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Jena, 24. October 1791.

Es geht jetzt ziemlich erträglich mit mir; obgleich der Athem nie frei ist, und noch immer Krämpfe im Unterleib mich beunruhigen, so bin ich doch zu Beschäftigungen aufgelegt, und kann, wenn sie mich stark interessiren, Stunden lang meine Umstände darüber vergessen. Ein Beweis davon wird Dir nächster Tage vor Augen gelegt werden. Ich schrieb Dir schon im Frühjahr, daß ich ein Stück aus dem Virgil in Stanzen übersetzt habe. Es waren zweiunddreißig Stanzen, und binnen neun Tagen, denn so lange ist’s, daß ich wieder an diese Arbeit kam, habe ich hundert- und drei Stanzen noch dazu übersetzt; so daß das ganze zweite Buch in nächster Thalia erscheinen kann. So schwer diese Arbeit scheint und vielleicht manchem auch sein würde, so leicht ging sie mir von statten, nachdem ich einmal in Feuer gesetzt war. Es gab Tage, wo ich dreizehn, auch sechszehn Stanzen fertig machte, ohne längere Zeit, als des Vormittags vier Stunden und ebenso viel des Nachmittags daran zu wenden. Die Arbeit wird Dich freuen, denn sie ist mir gelungen. Für die ersten Stanzen, die ich je gemacht, und für eine Übersetzung, bei der ich oft äußerst genirt war, haben sie eine Leichtigkeit, die ich mir nimmer zugetraut hätte. Ich lasse sie jetzt abschreiben, und schicke sie Dir noch in Manuscript.

Denke übrigens nicht, daß ich mich überarbeite. Im Gegentheil wirkte diese Beschäftigung sehr glücklich auf meine Gesundheit, und ihr danke ich manche frohe Stunde. Auch war es mir eine sehr tröstliche Erfahrung, daß ich diese hundertundfünfunddreißig Stanzen mit ziemlichem Affect laut ablesen konnte, ohne merklich dadurch beschwert zu werden, und ohne alle üble Folgen. Jetzt bin ich beschäftigt, den Agamemnon des Äschylus zu übersetzen; theils um den ersten Band meines griechischen Theaters fertig zu bringen, theils der Thalia wegen, für die ich einige Acte bestimme. Überhaupt und vorzüglich aber strebe ich durch diese Übersetzungen der tragischen Dichter nach dem griechischen Styl, was Du auch dagegen magst auf dem Herzen haben.

So ist mir’s denn hier ganz leidlich. Ich sehe oft Menschen bei mir, und werde es so einrichten, daß ich einige Abende regelmäßig Gesellschaft bei mir haben kann. Zwei Tage in der Woche sind schon durch zwei Privatclubbs unter guten Freunden besetzt, nun will ich noch zwei dazu bestimmen. Viel Ausgabe machen diese Butterbrodgesellschaften nicht; wenn ich das halbe Jahr vier Louisd’or mehr daran wende, so kann ich alle Woche zweimal drei auch vier Menschen bitten, und zu meinem Wohlsein ist dies so nöthig. Nun fehlt mir blos Equipage, um jeden Tag spazieren zu fahren, dadurch würde mir sehr viel geholfen sein; aber diesem Wunsche muß ich freilich entsagen.

Für meine Lotte wünschte ich wohl einige leidlichere Frauengesellschaften; denn in diesem Stück sieht es hier sehr traurig aus.

Es ist ein Glück, daß sie Liebhabereien hat, mit denen sie sich beschäftigt, wenn ich zu thun habe. Meine Krankheit hat dadurch, daß sie mich ganz außer Thätigkeit setzte, uns so aneinander gewöhnt, daß ich sie nicht gern allein lasse. Auch mir macht es, wenn ich auch Geschäfte habe, schon Freude, mir nur zu denken, daß sie um mich ist; und ihr liebes Leben und Weben um mich herum, die kindliche Reinheit der Seele und die Innigkeit ihrer Liebe, giebt mir selbst eine Ruhe und Harmonie, die bei meinem hypochondrischen Übel ohne diesen Umstand fast unmöglich wäre. Wären wir beide nur gesund, wir brauchten nichts weiter, um zu leben wie die Götter. – Meinst Du nicht, daß ich von dem jungen Öser einige Landschaften um denselben Preis, wie Du sie bekommen hast, erhalten könnte? Ich möchte gern meiner Lotte etwas zum Copiren verschaffen, denn sie ist jetzt voll Eifer für’s Zeichnen, und viele geschickte Künstler, auch Goethe munterten sie auf, weil sie wirklich einiges Talent dazu hat. Einige Kupferstiche von Landschaften und einige Stücke von der Angelica Kaufmann habe ich mir schon verschrieben.

Mein Carlos wird nächster Tage in Weimar gegeben. Ich schrieb Dir, glaube ich, schon von Erfurt, daß ich ihn von der weimarschen Gesellschaft dort habe spielen lassen, für welchen Dienst ich das Stück der Gesellschaft überlassen mußte. Nun wollen sie auch die Räuber und den Fiesko, weil ich hatte verlauten lassen, daß ich nächstens eine neue verbesserte Auflage davon veranstalten würde.

Göschen ist wirklich auch mit dem Carlos rein fertig, und auf Ostern erscheint eine neue Auflage, so wie auch vom Geisterseher. Meine verlorenen Stunden kann ich zu diesen Arbeiten gut verbrauchen. Was mir aber jetzt besonders viel Freude macht, ist die Thalia, für welche Göschen nun äußerlich mehr thun will, und welche nun auch in schönster Ordnung herauskommen soll; zwar nur alle zwei Monate für’s nächste Jahr; aber kann ich mich auf meine Mitarbeiter nur erst verlassen, so soll jeden Monat ein Stück erscheinen. Rehberg in Hannover wird auch mit daran arbeiten; dann rechne ich auf Dich, auf Huber, mitunter auch auf Forster, auf Erhard und noch einige andere. Erhard kommt nicht nach Dresden, Du bist also so gut und schickest die Briefe weiter an Herbert in Klagenfurt.

Minna und das Kleine sind wohlauf, wie ich hoffe. Wenn wir auf’s Frühjahr nach Dresden kommen, so finden wir’s schon weit avancirt, und auch das andere werd’ ich gar nicht mehr kennen.

Jetzt lebe wohl. Für den Oxenstierna danke ich Dir herzlich; gelesen habe ich ihn zwar noch nicht, aber es freut mich schon, daß er da ist.

Tausend herzliche Grüße von uns beiden an die gute Minna und Dorchen. Was gäb’ ich Dir dafür, wenn Du, ehe Du selbst mit der Minna kommen kannst, uns Dorchen auf vier Wochen lassen könntest. Meine Frau wüßte sich nicht zu haben vor Freude. Adieu.

               Dein

S.

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