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Weimar, 28. März 1803. Seit 6 Tagen bin ich von einem bösen Hüft- und Schenkelweh geplagt, das mich wegen künftiger Rückfälle beunruhigt, weil sich so etwas leicht festsetzt und habituell wird. Es ist indeß ohne Fieber und alle bösartige Zufälle, und mag von einer Erkältung herrühren, die ich mir auf den steinernen Schloßtreppen zugezogen. Unser Erbprinz ist seit 8 Tagen wieder von seinen Reisen zurück, und dies hat mich aus meinem Zimmer herausgetrieben. Vor 9 Tagen1) ist die Braut v. Messina hier zum erstenmal gegeben, und vorgestern wiederholt worden. Der Eindruck war bedeutend und ungewöhnlich stark, auch imponirte es dem jüngern Theile das Publicums so sehr, daß man mir nach dem Stück am Schauspielhaus ein Vivat brachte, welches man sich sonst hier noch niemals herausnahm. Über den Chor und das vorwaltend Lyrische in dem Stücke sind die Stimmen natürlich sehr getheilt, da noch ein großer Theil des ganzen deutschen Publicums seine prosaischen Begriffe von dem Natürlichen in einem Dichterwerke nicht ablegen kann. Es ist der alte und der ewige Streit, den wir beizulegen nicht hoffen dürfen. Was mich selbst betrifft, so kann ich wohl sagen, daß ich in der Vorstellung der Braut von Messina zum ersten Mal den Eindruck einer wahren Tragödie bekam. Der Chor hielt das Ganze trefflich zusammen, und ein hoher furchtbarer Ernst waltete durch die ganze Handlung. Goethe ist es auch so ergangen; er meint: der theatralische Boden wäre durch diese Erscheinung zu etwas Höherem eingeweiht worden. In dieser Woche kommt von Goethe selbst ein neues Stück: Die natürliche Tochter auf unsere Bühne, von dem Du aber nicht eher sprechen mußt, bis es öffentlich bekannt ist. Der Stoff ist aus der abenteuerlichen Geschichte einer natürlichen Tochter des Prinzen Conti genommen, welche vor einigen Jahren in Frankreich herausgekommen und Dir vielleicht in die Hände gerathen ist. Wenn nicht, so suche sie zu bekommen, sie wird Dich sehr unterhalten, obgleich sie bloß ein Mährchen ist. Die Delphine hat mir denselben Eindruck gemacht, wie Du von Dir beschreibst. Eine gewisse Tiefe, einen Ernst und eine Wahrheit des Gefühls, wie man bei französischen Schriftstellern selten findet, kann man der Staël nicht absprechen, und anstatt der Poesie besitzt sie wenigstens eine eindringende Beredsamkeit. Auch einzelne treffende und glückliche Züge und Blicke erfreuen in diesem Roman; wenn nur der Held nicht ein solcher Jammerkerl wäre und das Ganze nicht die Ausführung eines magern Begriffs wäre, der lächerlich genug noch an der Hausthür angeschrieben steht. Ich habe in dem Manuscript der Braut von Messina, das Du mir zurückgeschickt, mit Verdruß einige häßliche Schreibfehler bemerkt, die Dich nothwendig gestört haben müssen. Mit andern Stellen, die Du angestrichen hast, kann ich’s nicht so genau nehmen; man muß sich, besonders im Lyrischen, auch etwas erlauben dürfen. Ich habe seit Endigung der Braut zu meiner Erholung und um der theatralischen Novität willen, ein paar französische Lustspiele zu übersetzen angefangen, die in einigen Wochen fertig sein werden. Eins darunter hat viel Verdienst, und hätte vielleicht eine recht ernstliche Bearbeitung verdient; das andere ist ein leichtes Intriguenstück, das unterhält, und sein halbes Dutzend Vorstellungen auf jedem Theater aushalten kann. Nun lebe wohl, und nimm unsern herzlichen Glückwunsch für das gute Ablaufen des Scharlachfiebers bei den Kindern an. Die größte Sorgfalt in der Diät und Lebensweise, auch noch eine gute Weile nach der Krankheit, wird der Arzt wohl schon empfohlen haben. Dein Sch. 1) Am 19. März. Kal. 142. Die Wiederholung am 26. Dadurch ist das Datum des Briefes bestätigt, der in der Abschrift des Originals vom 18. März sein soll. |
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