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Dresden, den 10. Jun. 97. Es wird Dir nicht leicht werden, Goethe und Humboldts zu entbehren; und Dein Gartenkauf fängt mir an lieb zu werden, weil er Dir in den Zwischenstunden einige Beschäftigung geben wird. Dein Kleiner wird auch bald anfangen zu einer Gesellschaft für Dich zu taugen, und in der Einsamkeit wirst Du im Wallenstein schnelle Fortschritte machen. Die Humboldt hat mir von einigen Vorsätzen für den Almanach gesagt – von einer Pindarschen Ode – mehreren Liedern etc. Laß mich ja bald etwas davon lesen. Hier lege ich ein Dresdner Kunstwerk bei, das nicht ohne Werth ist, aber freilich nur für den Musiker. Der Dichter muß an der Art, wie hier declamirt worden ist, großentheils seinen Gräuel finden. Ich schätze besonders die Melodie zu der Strophe: Wie einst mit flehendem Verlangen etc.1) Zu diesen Worten paßt sie größtentheils nicht, aber an sich betrachtet ist sie ein schönes musikalisches Gemälde von der Stimmung, die in den 4 ersten Strophen herrscht. Nur ist am Schlusse dieses Satzes auch eine geschmacklose Stelle. Wenn Du noch einmal zu den Malthesern einen Componisten brauchst, so würde ich Haydn vorschlagen; freilich Salieri noch lieber, wenn er deutsch versteht. Alexander Humboldt habe ich nur eine halbe Stunde zur Zeit gesprochen und ihn sehr interessant gefunden. Die Frau von Humboldt ist diesmal weit heiterer, mittheilender und angenehmer, als wie wir sie zum letzten Male sahen. Sie hat mir manches von Schlegels erzählt. Ich begreife, daß das Unangenehme in ihnen am Ende überwiegend werden kann. Aber gemeine Naturen sind es doch nicht, nur verdrehte. Wilhelm Schlegel ist neuerlich durch seine Frau und durch die fatale Recensentenexistenz verdorben worden. Bei seinem ersten Aufenthalte in Dresden war er mir wirklich recht angenehm durch seine Liebe für die Kunst und seine Empfänglichkeit für feinere mehr in seinem Fache; aber hier ist noch viel rudis indigestaque moles. Du hast mir Luft gemacht, des Aristoteles Poetik zu lesen, und ich habe schon angefangen, auch bereits manche fruchtbare Bemerkung darin gefunden. Die so oft angeführte Reinigung der Furcht und des Mitleids durch die Tragödie ist mir sonst immer anstößig gewesen. Es schmeckt so nach Sulzern, aber vielleicht erklärt er sich darüber in der Folge auf eine befriedigende Art. Senf, den ich Dir und Goethen neulich ankündigte, ist durch ein unerwartetes Hinderniß abgehalten worden, dießmal nach Weimar und Jena zu kommen. Von einem gewissen Haußwald, der hier im Archive angestellt ist, hast Du neulich eine Übersetzung aus dem Tasso erhalten – die Geschichte von Olint und Sophronia. – Er wünscht das Manuscript wieder zu haben, wenn Du es nicht brauchen kannst. Ich habe ihm versprochen, Dir darüber zu schreiben, und Du kannst mir’s nur schicken, – denn so wie ich den Menschen kenne, ist es gewiß nichts – ohne dazu an ihn zu schreiben. Karln, der uns neulich durch einen Anfall von Convulsionen erschreckt hatte, da wir mit ihm im Schauspiel waren, bekommt das Baden sehr gut. Der Anfall war allem Anschein nach eine Folge vom Eintreten der spätern Zähne. Erschreckt war er nicht worden. Lebe recht wohl und sei fleißig, damit wir nicht so lange auf Dich warten müssen, und Du hier wenigstens noch einige schöne Tage genießen kannst. Dein Körner. 1) Aus Schillers Idealen (S. Schr. 11, 24), die Naumann componirt hatte, vergl. 3. 34. |
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