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            Christian Gottfried Körner
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Dresden, den 27. Sept. 95.

Nach dem, was ich schon von Dir erhalten hatte, war meine Erwartung auf die letzte Lieferung äußerst gespannt. Auch weißt Du, daß ich überhaupt von Dir nicht so leicht zu befriedigen bin. Gleichwohl hat mir keins Deiner neueren Producte einen größeren Genuß gegeben, als die Elegie. Unter den kleineren Stücken ist Columbus mein Liebling.

Du verlangst mein Glaubensbekenntniß über Dein Dichtertalent. Deine neueren Arbeiten haben mir viel Stoff zu Bemerkungen über Dein eigenthümliches gegeben; aber noch bin ich nicht damit auf’s Reine. Indessen, was ich darüber gedacht habe, will ich Dir geben, sowie es ist.

In Deinen früheren Arbeiten zeigte sich ungebildete Kraft – ein Streben nach Größe, Gedankengehalt, erschütternder Wirkung – kurz, nach dem, was man als das Charakteristische dem Schönen entgegensetzt. In beiden scheint mir ein Trieb nach dem Unendlichen – das Wesentliche des Kunsttalents – zum Grunde zu liegen. Nur ist er bei dem Charakteristischen auf die einzelnen Theile – bei dem Schönen auf die Verbindung des Ganzen gerichtet. Es gibt nämlich ein Unendliches in der Verbindung nennen wir Harmonie. Sie ist vollkommen, wenn die Übereinstimmung auch in den kleinsten Theilen vorhanden ist; aber als ein freiwilliges Resultat ihrer Freiheit, ohne daß diese in irgend einem Theile beschränkt wurde. An dieser Harmonie, däucht mich, erkennen wir den Geist der Antike.

Was ich an Dir vorzüglich schätze, ist, daß Du Dich immer mehr diesem Ziele näherst, ohne den Reichthum des Einzelnen aufzuopfern. Ich begreife die Schwierigkeit dieses Unternehmens, und merke wohl, daß Goethe auf einem bequemeren Wege die Forderungen des Geschmacks zu befriedigen sucht. Aber wenn es möglich ist, die Alten zu übertreffen, so ist es auf dem Wege, den Du einschlägst.

In der äußeren Harmonie der Sprache und des Versbaues hast Du sehr viel gewonnen. Du liebtest sonst mehr die gereimten Versarten, jetzt hast Du Dich auch mit dem glücklichsten Erfolg in der elegischen Versart versucht. Deine Sprache gewinnt immer mehr an Reichthum und Geschmeidigkeit, ohne an Correctheit zu verlieren. Auch die Einheit des Tones wird immer herrschender in Deinen Werken, so sehr Du auch bei Deiner Manier zu Abweichungen versucht werden mußt.

Nur in der inneren Harmonie der Gedanken ist es, glaube ich, wo Du noch Fortschritte machen könntest. Thätigkeit scheint bei Dir die Empfänglichkeit zu überwiegen. Daher störst Du zuweilen das Spiel Deiner Phantasie durch Streben nach Befriedigung Deines Forschungsgeistes. Hättest Du mehr Hang zu geistiger Wollust, so würdest Du mehr in den Bildern Deiner Einbildungskraft schwelgen. Jetzt wirst Du nicht selten, durch den Trieb nach abstracten Untersuchungen, von dem Besondern zum Allgemeinen fortgerissen.

Dies ist der Grund, warum Du mich in der philosophischen Ode besonders befriedigst. Hier ist das Abstracte an seiner Stelle; und weil denn doch Deine Phantasie immer thätig ist, und die Resultate Deines Nachdenkens auf ihre Art verarbeitet, so entsteht ein Schwanken zwischen der philosophischen und dichterischen Begeisterung, das für den Betrachter höchst interessant ist.

Aber ich bin weit entfernt, Dich auf dieses Fach einzuschränken. Auch in andern Gattungen kann Dir’s nicht fehlen, wenn Du Dich nur gewöhnst, ruhiger zu empfangen, was Dir die Phantasie in reichem Maße darbietet. –

Soviel für heute. Nächstens vielleicht etwas über Deine ästhetischen Briefe. – ich bin nicht müßig und habe mich über die Tanzkunst gemacht, weil Du dies zu wünschen scheinst. Vielleicht kann ich Dir bald etwas schicken. Du glaubst nicht, wie wenig Zeit mir jetzt zu diesen Arbeiten übrig bleibt.

Mich freut’s, daß der Almanach noch zu Stande kommt. Wider den Druck meiner Musik habe ich gar nichts. Weißt Du vielleicht in der Folge jemand, der ein Dutzend Lieder von mir brauchen kann, so liegen sie parat.

Cottasches Geld soll mir recht wohl behagen, wenn Du mir’s schicken kannst. Künftiges Jahr, denke ich, soll mir’s besser von der Hand gehen. Wenn mich nur nicht die Form so sehr aufhielte, an Stoffe fehlt es mir nicht.

               Dein

K.

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