Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Lexikon - D

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Lexikon
           
D

Demetrius

Unter den Dramen, zu welchen sich in dem Nachlaß Sch.’s Entwürfe finden, erregt der Demetrius, da von diesem mehrere ziemlich vollendete Scenen vorliegen, natürlich das meiste Interesse. Bereits im J. 1803 hatte Sch., durch Körner angeregt, den Plan zu diesem Stücke gefaßt; aber erst am 10. März 1804, bald nachdem er den Tell beendet, entschloß er sich zur Bearbeitung desselben, da er lange zwischen den Kindern des Hauses, dem Warbeck und dem Demetrius geschwankt. Die rüstigen Vorarbeiten, welche die ersten Monate des Frühjahrs in Anspruch nahmen, wurden zunächst von seiner Reise nach Berlin unterbrochen. Dann legte er die Arbeit bei Seite, um den Warbeck vorzunehmen; Krankheit hielt ihn indessen auch hiervon ab. Erst nachdem er bei Gelegenheit der Vermählung des Erbprinzen von Weimar mit der russischen Kaisertochter durch seine „Huldigung der Künste“ dem Hofe, an welchen er innerlich gefesselt war, einen Tribut der Dankbarkeit dargebracht, fühlte er sich auf’s neue angeregt, an den Demetrius zu gehen, welcher der Bühne von Weimar Gelegenheit gegeben hätte, der russischen Fürsten die mannigfachsten Bilder ihrer Heimath vorzuführen. In dieser Beziehung kam Sch. der Aufenthalt seines Schwagers Wolzogen an dem kaiserlichen Hofe in Petersburg zu Statten. Er zog bei ihm Erkundigungen über die Quellen für sein neues Trauerspiel ein und begann die mannigfaltigsten und umfangreichsten Vorstudien, um Land, Klima, Volk und Sitten zur lebendigsten Anschauung zu bringen. Da er aber wiederum vielfach von Schmerzen gefoltert wurde, so nahm er zunächst die Bearbeitung der Phädra von Racine vor. In Beziehung auf diese schreibt er an Goethe (14. Januar 1805): „Ich bin recht froh, daß ich den Entschluß gefaßt und ausgeführt habe, mich mit einer Uebersetzung zu beschäftigen. So ist doch aus diesen Tagen des Elends wenigstens etwas entsprungen, und ich habe indessen doch gelebt und gehandelt. Nun werde ich die nächsten acht Tage daran wagen, ob ich mich zu meinem Demetrius in die gehörige Stimmung setzen kann, woran ich freilich zweifle. Gelingt es nicht, so werde ich eine neue, halbmechanische Arbeit hervorsuchen müssen.“ Dies war glücklicherweise nicht nöthig. Da der Plan zu dem Demetrius fertig war, so kehrte er jetzt ernstlich zu demselben zurück und begann die Bearbeitung der einzelnen Scenen. Wie lebhaft ihn die Arbeit beschäftigte, geht daraus hervor, daß er selbst in seinem Familienkreise oft darüber sprach. So sagte er eines Abends: „Ich hätte eine sehr passende Gelegenheit, in der Person des jungen Romanow, der eine edle Rolle spielt, der Kaiserfamilie viel Schönes zu sagen“. Indessen setzte er am andern Tage, wo er das Gespräch wieder aufnahm, hinzu: „Nein, ich thue es nicht; die Dichtung muß ganz rein bleiben“. Leider aber nahm sein körperlicher Zustand einen immer bedenklicheren Charakter an, so daß eben nur Bruchstücke von dieser höchst interessanten Arbeit zu Stande gekommen sind. Die Unterbrechung derselben schmerzte ihn während seiner Krankheit am meisten, in der er viel aus dem Demetrius recitirte. Den Monolog der Marfa fand Herr v. Wolzogen nach Sch.’s Tode auf dessen Schreibtische; wahrscheinlich waren es die letzten Zeilen, die er geschrieben.

Ueber die dem Demetrius zu Grunde liegenden historischen Thatsachen finden sich sehr ausführliche und gründliche Darstellungen in: Heeren und Ukert, Geschichte der europäischen Staaten, Hamburg bei Fr. Perthes 1846, Bd. 3, S. 450-481; desgl. in Prosper Mérimée, Épisode de l’Histoire de Russie. Les faux Démétrius. Paris, Michel Lévy, 1853. Hiernach ist die geschichtliche Grundlage folgende:

Czaar Iwan IV. (nach einer andern Zählung II.), seiner Rohheit und Grausamkeit wegen „der Schreckliche“ genannt, übrigens aber ein energischer Herrscher, unter welchem die Russen zuerst Gelegenheit erhielten, ihre Kräfte kennen zu lernen, hatte von 1533 bis 1584 regiert. Er hinterließ zwei Söhne, Feodor und Demetrius. Der damals 22jährige Feodor war von außerordentlich schwächlicher Gesundheit, so daß sein erst zwei Jahre alter Bruder bereits als muthmaßlicher Thronerbe betrachtet wurde. Feodor I., welcher zunächst den Thron bestieg und wohl einsah, daß er das von seinem Vater Erworbene nur mühsam würde zusammenhalten können, überließ die Zügel des Regiments seinem Schwager Boris Godunow, einem einsichtsvollen und kräftigen, übrigens aber ruchlosen Manne, der vor keinem Verbrechen zurückbebte, und daher ungeachtet alles Guten, das er dem Volke that, dennoch gefürchtet und gehaßt wurde. Da er übrigens mit Glück regierte, so erhielt er, als Feodor 1598 kinderlos starb, die Stimme aller Großen zur Nachfolge, denn der junge Demetrius hatte jetzt erst sein sechzehntes Lebensjahr erreicht. Da es Boris aber darauf ankam, sich des Thrones für seine Person zu bemächtigen, so verbannte er die Czaarin-Wittwe, Maria Feodorowna mit ihrem Sohne Demetrius nach Uglitsch, einer Stadt, die dem letzteren durch ein Testament Iwans als Leibgedinge bezeichnet worden war. Bald darauf indeß ließ er den jungen Demetrius heimlich ermorden, mit welchem auf diese Weise der achtehalbhundertjährige Ruriksche Mannsstamm erlosch. Die Czaarin-Wittwe aber zwang er, unter dem Namen Marfa den Schleier zu nehmen und sich nach dem troizkischen Kloster am See Belosero (s. d.) im nördlichen Rußland zurückzuziehen. Indessen brachte ihm die Schandthat keine Frucht. Unter der Maske des ermordeten Prinzen standen kurz hintereinander fünf Betrüger auf, von denen der erste und zugleich der bedeutendste ihm den Lohn geben sollte. Es war Grischka Otrepiew (nach anderen Lesarten Griska Utropeja) von einer armen adeligen Familie zu Jaroslaw, der seine Jugendzeit als Mönch in einem Kloster (s. Tschudow) zugebracht und von seinem Bruder bewogen worden war, als Demetrius V. aufzutreten. Unter dem Vorgeben, daß er durch Hülfe eines treuen Dieners aus der Gewalt des Boris befreit worden, eine Zeit lang in Mönchskleidern umhergeirrt sei und endlich die Litthauische Grenze erreicht habe, trat er in Polen auf. Einige Aehnlichkeit mit dem umgekommenen Prinzen unterstützte den Betrug; überdies wies er ein russisches Siegel auf, welches Wappen und Namen des Czaarewitsch trug, so wie ein werthvolles goldenes, mit Edelsteinen geschmücktes Kreuz, das er als Pathengeschenk erhalten haben wollte. So wurde er von den vornehmsten Herren der polnischen Republik anerkannt, die sich bereit erklärten, ihn bei der Zurückforderung seines Erbes zu unterstützen.

Boris, welcher blad von diesen Vorgängen Kenntniß erhielt, betrachtete den Demetrius anfangs als einen niedrigen Intriganten; als sich jedoch die donischen Kosacken für ihn erhoben, sah er wohl ein, daß er es mit einem Feinde zu thun habe, den er nicht verachten dürfe. Er suchte sich daher des Demetrius zu bemächtigen und bot den beiden Prinzen Wiszniowiecki Geld und Ländereien an, wenn sie ihm den Betrüger auslieferten. Dieses Anerbieten wurde jedoch ausgeschlagen, und einer der beiden Palatine brachte den vermeintlichen Demetrius zu seinem Schwiegervater Georg Mniszek, dem Fürsten von Sendomir, welcher ihn als König aufnahm. Hier lernte Demetrius Marina, die jüngste Tochter Mniszeks, kennen, welche durch ihre Schönheit und Anmuth einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Der Vater begünstigte das Verhältniß, und so wurde am 25. Mai 1604 ein Heirathsversprechen unterzeichnet, zufolge dessen Demetrius der Marina Mniszek die Städte Pskow und Nowgorod (bei Sch. „die Fürstenthümer Pleskow und Groß-Neugard“), seinem Schwiegervater aber eine Million polnischer Gulden bei seiner Thronbesteigung zu schenken hatte. Dieses Heirathsversprechen sollte erst zu Moskau gültig sein und nur auf ein Jahr verbindliche Kraft haben, wenn nicht nach Ablauf desselben Marina und ihr Vater es erneuerten. Nunmehr wurde Demetrius von den polnischen Großen kräftig unterstützt und betrat den russischen Boden. Da alsbald viele Bojaren und eine große Menge Volks zu ihm übergingen, so gelang es ihm, das Hauptheer des Boris zu schlagen. Dieser, überrascht, gab die Hoffnung zu früh auf, vergiftete sich (1605) und überließ den Thron seinem Sohne Feodor. Inzwischen war Demetrius in Moskau eingezogen, wo er den Feodor verhaften und erdrosseln ließ. Jetzt bestieg er selbst den Thron und vermählte sich am 8. Mai 1606 mit Marina. Da er aber, eben so wie seine junge Gattin, sich an die russische Sitte und besonders an die religiösen Ceremonien nicht binden wollte, so entstand im Volke ein allgemeines Murren, das, durch die reichen und mächtigen Schuiski’s genährt, schnell in eine offene Empörung ausbrach. Neun Tage nach der Vermählung brach der Sturm los; wüthende Volksmassen drangen in die Gemächer des Czaaren ein, der sich durch einen Sprung aus dem Fenster zu retten suchte, aber durch brutale Pöbelwuth ein schmachvolles Ende fand. Jetzt wählten die russischen Großen den Fürsten Wassilij Schuskoi, der sich aber gleichfalls nicht behaupten konnte, denn die Könige von Polen und Schweden mischten sich in die Händel, um Prinzen ihres Stammes auf den Czaarenthron zu setzen. So dauerten die Gährungen fort, bis sich endlich die Russen ermannten und im Jahre 1612 die Fremden aus dem Lande schlugen. Im folgenden Jahre wurde dann Michael Feodorowitsch Romanow, welcher mütterlicherseits aus dem Rurik’schen Hause stammte, und dessen Nachkommen in weiblicher Linie noch heut das russische Scepter führen, auf den Thron erhoben und somit die Ruhe wieder hergestellt.

Von dieser historischen Darstellung weicht Sch.’s Demetrius darin ab, daß er kein Betrüger, sondern „ein Betrogener“ ist; er ist über sich selbst im Irrthum und somit zum dramatischen Helden mehr geeignet als der geschichtliche Demetrius. Unserm Drama zufolge erhält nämlich der Mörder des echten Demetrius nicht den versprochenen Lohn, sondern wird vielmehr von Boris mit dem Tode bedroht. Aus Rache greift er einen Knaben auf, der mit dem ermordeten Prinzen Aehnlichkeit hat, bringt ihn einem Geistlichen, den er für seinen Plan gewonnen, hängt ihm ein goldenes Kreuz um, das er dem unglücklichen Czaarensohn abgenommen, und so wächst der falsche Demetrius, sich selbst unbekannt, als Mönch auf. Da ihm aber das Klosterleben anfängt lästig zu werden, so flieht er, verläßt Rußland und findet in dem Hause des Woiwoden von Sendomir in Polen Aufnahme. Hier geräth er in Streit mit dem Castellan von Lemberg, den er verwundet. Für dies Verbrechen zum Tode verurtheilt, soll er hingerichtet werden, wobei er an dem bekannten Kleinode als Sohn des Czaaren Iwan erkannt wird. So steigt er unmittelbar von dem Blutgerüste auf einmal zu hohen Ehren und verlobt sich sogar mit des Woiwoden Tochter Marina, die ihn antreibt, sein Reich wieder zu erobern. Von den Polen unterstützt und vom Glück begünstigt, dringt er siegreich vor. Da entdeckt ihm in Tula der Mörder des echten Demetrius den wahren Hergang der Sache, und plötzlich ist er wie umgewandelt. Vorher edel, würdig und ritterlich, erfaßt ihn jetzt Wuth und Verzweiflung, so daß er nach einem Messer greift und den Mörder niederstößt. Nun kommt ihm Alles darauf an, sich als Czaar zu behaupten; aber statt seines offenen, unbefangenen Charakters erscheint jetzt eine finstere, mißtrauische und grausame Natur. Am meisten ist ihm daran gelegen, von der Mutter des echten Demetrius als Sohn anerkannt zu werden; die Zusammenkunft mit der Czaarin Marfa findet statt, aber kein Zug des Herzens treibt sie ihm entgegen. Nur durch Ueberredung gelingt es ihm, sie zu veranlassen, daß sie über ihren Unglauben schweigt. So findet denn der Einzug in Moskau statt; aber unheimliche Anzeichen begleiten denselben. Dazu kommt, daß Demetrius von leidenschaftlicher Liebe für Axinia, die Tochter des an Gift gestorbenen Boris, entbrennt. Diese aber verabscheut ihn, da er bereits an Marina gefesselt ist, welche ihm nach der Vermählung kalt erklärt, daß sie ihn nie für den echten Demetrius gehalten habe. So fühlt er sich bei der höchsten Gewalt dennoch unglücklich in dem Gefühl innerer Leere. Dazu kommt das Mißvergnügen bei dem Volke; eine Verschwörung bricht aus, die Rebellen stürzen in sein Zimmer und fordern von der Marfa, sie soll das Kreuz darauf küssen, daß Demetrius ihr Sohn sei. Sie schweigt – und von Schwertern durchbohrt, stürzt er zu ihren Füßen nieder. – Auf diese Weise geht der Held des Stückes innerlich an sich selbst zu Grunde, so daß neben dem Verlauf der äußeren Handlung das wahrhaft Tragische in dem Entwickelungsprozeß der Seele des Helden zu suchen ist, der sich zuletzt selbst nicht wieder erkennt.

Dem Demetrius zur Seite steht Marina, die stolze, hochstrebende Woiwodentochter, ein junges, anmuthiges, zugleich aber kluges und schlau berechnendes Mädchen, bei der auch die Geschichte es zweifelhaft läßt, ob ihre Leidenschaft für Demetrius eine wahre oder eine erkünstelte gewesen sei. Sie fühlt sich zur Herrscherin geboren; sie durchschaut den König Sigismund ebenso wie den Demetrius und beherrscht ihren Vater, so daß dieser um ihretwillen Alles auf’s Spiel setzt. Entschlossen und muthig, versteht sie es, die Truppen für sich zu begeistern und wird hierdurch die Seele der polnischen Unternehmung. Mit kluger Berechnung veranlaßt sie sogar den Heerführer Odowalsky, die Truppen nicht nur dem Demetrius, sondern zugleich ihr Treue schwören zu lassen. Auch ihre weibliche Eifersucht entspringt aus berechnender Vorsicht, indem sie, ohne Veranlassung dazu zu haben, den Odowalsky mit der Bewachung des Demetrius beauftragt. Als sie später aber wirklichen Grund zur Eifersucht bekommt und von der Leidenschaft ihres Verlobten für Axinia hört, da bebt ihre Herrschbegierde auch vor einem Verbrechen nicht zurück, und sie läßt der vermeintlichen Nebenbuhlerin den Giftbecher reichen. So erscheint sie als eine höchst dramatische Natur, deren Charakterzeichnung in Sch.’s Händen gewiß eine Meisterarbeit geworden wäre. Ueber ihren Ausgang berichtet die Geschichte, daß das Volk zunächst an ihrer Krönung, die bis dahin keiner früheren Czaarin zu Theil geworden, deshalb besonders Anstoß nahm, weil sie die russische Taufe nicht erhalten hatte. Die Krönungsfeier wurde geradezu als gottlose Ceremonie betrachtet. Ferner trug ihre leichtsinnige Verachtung der russischen Sitte, besonders in Betreff des Anzuges und der Speisen, wesentlich mit zu dem schnellen Ausbruch der Verschwörung bei, die ihrem Gatten das Leben kostete. Sie mußte nach dem Tode desselben alle Kostbarkeiten herausgeben, und erst, nachdem ihr Vater mit Mühe eine Summe von 80,000 Thalern Entschädigungskosten zusammengebracht, durfte sie zu demselben zurückkehren.

Den beiden tragischen Gestalten, um welche sich die Handlung concentrirt, stehen die beiden reinen Seelen des jungen Romanow und der Axinia gegenüber. Diese, die Tochter des Boris, in der Geschichte Xenia genannt, trinkt lieber den Giftbecher, als daß sie dem Demetrius zum Altare folgt; und Romanow als ein geweihtes Haupt, das von der Vorsehung zum Throne berufen ist, lehnt es ab, an der Verschwörung Theil zu nehmen. Durch ihn eröffnet sich am Schluß der Handlung, die einen bedeutungsvollen Wendepunkt in der russischen Geschichte bezeichnet, zugleich eine erhebende Aussicht in die Zukunft.

Einzig endlich steht Marfa da, die leidende und ausharrende Heldin. Die Trauer um ihren Sohn, der nicht zu stillende Gram über den unersetzlichen Verlust; der echt mütterliche Ausbruch der Freude bei der Nachricht, daß er noch lebe; der wahrhaft majestätische Monolog im zweiten Akt – das Alles erschient so wahr und so lebendig, daß man mit Begierde der Katastrophe entgegen sieht, wo das Unglück der bitteren Täuschung über sie hereinbrechen muß.

Außer diesen fünf Hauptgestalten sind noch der König Sigismund, der Woiwode Mnischek, der Fürst Leo Sapieha, der Erzbischof Hiob und der Kosaken-Hetman Korela als historische Personen zu betrachten, über welche das Nöthige in den sie betreffenden Artikeln nachzusehen ist. Die übrigen Personen sind Erfindungen des Dichters.

Der Plan des Demetrius, wie er vor uns liegt, ist ein außerordentlich reicher. Obwohl die Haupthandlung an sich einfach ist und in mächtigem Strome den Hauptcharakter sich zum Helden entwickeln und wieder zu Grunde gehen läßt: so sind doch zugleich so viel Nebenhandlungen in das Ganze verknüpft, daß Sch. während der Arbeit gewiß Vieles mehrfach modificirt haben würde. Daß er selbst von seinem Plane in hohem Grade begeistert war, geht aus einem Briefe an Körner hervor, in welchem er seinen Demetrius in gewissem Sinne als ein Gegenstück zur Jungfrau von Orleans bezeichnet. Er hat mit dieser die feurige Beseelung und den bestimmten Entschluß zu kräftigem Handeln gemein; aber in der entscheidenden Stunde, wo der Mörder des echten Demetrius sich ihm entdeckt, verläßt ihn der Glaube an sich selbst, und nun nimmt er nicht, wie die Jungfrau, ein großes Leiden auf sich, sondern geht wilden Schrittes über Verbrechen und Leichen dem Czaarenthrone zu und seinem Untergange entgegen.

Unter den vollendeten Scenen wetteifert die erste, welche uns den Reichstag zu Krakau vorführt, an Großartigkeit des Stils mit der Apfelschußscene im Wilhelm Tell, während die Klosterscene einen das Gemüth tief ergreifenden Eindruck macht. Die Trauerklage über Sch.’s Tod mußte natürlich zusammenklingen mit dem Schmerz über die unvollendete Arbeit. Besonders war dies bei Goethe der Fall, dem Sch. nach seiner Gewohnheit den ganzen Plan mitgetheilt und von dem er vielfachen Rath entgegen genommen hatte. da ihm das ganze Stück lebendig vorschwebte, so beschloß er, die Arbeit seines Freundes zu vollenden, indem er dessen Anschauungen und Absichten „dem Tode zum Trotz bewahren und ein herkömmliches Zusammenarbeiten bei der Redaction eigener und fremder Stücke“ hier zum letzten Male auf den höchsten Gipfel zeigen wollte. Aber „eigensinnig und übereilt“, wie er sagt, gab er den Vorsatz auf; oder richtiger: seine Natur war für die Lösung einer solchen Aufgabe nicht geschaffen. Nach Sch.’s Tode haben andere Dichter, wie Hermann Grimm, Friedrich Bodenstedt und Friedrich Hebbel selbständige Demetriustragödien zu liefern versucht, während Franz v. Maltiz, Gustav Kühne und O. F. Gruppe sich mit mehr oder weniger Glück an eine Vollendung des Sch.’schen Fragments gewagt haben.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.