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* Dresden, 5. Mai 1791.

Eben habe ich Deine Controvers mit Bürgern in der Literaturzeitung gelesen. Bürger hat Dir das Spiel wirklich zu leicht gemacht. Ich hätte ihm mehr Klugheit zugetraut. In dem Aufsatze freute mich der ruhige und gemäßigte Ton und die Klarheit des Vortrags. Ich bin überzeugt, daß sich etwas Scheinbares für Bürger sagen läßt, und ich würde ihm auch Sophistereien verziehen haben, wenn sie nur geistvoll gewesen wären. Die einzige Stelle, die mir wegen des Witzes gefallen hat, ist: „Er hat, wie Makbeth, keine Kinder.“1) Mehr solche Stellen, und er hätte vielleicht einen Theil des schwankenden Publicums bestochen. Jetzt bin ich begierig, ob und in welchem Tone er den Streit fortsetzen wird. Schweigen kann er fast nicht.

Du schreibst nicht, ob es Dir möglich ist, nach Leipzig zu kommen. Wir reisen übermorgen, als den 7., von hier und bleiben bis zur Zahlwoche, auch wohl die Zahlwoche selbst. Könntest Du nicht bei Göschen in L. wohnen? Ich möchte Dich gar so gern sehen, und da meine Frau schwanger ist und ich das Kind mitnehme, so kann ich nicht wohl weiter als bis Leipzig reisen. Und bis August wird mir die Zeit zu lang.

Ich bin voll von meiner Ausbeute für die Theorie der Kunst, und ich bin überzeugt, daß Du im Wesentlichen mit mir übereinstimmst. Jetzt ist mir nur besonders noch um die Erweislichkeit meiner Theorie zu thun. Durch Erfahrung auf dem gewöhnlichen Wege läßt sie sich nicht erweisen; denn was die Erfahrung in einzelnen Erscheinungen liefert, ist durch die besondern Umstände beschränkt und keine Grundlage für ein allgemeines Gesetz. Auch die Methode, die Analogie reducirt uns immer auf Nachahmung der ersten Beispiele eines glücklichen Erfolgs. Gründet sich aber die Theorie auf Begriffe, so fragt sich, wodurch werden die Begriffe bestimmt. Nicht durch den Sprachgebrauch, denn was für Erscheinungen zusammengefaßt und mit einem einzigen Worte bezeichnet wurden, hing von einer Menge persönlicher Verhältnisse ab. Das Personliche, Willkürliche (subjecitve) muß auch in den Begriffen wie in den Vorstellungen des einzelnen Falls von dem Gegebenen, Unwillkürlichen (Objectiven) abgesondert werden. Dieß Gegebene ist der Unterschied in den Bestandtheilen der einzelnen Erscheinungen. Dieser setzt zwar Vergleichung als Bedingung der Erkenntniß voraus, aber er wird durch die Denkkraft nicht bestimmt, sondern nur wahrgenommen. Hier sind wir an der Grenze aller Prüfung der menschlichen Erkenntniß, an dem Bewußtsein der Empfänglichkeit und Thätigkeit. Wer sich bei diesem nicht beruhigt, kann auch durch Erfahrung von nichts überzeugt werden. Die Möglichkeit einer Täuschung bleibt immer noch übrig, aber die Gefahr des Irrthums ist auf den äußersten Grad vermindert und kommt gegen die gänzliche Einbuße alles Unterrichts nicht in Betrachtung. Unterschiede bemerken, ist der Anfang aller Erkenntniß. Vorher geht ein Zustand der Betäubung, in dem der Mensch äußere Eindrücke durch die sinnlichen Werkzeuge empfängt und Veränderungen in seinem Innern fühlt, aber dies alles in eine einzige Erscheinung zusammenschließt. In diesem Totalerscheinungen einzeln zugleich vorhandene und auf einander folgende Theile abzusondern, ist der erste Schritt der Geistesentwicklung, und auf diese Art gelangen wir zu den Vorstellungen von einzelnen Erscheinungen und Gegenständen. In dem Stoffe, der in einzelnen Erscheinungen enthalten ist, lassen sich wieder die Bestandtheile nach gewissen Unterschieden absondern, und dieß ist die Entstehung der Begriffe. Durch die Begriffe werden die Erscheinungen klassificirt und dadurch wird Ordnung in dem Chaos der Vorstellungen erzeugt. Ein Begriff ist fehlerhaft, wenn er Unordnung statt Ordnung erzeugt, wenn er zu Verwechslungen Anlaß gibt. Begriffe werden daher berichtigt durch Prüfung der Unterschiede, auf welche sie gegründet sind. Bei Vergleichung der Bestandtheile einzelner Erfahrungen wird nemlich oft ein Unterschied übersehen, daher falsche Ähnlichkeiten. Aus diesem Mangel an Aufmerksamkeit entstehen falsche Urtheile, wenn das Einzelne mit den Begriffen verglichen wird; aber auch unrichtige Begriffe, wenn das Eigenthümliche und gemeinsame in der einzelnen Erscheinung nicht von einander getrennt, sondern als homogen in ein ganzes zusammengefaßt wird. Auf diese Absonderung es Individuellen von dem Gemeinsamen beruht der Werth allgemeiner Begriffe. So entstehen die mathematischen Begriffe von Punkt, Linie, Fläche u. s. w. Die Furchtbarkeit dieser Begriffe geht durch die kleinste Einmischung eines individuellen Bestandtheils verloren. Sie täuschen nemlich alsdann durch Schlüsse vom Besondern aufs Allgemeine. Bleibt nach Absonderung alles Individuellen in dem Begriffe noch etwas übrig, so ist dies die Grundlage einer Theorie für die Klasse, welche durch den Begriff vorgestellt wird, dieser Begriff sei der Mangel oder das Vollkommene (Gelungene). Das Gemeinsame der Klasse unterschiedet sich nemlich vor anderm denkbaren Stoffe, und diese Unterschiede sind die Elemente der Theorie. Das Vollkommne unterschiedet sich durch Erreichung des Ziels. Das Ziel ist entweder außerhalb oder innerhalb des Gegenstandes der Thätigkeit, und daher giebt es eine äußere, bedingte, und eine innere unbedingte Vollkommenheit. Das Ziel der innern Vollkommenheit heißt ein Ideal, und das Geschäft, Ideale zu realisiren ist die Kunst im weitläufigsten Verstande. Wird bei den Idealen das Eigenthümliche von dem gemeinsamen abgesondert, so gelangt man durch Fortsetzung der Abstraction endlich zu den allgemeinen Erfordernissen der Ideale, zu einer Art von reinen Kritik, die für die Beurtheilung der innern Vollkommenheit eben das leistet, was die reine Mathematik für die Größenlehre. Das Gemeinsame der Ideale besteht in den Spuren des Vermögens an den Bestandtheilen und in der Verbindung dieser Bestandtheile zu einem Ganzen. Daher zwei Gegensätze: Unvermögen in den Bestandtheilen (Leerheit) und Mangel an Zusammenhang des Ganzen (Chaos). Reichthum und Harmonie in den Idealen setzt Organisation des Gegenstandes voraus, wodurch die einzelnen Bestandtheile zugleich Mittel und Zweck werden. Und dies läßt sich auf Kunst im eigentlichsten Sinne, auf Moral, Politik, Geistesbildung u. s. w. anwenden, wie ich mir zu beweisen getraue. –

Jetzt lebe wohl und grüße von uns alles was Dir angehört.

               Dein

Körner.

Ü    Þ


1) Vgl. Schillers S. Schr. 6, 333, 39. ­

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