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Das Lied von der Glocke (Gedicht)

Zum Gedicht Das Lied von der Glocke.

Dieses Lied der Lieder, dieses unübertroffene Meisterwerk der deutschen Lyrik, ist eine Production, wie sie kein anderes Volk aufzuweisen hat. Sch. hat sich beinahe zehn Jahre mit dem Gedanken getragen, die Glocke zu einem Gegenstande seiner Poesie zu machen. Schon im Jahre 1788, bei seinem ersten Aufenthalte in Rudolstadt, besuchte er häufig eine außerhalb der Stadt gelegene Glockengießerei, um sich eine Vorstellung von diesem Gewerbe zu verschaffen; aber andere wichtige Arbeiten zogen ihn wieder von seinem Vorhaben ab. Im Jahre 1797 erfaßte er den Gedanken auf’s neue und suchte die bereits gewonnenen Anschauungen durch das Studium technischer Werke zu erweitern und zu berichtigen. Daß es ihm diesmal Ernst war, geht aus einem Briefe an Goethe hervor, in dem er sagt, daß ihm sein Glockengießerlied sehr am Herzen liege. Aber wiederum trat ihm ein Hinderniß in den Weg, indem er durch Krankheit gestört wurde. Endlich gab ein neuer Aufenthalt in Rudolstadt im Jahre 1799 Veranlassung, die ersten Erinnerungen der dort gewonnenen Eindrücke wieder aufzufrischen, und so entstand dieses herrliche, echt volksthümliche Gedicht, welches mit dem Anfange des neuen Jahrhunderts der Oeffentlichkeit übergeben wurde.

Das Motto: Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango – befindet sich als Umschrift auf der Glocke des Münsters zu Schaffhausen. Es bedeutet: „Ich rufe den Lebenden; ich beklage die Todten; ich breche die Blitze.“ Der letzte Theil bezieht sich auf eine früher weit verbreitete Meinung, daß das Läuten der Glocken vor dem Einschlagen des Blitzes bewahren solle.

Wie der Dichter sich vor der Anfertigung seiner Arbeit mit den technischen Verrichtungen des betreffenden Handwerks bekannt gemacht, so ist dies auch von Seiten seines Lesers nothwendig, wenn derselbe das Gedicht vollständig verstehen will. Zunächst wird eine Grube von entsprechender Tiefe gegraben, die sogenannte Dammgrube, welche bestimmt ist, die Glockenform aufzunehmen. Diese selbst besteht aus drei Theilen, dem Kern, der sogenannten Dicke und dem Mantel. 1) Der Kern wird aus Backsteinen gebaut und mit einer Lehmbekleidung überzogen, worauf man dem Ganzen vermittelst einer Schablone, d. h. eines an einer Seite halbglockenförmig zugeschnittenen Brettes, die Form giebt, welche dem inneren Glockenraume entspricht. An der oberen Seite des gemauerten Kerns befindet sich eine Oeffnung, die in eine Höhlung führt. Diese wird mit glühenden Kohlen ausgefüllt, um das Austrocknen des Innern zu befördern. Das Trocknen der äußeren Seite, die auf ihrer Oberfläche mit gesiebter Asche bestreut wird, besorgt die Luft. 2) Die Dicke ist eine zweite Lehmhülle. Sie stellt die Metallstärke dar, welche die Glockenwand haben soll, und bekommt ihre Gestalt durch eine zweite Schablone. Diese über den Kern geformte Lehmglocke wird an ihrer Außenseite mit geschmolzenem Talg überzogen und in ähnlicher Weise wie die erste getrocknet. 3) Der Mantel endlich ist eine dritte Lehmhülle, deren Masse durch Eisenringe und Schienen fest zusammengehalten wird und sich von der darin eingeschlossenen Form abheben läßt. Ist dies letztere behutsam geschehen, was besonders durch das Talg erleichtert wird, dann wird die Dicke sorgfältig von dem Kern heruntergeschnitten. Hierauf läßt man den Mantel eben so nieder, wie man ihn vorher abgehoben hat, und erhält auf diese Weise zwischen dem Kern und dem Mantel einen hohlen Raum, der zur Aufnahme des flüssigen Metalls bestimmt ist.

Die so eben geschilderten Arbeiten setzt der Dichter als bereits vollendet voraus; die weiteren Thätigkeiten führt uns das Gedicht selbst vor, und zwar in den zehn Arbeitssprüchen des Meisters, die durch eingerückten Druck besonders hervorgehoben sind. Es sind achtzeilige Strophen in vierfüßigen Trochäen; die vier ersten Verse haben gekreuzte, die vier letzten parallele Reime. Der fünfte und sechste Vers, nur aus zwei und einem halben Trochäus bestehend, machen durch ihre größere Kürze, so wie durch den kräftig abschließenden männlichen Reim den beabsichtigten Eindruck scharf bestimmter Commandowörter, während die beiden Schlußverse mit ihren milderen weiblichen Reimen zu den Betrachtungen überleiten, die sich an jeden der Arbeitssprüche anschließen. Von diesen Sprüchen des Meisters beziehen sich die fünf ersten auf die Vorarbeiten bis zu dem Beginne des Gusses, die fünf letzten führen uns die Thätigkeit der Arbeitsleute nach erfolgtem Guß vor, bis schließlich die Glocke in ihrer Vollendung erscheint.

Verfolgen wir zunächst die zehn Arbeitssprüche für sich. Der erste (1) deutet auf die gemachten Vorarbeiten hin, denen jetzt der Hauptact folgen soll, bei welchem der Meister in echt deutschem Ernst und frommer Einfachheit theils die Arbeit leitet, theils durch seinen Zuspruch ermuntert und anregt. Dicht neben der Grube (2) haben wir uns den Gießofen zu denken, auf dessen Heerde das Metall, und zwar zunächst nur das Kupfer, aufgeschichtet liegt. Durch eine Oeffnung, den „Schwalch“ steht der Ofen mit dem Schornsteine in Verbindung, in welchem das Feuer brennt, und zwar so, daß die Flamme nur durch den Schwalch in den Ofen gelangen und so das Metall zum Schmelzen bringen kann. Sobald das Kupfer flüssig geworden, wird das leichter schmelzbare Zinn hinzugesetzt. Das Mischungsverhältniß ist verschieden; gewöhnlich nimmt man auf drei Theile Kupfer einen Theil Zinn. Ist die Mischung (3), die sogenannte Glockenspeise, in Fluß, dann pflegt sich auf der Oberfläche ein weißlicher Schaum zu bilden, in welchem sich unreine Beimischungen absondern. Durch einen Zusatz von Pottasche („Aschensalz“) wird diese Schaumbildung befördert und somit eine bessere Verbindung der Metalle erzielt. Mehrmaliges Abschäumen ist daher nothwendig, um das Metall möglichst rein zu erhalten. Nunmehr ist die Aufmerksamkeit auf den Ofen zu lenken (4), an welchem sich die sogenannten Windpfeifen („Pfeifen“), d. h. sechs Zuglöcher, befinden, die sich öffnen und verschließen lassen. Hat das Metall zwölf Stunden in dem Ofen gelegen, so werden die Pfeifen gelb, und es ist Zeit, zum Gusse zu schreiten. Zuvor aber wird ein Stäbchen in das flüssige Metall getaucht. Erscheint dasselbe wie mit Glasur überzogen, so ist dies ein Zeichen, daß das sprödere Kupfer sich mit dem weicheren Zinn gleichförmig vereinigt hat. Vor dem Beginn des Gusses pflegt man dann noch eine Probe zu machen. Es wird eine kleine Quantität Metall in die Höhlung eines warmen Steins gegossen und, nachdem es erkaltet ist, durchgebrochen. Von der Größe der Zacken, welche die Bruchfläche zeigt, hängt es ab, ob der Schmelzungsprozeß als beendigt angesehen werden kann. Sind die Zacken zu klein, so muß noch Kupfer, sind die Zacken zu groß, noch Zinn hinzugesetzt werden. Um das Metall in die Form zu lassen, wird nun der Zapfen ausgestoßen, der sich in dem Ofen dem Schornstein gegenüber befindet; oder streng genommen wird er eigentlich eingestoßen, denn er ist kegelförmig gestaltet und mit der breiten Seite nach innen gerichtet. Da er aus Stein besteht, also leichter als das Metall ist, so steigt er nach dem Einstoßen in der flüssigen Masse empor und schwimmt auf der Oberfläche derselben. Aus dem Zapfenloch strömt das Metall zunächst in eine henkelförmig gebogene Rinne und von dieser in das in der Erde befindliche Gehäuse oder „Haus“, wie der Dichter die Glockenform bezeichnet.

Mit diesem Hauptact der Arbeit tritt ein Wendepunkt ein. Die Form (6) ist gefüllt; jetzt gilt es, abzuwarten, ob die Arbeit gelungen sein wird. Die Ausdrücke der Besorgniß:

„Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?“

dürften wohl passender mit einem Ausrufungszeichen versehen werden. Nach der schweren Arbeit tritt (7) natürlich die Ruhe ein, die die Arbeiter auch wirklich als solche genießen können, während der Meister auch diese Zeit mit vorbereitenden Arbeiten für die weiteren Verrichtungen ausfüllen muß. Nach erfolgter Abkühlung (8) beginnt die Ablösung des früher „Haus“, jetzt „Gebäude“ genannten Mantels, so daß die Glocke (9) nach und nach zum Vorschein kommt, vor den Augen der Zuschauer ersteht, welche nun die Zierrathen an ihrer Außenfläche bewundern können. So gleichsam aus der Gruft (10) emporgestiegen, wird sie nun in die Luft, „das Reich des Klanges“, emporgezogen, um dem Zwecke ihrer eigentlichen Bestimmung zu dienen.

Die von dem Meister an die einzelnen technischen Verrichtungen angeknüpften Betrachtungen, „die guten Reden“, welche die Arbeit begleiten, zerfallen in neun Hauptabschnitte, welche zwischen die zehn Arbeitssprüche eingefügt sind. Jede derselben schließt sich nicht nur an den vorangegangenen Spruch, sondern auch an die vorige Betrachtung an, so wie sie auch auf das später Folgende vorausdeutend hinweist.

Die erste Betrachtung ist als Einleitung anzusehen. Sie deutet den Plan des Gedichtes an, dessen Absicht es ist, den vorgeführten Arbeiten der menschlichen Hand durch die angeknüpften Betrachtungen eine höhere Weihe zu ertheilen. Die Diction hält sich, nach Viehoff’s treffender Bemerkung, hier absichtlich in fast mittelalterlicher Einfachheit, um erst später einen allmälig höheren Schwung anzunehmen. – Die zweite Betrachtung bildet den Uebergang, indem sie das Thema des Ganzen näher bezeichnet, auf die Bestimmung und Bedeutung der Glocke aufmerksam macht. Wir haben zu erwarten, daß die wichtigsten Erscheinungen des menschlichen Lebens an uns vorüberziehen werden; die Glocke soll uns verkünden, was dem Menschen auf Erden begegnet. – Der Dichter beginnt (3) mit der Schilderung der Kindheit, und zwar, da Alles an die Klänge der Glocke angeknüpft werden soll, mit dem Tauftage, worauf er, an dem Knaben- und Mädchenalter rasch vorübereilend, mit besonderer Wärme bei dem Aufkeimen der ersten Liebe, als der Grundlage des Familienlebens, verweilt, welchem die erste Hälfte des Gedichtes gewidmet ist. – Demnächst ladet die Glocke (4) zur Hochzeitfeier ein, mit welcher die poetische Stimmung des ersten Liebesglückes abschließt, um den concreteren Erscheinungen des Familienlebens Platz zu machen. Der Mann hat nun den Kampf mit den oft feindlichen Lebensverhältnissen aufzunehmen, während die Hausfrau in stets sich steigernder Geschäftigkeit das von dem Manne Erworbene zu erhalten bemüht ist. Aber das Glück ist unbeständig und wird uns da oft am leichtesten untreu, wo wir ihm am meisten vertrauen. – Ein unvorhergesehenes Schicksal, eine Feuersbrunst, (5) raubt dem auf seine Arbeit stolzen Manne die ganze Habe, und das Ueberzählen der Seinen läßt sogar noch Schlimmeres ahnen. Denn die Glocke hat auch eine feierlich ernste Bestimmung (6), sie giebt auch dem Abgeschiedenen das letzte Geleit. Mit dem Tode der Gattin sind die Bande des Familienlebens gelöst, und wie bei dem sechsten Arbeitsspruche ein Wendepunkt in den äußeren Verrichtungen eintrat, so wendet sich der Dichter jetzt (7) der geselligen Gemeinschaft zu, wie sie sich innerhalb des Staatsverbandes gestaltet. Gerade in der Ruhe des Feierabends stellen sich uns die Segnungen, die wir dem gesellschaftlichen Zustande zu verdanken haben, am schönsten dar. Durch eine „heilige Ordnung“ sind Sprach- und Stammgenossen auf’s innigste an einander gebunden, und der lebendige Wechselverkehr zwischen den verschiedensten Kräften ist im Stande, die allgemeine Wohlfahrt mächtig zu fördern. – Aber auch dieses gesellige Glück (8) ruht nicht auf unerschütterlichen Stützen. Unzufriedenheit auf der einen und stolze Ueberhebung auf der andern Seite können auch diese Bande sprengen, der Aufruhr der Städte verwüsten, die Revolution einen Staat an den Rand des Abgrundes führen. Gottesfurcht allein ist im Stande, die Eintracht zu sichern. In dieser erhöhten Gemüthsstimmung wird die Schlußbetrachtung des Meisters (9) zur Anrede, welcher seine Umgebung jetzt, wie beim Eingange seiner Betrachtungen, an einer Taufhandlung Theil nehmen läßt. Mit dem Namen Concordia wird die regelmäßige und bleibende Bestimmung der Glocke bezeichnet. In der gemeinsamen Andacht erheben wir uns über die wandelbaren Verhältnisse alles Irdischen zu dem, was allein einen unvergänglichen Werth hat.

Eine vollständige Darlegung des ganzen Reichthums von Schönheiten, welchen dieses herrliche Gedicht darbietet, würde eine umfangreiche Arbeit geben. Wir erinnern nur an den wundervollen Wechsel von Ausdrücken, mit welchen der Dichter das verschiedenartige Ertönen der Glocke bezeichnet, an die objective Haltung in der Darstellung aller einzelnen Erscheinungen, an die Zusammenstellung überraschender Contraste, an den höchst wirkungsvollen Wechsel des Versmaßes und der einzelnen Verslängen, an die malerische Wirkung, welche er einerseits durch Alliteration und Assonanz, andererseits durch trefflich gewählte Kraftwörter, und an noch anderen Stellen durch die lebendig dahinströmende polysyndetische Satzverbindung zu erreichen versteht – und überlassen es dem Leser, alle diese Schönheiten zum Gegenstande seines Nachsinnens oder seines tieferen Studiums zu machen, das jedenfalls dazu dienen wird, das Ganze mit noch wohlthuenderer Gesammtempfindung zu umfassen. Die Sprache ist hier so zur Musik geworden, daß die verschiedenen Stimmungen, in welche uns das Gedicht versetzt, unmittelbar in die sprachliche Hülle überfließen.

Endlich dürften noch einige Einzelheiten eine Erläuterung nöthig haben: 1) „Den es in Schlafes-Arm beginnt.“ Das Bindezeichen in mehreren Ausgaben hat hier eben so wenig Sinn, wie später in „nach der lieben Heimat-Hütte“. Der Dichter dürfte diese Zeichen schwerlich gesetzt haben. In Schlafes Arm heißt: still ruhend in dem unbeweglich schwebenden Arme; und das andere ist eine poetische Inversion mit Wegfall des Artikels für: nach (der) Hütte der lieben Heimat. – 2) „Mit dem Gürtel, mit dem Schleier“ erinnert zunächst an den Schleier, in welchen verhüllt die Braut im Alterthum dem Bräutigam zugeführt wurde; ferner an den Schleier, mit welchem die jungfräuliche Braut auch bei uns geschmückt zu werden pflegt. Endlich sind dem Dichter Gürtel (s. d.) und Schleier wohl nichts Anderes als symbolische Ausdrücke für eine Sitte, welcher zufolge in manchen Gegenden die verheiratheten Frauen durch gewisse Abzeichen in der Kleidung von den Jungfrauen sich unterscheiden. – 3) „Weh denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihn.“ Des Dichters Weheruf gilt denjenigen, die in Zeiten politischer Aufgeregtheit die Macht des Wortes mißbrauchen und dem gedankenlosen Pöbel ein Licht anzünden, für welches dessen blöde Augen nicht geschaffen sind. Wir erinnern dabei an die Figur des Vansen in Göthe’s Egmont. – 4) „Und führen das bekränzte Jahr“ erinnert an eine antike Vorstellung, indem die Griechen den Horen (s. d.) Kränze von Palmblättern als Attribute gaben.

Schließlich erinnern wir daran, daß dieses echt volksthümlich gewordene Gedicht auch andere künstlerische Kräfte in Bewegung gesetzt hat. Die Umrisse zu Sch.’s Lied von der Glocke nebst Andeutungen von Moritz Retzsch (Stuttgart und Augsburg bei Cotta) führen dem Blick eine Reihe von 43 trefflichen Federzeichnungen vor, welche die geistigen Conceptionen des Dichters in würdiger Weise versinnlichen. Auch die von Andreas Romberg gelieferte Composition für Gesang mit Orchesterbegleitung hat, wenngleich von den Musikern wenig geschätzt, doch nicht selten den Hörern einen erheblichen Genuß bereitet.

 
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