischem Charakter. Er soll seinen Zweck erreicht haben, wie man mir sagt, und einen sehr gereinigten Kopf mit nach Hause zurückbringen. Bürger hat auf meine Recension eine Antikritik eingeschickt, die Du nebst meiner Antwort im Intelligenzblatt der A. L. Z. lesen wirst.4) Dieser Tage habe ich mich beschäftigt, ein Stück aus dem 2ten Buche der Äneide in Stanzen zu bringen; eine Idee, wovon ich dir wohl sonst schon geschrieben habe. Der Wunsch mich in Stanzen zu versuchen, und ein Kitzel Poesie zu treiben, hat mich dazu verführt. Du wirst, denke ich, daraus finden, daß sich Virgil, so übersetzt, ganz gut lesen ließ. Es ist aber beinahe Originalarbeit, weil man nicht nur den lateinischen Text neu eintheilen muß, um für jede Stanze ein kleines Ganze daraus zu erhalten, sondern weil es auch durchaus nöthig ist, dem Dichter im Deutschen von einer andren Seite wieder zu geben, was von der einen unvermeidlich verloren geht.5) Zu einem lyrischen Gedicht habe ich einen sehr begeisternden Stoff ausgefunden, den ich mir für meine schönsten Stunden zurücklege. Meine Frau grüßt Dich, Minna und Dorchen herzlich; auch meine Schwägerinn will sich freundlich empfohlen haben. Vermuthlich zieht Ihr jetzt bald auf den Weinberg, wo wir Euch etwa im August oder September finden werden. Lebe wohl und sei nicht so karg mit Deinen Briefen, wenn ich auch zuweilen nicht ganz Termin halte. Das würde mir begegnen, wenn ich auch mit dem Himmel selbst correspondirte. Dein S. Der Brief kam zu spät auf die Post, darum erhältst Du ihn einige Tage später. 1)
Joh. Benj. Erhard, geb. 5. Febr. 1766 in Nürnberg, Mitarbeiter am Mercur
und Schillers neuer Thalia, gest. als preußischer Obermedicinalrath in
Berlin 28. Nov. 1827. Vgl. Varnhagen, Denkwürdigkeiten des Arztes und
Philosophen Erhard. Stuttgart 1830.
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