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Weimar, 9. Sept. 1802.

Ich muß mich meiner langen Pause wegen diesmal recht vor Dir schämen, aber da ich Dich auf der Reise wußte, so ergriff meine natürliche Faulheit diese Entschuldigung, um sich das Schreiben zu ersparen. Auch hast Du nichts dabei verloren, denn dieser Sommer giebt mir leider wenig Stoff dazu. Wiewohl, ich bin nicht unthätig gewesen und arbeite jetzt mit ziemlichen Ernst an einer Tragödie, deren Sujet Du aus meiner Erzählung kennst. Es sind die feindlichen Brüder oder, wie ich es taufen werde, die Braut von Messina. Über dem langen Hin- und Herschwanken von einem Stoffe zum andern habe ich zuerst nach diesem gegriffen, und zwar aus dreierlei Gründen: 1) war ich damit, in Absicht auf den Plan, der sehr einfach ist, am weitesten; 2) bedurfte ich eines gewissen Stachels von Neuheit in der Form, und einer solchen Form, die ein Schritt näher zur antiken Tragödie wäre, welches hier der Fall ist; denn das Stück läßt sich wirklich zu einer äschyleischen Tragödie an; 3) mußte ich etwas wählen, was nicht de longue haleine ist, weil ich nach der langen Pause nothwendig bedarf, wieder etwas fertig vor mir zu sehen. Ich muß auf jeden Fall am Ende des Jahres damit zu Stande sein, weil es Ende Januars zum Geburtstag unserer Herzogin aufgeführt zu werden bestimmt ist. Alsdann geht es hurtig an den Warbeck, wozu der Plan jetzt auch viel weiter gerückt ist, und unmittelbar nach diesem an den Wilhelm Tell; denn dies ist das Stück, von dem ich dir einmal schrieb,1) daß es mich lebhaft anziehe. Du hast vielleicht schon im vorigen Jahre davon reden hören, daß ich einen Wilhelm Tell bearbeite; denn selbst vor meiner Dresdner Reise wurde deshalb aus Berlin und Hamburg bei mir angefragt.2) Es war mir niemals in den Sinn gekommen. Weil aber die Nachfrage nach diesem Stück immer wiederholt wurde, so wurde ich aufmerksam darauf und fing an, Tschudis schweizerische Geschichte zu studiren. Nun ging mir ein Licht auf; denn dieser Schriftsteller hat einen so treuherzigen, herodotischen, ja fast homerischen Geist, daß er einen poetisch zu stimmen im Stande ist. – Ob nun gleich der Tell einer dramatischen Behandlung nichts weniger als günstig scheint, da die Handlung dem Ort und der Zeit nach ganz zerstreut auseinander liegt, da sie großentheils eine Staatsaction ist, und (das Mährchen mit dem Hut und Apfel ausgenommen) der Darstellung widerstrebt, so habe ich doch bis jetzt soviel poetische Operationen damit vorgenommen, daß sie aus dem Historischen heraus- und in’s Poetische eingetreten ist. Übrigens brauche ich Dir nicht zu sagen, daß es eine verteufelte Aufgabe ist; denn wenn ich auch von allen Erwartungen, die das Publicum und das Zeitalter gerade zu diesem Stoffe mitbringt, wie billig abstrahire, so bleibt mir doch eine sehr hohe poetisch Forderung zu erfüllen, weil hier ein ganzes, localbedingtes Volk, ein ganzes und entferntes Zeitalter, und, was die Hauptsache ist, ein ganz örtliches, ja beinahe individuelles und einziges Phänomen, mit dem Charakter der höchsten Nothwendigkeit und Wahrheit, soll zur Anschauung gebracht werden. Indeß stehen schon die Säulen des Gebäudes fest, und ich hoffe einen soliden Bau zu Stande zu bringen.

Damit Du indeß doch den Glauben an meine Productivität nicht ganz verlieren mögest, so lege ich die Kassandra bei, ein kleines Gedicht, das den vorigen Monat entstanden ist. Du wirst vielleicht bedauern, daß die Idee zu diesem Gedicht, welche vielleicht der Stoff einer Tragödie hätte werden können, nur lyrisch ausgeführt worden ist. – Möge Euch die Kleinigkeit Freude machen. Ich ergötze mich an dem Gedanken, daß der liebe häusliche Kreis sich um Dich her versammeln wird, wenn Du das Gedicht vorliesest. Vielleicht reizt es Dich, eine Melodie dazu zu setzen.

Kunzens Übelbefinden beklagen wir sehr, und ich fürchte es wird übel ablaufen. Doch um alles zu versuchen, hätte er das Urtheil mehrerer großen Ärzte einholen, und es auch mit einem andern Bade noch probiren sollen. Aachen hat unter ziemlich ähnlichen Umständen Herdern viel geholfen.

Mit dem vorgeschlagenen Buchhändler kann ich mich nicht einlassen, weil ich Cotta, der sehr freundschaftlich an mir zu handeln pflegt, dadurch kränken, auch mein positives Versprechen, das ich ihm gethan, verletzen würde. – Ob ich in den nächsten Jahren etwas Kritisches oder sonst Theoretisches werde ausarbeiten können, zweifle ich sehr; wenigstens zeigt sich durchaus keine Neigung dazu. Bringst Du etwas fertig, so versichere ich Dir, es sogleich an den Mann zu bringen. Heute wird Humboldt hier erwartet; ich werde ihn nicht ohne eine gewisse traurige Empfindung von uns hinwegschieden sehen. Grüße meine Schwiegermutter von uns, wenn Du sie siehst; sie wird gewiß alle Augenblicke, die ihr gehören, mit Euch zubringen.

Herzlich umarmen wir Euch alle.

               Dein

S.

Ü    Þ


1) 4, 272. ­
2) Vgl. S. Schr. 13, XVII f.
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