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Dresden, den 6. Nov. 95. Daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, ist eine Folge des bösen Gewissens. Ich wollte nicht mit leeren Händen vor Dir erscheinen; aber ich kann mir nicht helfen, es ist wieder noch nichts fertig. Müßig bin ich gewiß nicht, und meine besten Stunden sind für die Horen bestimmt. Aber ehe ich mir’s versehe, sammelt sich ein Actenstoß nach dem anderen um mich herum, davon mancher nicht auf Abfertigung warten kann. Das 10te Stück gehört wieder zu den reichhaltigsten. Ich möchte die Zeitschrift sehen, die in einem Jahre 3 solche Stücke aufzuweisen hätte, als dies, das vorige und das 6te. Goethes Mährchen gehört, däucht mich, zu den vorzüglichsten Producten von dieser Gattung. Mit aller Leichtigkeit der Erzählung und dem Reichthum der Phantasie, wodurch sich die Hamiltonschen Mährchen auszeichnen, verbindet es einen Sinn, der auch den Geist nicht unbefriedigt läßt. Herders Aufsatz ist mir besonders lieb. Der Inhalt trifft mit machen meiner eigenen Ideen zusammen, und der Ton des Vortrags ist dem Stoffe äußerst angemessen. – Auch Engels Erzählung hat viel Gutes in der Darstellung, wenn auch nicht in der Neuheit und Originalität des Stoffes. Kurz, Deine Elegie erscheint in stattlicher Gesellschaft. Und wen diese nicht befriedigt, der gehört gar nicht zu dem Publicum der Horen. Daß die Horen sehr vielen Angriffen ausgesetzt sein würden, war zu erwarten. Die Recension in der Literaturzeitung – mit der ich auch nicht zufrieden war – hat hier und da wohl eine widrige Wirkung machen müssen. Jetzt ist nichts weiter zu thun, als um die Schreier sich gar nicht zu bekümmern, sondern alles aufzubieten, was den Gehalt und die Mannichfaltigkeit der Aufsätze vermehren kann. In den Horen selbst darf, däucht mich, schlechterdings niemanden geantwortet werden, der sich unbescheidene Ausfälle erlaubt. In manchem Tadel kann indessen etwas enthalten sein, das Aufmerksamkeit verdient. Und daher wünschte ich, daß Du irgend Jemanden auftrügst, Dir alle öffentliche Urtheile aus diesem Gesichtspunkte zu referiren, ohne selbst mit einer solchen Lectüre Deine Zeit zu verderben. Von den Musenalmanachen habe ich noch nichts gesehen, aber den 3ten Theil des Meister. Er hat weniger Mannichfaltigkeit und Leben, als der 2te, aber gewiß nicht weniger Kunst. Die Herrnhuterin war eine verzweifelt schwere Aufgabe. Fast überwog doch bei mir das Unangenehme des Stoffs die treffliche Darstellung, bis mir bei dem Oheim wieder wohl ward. Wieviel Theile hat man denn noch zu erwarten? Stein war hier und hat uns recht angenehme Empfindungen gemacht. In seinem ganzen Wesen ist nichts, wodurch man für ihn begeistert werden könnte; aber ein gewisses Ebenmaß, daß dem Gefühle so wohlthut, wie dem Auge die schönen Verhältnisse der Architektur. Er ist natürlich, unbefangen, heiter, verständig, ohne auszeichnende Fähigkeiten zu verrathen, empfänglich, ohne Spuren des Enthusiasmus, aber doch mit einer gewissen Wärme, über deren Grad man bei einer kurzen Bekanntschaft nicht urtheilen kann. Du kennst ihn länger, und mußt wissen, ob man in irgend einem Fache etwas Vorzügliches von ihm zu erwarten hat. Oder war dies vielleicht gar nicht die Absicht bei seiner Erziehung? Sollte er nur zum Menschen gebildet werden? Waren überhaupt seine Triebe nie heftig? Oder wußte man sie durch ein Gegengewicht zu mäßigen? Was Du mir über die Erziehung dieses Menschen schreiben kannst, ist mir interessant. Ich habe ihn als ein pädagogisches Kunstwerk aufmerksam betrachtet.1) Bei meinem Jungen würde sich ein solches Ziel schwerlich erreichen lassen. Er ist äußerst reizbar und heftig, aber nicht hartnäckig. Fichtes Grundlage habe ich nun ganz gelesen, und bin höchlich davon erbaut. Dies ist der Mann, den ich mir lange für die Philosophie gewünscht habe. Zur Gründung und Erweiterung der Wissenschaft wird es schwerlich einen bessern Weg geben. Vielleicht ließe sich gegen die Art des Vortrags etwas einwenden. Doch getraue ich mir noch nicht darüber zu urtheilen. Überhaupt sehne ich mich nach ein Paar ruhigen Wochen, um sein System im Zusammenhange zu studiren. Dein K. Der Almanach bleibt sehr lange aus. Schicke ihn ja gleich. 1) Über Friedr. V. Stein, der Sohn der Freundin Goethes, vgl. 3, 306. |
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