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Hermes

(Myth.), bei den Römern Mercurius (od. abgek. Mercur), war ein Sohn des Zeus und der Maja (Ged. Semele 2), der ältesten unter den sieben Töchtern des Atlas. Er wurde auf dem arkadischen Berge Cyllene, dem ältesten Sitze seiner Verehrung, geboren, woher er den Beinamen Cyllenius (Ged. 4. B. d. Aen. 42) erhielt. Schon in der vierten Stunde nach seiner Geburt sprang er der Mutter vom Schooße und verließ Wiege und Höhle. Zeus, entzückt von seiner Munterkeit, wie auch von seiner Schlauheit, erhob ihn zu seinem und der unterirdischen Götter Herolde. Homer schildert ihn als einen schönen, den männlichen Jahren sich nähernden Jüngling, voll Anmuth und Gewandtheit. eine wichtige Rolle spielt er in der Aeneide, wo der Dichter ihn von dem Jupiter Ammon zu Aeneas senden läßt, indem es (Ged. 4. B. d. Aen. 42) heißt:

„Winkt dann vor seinen Thron Cyllenius und spricht:
Wohlan, mein Sohn! laß dich die Winde niederschwingen.“

Sogleich ist er bereit zu gehorchen, denn (ebendas. Str. 45) schnell

– – – „knüpft er an den Fuß die goldnen Flügelsohlen,
Die reißend mit des Sturmes Wehn
Ihn hoch wegführen über Meer und Land.“

Bald erblickt ihn auch Aeneas, welcher (ebendas. Str. 48) erzählt:

„So kam jetzt zwischen Meer und Land
Durch Libyens gethürmten Sand
Vom mütterlichen Ahn Mercurius geflogen,
Und brach mit schnellem Flug der Winde Widerstand.“

Als Aeneas seinem Auftrage nicht sogleich Folge leistet, erscheint er zum zweiten Male; daher (ebendas. Str. 66):

„Und jetzt gebeut der Götterbote mir
Das Nämliche, vom Herrn des Himmels selbst gesendet.“

Und als auch diese Aufforderung fruchtlos bleibt, da heißt es (ebendas. Str. 101):

– – – – – – „Ihm zeigte sich in Träumen
Dasselbe Bild, das jüngst mit Schrecken ihn ergriff,
Und bringt denselben Auftrage wieder,
Dem Flügelboten gleich an Stimme, an Gestalt,
Dasselbe blonde Haar, das Majen’s Sohn umwallt,
Derselbe schlanke Bau der jugendlichen Glieder.“

Außer dieser Eigenschaft eines Götterboten hatte Hermes noch eine andere Bedeutung. Schon früh erblickte man in ihm den listigen, erfindungsreichen, beredten und Tauschhandel begünstigenden Gott. Zu den Attributen des Gottes als Herold der Olympier gehören die beflügelten Sandalen und ein goldener Stab. Diesem wurde ein Knoten mit zwiefacher Schleife hinzugefügt; später verwandelte die bildende Kunst jene Schleifen in ein paar sich umwickelnde Schlangen, während die Zweige des Stabes sich in Flügel verwandelten, und so entstand der Mercuriusstab oder Cadúceus; daher (Ged. Pompeji und Herculanum):

„Den Caduceus schwingt der zierlich geschenkelte Hermes.“

Sein lateinischer Name Mercurius (mit „mercari, Handel treiben“ verwandt) weist darauf hin, daß er bei den Römern zumeist als ein Gott des Handels und der Kaufleute angesehen wurde, die ihm zu Ehren jährlich am 15. Mai ein Fest feierten. Daher „bringt (Ged. D. Spaziergang, V. 82) Hermes den Anker herbei“; und (Ged. D. Kaufmann) heißt es: „Euch, ihr Götter, gehört der Kaufmann.“ – Indessen liegt dem Stabe des Hermes außer dieser praktisch-realistischen Bedeutung auch noch eine tiefere und mehr ideale Anschauung zum Grunde, die sich an eine interessante Mythe knüpft. Der übermüthige und listige Hermes hatte einst dem Apollo die heiligen Heerden weggetrieben, die derselbe für die Götter zu beaufsichtigen hatte; daher singen die Räuber (R. IV, 5):

„Mercurius ist unser Mann,
Der’s Prakticiren trefflich kann.“

Durch seine Sehergabe hatte Apoll den Räuber bald entdeckt und führte ihn vor Zeus. Indessen benahm derselbe sich hier so schlau und gewandt, daß selbst der Sonnengott schwur, ihm seine List nie zu vergelten. Beide versöhnten sich; Hermes schenkte ihm die von ihm erfundenen musikalischen Instrumente, die Leier und die Flöte, wogegen Apollo dem Hermes die mit dreierlei Laub umwundene Ruthe des Glücks und des Unglücks, sowie des Reichthums verlieh. Mit dieser dreizackigen Zauberruthe berührt nun Hermes die Wachenden, daß sie entschlafen, und die Lebenden, daß sie zum Tode erblassen. Er führt also die Seelen der Abgeschiedenen in die Unterwelt; aber er erweckt sie auch wieder zu neuem Leben. Daher heißt es von ihm (Ged. 4. B. d. Aen. 45):

„Faßt dann den Stab, der einwiegt und erwecket,
Der die Verstorbnen führt zu Lethe’s stillem Strand,
Zurückbringt und das Aug’ mit Todesnacht bedecket.“

ebenso (Ged. D. macht des Gesanges) gleichnißweise von dem Dichter:

„Wie mit dem Stab des Götterboten
Beherrscht er das bewegte Herz,
Er taucht es in das Reich der Todten,
Er hebt es staunend himmelwärts.“

und für den Realisten (Ged. Poesie des Lebens), der „verwerfend blickt, auf Alles, was nur scheint“, zerbricht nicht nur Apoll die goldne Leier, sondern auch „Hermes seinen Wunderstab“. – Die bildende Kunst hatte dem Hermes zu Athen eine eigenthümliche Art von Denkmälern gesetzt. Es waren viereckig zugehauene, nach unten zu verjüngte Säulen, die oben in den Kopf des Mercur endeten, und die man Hermen (Ged. Die Künstler) nannte. Später wurden auch andere Köpfe gewählt, und die Bildwerke dann nach den betreffenden Gottheiten, etwa Hermáres, Hermapóllon etc. genannt. In Rom pflegte man dergleichen Säulen vor den Thüren aufzustellen; und da Mercur daselbst die Aufsicht über die Thüren und die Straßen hatte, in Athen sogar eine ganze Straße nach solchen Säulen benannt war, so wurde Hermes auch wohl in eine gewisse Beziehung zur Baukunst gebracht, weshalb es (Ged. D. Eleusische Fest, Str. 21) von Poseidon heißt:

„Und mit Hermes, dem Behenden,
Thürmet er der Mauern Wall.“

 
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