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Dresden, den 9. April 99.

Ich will nunmehr versuchen, Dir und mir von der Wirkung Deines Wallensteins Rechenschaft zu geben. Denn eben in der Totalwirkung finde ich besonders einen Vorzug vor Deinen frühern dramatischen Werken. Ohne den Behelf der Überraschung hast Du die Stimmung, die sonst gewöhnlich nur der fünfte Act hervorbringt, durch den ganzen zweiten Theil zu erhalten gewußt, und doch ist das Ununterbrochen-Tragische nicht peinigend, sondern erhebend. Auf Wallensteins Grabe steht ein herrliches Denkmal, aus Allem, was er Großes und Liebenswürdiges hatte, zusammengesetzt. Ihn, Thekla und Max betrachten wir mit erhabener Rührung, die uns selbst auf einen höhern Standpunkt versetzt. Das Schmerzliche des Schicksals verschwindet über dem Anschauen des Großen und Edlen der menschlichen Natur. – Sehr weislich hast Du daher im 2ten Theil den Seni und die ganze Astrologie in den Hintergrund gebracht. Und selbst diese muß Dir zu Deinem Zwecke dienen. Die Sehnsucht nach dem Jupiter im ersten Auftritt des fünften Acts ist äußerst charakteristisch und rührend. – Nur in der Scene von Deveroux und Macdonald ist vielleicht zuviel Komisches, das, so sehr es Dir gelungen ist, die Hauptwirkung stören könnte. Was Du brauchtest, war bloß ihr Abscheu vor der That bei der höchsten Rohheit, und ihre Ehrfurcht vor Wallenstein.

Der ersten Theil ist ein reicher Vorhof zum Tempel. Allein gegeben endigt er mit einer unaufgelösten Dissonanz. Desto größer ist die Mannichfaltigkeit und Pracht in den einzelnen Theilen. Hier war auch das Komische an seiner Stelle, und Wallenstein selbst konnte hier noch wie in einem Nebel mit unbestimmten Umrissen erscheinen.

Der Charakter des Wallenstein hat mich vollkommen befriedigt, und er war gewiß keine leichte Aufgabe. Sein kalter Ehrgeiz ist anstößig für das Herz, seine Astrologie und das Schwankende in seinem Benehmen für den Verstand. Seine Vielseitigkeit und seine Herschertalente können in der wirklichen Welt und in einem Zeitraum von mehreren Jahren eine große Wirkung hervorbringen, aber auf dem Theater lassen sie sich nicht so leicht in einzelne Züge zusammendrängen, die uns die Größe seiner Natur anschaulich machen. Um uns für ihn zu gewinnen, war Max schlechterdings nöthig. Wallenstein verklärt sich in seinem Enthusiasmus. Wir ahnen die Hoheit in ihm, die wir im 2ten Theile erscheinen sehen. Er spielt mit dem Spiele der Politik – Herrschsucht füllt seine Seele nicht aus – er war empfänglich für Freundschaft – war geneigt zum Vertrauen – und eben diese liebenswürdige Inconsequenz stürzte ihn. – Aber im Kampfe mit seinem Schicksale erscheint er im glänzendsten Lichte. Unerschütterlicher Muth ist mit Weichheit gemischt – er fühlt als Freund für Max und als Vater für Thekla, aber sein Gefühl ist männlich – noch in der letzten Scene sehen wir ihn mild, heiter und ruhig, und fast möchten wir ihm Glück wüschen, daß er in dieser Stimmung gemordet wird.

Max und Thekla konnten Dir nicht mißlingen, und haben gewiß wenig Anstrengung gekostet. Aber Octavio hätte leicht widrig werden können. Mir scheint er völlig gerettet, besonders durch das Vertrauen auf seinen Sohn, und durch den Schluß des 2ten Theils. Buttler hatte auch große Schwierigkeiten, und vielleicht bedarf dieser noch einiger Nachhilfe. Daß er im zweiten Theile durch Wallensteins Vertrauen, durch Gordons Treuherzigkeit, durch die Erinnerung an das, was ihn ehemals an Wallenstein fesselte, nicht einen Augenblick wankend gemacht wird, hat etwas Empörendes, das die stärksten Motiven fordert. Wallensteins Beleidigung langt dazu noch nicht aus. Auch durfte sie im 2ten Theile nicht sehr erwähnt werden, weil da Wallensteins Bild keinen solchen Schatten verträgt. Es gehörte noch dazu, daß Buttler ihm ein großes Opfer gebracht hatte. Dies ist zwar im ersten Theile 2. Akt, 11. Auf. Angedeutet, aber vielleicht wird es hier von manchen übersehen, und könnte mehr herausgehoben werden.

Die Gräfin Terzky ist ein sehr brauchbares Werkzeug, um Wallenstein zur Entscheidung zu bringen. Illo und Terzky achtete er zu wenig, um sich von ihnen leiten zu lassen. Auch durften sie nach ihren Verhältnissen nicht in einem solchen Tone mit ihm sprechen. Die Gräfin konnte alles sagen, und ihren Gründen hatte Wallenstein nichts entgegenzusetzen. Er hatte sich durch einen großen Aufwand von Kräften eine außerordentliche Macht erworben, und es schien inconsequent, sie nicht zu gebrauchen. Dieser Inconsequenz schämte er sich vor einem Wesen, dessen Verstand ihm Achtung abnöthigte. Im Innersten seiner Seele lag ein Widerwillle gegen jede unwürdige Handlung, dessen er sich selbst nicht bewußt war. Und selbst wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, so würde er doch diesen Grund gegen die Gräfin nicht gebraucht haben. Alle andern Gründe aber waren schwach. Übrigens behauptet sich die Gräfin sehr gut. Sie wird oft hart, aber nie Karikatur.

Den Charakter der Herzogin hast Du mit vieler Freiheit behandelt. Mitten unter den Äußerungen der sanften Gattin und Mutter erkennt man die Spuren des Hoflebens. Bei Maxens Abschiede denkt sie noch an eine Protection in Wien.

Unter den Nebenfiguren ist besonders Isolani ausgeführt. Illos Gestalt ist mir noch nicht ganz deutlich. Doch gehörte vielleicht diese Undeutlichkeit zur Haltung des Ganzen.

Seni ist Dir gut gelungen, und von der Astrologie hab’ ich weder zu viel noch zu wenig eingewebt gefunden. Nur fragt sich’s, ob es bei der Aufführung nicht stören wird, daß im 4ten Aufzuge so viel Scenen im astrologischen Zimmer gehalten werden. –

Im Wrangel hast Du gewisse schwedische Eigenheiten sehr glücklich angebracht.

Gordon ist eine wichtige Rolle im 2ten Theile. Er vertritt gleichsam die Stelle des Chors im griechischen Trauerspiel. Ein theilnehmendes Wesen dieser Art gehörte schlechterdings unter die Nebenfiguren eines solchen Gemäldes.

Was den Dialog betrifft, so finde ich mehr poetische Pracht im ersten Theile, und im zweiten mehr Correctheit des Gedankens, wenn auch der Ausdruck hier und da noch unvollendet ist. Solche Übergänge in’s Lyrische, wo man mehr den Dichter, als die redende Person hört, und die man oft in Deinen frühern Werken findet, sind seltner im 2ten Theile als im ersten. Dahin rechne ich aber keinesweges die gereimten Schlüsse an den bedeutenden Stellen. Ein lyrischer Schwung dieser Art, der durch die Situation motivirt ist, thut oft die köstlichste Wirkung. Meine Lieblingsstellen unter dieser Gattung sind der Schluß der 7ten Scene des 2ten Acts im 1. Theil, wo Thekla im Ton einer Kassandra spricht – und am Schluß des 4ten Aufzugs im 2ten Theil.1)

Wo mir etwas im Dialog aufgefallen ist, habe ich einen Strich mit Bleistift an den Rand gemacht. Du wirst selbst die Ursache leicht finden. Sie betrifft größtentheils den Gedanken, wo er mir zu dem Charakter, oder zu der Stimmung des Augenblicks nicht ganz zu passen scheint. Nur einige Dunkelheiten im Ausdrucke habe ich auch bemerkt.

Die Wirkung auf Minna und D(ora) war sehr stark. Besonders haben Max und Thekla Glück gemacht. Geßler fand groß Behagen am Octavio. – Ich habe auch versucht, einzelne Scenen einer Gräfin Schulenburg und ihrer Tochter von Kloster Reda, ein Paar gebildeten und gefühlvollen Frauen, vorzulesen, und viel Freude dabei gehabt.

Im Lager hast Du noch prächtige Sachen eingewebt, besonders den Capuziner. – Boshaft ist der Ausfall auf die armen Sachsen2), der leider noch jetzt wahr ist. –

Schicke mir ja das Manuscript wieder, sobald Du kannst. Wann denkst Du denn, daß es gedruckt sein wird?

               Dein

Körner.

Ü    Þ


1) Diese Citate beziehen sich auf das Bühnenmanuscript. In der Folge wurden die Scenen und Acte anders gezählt. ­
2) Thl. 1. S. 27 f. S. Schr. 12, 26: Wollten’s mit niemand ganz verderben.
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