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Weimar, 20. Nov. 1804. Die Festivitäten, welche die Ankunft unserer Erbprinzessin veranlaßte, sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählig in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann. Der Einzug1) war wirklich sehenswerth, denn alle Welt war auf den Beinen, und die Bergstraße nebst der ganzen Anhöhe, woran Weimar sich lehnt, war von Menschengruppen belebt. Die herzogliche Jägerei, die Kaufleute und die Schützengesellschaft, alle in ihren Uniformen, holten die Herrschaften ein, der Zug ging durch eine sehr schöne Ehrenpforte in edlem Styl, davon Du im nächsten Journal des Luxus und der Moden eine Zeichnung finden wirst. Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie u. dgl. folgten nun 10 Tage aufeinander. Das Festlichste aber an der ganzen Sache war die aufrichtige allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der That eine unschätzbare Acquisition gemacht haben. Sie ist äußerst liebenswürdig und weiß dabei mit dem verbindlichsten Wesen eine Dignität zu paaren, welche alle Vertraulichkeit entfernt.2) Die Repräsentation als Fürstin versteht sie meisterlich, und es war wirklich zu bewundern, wie sie gleich in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft, wo ihr die fürstlichen Diener bei Hofe vorgestellt wurden, sich gegen Jeden zu benehmen wußte. Sie hat sehr schöne Talente im Zeichnen und in der Musik, hat Lectüre und zeigt einen sehr gesetzten, auf ernste Dinge gerichteten Geist, bei aller Fröhlichkeit der Jugend. Ihr Gesicht ist anziehend, ohne schön zu sein, aber ihr Wuchs ist bezaubernd. Das Deutsche spricht sie mit Schwierigkeit, versteht es aber, wenn man mit ihr spricht, und liest es ohne Mühe. Auch ist es ihr Ernst, es zu lernen. Sie scheint einen sehr festen Charakter zu haben, und da sie das Gute und Rechte will, so können wir hoffen, daß sie es durchsetzen wird. Schlechte Menschen, leere Schwätzer und Schwadronirer möchten schwerlich bei ihr aufkommen. Ich bin nun sehr erwartend, wie sie sich hier ihre Existenz einrichten und wohin sie ihre Thätigkeit richten wird. Gebe der Himmel, daß sie etwas für die Künste thun möge, die sich hier, besonders die Musik, gar schlecht befinden. Auch hat sie es nicht verhehlt, daß sie unsere Capelle schlecht gefunden. Auf dem Theater wollten wir uns anfangs eben nicht in Unkosten setzen, sie zu becomplimentiren. Aber etliche Tage vor ihrem Anzug wurde Goethen angst, daß er allein sich auf nichts versehen habe und die ganze Welt erwartete etwas von uns. In dieser Noth setzte man mir zu, noch etwas Dramatisches zu erfinden; und da Goethe seine Erfindungskraft umsonst anstrengte, so mußte ich endlich mit der meinigen noch aushelfen. Ich arbeitete also in 4 Tagen3) ein kleines Vorspiel aus, welches frischweg eingelernt und am 12ten November gegeben wurde. Es reussirte über alle meine Hoffnung, und ich hätte vielleicht Monate lang mich anstrengen können, ohne es dem ganzen Publicum so zu Dank zu machen, als es mir durch diese flüchtige Arbeit gelungen ist. Mit nächstem Posttag sollst Du eine Abschrift meines Machwerks erhalten. Wolzogen hat mir von der regierenden Kaiserin einen sehr kostbaren Ring4) mitgebracht, ich hatte von dieser Seite her gar nichts erwartet, sie hat aber viel Geschmack an dem Carlos gefunden, und er hat ihr in meinem Namen ein Exemplar überreicht. Du solltest diese Michaelismesse, wie mein Plan war, 48 Ld’ors. von Crusius erhalten, die er mir für die neue Auflage des zweiten Bandes meiner Gedichte zu bezahlen hat. Aber diese zweite Auflage hat sich meiner Krankheit wegen verzögert, es wird erst jetzt an dem Druck angefangen, und auf Ostern erfolgt erst die Zahlung. Die Finanzen stehen übrigens gut,5) wenn ich nur diesen Winter fleißig sein kann, so ist Geld genug zu erwerben. Lebe wohl. Wir grüßen Euch alle herzlich, auch Geßlern bitte recht viel Freundschaftliches zu sagen. Dein Sch. 1)
Am 9. Nov. 1804.
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