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An Bartholomäus Fischenich.

Jena den 20. Merz [Mittwoch] 1793.

Ich begleite diesen Einschluß von meiner Frau nur mit wenigen Zeilen, um Sie meines Gedenkens zu versichern und zugleich Ihre Anfrage zu beantworten. Der Eintritt des Frühjahrs hat meine Umstände wieder verschlimmert, und die ganze Litanei der fatalen Zustände herbeigeführt, wovon Sie voriges Jahr zu Leipzig und Dresden ein Pröbchen gesehen haben. Wo es nur irgend meine Gesundheit zuläßt, bin ich thätig, und suche mich durch ein wissenschaftliches Interesse über körperliches Leiden zu erheben. Aber ganz will es doch nicht gehen, obgleich dieß der einzige Weg ist, mir meine Existenz erträglich zu machen.

Ihre Geschäftigkeit freut mich gar sehr; und daß Sie bei diesen bedenklichen Constellationen leiser gehen, finde ich sehr billig. Man kommt mit jedem Tag mehr von dem jugendlichen Kitzel zurück, den Menschen das Bessere aufzudringen, weil unvorbereitete Köpfe auch das Reinste und Beste nicht zu gebrauchen wissen.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß diese Ostermesse eine neue und äußerst wichtige Schrift von Kant erscheint, deren Inhalt Sie wohl schwerlich errathen dürften. Nichts Geringeres als eine Deduktion der Nothwendigkeit einer positiven Religion und einer Kirche aus philosophischen Gründen, und eine – freilich mehr platonische als exegetische – Erklärung des Christenthums. Die Schrift wird bei Göpfert gedruckt unter dem Titel: „Philosophische Religionslehre,“ und ein (Ihnen wahrscheinlich schon bekannter) Aufsatz über das Radikale Böse, der in der Berliner Monatsschrift steht, ist die Einleitung und das Fundament des Ganzen. Sie werden sich darüber ärgern und zugleich freuen, wie es uns Allen damit gegangen ist. Weder Theologen noch Philosophen (wenigstens keiner aus dem großen Haufen von Beiden) werden ihm für diese Schrift Dank wissen, die übrigens doch ganz seines Geistes würdig ist. Die Erklärung, die er dem christlichen Religionsbegriff unterlegt, ist so treffend als überraschend; freilich geht er damit so frei um, wie die Griechischen Philosophen und Dichter mit ihrer Mythologie, und er ist so aufrichtig, sich auf dieses Beispiel zu berufen und seine Freiheit damit gewissermaßen zu entschuldigen.

Lassen Sie Sich diese Schrift ja von Leipzig kommen. Sie wird Anfang der Messe zu haben seyn.

Universalgeschichte lese ich diesen Sommer nicht, sondern werde die Aesthetik, mit der ich nicht fertig geworden bin, fortsetzen. Ueberhaupt werde ich über eine, höchstens zwei Stunden in der Woche nicht lesen, weil meine Zufälle mich gar zu oft unterbrechen. Außerdem habe ich für den Sommer eine, sehr viel Zeit kostende schriftstellerische Beschäftigung.

Zu der Hoffnung, die Sie uns obgleich nur sehr problematisch geben, daß wir Sie vielleicht dieses Jahr sehen, möge das Schicksal Amen sagen.

Adieu, liebster Freund. Ich schreibe Ihnen ausführlicher, wenn ich mich wieder erholt haben werde.

               Ihr
                              ewig ergebener

Schiller.

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