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Dresden, den 16. Jan. 95. Den Humboldtschen Aufsatz, welcher am 7ten von Jena abgegangen ist, habe ich erst den 13ten Vormittags erhalten. Die ästhetischen Briefe, die Du am 6ten geschickt hast, erhielt ich schon am 8ten oder 9ten. Der Stoff in H(umboldts) Arbeit scheint mir von vorzüglichem Gehalt zu sein. Geist und Feinheit ist nicht darin zu verkennen. Aber gegen den Vortrag ließe sich vielleicht einiges einwenden. Es vereinigten sich freilich hier mancherlei Schwierigkeiten der Form. Zuviel Deutlichkeit verträgt der Gegenstand nicht. Und je vielumfassender der Gesichtspunkt war, desto weniger ließ sich der häufige Gebrauch allgemeiner Begriffe vermeiden. Das Abstracte, was in dem Aufsatze herrscht, ist für den bequemeren Leser ermüdend. Der schulgerechte Denker aber fordert vielleicht hier und da mehr Bestimmtheit, wo gleichwohl nach der Natur der Sache nur Winke gegeben werden konnten. Für einen solchen Gegenstand würde eine dichterische Einkleidung sehr vortheilhaft sein, oder wenigstens irgend eine Form, wodurch zugleich das Persönliche des Verfassers zur Anschauung gebracht würde. Die Begeisterung muß den Weg zur Untersuchung bahnen. Ich finde den Ton, den ich meine. S. 10 u. f., S. 13 u. f., S. 31 u. f. am Ende; aber ich wünschte ihn mehr herrschend, und besonders im Anfange. Ruhe und Einfachheit sind allerdings die schönste Manier, wenn man über einen Gegenstand vollständige Belehrung geben kann. Aber hier soll das Geheimniß der physischen und moralischen Natur nicht ganz enthüllt zu machen, einen gewissen Zusammenhang ahnen zu lassen, und den Blick des Naturforschers zu erweitern. Es sind weder allgemeine Begriffe, noch Erfahrungen allein, wovon man ausgeht. Nur der feinste Duft der Erfahrungen ist zu brauchen, und diesem müssen die Begriffe der höchsten Abstraction in einer Art von Anschauung begegnen. Sollte der Vortrag bloß didaktisch sein, so wäre es vielleicht besser gewesen, von den moralischen und ästhetischen Analogien des Geschlechtsunterschiedes auszugehen, und dann allmählig immer höher zu stiegen, bis sich zuletzt die weiteste Aussicht über den Zusammenhang des Naturganzen eröffnet hätte. Am Ausdruck und Periodenbau wüßte ich nichts zu tadeln. Letzterer könnte vielleicht durch mehr Contrast in der Länge und Kürze der Perioden gewinnen. An Wohlklang fehlt es ihm nicht. So viel für heute. Ich eile wieder zur Musik, wo ich gute Fortschritte gemacht habe. Dein K. |
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