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            Christian Gottfried Körner
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Dresden, den 19. Sept. 94.

Über Deinen Dichterberuf zu urtheilen ist so leicht nicht, und ich stehe nicht dafür, daß ich mit dem, was ich Dir heute darüber schreibe, in einiger Zeit zufrieden sein würde. Aber Du mußt mit dem vorlieb nehmen, was ich bis jetzt herausgebracht habe.

In Deinen früheren Producten war fast bloß Diction und Versbau poetisch, der Stoff hingegen mehr ein Product des Verstandes, als der Phantasie. Etwas ähnliches findest Du in der ältesten Periode der griechischen Dichtkunst. Auch ist es natürlich, daß der Sinn für die äußere poetische Form sich früher entwickelt, als der für die innere. Ich nenne innere poetische Form das Product der geistigen Schöpfung aus dem gegebenen Stoffe im Kopfe des Dichters. Durch fortgesetzte Ausbildung Deiner selbst wuchs das Interesse Deiner Producte an Gehalt der Ideen und an Schönheit der äußeren Form. Dies gründete Deinen Ruf; aber ich begreife, daß es Dich selbst noch nicht befriedigt. Du erkennst den Charakter des Poetisch-gedachten; und dies ist’s, glaub’ ich, was Du in Deinen meisten Werken vermissest. „In allen“ kannst Du nicht sagen, sonst wollte ich Dir Beispiele vom Gegentheil anführen. Es fragt sich also: ist das, was Du an Deinen Arbeiten bemerkst, Folge von Mangel an Talent, oder von zufälligen vorübergehenden Umständen.

Zur inneren poetischen Form gehört, däucht mich, erstlich: Erscheinung des Stoffs unter einer bestimmten Gestalt. Durch diese Gestalt wird der Gedanke ein Element der dichterischen Schöpfung, ein darstellbares Object. Die Phantasie muß das Product des Verstandes gleichsam verkörpern, es mit einer Hülle überkleiden, wodurch es anschaulich wird. Aus der Hand der Phantasie empfängt nun der Genius den Stoff seiner Thätigkeit. – Der Geist schwebt über dem Chaos und die Schöpfung beginnt: – dieß ist das zweite Erforderniß der inneren poetischen Form.

Daß es Dir nicht an Genialität fehlt, hast Du zur Genüge bewiesen. Auch Deine historischen und philosophischen Arbeiten zeugen für Dich. Aber Dein Genius scheint der Phantasie nicht Zeit zu lassen, ihr Geschäft zu vollenden. Deine Empfänglichkeit ist nicht rein genug.

Der Stoff, mit dem die Phantasie den Gedanken überkleiden soll, muß zuvor aufgefaßt sein. Zu dieser Auffassung gehört Reizbarkeit und Ruhe, oder Unbefangenheit. An Reizbarkeit gebricht es Dir schwerlich, aber desto mehr vielleicht an Ruhe. Und hier ist der Punkt, glaub’ ich, wo Du Dich prüfen mußt, wie ich schon neulich geäußert habe. Eben deswegen sollst Du jetzt noch nicht den Plan zum Wallenstein machen. Deine Ideale müssen erst eine vollendete Gestalt gewinnen, müssen mit allen ihren Eigenheiten leben, die Deiner Phantasie vorschweben, alles Abstracte muß in individuellen Formen erscheinen – dann erst ist’s Zeit, an die Anordnung des Ganzen zu denken.

Also noch einmal: ergieb Dich dem ruhigen Genuß des Schönen aller Art. Laß Deine Phantasie ungestört Schätze sammeln – und es wird sich ein Vorrath anhäufen, der Deine Forderungen gewiß befriedigt. So viel für heute.

Daß Du bei Goethe bist, freut mich sehr. Empfiehl mich seinem Andenken, und schreib’ mir hübsch ausführlich über Euer Beisammensein. – Laß mich ja bald etwas von Deinen jetzigen Arbeiten lesen.

An Humboldt habe ich ein Project zu einem periodischen Werke über griechische Literatur und Kunst geschrieben. Mit den Horen collidirt es nicht, weil es nur für ein kleines Publicum ist. Schlegels Aufsätze, die er mir jetzt gezeigt hat, haben mich auf die Idee gebracht. Sie haben wirklich viel Gutes und bedürfen nur einer kleinen Nachhülfe in der Form. Ich selbst, dem die Griechen immer lieber werden, glaube besonders in der Folge Beiträge liefern zu können. Und du nähmst vielleicht auch zuweilen Antheil, wenn Dir etwas Esoterisches über die Griechen einfiele, was nicht in die Horen paßte.

Lies doch den Philoktet des Sophokles. Kein griechisches Product hat noch so sehr auf mich gewirkt – selbst die Antigone nicht. Dies verdiente eine Übersetzung vor allen andern.

Die Herausgeber der Literaturzeitung haben mir den Contract zugeschickt und mich für die Dichtkunst angeworben. Dieses Fach ist mir freilich das liebste. Ich wundere mich nur, daß es nicht schon übermäßig besetzt ist. – Du siehst also, daß Du Dich mit Deiner Anfrage an einen Mann in officio gewandt hast.

Ramdohr habe ich hier nur eine Stunde gesprochen. Vor 18 Jahren habe ich ihn in Göttingen ziemlich genau gekannt. Eine gewisse alles umfassende Koketterie, die ihm damals anklebte, hat er noch immer. Zu einem interessanten Gespräch konnte es diesmal unter uns nicht kommen. Viel erwarte ich nicht von ihm.

Dorchens Copie Deines Bildes hat sich schon der Lieutenant Thielemann von uns ausgebeten. Aber sie will Dir eine andere machen, die allem Ansehen nach – da sie neuerlich beträchtliche Fortschritte gemacht hat – noch besser gerathen wird.

               Dein

Körner.

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