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An Johann Heinrich Ramberg.

Jena den 7. Merz [Donnerstag] 93.

Sie werden mir verzeihen, mein Freund und Mitbruder in Apoll und den Grazien, daß ich mich ohne weitere Formalitäten und bloß mit einem brüderlichen Handschlag in Ihre Bekanntschaft einführe. Ich habe in dem wenigen, was ich von Ihnen sah, Ihrem Geist gehuldigt, und Sie von dem ersten Augenblicke an, da ich Sie in Ihren Werken zu erkennen glaubte, als den meinigen betrachtet. Nun kommt es bloß auf Sie an, ob Sie diesen stummen Vertrag ratificieren wollen.

Daß wir Sie so nahe gehabt haben, ohne Sie kennen zu lernen, habe ich sehr beklagt, und jetzt um so mehr, da, wie mir Göschen schreibt, Ihre Abreise so nahe herbeigerückt. Wie viel Vergnügen versprach ich mir von dem nähern persönlichen Umgang mit einem Künstler, der sich so kraftvoll und reich und schön in seinen Werken spiegelt! Wie gerne hätte ich mich von Ihrem Genius in die Mysterien der Künste einführen lassen, und meinen nur in der Poetik geübten Geschmack zu einer allgemeinen Philosophie der Künste erweitert! Auf diese schöne Hoffnung muß ich für jetzt zwar Verzicht thun, aber ich entsage ihr nicht auf immer. Behalten Sie mich indessen als einen aufrichtigen Verehrer Ihres herrlichen Genies im Gedächtniß, und erlauben Sie mir zu denken, daß nichts als der Zufall uns gehindert habe, einander näher zu interessieren.

Ungern entschließe ich mich, dieses Geständniß, das mir bloß eine reine und aufrichtige Achtung gegen Sie eingiebt, durch eine eigennützige Bitte herabzusetzen. Aber unser Freund Göschen will, daß ich keine Zeit verliere, und so mag es denn geschehen. Ich weiß nicht, ob er Ihnen schon gesagt haben wird, daß wir wünschen, für eine Schrift von mir, die in diesem Sommer fertig werden wird, eine Zeichnung von Ihnen zu erhalten. Die Schrift hat, ihrem Innhalt nach, den nächsten Anspruch auf Ihre Mitwirkung, denn sie ist nichts anders als ein Dialog über die Schönheit. Ich habe der Versuchung nicht widerstehen können, mich auch in den Streit zu mengen, den die Philosophie über den Begriff der Schönheit erhoben, und die Kantische Theorie, die in seiner Critik der aesthetischen Urtheilskraft aufgestellt ist, war die nächste Veranlassung für mich, diesen Begriff zu entwickeln. Weil die Philosophie über das Schöne gewissermaßen ein Vereinigungspunkt für Philosophen, Künstler und Dichter ist, und die Schönheit es nicht verzeyhen würde, wenn man auf einem fremden Territorium ihre Sache führte, so habe ich gesucht, meinen theoretischen Untersuchungen auch eine kunstmäßige Einkleidung zu geben, und die Form eines Gespräches zwischen verschiedenen Künstlern, Dichtern und Philosophen dazu erwählt. Wenn Sie sich nun entschließen wollten, diese kleine Schrift mit einem Produkt Ihres Geistes zu zieren, so würden die Richter, vor denen ich meine Idee der Schönheit zu vertheidigen habe, desto schneller auf meiner Seite seyn.

Ich kann und will Ihrem Genius nichts vorschreiben, und möchte mir selbst auch das Vergnügen der Ueberraschung nicht verderben, das ihre freye Erfindung mir gewähren wird. Sie wissen, daß die Schrift von der Schönheit handelt, und das ist für Ihre reiche Phantasie genug. Vielleicht finden Sie in meinem Gedicht: die Künstler; welches im Teutschen Merkur 1789 enthalten ist, einige Ideen, welche mahlerisch wären, aber ich gewinne immer am meisten, wenn Sie sie aus Sich selbst nehmen. Sie dürfen Sich durch keine Rücksicht auf den Inhalt meiner Schrift einschränken lassen. Ihre Wahl ist völlig frey, und alles ist passend, was an die Macht der Schönheit erinnert. Endlich bitte ich sie, daß Sie es unserm Freund Göschen mit zur Bedingung machen, daß er mir das Original Ihrer Zeichnung zum Geschenk macht.

Ich wiederhohle die Versicherung meiner Ihnen Zeitlebens gewidmeten Achtung.

Schiller.

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