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Homer

(Ged. D. Spaziergang, V. 200), Abk. von Homéros, lat. Homérus, der berühmteste und älteste griechische Dichter, war der Sage nach ein Sohn des Mäon und wurde daher auch der Mäoníde genannt, wie (Ged. D. Künstler):

„Des Mäoniden Harfe stimmt voran.“

Er soll um’s Jahr 1000 v. Chr. in Kleinasien oder auf einer nahe gelegenen Insel gelebt haben. Nach Fr. A. Wolf’s und Fr. Schlegel’s Ansichten soll Homer bloß der gemeinsame Name für eine ionische Sängerschule (vergl. Die Homeriden) gewesen sein, eine Ansicht, die kritisch vielleicht richtig (vergl. Ilias) ist, für den Dichter aber wenig Wohlthuendes hat. Sch. nennt ihn deshalb doch (Ged. D. Homeruskopf etc.) „Treuer alter Homer“ und sagt (Ged. die Weltweisen): „Homerus singt sein Hochgedicht.“ Die Ilias und die Odyssee, die beiden bedeutendsten Gedichte, die, als von ihm herrührend, sich erhalten haben, zeichnen sich durch Naturwahrheit und Lebendigkeit der Darstellung aus, so daß sie den Dichtern aller Zeiten eins der trefflichsten Vorbilder gewesen sind.

Wenn ein Dichter des alten Griechenlands sagen zu müssen glaubte, daß er und die Späteren überhaupt nur von den Brosamen lebten, die von dem reichbesetzten Tische Homer’s fielen, so ist dieses Wort heut allerdings nicht mehr so wahr, wie vielleicht damals; dennoch aber ist der Einfluß des Sängers von Chios auf die Poesie gerade Deutschlands ein so bedeutender im Ganzen wie im Einzelnen, daß sich ein Buch darüber schreiben ließe, wie es, alle Beziehungen des Alterthumes zu unserer Dichtung erörternd, von dem trefflichen Königsberger Gelehrten Cholevius „über die antiken Elemente in der Deutschen Literatur“ geschehen ist. Der Gedanke, daß der Dramatiker Sch., abgesehen von dem allgemeinen Einflusse, den eine so einzige Verschmelzung von Wirklichkeit und Kunstideal auf ihn ausüben mußte, von Homer nicht viel herüber nehmen konnte, würde sich als irrthümlich erweisen. Zwar hat Sch. nicht, wie er so oft wollte, Zeit und Inspiration gefunden, in einer größeren epischen Schöpfung („Gustav Adolph“, „Friedrich der Große“) dem deutschen Heldengeschichte einen höheren homerischen Aufschwung zu geben, oder es wenigstens zu versuchen; dennoch hatte das Studium Homer’s in ihm so starke Eindrücke hinterlassen, daß sich die Spuren davon fast in allen seinen Gedichten und Dramen wiederfinden, zumal da sich in den großen historischen Dramen unseres Dichters ein oft bemerkter epischer Zug geltend macht, der ihn zum Homer zurückführen mußte. Wer könnte diese Elemente verkennen, die in Zeiten wie die des hundertjährigen Kampfes zwischen England und Frankreich im 14. und 15. Jahrhundert und im dreißigjährigen Kriege hervortreten und in den entsprechenden Dichtungen Sch.’s erscheinen? In anderen Werken war es ein ihrem Gegenstande zukommender Geist der Natürlichkeit und Einfachheit, welcher Sch. hier und da homerische Formen der Darstellung wählen ließ, wie im W. Tell. Weiterhin ist es endlich oft auch nur die Lebendigkeit und Fülle der Reminiscenz, welche den Dichter bewegt, Farben einzumischen, die Neuere vielleicht durch andere „lokalere“ ersetzen würden, die aber der Geist der damaligen Zeit, der, von der Antike erweckt, mächtig zu ihr hinstrebte, vollkommen rechtfertigte, und die wir ihrer Schönheit wegen nicht als eine Disharmonie bemerken. Hier und da ist auch der Gegenstand selbst, als dem antiken Leben oder gar dem Homer unmittelbar entnommen, die Veranlassung geworden.

1788 schreibt Sch. (s. das zur Br. v. M. angeführte Werkchen v. Gerlinger p. 93 ff.): „In den nächsten 2 Jahren, hab’ ich mir vorgenommen, lese ich keine modernen Schriftsteller mehr“ ….. „Ich lese jetzt fast nichts als den Homer. Ich habe mir Vossen’s Uebersetzugn der Odyssee (1781 erschienen) kommen lassen, die in der That ganz vortrefflich ist …“ 1798: „Ich lese in diesen Tagen den Homer mit einem ganz neuen Vergnügen, wozu die Winke, die Goethe mir gegeben, nicht wenig beitragen. Man schwimmt ordentlich in einem poetischen Meere; aus dieser Stimmung fällt man auch in keinem Punkte und alles ist ideal bei der sinnlichsten Wahrheit.“ 1799: „Ich habe in diesen Tagen den Homer vorgeholt und den Besuch der Thetis beim Vulkan mit unendlichem Vergnügen gelesen. In der anmuthigen Schilderung eines Hausbesuches, wie man ihn alle Tage erfahren kann, in der Beschreibung eines handwerksmäßigen Geschäftes, ist ein Unendliches in Stoff und Form enthalten.“ Mit Bezug auf die Scene zwischen Montgommery und Jeanne d’Arc, die nach Il. 21, 64-120, X, 378 ff. gedichtet ist, schreibt Sch. 1801: „Wer seinen Homer kennt, der weiß wohl, was mir dabei vorschwebt.“

Also werden uns auch unsere Leser dankbar sein, wenn wir ihnen einige weitere Nachweise geben, die von ihnen selbst vielfach vermehrt und vervollständigt werden können.

Eine anziehende Vergleichung bietet Hektor’s Abschied, wenn der Leser dieselbe Scene, eine der schönsten und künstlerisch vollendetsten der Ilias, bei Homer vergleichen will (s. Andromache, Hektor). Das darin sich findende Epitheton (d. h. dichterisch schmückende Beiwort) die „unnahbaren“ Hände des Achill ist homerisch, s. Il. 7, 309. 8, 450. Od. 11, 502. Im „Triumph der Liebe“ schmückt Juno ihr „ambrosisch Haar“ Il. 1, 529, ein Beiwort (s. d.), welches Homer auch auf Kleider Il. 5, 338 oder Sandalen Od. 1, 97 der Götter, dann aber auch auf die Schönheit selbst Od. 18, 193 anwendet. Auch die „Nacht“ nennt Sch. im „Spaziergange“ nach Il. 2, 57 „ambrosisch“. Auch der „thränenvolle“ Streit in Kassandra (Str. 1) ist homerisch Il. 5, 737. 13, 765, bei Voß heißt es gewöhnlich „die thränenerregende Feldschlacht“. Die „schweren, ehernen Hände“ der Natur, die Stelle in der Br. v. M. „und kein Gebet durchbohrt den ehernen Himmel“, „die eherne Umarmung des theban’schen Paares“, was Isabella vom „ehernen Harnisch der Brust“ ihrer Söhne sagt (auch „die felsigte Brust“ Od. 17, 463. Il. 16, 35), das „stählerne Herz“ der J. v. O. – Alles findet Vorbilder und Anklänge in Homer Il. 2, 490. 5, 737. 13, 765. 17, 425. Od. 15, 329. Ebenso die „löwenherzige Jungfrau“ Il. 5, 639. Od. 4, 724. Die „heerdenmelkenden Holländer“ ebendaselbst sind im homerischen Geiste benannt und selbst die „prächtig strömende Loire“ erinnert an klassische Flüsse und Quellen Od. 10, 107. Il. 2, 752. Talbot bekommt sein Beiwort „hunderthändig“ nach dem Riesen, welchen Thetis zur Rettung des Zeus in den Olymp hinaufruft Il. 1, 402. Der Rinder „breitgestirnte, glatte“ Schaaren in der „Glocke“ Sind direkt aus dem Homer Il. 10, 292 u. öfter. Die „himmelumwandelnde“ Sonne in der Br. v. M. ist der homerische Helios Hyperíon (s. auch Il. 8, 68). Auch die „unzerbrechliche“ Kraft daselbst ist, wenn auch nicht homerisch, doch wenigstens griechisch. „Des Todes bittere Pfeile“ in der „Kindesmörderin“ und der bittere Pfeil des Wortes“ in der Br. v. M. ist in seiner eigentlichen Bedeutung sehr häufig bei Homer Il. 4, 118. 22, 206 u. ö. Im Geiste des alten Dichters heißt ebendaselbst die Stadt „die völkerwimmelnde“. Auch die „hochwohnenden“, „alles schauenden“ Götter erinnern an homerische Beiwörter Il. 5, 265.

Die Beiwörter Sch.’s verdienten wohl eine besondere Studie; das für unsere Zwecke Wichtigste werden wir unter „Sprache“ geben.

Auch andere Erinnerungen an homerische Vorstellungen oder Scenen finden sich. So erkennt man in „Triumph der Liebe“, Str. 13: „Thronend auf erhabnem Sitz – Schwingt Kronion seinen Blitz; – Der Olympus schwankt erschrocken – Wallen zürnend seine Locken“ – die berühmte Stelle Il. 1, 529 wieder, nach der Phidias den olympischen Zeus gebildet haben soll. „Der sanfte Bogen der Nothwendigkeit“ (dem Laien wohl kaum verständlich) in den „Künstlern“ erinnert daran, daß Homer einen plötzlichen und dabei sanften Tod durch die „sanften Geschosse“ des Apollon und der Artemis erfolgen läßt Il. 24, 759. Die Ausdrücke „König Rudolph’s heilige Macht“ und, in der Br. v. M. „gesandt hab’ ich alsbald des raschen Boten jugendliche Kraft“, deren ersterer besonders dem Nichtkenner des Griechischen sehr auffallen muß, sind auf jeder Seite im Homer zu finden. Sie umschreiben einfach den Begriff der Persönlichkeit, wie in der Odyssee „die heilige Kraft des Alkionoos“. Selbst der allgemein verständliche Ausdruck in „Ideal und Leben“, Str. 4: „Wenn im Leben noch des Kampfes Wage schwankt“, mag an die Wage erinnern, auf der Zeus die Geschicke der Menschen, so z. B. das des mit Achill kämpfenden Hektor, abwägt. Il. 19, 223. 16. 658. 8, 69. Wir wollen entfernt nicht behaupten, daß die „schwarzen und die heitern Loose“ der „Glocke“ aus dem Homer stammen, aber es zieht manchen Leser vielleicht an, die wunderliche Geschichte von den beiden Schicksalsfässern Il. 24, 527 nachzulesen. Auch im Wst. Tod I, 4 heißt es: „Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand – In des Geschicks geheimnißvolle Urne“. Das Opfer eines „Stieres mit goldenem Horne“, der in „Hero und Leander“ den Winden geweiht wird, bewege den Leser, sich die schöne Stelle Od. 3, 425 ff., wo Telemach bei Nestor weilt, in das Gedächtniß zurückzurufen. Die homerischen Helden, wenn sie von ihrer Herkunft sprechen, „rühmen sich“ der Sohn von dem und dem zu sein, so sagt ihm W. T. I, 2 Gertrud, am Anfang einer Schilderung ihres Jugendlebens, die ganz homerischen Charakter trägt: „Des edlen Iberg’s Tochter rühm’ ich mich – Des viel erfahrenen Mannes“. Weiterhin heißt sie: „Des weisen Iberg hoch verständige Tochter.“ Daß (Br. v. M.) die Erde fest ruht „auf den ewigen, alten Säulen“ erinnert an die vom Atlas gehaltenen hohen Säulen Od. 1, 53, die Himmel und Erde auseinander halten und die ebendaselbst dann noch ausdrücklich erwähnt werden (s. Atlas). Die Schilderung des englischen Heeres in der 3. Scene des Prologs zur J. v. O. ist ganz episch-homerisch und erinnert mit ihren Bildern von den Bienen und Heuschrecken lebhaft an Il. II, 460 ff.

Wir glauben im Vorstehenden dem Leser hinreichende Anregung zu weiterer Vergleichung gegeben zu haben.

 
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