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Kabale und Liebe

Der Plan zu Sch.’s drittem Jugenddrama entstand nach Frau von Wolzogen im Juli 1782 in dem Arreste zu Stuttgart (vergl. Fiesco), wo auch der Gedanke zu der im September desselben Jahres ausgeführten Flucht seine erste Nahrung erhielt. Was den Stoff betrifft, so erwähnt Freitag eines Zeitungsinserats: „Stuttgart vom 11. Am gestrigen Tage fand man in der Wohnung des Musicus Kritz dessen älteste Tochter Louise und den herzoglichen Dragoner-Major Blasius von Böller todt auf dem Boden liegen. Der aufgenommene Thatbestand und die ärztliche Obduction ergaben, daß beide durch getrunkenes Gift vom Leben gekommen waren. Man spricht von einem Liebesverhältniß, welches der Vater des Majors, der bekannte Präsident von Böller, zu beseitigen versucht habe. Das Schicksal des wegen seiner Sittsamkeit allgemein geachteten Mädchens erregt die Theilnahme aller fühlenden Seelen.“ Dagegen hält Eckardt es für möglich, daß Sch. die erste Anregung durch Rousseau’s Schrift: „Sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes“ erhalten habe, in welcher derselbe die Idee, daß die Gleichheit der Menschen ein Naturrecht sei, zum ersten Male öffentlich aussprach und wissenschaftlich zu begründen suchte. Uebrigens gaben dem Dichter auch die Verhältnisse und Persönlichkeiten des Stuttgarter Hofes hinlängliches Material für die Darstellung eines Conflicts, in welchen er, der Bürgersohn, ja bereits selbst gerathen war. Die Idee, ein bürgerliches Trauerspiel unter dem Titel „Louise Millerin“ zu schreiben, beschäftigte ihn, wie Streicher berichtet, auch auf seiner Flucht, besonders auf dem Wege von Manheim nach Frankfurt dergestalt, daß seine Blicke dadurch von der Außenwelt völlig abgezogen wurden. Es war der Zorn gegen die Standesvorurtheile und gegen die erdrückenden Gewalten, unter denen auch das Bürgerthum seufzte, dem er in seiner neuen Arbeit Luft machen wollte. Schon in den ersten vierzehn Tagen jener Zeit, die er im September und October in Sachsenhausen bei Frankfurt zubrachte, wurde ein bedeutender Theil des Dramas niedergeschrieben; und auch als er seinen Aufenthalt in Oggersheim genommen, wo ihm eigentlich die Umarbeitung seines Fiesco am meisten hätte am Herzen liegen sollen, fesselte ihn sein neues Trauerspiel so mächtig, daß er volle acht Tage hindurch fast gar nicht aus dem Zimmer kam. Die handelnden Personen hatten in seiner Seele jetzt nicht nur bestimmte Gestalt angenommen, sondern sie wurden zugleich auf bestimmte Schauspieler der Manheimer Bühne berechnet. Aber in Oggersheim konnte Sch. nicht bleiben; die Furcht, verfolgt und seinem despotischen Herzog ausgeliefert zu werden, trieb ihn nach Bauerbach, wo er auf dem Gute der Frau von Wolzogen eine Freistatt fand, und noch dazu eine einsame Freistatt, denn seine Wohlthäterin selbst erschien erst im Januar 1783 und zwar nur auf kurze Zeit. Diese Ruhe, in der sein nachmaliger Schwager, der Bibliothekar Reinwald zu Meiningen, ihm fast den einzigen freundschaftlichen Umgang gewährte, war der Dichtung günstig, deren erster Entwurf vom November bis Ende Februar vollendet wurde. Bald darauf erhielt Sch. von Dalberg, dessen Freunde durch Streicher auf „Louise Millerin“ aufmerksam gemacht worden waren, einen Brief, in welchem derselbe anfragte ob sich sein neues Stück nicht für die Manheimer Bühne eignen möchte. Sch. zögerte anfangs mit der Antwort, die, als sie endlich erfolgte, mehr ausweichend als entgegen kommend klang. Dennoch entschloß er sich, im Juli nach Manheim zu gehen, wo das neue Trauerspiel unter Dalberg’s Vorsitz (im August) gelesen und für theaterfähig erklärt wurde; nur sollte der Aufführung wegen manches Schroffe gemildert und zugleich diese und jene Abkürzung vorgenommen werden. Leider aber verzögerte sich diese Umarbeitung, da der Dichter in Folge der anhaltenden Sommerhitze gefährlich erkrankte und auch den ganzen Winter über an wiederholten Fieberanfällen zu leiden hatte. Erst im Februar des folgenden Jahres (1784) konnte er seine Tragödie wieder vornehmen, um ihr die letzte Feile zu geben. Iffland hatte damals ein Stück geschrieben, welchem Sch. den Titel „Verbrechen aus Ehrsucht“ gab; dafür taufte jener „Louise Millerin“ in „Kabale und Liebe“ um, ein Titel, der um so treffender war, als Louise in der That nicht als die eigentliche Trägerin des Stückes angesehen werden kann. Als dasselbe im Frühjahr 1784 in Manheim zur Aufführung kam, konnte Sch. vollkommen befriedigt sein, denn er erntete einen enthusiastischen Beifall ein. Auch andere Bühnen nahmen das Trauerspiel mit großer Bereitwilligkeit an, und selbst in Stuttgart kam es zur Aufführung; da sich aber hier der Adel bei dem Herzog beschwerte, so wurde eine beabsichtigte Wiederholung verboten. Bald darauf erschien das Stück gedruckt bei Schwan und erlebte bis zu Sch.’s Tode neun Auflagen.

Fragen wir, woher Sch. nächst der ersten Anregung den eigentlichen Stoff zu seinem Trauerspiele nahm, so ist die Antwort nicht schwer zu errathen. Er lag einfach in der Luft; es waren die Gebrechen seiner Zeit, welche dem Dichter die Feder in die Hand gaben. Bekanntlich war es im vorigen Jahrhundert Sitte, daß die Fürstensöhne der meisten kleineren deutschen Höfe ihre Bildung aus Paris holten (vergl. das Gedicht „Dem Erbprinzen von Weimar“), worauf sie bei ihrer Rückkehr die Pracht von Versailles in ihren Residenzen nachzuahmen suchten. Der Luxus, die Vergnügungen, die Etikette und leider auch die Sittenlosigkeit des französischen Hofes waren das Vorbild, das sie in ihrer Heimath mit beschränkten Mitteln nicht erreichen konnten; deshalb wurde das Volk nicht selten auf die unbarmherzigste Weise gedrückt, das Mark des Landes ausgesogen und der Schweiß der Unterthanen auf das schändlichste verpraßt. Der Charakter des deutschen Volkes kam den Fürsten hierbei sehr zu Statten; denn einmal daran gewöhnt, in dem angestammten Herren die von Gott eingesetzte Obrigkeit zu erkennen, war der Bürger wie der Landmann gutmüthig genug, sein Schicksal mit stiller Ergebung zu tragen, sich mit Thränen und Seufzern zu begnügen, und höchstens, wenn es zu arg wurde, die Faust in der Tasche zu machen. So war es denn nichts Seltenes, daß mit der Gutmüthigkeit des Volkes ein schnöder Mißbrauch getrieben wurde, um so mehr als man der Ehrlichkeit und Treue desselben gewiß war. Aber neben der empörenden Minister- und Maitressenwirthschaft, welche ungeheure Summen verschlang, waren es auch die höheren Klassen der Gesellschaft, besonders der nach französischem Zuschnitt erzogene Adel und der Beamtenstand, deren Druck den Bürger auf das empfindlichste traf. Fehlte es doch durchaus an einem gesicherten Rechtszustande, und waren in den Cabinetten, wie in den Bureaux Bestechungen und Gewaltthätigkeiten doch vollständig an der Tagesordnung. Wie wäre es unter solchen Verhältnissen dem Arm der Gerechtigkeit möglich gewesen, den Schuldigen stets sicher zu erreichen?

Daß dies Alles schwer gefühlt wurde, hatte bereits Lessing zwölf Jahre vor unserm Dichter in seiner „Emilia Galotti“ zur Anschauung gebracht, nur daß er, mit größerer Vorsicht zu Werke gehend, sein Drama auf italienischem Boden spielen ließ. Freilich merkte man deutlich genug, daß er es dabei weniger auf Guastalla als auf Braunschweig abgesehen hatte; denn in der Gräfin Orsina erkannte man sogleich die schöne Venetianerin, die Marquise Branconi, die Geliebte des Herzogs. Aber dieser drückte ein Auge zu und legte der Aufführung des Stückes kein Hinderniß in den Weg. Kühner dagegen trat Sch. auf, in dem er sein Stück auf deutschen Boden verpflanzte, was um so leichter möglich war, als man in dem südwestlichen Deutschland in Betreff der Theatercensur durchaus keine einheitliche Praxis beobachtete. War ein Stück in dem einen Gebiete verboten, so konnte es nicht selten wenige Meilen davon ungehindert gegeben werden, so daß die Zerrissenheit unseres Vaterlandes dem Aufblühen der dramatischen Literatur eher förderlich als nachtheilig war.

Ist somit Sch.’s Kabale und Liebe unmittelbar aus dem Leben gegriffen, so ist es ihm noch mehr unmittelbar aus der Seele geschrieben. War ihm doch gleich bei seinem Eintritt in die Carlsacademie der Unterschied zwischen „Cavaliers“ und „Eleven“ zur Anschauung gebracht worden, und konnte es doch nicht fehlen, daß mancherlei weit verbreitete Gerüchte von Hofkabalen, von Conflicten zwischen Adeligen und Bürgerlichen, von geheimen Machinationen höherer Beamten dem Zögling zu Ohren drangen und bald darauf dem Regimentsmedicus die Augen öffneten. Wir müssen daher Hoffmeister’s Ansicht beistimmen, wenn er die Tendenz des Stückes eine polemische nennt, und sich dabei auf ein Schreiben Sch.’s an Dalberg stützt, in welchem derselbe sagt, er habe sich eine „vielleicht allzufreie Satyre und Verspottung einer vornehmen Schurken- und Narrenwelt erlaubt.“ Wenn Palleske (I, 316) von einer solchen Tendenz nichts wissen will, so erinnern wir nur daran, daß dem Dichter das Theater eine Bildungsanstalt war. Seine Abhandlung „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ (Bd. 10, S. 68), welche er in demselben Jahre, wo „Kabale und Liebe“ erschien, bei einer öffentlichen Sitzung der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft zu Manheim las, beweist deutlich genug, mit welchen Gedanken er sich damals trug. Wir citiren nur zwei Stellen: „Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen ….“ „Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl ….“ Die ganze Abhandlung bildet einen trefflichen Commentar zu den Tendenzen, welche den Dichter bei seiner Production geleitet haben; er wollte „die Scene zum Tribunal“ machen. Und was er wollte, ging in Erfüllung; sein sociales Drama deutete prophetisch auf den Kampf hin, der ein Decennium später zum Ausbruch kam, wo dieselben Stände, die er hier in Conflict mit einander gerathen läßt, in Frankreich aufeinander stießen und eine Revolution herbeiführten, welche zugleich für Deutschlands Verhältnisse verhängnißvoll werden sollte.

Wenn dem Dichter bei der Schöpfung eines Dramas die Idee und mit ihr die Tendenz anfangs nur in großen Zügen vorschwebt, so muß er bei der Realisirung derselben zunächst an die Personen denken, in denen er seine Idee zur Anschauung bringen will; erst später, wenn ihm die einzelnen Momente des darzustellenden Conflicts in größerer Klarheit vor die Seele treten, kann er sich ein Schema für den Verlauf seiner Handlung entwerfen. Will man sich daher auf ein eingehendes Studium eines Dramas einlassen, so kann man auch nichts Besseres thun, als von dem Einzelnen und Besonderen zu dem Ganzen und Allgemeinen vorzuschreiten. Wir lassen daher dem Gange der Handlung die Charakteristik der einzelnen Persönlichkeiten vorangehen.

In der Hofsphäre erblicken wir den Präsidenten, den Hofmarschall, die Lady Milford und Wurm, letzteren nebst dem Kammerdiener und Sophie als dienstleistende Personen zu diesem Kreise emporgehoben. Auf Seite des Bürgerthums haben wir nur die aus dem Musicus Miller, seiner Frau und Tochter bestehende Familie, nebst Ferdinand, welcher bereit ist, sich zu diesem bescheidenen Kreise herabzulassen. Zu Miller und dessen Gattin konnte Sch. die Vorbilder in Stuttgarter Persönlichkeiten gefunden haben; bei der Lady Milford schwebte ihm vielleicht die Geliebte seines Fürsten, Franziska von Hohenheim, vor, die ihm zu seinem Bilde allerdings nur die Züge der Milde und Güte lieferte, während seine Heldin zugleich die Fähigkeit zu einem heroischen Entschluß besitzen mußte. Ferdinand trägt entschieden die Züge des Dichters an sich, sein Selbstgefühl, seinen Freiheitsdrang, seine hochherzige Gesinnung, ja selbst die eigenthümliche Natur seiner damaligen religiösen Anschauung, wogegen Louise seine noch mangelhafte Kenntniß des weiblichen Charakters verräth und als eine durchaus ideale Gestalt erscheint. In dem Präsidenten, dem Hofmarschall und Wurm sehen wir die Richtungen und Gesinnungen verkörpert, welche der Dichter bekämpfen will, sie sind daher mehr mit dem Griffel des Satirikers als mit dem des Dramatikers gezeichnet; und in Miller und Kalb tritt gleichzeitig Sch.’s bedeutendes Talent für das Komische zu Tage, so daß seine ehemaligen Kameraden aus der Karlsschule sich freuen mußten, hierin ihren witzigen Gefährten wieder zu erkennen. Daß wir übrigens in dem Adelstande auch eine edele Natur, wie Ferdinand, und in dem Bürgerstande einen gemeinen Schurken, wie Wurm, finden, ist ein Beweis für Sch.’s Gerechtigkeitsleibe; die Beschwerde des Stuttgarter Adels war daher keinesweges gerechtfertigt. Gehen wir nun zur Charakteristik der einzelnen Persönlichkeiten über.

Wir beginnen mit dem Präsidenten. Er hat in seiner Jugend studirt, aller Wahrscheinlichkeit nach Staatswissenschaften und etwas Rechtskunde; aber über dem Lesen der Pandekten ist er verknöchert, eine ideale Ausbeute hat er von der Hochschule nicht mitgebracht. Was ihm an seiner Bildung noch fehlte, der äußere Schliff und die feine Politur, das hat er sich in Paris erworben; wir merken es an seiner Ausdrucksweise. So ist der in den Funfzigern stehende Staatsminister ein vollendeter Hofmann geworden. Stolz auf seinen Adel, blickt er mit Verachtung auf den Bürgerstand, und dieser Charakterzug bildet zugleich die Grundlage für seine Politik. Als die rechte Hand seines Fürsten, der im Gegensatz zu Lessing’s Emilia Galotti im Hintergrunde bleibt, erscheint er auch als der Repräsentant der Fürstenmacht, wie des Adels seines Zeitalters. Wie er zu dieser Höhe emporgestiegen, darüber ist ein Schleier ausgebreitet; wir erfahren nur, daß er seinen Vorgänger aus dem Wege geräumt hat und dadurch mit dem Himmel und seinem Gewissen zerfallen ist. Natürlich muß er nun „um den Thron herumkriechen“; dafür ist er aber dem Volke gegenüber ein Tyrann, denn, wenn er „auftritt, zittert ein Herzogthum“. Gleichzeitig wird durch ihn das Treiben in dem herzoglichen Cabinet repräsentirt, denn er ist entzückt, daß Wurm „einen so herrlichen Ansatz zum Schelmen hat“. Mißbrauch der in seine Hände gelegten Gewalt, das ist seine Regierungskunst. So hat er die höchste Ehre zwar errungen, dafür aber auch seine innere Ruhe eingebüßt. Ein solcher Zustand ist schwer zu ertragen, wenn man nicht gewohnt ist, die edelsten Dinge mit Leichtfertigkeit zu behandeln. Das versteht er aber auch, denn wir sehen, wie er die Unruhe seines Innern mit den frivolsten Ausdrücken hinwegzuscherzen sucht. Sein Gewissen ist längst verstummt; hat er doch kaum eine Ahnung davon, daß es Leute giebt, für welche ein Eid noch eine bindende Kraft hat. Unsittlich, wie er selbst ist, dient er auch der Unsittlichkeit seines fürstlichen Gebieters und spricht es offen aus, daß er sein ganzes Ansehen auf den Einfluß der Maitresse desselben stütze. Vermuthlich hat er in seiner Jugend ein wildes Leben geführt, was ihn noch in reiferem Alter kitzelt, denn er weiß nicht nur genau Bescheid, wie die Mariagen in seinem Stande geschlossen werden, sondern er ist auch erfreut, daß sein Sohn „der Bürgercanaille den Hof macht“. In solchem Punkte flößt ihm der Standesunterschied kein Bedenken ein; aber daß es Ferdinand mit seiner Liebe Ernst ist, das empört ihn, was sollte in diesem Falle aus den Aspecten seines Stammbaumes werden? Mag sein Sohn lieben, wo und wie viel er will; was fragt er nach dem Mann von unbescholtenen Sitten, wenn er sich in ihm nur einen Mann von Einfluß erzieht. Sich diesen letzteren zu erhalten, darum soll Ferdinand die Milford heirathen, und ist erst sein Stammbaum gesichert, dann macht ihm das Weitere keine Sorge. So ist der Ministerpräsident ein durch und durch verächtlicher Charakter, dessen unumschränkte Gewalt uns von vorn herein Furcht einflößt.

Einer ganz anderen Klasse des Adels gehört der Hofmarschall von Kalb an, dessen Name schon verräth, was wir von ihm zu erwarten haben. Er hat nicht studirt. Vielleicht ist er aus Tertia eines Gymnasiums abgegangen, so daß die Hochschule ihm ihre Pforten verschlossen hat; dafür hat denn die Schule des Pariser Lebens das Ihrige gethan. So ist er, obwohl hoch in den Dreißigern, ein alberner Geck geblieben; es ist eigentlich ein Mann, den der Schneider gemacht hat und noch täglich macht, denn er ist unglücklich, wenn derselbe ihn im Stich läßt. Da er seiner mangelhaften Bildung wegen nicht Staatsdiener sein kann wie der Präsident, so begnügt er sich damit, Hofdiener zu sein und entschädigt seine Umgebung durch das vollendete Bild französischer Etikette und Tournüre. Als Ceremonienmeister nur mit Aeußerlichkeiten beschäftigt, sind ihm die unbedeutendsten Dinge von der größten Wichtigkeit. Der Erste in der Antichambre zu sein und seiner Hoheit das Wetter zu verkünden, das kann ihn unendlich glücklich machen; an einem Tage sechzehn Visiten abstatten, die alle von der äußersten Importance sind, das ist die drückende Arbeit, die auf seinen Schultern lastet; und sich nach einundzwanzig Jahren noch des verlorenen Strumpfbandes der Prinzessin Amalia und mit demselben eines Todfeindes erinnern, das ist ein Exemplar der kostbaren Früchte, die sein mühevolles Leben zur Reife gebracht hat. Daß ihm, der nichts durch sich selbst ist, der Hof Alles sein muß, das begreifen wir; ist er doch Alles durch den Hof. Deshalb muß er sich ihm aber auch nützlich machen; er erscheint daher überall als der süßliche Schmeichler, vor allem aber als der Neuigkeitsträger, und es ist ihm nichts lieber, als wenn er hierzu benutzt wird. Und die Form, in der er sich seiner Aufträge entledigt, ist die possirlichste von der Welt, er ist der moderne Abklatsch der ehemaligen Hofnarren, weshalb sich auch Alles über ihn lustig macht. Und warum sollte er sich das nicht gefallen lassen, ist er doch sogar genöthigt, Alles zu wagen, um sich bei Hofe zu erhalten. Aber Bescheidenheit hat er deswegen nicht gelernt, denn er bleibt immer noch stolz auf seinen Adel, das Einzige, was er hat. Deshalb kann er auch mit Bravour prahlen, wenn er Ferdinand, „dem Naseweis, den Appetit nach seinen Amouren verleiden“ will. Daß er sich dafür später höchst jämmerlich benehmen und sich von dem Major die empörendsten Beleidigungen gefallen lassen wird, das freilich fällt ihm dabei nicht ein; nur als die Milford ihm den Zettel einhändigt, welcher dem Fürsten ihre Entfernung anzeigt, da fühlt er, daß er seine Rolle ausgespielt hat. Und diese Rolle, so wenig wir ihn um dieselbe beneiden, ist doch für den Komiker eine außerordentlich dankbare, umsomehr als sie in die düstere Schwere, welche auf dem ganzen Stücke lastet, einen lichten Zug humoristischer Laune bringt, welche schon um des angenehmen Contrastes willen einen höchst wohlthuenden Eindruck macht. „Es muß auch solche Käuze geben.“

Der Dritte im Bunde ist Wurm, der Repräsentant des „dintenklecksenden Säculums“, vor dem Sch. bereits in den Räubern ekelt. Er ist nach Miller’s Beschreibung ein confiscirter, widriger Kerl mit kleinen tückischen Mausaugen, rothem Haar und herausgequollenem Kinn, der nicht nur ihm in der Seele zuwider ist, sondern vor dem auch Louise ein Grauen hat. Was Marinelli seinem Fürsten, das etwa will Wurm dem Präsidenten sein. Schon sein Name kennzeichnet ihn, denn er ist nicht nur ein Herrendiener, sondern auch ein Schleicher und Zwischenträger. Von Anderen poussirt werden, das ist sein eigentliches Lebensziel, zu dessen Erreichung er sich der unlautersten Mittel, der abscheulichsten Ränke bedient. Darum ist er ein Intrigant, der schändliche Rathgeber seines Herren, ein Mensch, der falsche Handschriften macht und sich eben so auf schlaue Ueberredungskunst (III, 1) und den krummen Gang der Kabale versteht, wie auf die biegsame Hofkunst, welche die Leute emporbringen und stürzen kann. Er ist der Repräsentant der herzlosen Beamten so mancher Kleinstaaten des vorigen Jahrhunderts, der, stolz auf die geheime Macht des Systems der Büreaukratie, überall seine Hand bietet, um den unerträglichen Druck auszuüben, unter dem das Volk seufzt. Daß er bei dem allen mit Angst und Zaghaftigkeit erfüllt ist, darf uns nicht wundern; sie begleitet ihn auf Weg und Steg, ja selbst in seiner Liebe. Er liebt wohl überhaupt nicht, er möchte nur eine Frau haben. Aber einem Mädchen einen Antrag zu machen, dazu fehlt ihm der Muth, deshalb möchte er seine Liebeserklärung durch den Vater Louisen’s vorbringen lassen. Und da er weiß, daß er einen gefährlichen Nebenbuhler hat, so muß derselbe durch eine nichtswürdige Intrigue beseitigt werden. Ob das Mädchen dabei um ihren guten Ruf gebracht wird, das ist ihm völlig gleichgültig; sie kann ja nachher gleich ihm, der so gern bei der Gnade Anderer betteln geht, es als ein gnädiges Geschick preisen, wenn er ihr seine Hand noch anbietet, mag dies dann auch die Liebeserklärung einer ganz gemeinen Seele sein. Natürlich finden wir bei ihm auch nicht eine Spur von Religion. Seine falschen Handschriften würde er ruhig mit einem Meineid (III, 1. u. 6) ableugnen, selbst auf die Gefahr hin, den Präsidenten zu compromittiren; zieht er doch diesen, als Alles für ihn verloren ist, unter Hohnlachen mit in sein Verderben. Somit ist er ein vollendeter Bösewicht, der uns nur durch die „Consequenz in der Anordnung seiner Maschinen“ ein Interesse abgewinnen kann, „obgleich Anstalten und Zweck unserm moralischen Gefühl widerstreiten“ .

Die vierte Person in der Hofsphäre ist Lady Milford, welche uns das Nöthigste über ihre Lebensschicksale (II, 3) selbst mittheilt. Sie ist fürstlichen Geblüts, denn sie stammt aus dem Hause Norfolk (s. d.); aber unglückliche Familienschicksale haben sie von ihrer Höhe herabgestürzt. Da ihre ganze Bildung sich auf etwas Französisch, ein wenig Filet und Musik beschränkte, während sie sich auf das Anhören von Schmeicheleien und das Commandiren ihrer Untergebenen viel besser verstand, so ist sie ein Opfer der Verhältnisse geworden. Wie die Gräfin Orsina in Lessing’s „Emilia Galotti“ hat sie ihre weibliche Ehre dem Fürsten verkauft, dem sie die Schuld ihres Falles zuwälzt. Da sie nicht nur schön und sentimental, sondern auch geistreich ist, so spielt sie bei Hofe eine glanzvolle Rolle, Jeder achtet auf ihren Wink, alle Vergnügungen, alle Lustbarkeiten hängen von ihrer Laune ab, ja sie beherrscht den Fürsten selbst und hat somit einen bedeutenden Einfluß auf die Staatsverwaltung. Aber bei alledem ist sie unglücklich, selbst die ausgesuchtesten Genüsse gewähren ihr keine innere Befriedigung, und die raschendsten Zerstreuungen sind nicht im Stande, ihr drückendes Schuldbewußtsein zu übertäuben. Nur ihr Ehrgeiz hat seine Rechnung gefunden; das Höchste, wonach ein weibliches Herz sich sehnt, das Glück der Liebe, das muß sie entbehren. Wenn es noch möglich wäre, in diesen ersehnten Hafen einzulaufen, dann wäre sie gerettet. Da lernt sie Ferdinand kennen, für sie am Hofe der einzige sittliche Charakter, aber zugleich der erste Mann, der ihr Schrecken einflößt. An seiner Tugend sich emporzurichten, das könnte sie wieder glücklich machen, könnte ihr die innere Ruhe wiedergeben; deshalb beredet sie sich, daß sie ihr Herz frei behalten, daß sie im Stande sei, mit einer Louise harmonisch zu fühlen. Aber der schimpfliche Flecken, der an ihrer Ehre haftet, wie soll sie ihn auslöschen? Jetzt sucht sie alle guten Seiten an sich hervor; sie beredet sich, daß sie sich dem Fürsten aufgeopfert, um das Land zu beglücken, daß sie Thränen getrocknet und Kerker gesprengt habe; sie, welche die Hauptursache der sinnlosen Verschwendung des Staatsvermögens gewesen ist, spielt jetzt eine Großmuthsscene und schickt die kostbaren Diamanten, welche der Fürst ihr geschenkt, in die Landschaft. Warum sollte sie, die so lange eine Scheinherrschaft geübt, sich jetzt nicht auch mit dem Schein der Tugend schmücken? Kann sie doch ihrem Kammermädchen einreden, daß die erstrebte Verbindung mit Ferdinand das Werk ihrer Liebe sei, und bemüht sie sich doch, diesem zu beweisen, daß es ihr an Adel der Gesinnung durchaus nicht fehle. Wie bequem, wenn sie auf diesem Wege in die Arme der Tugend zurückkehren kann! Aber Ferdinand liebt bereits, und aufrichtig. Wer ist ihre Nebenbuhlerin? Sie muß sie kennen lernen; auch das gelingt ihr. Aber jetzt lernen wir sie in ihrer wahren Gestalt kennen. Fühlt sie mit Louise wirklich harmonisch? Hat ihre Leidenschaft für Ferdinand nicht vielmehr etwas unnatürlich Forcirtes? Und können wir in den Drohungen, welche sie gegen das arme Bürgermädchen ausspricht, die hochherzige Brittin erkennen, für die Ferdinand sie einen Augenblick gehalten? Nein, Alles ist Schein und Berechnung, denn selbst da sie ihr Spiel verloren geben muß, sucht sie sich wenigstens noch das Ansehen einer Heldin zu geben, indem sie den Hof mit einer gewissen Ostentation verläßt. Man wird von ihrer Wallfahrt nach Loretto erzählen, man wird die büßende Magdalena bemitleiden, das ganze Land wird über ihre That in Aufregung gerathen; das ist aber auch Alles, zurückverlangen wird sie niemand, trostlose Einsamkeit wird ihr Loos sein.

Der Lady zur Seite steht Sophie, die Kammerzofe, ein Mädchen aus dem Bürgerstande, auf welche die Hoflust bereits ihren verderblichen Einfluß geübt. Sie hat Augen für kostbares Geschmeide, aber auch Augen für die Schwächen ihrer Gebieterin, denen sie zu schmeicheln weiß; eben so versteht sie sich auf das Intriguiren und weiß der Lady vor dem Empfange Ferdinand’s, wie nachher bei dem Empfange Louisen’s allerlei Rathschläge zu ertheilen, die einem jungen Mädchen nicht gerade zur Ehre gereichen.

Ein ganz anderer Charakter ist dagegen der Kammerdiener. Obwohl an einem sittenlosen Hofe beschäftigt, ist er doch aufrichtig und redlich geblieben, denn er nimmt keinen Anstand, die Verhältnisse wahrheitsgemäß zu schildern. Da er aber nicht zu schmeicheln versteht, so hat er auch keinen Gönner; wie sollte es ihm sonst nicht möglich gewesen sein, seine Söhne vor dem schmachvollen Loose (vergl. Amerika) zu bewahren, das so viele andere junge Leute trifft. Wie er mit dem ausgesogenen Volke, so sollen auch sie mit ihren unglücklichen Kameraden leiden; darum wirft er der Lady ihre Börse zurück, weil er sein Gewissen nicht mit einer ungerechten Bevorzugung belasten will. Lieber begnügt er sich, seinen Trost in der Religion zu suchen; die göttliche Gerechtigkeit wird ja nicht ewig schlummern.

Mit dem Kammerdiener treten wir in die bürgerlichen Verhältnisse ein, wo wir das am Hofe vermißte Familienleben wiederfinden. Der Hausherr ist der Musicus Miller, eine frisch aus dem Leben gegriffene Gestalt, wie mit dem Griffel eines Shakespeare gezeichnet, das echte Portrait eines deutschen Bürgers, wie es sich in bescheidenen Verhältnissen zu allen Zeiten wiederfindet. Miller ist ein Mann von echt deutschem Schrot und Korn, dessen sinnlich-anschauliche Kraftausdrücke sogleich den „plumpen, geraden, deutschen Kerl“ verrathen, als den er sich selber bezeichnet. Wie innig er mit dem Volke verwachsen ist, davon zeugt der vielfache Gebrauch echt deutscher Sprichwörter, neben denen die aus den Kreisen der Vornehmen herübergenommen französischen Brocken einen seltsamen Contrast bilden, zugleich aber auch die unglücklich corrumpirte Sprache des vorigen Jahrhunderts zur Anschauung bringen. Wie aufmerksam Sch. hier beobachtet hat, geht schon daraus hervor, daß die Darstellung dieses Charakters bei den Zuschauern nie ihres Eindrucks verfehlt; das Volk erkennt in Miller einen Gesinnungsverwandten. Sein Lieblingsinstrument ist das Violoncell, dem sein tiefes Gemüth in einem schmelzenden Adagio die seelenvollsten Töne zu entlocken weiß. So steht seine Kunst in der innigsten Harmonie mit der Liebe zu seiner Tochter. Als aufrichtiger und ehrlicher Mann meint er es gut mit ihr; gleich seinen biederen Vorfahren hält er auf bürgerliche Zucht und Ehre; darum haßt er die Bücher seines Zeitalters, besonders die sentimentalen Romane und die flachen rationalistischen Andachtsbücher, zu deren Höhe sich sein einfaches, schlichtes Christenthum nicht erheben kann. Was er achten und lieben soll, das muß ihm zum Herzen reden, darum liebt er seine Kunst, die sich frei über allen unnatürlichen Zwang erhebt. In diesem Unabhängigkeitsgefühl ist er daher auch eingenommen gegen den Adel, die Beamten und Tintenkleckser, die er in seiner Stellung als Musiklehrer wohl vielfach kennen gelernt, und von denen er gewiß nicht selten mit Geringschätzung behandelt worden ist. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn sich eine gewisse Bitterkeit seines Gemüthes bemächtigt hat. Mit diesem Gefühl im Herzen duldet und trägt er, wie der deutsche Bürgersmann es nicht anders gewohnt ist; ja er ist selbst devot gegen die Vornehmen, nur in seinem Hause mögen sie ihn verschonen, vor Allem aber fern von seiner Tochter bleiben. Erst als er sich zwischen seinen vier Wänden bedroht sieht, und sein Herz in der Beschimpfung seiner Tochter tödtlich getroffen fühlt, da steigert sich auch einem Präsidenten gegenüber die Leidenschaftlichkeit seines Charakters zum höchsten Zorn, und es ist ihm eine Genugthuung, unmittelbar vor dem Hereinbrechen des äußersten Unglücks seinem Feinde noch eine derbe Wahrheit in’s Angesicht schleudern zu können.

So offen und ehrlich Miller der Welt gegenüber erscheint, so unvorsichtig ist er in der Wahl seiner Gattin gewesen; auch ist es ja nichts Seltenes, daß Männer, deren Beschäftigung eine vorwiegend ideale ist, besonders Künstler, geistig beschränkte Frauen haben. Früher vermuthlich ein hübsches Kind mit runden Wangen, ist sie nun, nachdem der Zauber der Jugend schnell verfolgen, eine gutmüthige Alte geworden, welche sich die Sorgen um ihre Häuslichkeit durch nichts Anderes als die Kaffeetasse und die Schnupftabaksdose zu versüßen weiß. Wurm nennt sie die Dummheit selbst, denn, obwohl gewandt genug mit dem Munde, ist sie doch höchst unbeholfen in der Wahl ihrer Ausdrücke, neben welchen die vielen unterwürfigen Redensarten, so wie die bis zur Lächerlichkeit verdrehten französischen Brocken einen wahrhaft komischen Eindruck machen. Daß sie sich in der ihrer Tochter erwiesenen Ehre geschmeichelt fühlt, wollen wir ihr weiter nicht verdenken; aber für sie ist es vor Allem die glänzende Außenseite, welche sie besticht, die Uniform, die niedlichen Geschenke, die allerliebsten Billetter und die prächtig eingebundenen Bücher. Darum hat sie das Liebesverhältniß begünstigt, ja sie ist gewissermaßen in Ferdinand selbst verliebt; und bedenken wir nun die schöne Aussicht für die Tochter, eine gute Partie zu machen, darf es uns da wundern, wenn die Alte ihr Glück überall ausschwatzt? Die einzige Wohlthat für Miller besteht darin, daß sie keine Keiferin, sondern das personificirte Phlegma ist und neben ihrem Manne eine höchst untergeordnete Rolle spielt; es ist daher natürlich, daß Louise weniger Vertrauen zu ihr als zu ihrem Vater hat.

Wir kommen nun zu den Helden des Dramas; es sind Ferdinand und Louise, welche die Schranken der Stände, denen sie angehören, durchbrechen wollen. Durch Stolz und Hochmuth auf der einen Seite, wie durch knechtischen Sinn und Unterwürfigkeit auf der andern hat sich die tiefe Kluft gebildet, die jetzt ausgefüllt werden soll. Dies ist nur möglich, wenn auf jener Seite an die Stelle des Adelsstolzes der Adel der Gesinnung, auf dieser Seite an die Stelle der Selbstunterschätzung das Bewußtsein inneren Werthes tritt. Aber dieser langsame Weg culturgeschichtlicher Entwickelung ist nicht geeignet für ein Drama; der Dichter wählt daher ein schneller wirkendes Mittel, die Liebe, die nicht das ihre sucht und zugleich alles überwindet. Wird es ihr gelingen, die bestehenden Schranken siegreich zu durchbrechen? Wenn die kämpfenden Personen nur auf die Stimme ihres Herzens achten, ohne auf die prosaischen Lebensbedingungen in ihrer Umgebung Rücksicht zu nehmen, so sind Collisionen unvermeidlich; Ferdinand sieht dies auch voraus, denn er sagt: „Wir wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platze bleiben wird?“

Ferdinand, ein junger Mann in den ersten Zwanzigern, ist jedenfalls eine stattliche Erscheinung, die auf weibliche Gemüther Eindruck macht, denn er wird von Louise warm und innig, von der Milford mit feuriger Leidenschaft geliebt und von Sophie bewundert. Er hat, wie sein Vater, studirt, aber ihm ist die Wissenschaft (s. d.) nicht „die tüchtige Kuh gewesen, die ihn mit Butter versorgt, sondern die hohe, die himmlische Göttin“, die seinen Geist mit erhabenen Idealen erfüllt hat. Der Vater nennt ihn deshalb einen Romankopf, und Wurm findet die Grundsätze, die er aus Academien mitgebracht, die phantastischen Träumereien von Seelengröße und persönlichem Adel höchst unpraktisch. Ferdinand weiß, daß er ein Edelmann ist, aber er hat darüber nicht vergessen, daß er Mensch ist; er ist zugleich ein deutscher Jüngling, der sich schon in seiner Sprache vortheihaft von seiner Umgebung unterscheidet, indem er sich aller französischen Floskeln sorgfältig enthält; außerdem besitzt er Ehrgeiz, denn nur was groß und abenteuerlich ist, vermag ihn zu reizen. Dazu aber bietet ihm seine Stellung keine Gelegenheit mehr, hat er doch schon im zwanzigsten Jahr die Charge eines Majors erreicht. Ueberdies hat die militärische Carriere keinen Reiz für ihn. Bei seinen Begriffen von natürlichem Recht, bei seinem Drange nach persönlicher Freiheit kann es ihm keine Befriedigung gewähren, einfach der Ordre zu pariren; er möchte sich nicht gehemmt sehen, nicht ein Opfer seines Standes werden. Sein Vater ist bereit, in diesem Punkte nachzugeben, er soll die Uniform ausziehen und in’s Ministerium treten. Aber soll er sich hier in Acten begraben? Auch das sagt ihm nicht zu, um so mehr als er die ganze Büreaukratenwirthschaft kennt. Der Vater selbst hat ihn in die Geheimnisse seines Regierungssystems eingeweiht, dessen krumme Wege ihm ein Greuel sind; ja noch mehr, er hat ihn zum Mitwisser seiner Schandthaten gemacht, die ihn gleich einem Mitschuldigen drücken und die er als Sohn doch verschweigen muß. So ist ein Zwiespalt in seinem Gemüthe entstanden, nach dessen Ausgleichung er sich sehnt. Da er seiner Umgebung nicht entfliehen kann, so sucht er sich wenigstens einen Zufluchtsort für seine stillen Stunden. Er will Musik treiben, um den edleren Empfindungen seines Herzens zu genügen, und zwar wählt er die Flöte, deren weiche Klänge seinem melancholischen Temperament am meisten zusagen. Auf diese Weise kommt er in Miller’s Haus, und hier, wo er Ruhe gesucht, findet er Louise. Es kann nicht ausbleiben, daß sie ihm auf dem Fortepiano accompagnirt, und die Harmonie der Töne führt auch alsbald die Herzen zusammen. Jetzt ist es natürlich vollends um seine Ruhe geschehen, denn was hilft dem das Glück der Liebe, der sich ihr nicht mit voller Seele hingeben kann. Erkennt die Gefahren, die seiner Verbindung mit einem Bürgermädchen drohen, aber statt seiner Umgebung zu entfliehen, mit den ihm im Wege stehenden Verhältnissen zu brechen, den lockenden Aussichten auf Beförderung zu entsagen, betrachtet er sich vielmehr als einen Tugendhelden, der das Recht hat, der ganzen verderbten Welt Trotz zu bieten. Wie wäre er auch im Stande, besonnen zu handeln, da er in seiner Liebe selbst überspannt und phantastisch ist. Mag er immerhin verlangen, daß seine Geliebte in ihm die ganze Welt sehe; aber daß sie auch ihm die ganze Welt ist, beweist, daß seine Berufspflichten ihm nicht bedeutungsvoll genug sind, daß er der Forderungen, die das Vaterland an ihn zu stellen hat, wenigstens für jetzt vergessen kann. Bei Naturen, die so leidenschaftlich lieben, ist die Eifersucht leicht zu wecken, das weiß der Vater sehr wohl, darum gelingt ihm auch sein Anschlag auf des Sohnes blinde Leidenschaft, der in seiner exaltirten Stimmung gar nicht daran denkt, daß ein Mensch wie der Hofmarschall sich seiner Louise gegenüber unmöglich zum Nebenbuhler eignet. Leider findet Ferdinand auch in der Religion nicht den nöthigen sittlichen Halt. Der alte Miller hat ganz recht, wenn er fürchtet, „die überhimmlischen Alfanzereien aus der höllischen Pestilenzküche der Belletristen“ würden bei seiner Tochter „die Handvoll Christenthum vollends auseinanderwerfen“. Das Wichtigste, was Ferdinand fehlt, ist Ergebung und Selbstverleugnung. Von der Ansicht ausgehend, daß Gott (V, 3) seltsam mit dem Menschen spiele, ist er bemüht, sich sein Unglück so schwarz wie möglich auszumalen; ja er geht sogar so weit, den Himmel unmittelbar herauszufordern, indem er seinen Vater tödten und ihn selbst vor den Richterstuhl Gottes führen möchte. Wer so geneigt ist, der göttlichen Gerechtigkeit in den Arm zu greifen, der stellt sich auch bald über sie und ist im Stande (IV, 4) mit dem Himmel zu rechten. Verletzung der Sohnespflicht, ungerechtfertigtes Mißtrauen gegen die Geliebte, Pochen auf seine Tugend und trotziges Widerstreben gegen die Wege des Schicksals – das ist seine Schuld, und darum stürzt er schließlich nicht nur sich, sondern auch Andere in’s Verderben.

Louise, welche nach Sch.’s ursprünglicher Absicht der Dichtung den Namen geben sollte, ist eine schlanke, interessante Blondine, die so eben ihr sechzehntes Jahr zurückgelegt hat. Wie Ferdinand auf die Frauen, so macht sie Eindruck auf die Männer. Wurm fühlt sich zu der schönen Gestalt hingezogen, Ferdinand liebt sie um ihrer schönen Seele willen, ja sogar der alte Miller kann selbst im Zorn die rührend-komische Bemerkung nicht unterdrücken, daß er in ihre blauen Vergißmeinnichtaugen vernarrt ist. Obwohl eine arme Geigerstochter, hat sie doch eine Bildung erhalten, die über ihren Stand hinausgeht und ihr eine gewisse Berechtigung zu einer höheren Lebensstellung giebt. Sie ist befähigt, Bücher edleren Inhalts zu verstehen, spielt Clavier, selbst Schach, und hat Ideen in sich aufgenommen, die sich unter Ferdinand’s Leitung ausgebildet und zu bestimmten Lebensanschauungen entwickelt haben. Aber es ist eine philosophische Richtung, der ein so jugendliches Wesen nicht die ausreichende Kraft des Geistes entgegenbringt; besonders haben Ferdinand’s rationalistische Religionsbegriffe zwar Licht in ihrem Verstand gebracht, aber keinesweges dem Herzen die wohlthuende Wärme gespendet, deren ein weibliches Gemüth nicht entbehren kann. Wir erblicken daher in Louise nicht das naive Mädchen, das wir ihrem Stande, wie ihrem Alter nach erwarten sollten. Lectüre und liebende Hingebung haben sie früh reif gemacht, so daß sie neben ihrer sentimentalen Schwärmerei sehr wohl weiß, was weibliche Ehre zu bedeuten hat, und eben so stolz auf ihre Tugend ist wie Ferdinand auf die seinige. Erblickt doch die Milford in ihren schlagenden und treffenden Antworten sogleich den Lehrer, dem sie ihre Klugheit zu verdanken hat, und wird es doch auch uns nicht schwer, zu entdecken, wie der Dichter seine Wahrheiten zu verkünden. Sonst aber ist sie ein reines Gemüth, das vor jedem Frevel zurückbebt; Frömmigkeit und Liebe sind die einzigen Empfindungen, die ihr Herz erfüllen, nur leider nicht in schöner Eintracht, denn „der Himmel und Ferdinand reißen an ihrer Seele“. Wie ihre Frömmigkeit die kindliche Unbefangenheit eingebüßt, so hat sie auch mit ihrer Liebe die Ruhe der Seele verloren; denn es ist eine Liebe, die nicht beglückt, sondern mit banger Besorgniß für die Zukunft erfüllt. So erscheint sie gleich bei ihrem ersten Auftreten nicht als die handelnde, sondern als die duldende Heldin, die in steter Angst lebt und es wohl fühlt, daß sie dazu bestimmt ist, ein Opfer feindlicher Mächte zu werden. Die einzige sichere Stütze findet sie in der Pietät gegen ihren Vater, und gerade diese wird ihr Verderben; denn ihm zu Liebe will sie sich erhalten und Allem entsagen, und vergißt dabei, daß die Offenbarung der Wahrheit eine höhere Pflicht sei als die Geheimhaltung eines erzwungenen Eides. Das ist ihre Schuld, die wir ihr so gern verzeihen möchten, der sie aber dennoch unter den gegebenen Verhältnissen zum Opfer fallen muß.

Verfolgen wir nun, wie der Dichter die seinem Drama zu Grunde liegende Idee in dem Verlaufe der Handlung durchführt. Der erste Act zerfällt in zwei Haupttheile, indem die vier ersten Scenen in dem Miller’schen Hause, die drei letzten in dem des Präsidenten spielen. Gleich zu Anfang kündigt sich der tragische Charakter des Stückes an, indem wir einer drastischen Ehestandsscene beizuwohnen haben. Miller’s Frau hat die Liebschaft zwischen Ferdinand und Louise begünstigt; der tiefer und weiter blickende Vater will dem ganzen Handel ein Ende machen. Da erscheint Wurm, der auch ein Auge auf das Mädchen hat, um zunächst das Terrain zu sondiren; aber die Mutter läßt ihn merken, daß sich für die Tochter bereits günstigere Aussichten eröffnet haben, und der Vater giebt ihm deutlich zu verstehen, daß er ihm als Schwiegersohn wenig behage. So zieht sich Wurm, gewiß wenig erbaut von der heftigen Scene, der er beigewohnt, zurück, und Miller, der Menschenkenner, prophezeiht sogleich die Kabale, die der Schleicher schmieden wird. Jetzt kommt die Tochter aus der Messe; ihre erste Frage ist nach dem Major, der, nachdem Vater und Mutter sie verlassen, selbst erscheint. Die beiden Liebenden, die sonst in traulichem Gespräch so glücklich gewesen, stehen jetzt einander in nicht erfreulicher Weise gegenüber. Louise ist von trüben Ahnungen erfüllt; ihr Vater hat ihr bereits gesagt, daß er ihr den Major nicht geben kann, und sie fürchtet, der Präsident wird ihn ihr nicht geben wollen. Aber Ferdinand erklärt sich bereit, den Kampf mit den Standesvorurtheilen aufzunehmen. Leider nur will er nicht mit ihr vereint den Sturm erwarten, sondern er will sich „zwischen sie und das Schicksal werfen“; so muß sie an dem Erfolge zweifeln, und wir ahnen bereits, daß der Ausgang kein glücklicher sein wird.

Unterdessen zieht sich das Ungewitter in dem Hause des Präsidenten zusammen. Wie Miller vorausgesagt, hat Wurm mitgetheilt, was er von dem Liebesverhältniß erfahren. Obwohl der Präsident die Sache anfangs nicht ernst nehmen will, so verdrießt es ihn doch, seine Plane gekreuzt zu sehen; er beeilt sich daher, seinem Haussecretair mitzutheilen, daß Ferdinand die Milford heirathen soll. Und da er sich berechtigt glaubt, seinen Willen als Vater eben so durchzusetzen wie als Staatsmann, so veranlaßt er den Hofmarschall, die Verlobung als feststehende Thatsache bekannt zu machen, damit Ferdinand gezwungen sei, den getroffenen Anordnungen Folge zu leisten. Jetzt erscheint sein Sohn, erfährt von dem Vater, auf welche Art derselbe sein künftiges Lebensglück begründen, zugleich aber auch, daß er ihn vermählen will. Einer Milford seine Hand zu reichen bezeichnet er als eine schmachvolle Zumuthung; aber auch einer Gräfin von Ostheim (s. d.) kann er keinen Antrag machen, da er bereits innerlich gebunden ist. Dies letztere seinem Vater zu gestehen, hat er leider nicht den Muth, wodurch der Präsident in seinen Vermuthungen, das Verhältniß zu Louisen sei kein ernstes, bestärkt wird. So muß er sich denn entschließen, dem Willen seines Vaters vorläufig nachzugeben, indem er hofft, die Milford werde es nicht wagen, seine Hand zu erzwingen.

Der zweite Act zerfällt gleichfalls in zwei Abschnitte; denn die drei ersten Scenen gehen bei der Lady Milford, die vier letzten in dem Hause des Musicus vor. Die Lady schüttet ihr Herz, da sie ja Niemand weiter hat, ihrer Kammerjungfer aus; sie möchte den niederen Sinnengenuß mit wahrer Liebe vertauschen und dann den Hof verlassen. Doch diesem Traum des Glücks soll ein bitteres Erwachen folgen. Zwar bringt ihr ein Kammerdiener des Fürsten ein kostbares Brautgeschenk, aber er öffnet ihr zugleich die Augen über den schändlichen Menschenhandel, welchen der Fürst mit seinen Landeskindern treibt und giebt ihr fürchterliche Wahrheiten zu hören. Natürlich wird sie hierdurch in eine Stimmung versetzt, die wenig geeignet ist, den Major zu empfangen, der noch dazu in der Absicht erscheint, sie tief zu demüthigen. Indessen gelingt es ihr doch, den ersten Angriff abzuschlagen, um so mehr als Ferdinand wohl fühlt, daß er in der Form seiner Beleidigung die Schranken der Convenienz allzu kühn überschritten. Ja noch mehr, ihre weibliche Beredsamkeit versteht es meisterhaft, sein Inneres zu ergreifen, so daß er die anfangs Verachtete bald in jugendlich excentrischer Weise bewundert. Aber als sie ihm gesteht, daß sie durch ihn gerettet zu werden wünsche, da muß er ihr sein Verhältniß zu Louise entdecken, sie auf die Verpflichtungen hinweisen, die er bereits eingegangen ist. Doch sie, schon an das Herrschen gewöhnt, will auch dieses Hinderniß bekämpfen, denn ihre Ehre erfordert es, daß sie auf die Verbindung dringt.

Wir betreten nunmehr Miller’s Haus, um einer mächtig erschütternden Scene beizuwohnen. Der Alte tobt noch ärger als im ersten Act, denn ein Bote des Ministers, der nach ihm fragen läßt, weissagt nichts Gutes; Miller’s Frau ist völlig rathlos, und Louise wird von banger Ahnung ergriffen. Da tritt Ferdinand ein, um sich gegen Louise über die mit der Milford zu vollziehende Vermählung auszusprechen, zugleich aber um sein Recht zu behaupten und den Kampf zwischen Liebe und Sohnespflicht zu bestehen. Denn in dem Augenblick, wo er wieder fort will, erscheint sein Vater. Obgleich Ferdinand sich jetzt offen und feierlich zu Louisen als seiner Braut bekennt, und mit männlicher Entschiedenheit für ihre Ehre eintritt, so wird sie doch von dem Präsidenten auf die roheste und empörendste Weise beschimpft. Das versetzt den alten Miller in Wuth; in der gerechten Entrüstung seines tief verletzten Ehrgefühls vergißt er sich, beleidigt den Präsidenten, den Hof und droht sogar, von seinem Hausrechte Gebrauch zu machen. Dafür muß sich der Präsident Genugthuung verschaffen, und soll die ganze Familie darüber zu Grunde gehen. Er läßt Gerichtsdiener eintreten, um seine Befehle zu vollziehen, Tochter und Mutter an den Pranger und den Vater in’s Zuchthaus zu führen. Ferdinand setzt sich mit Entschiedenheit zur Wehr, aber nur durch die Drohung, das Aeußerste zu thun, die geheimen Verbrechen des Vaters an das Licht zu bringen, gelingt es ihm, den Angriff abzuschlagen. Somit ist der Versuch, die Liebenden von einander zu trennen, gescheitert; weder die Lady, noch der Präsident haben ihren Zweck erreicht.

Der dritte Act spielt in den drei ersten Scenen bei dem Präsidenten, in den drei letzten in Miller’s Hause. Zunächst unterhalten sich der Präsident und Wurm über den mißglückten Versuch, Ferdinand zum Zurücktreten von seinem Verhältniß zu bewegen. Da der erste rathlos ist und dennoch gern seinen Zweck erreichen möchte, so wendet er sich fragend an Wurm, der auch sogleich mit schlauer Berechnung die Kabale schmiedet, welche die Herzen der Liebenden auseinander reißen soll. Er selbst ist unfähig, Louisen’s Herz für sich zu gewinnen; seinen Nebenbuhler ausstechen zu wollen, wäre ein ganz vergebliches Bemühen; und daß er weder von dem Vater noch von der Mutter etwas zu hoffen hat, ist ihm klar geworden. Jetzt müssen List und Gewalt angewendet, es muß ein Zwiespalt zwischen den Liebenden selbst erzeugt, ihr gegenseitiges Vertrauen erschüttert werden. Warum sollte sich der Major durch einen aufgefangenen Brief nicht eifersüchtig machen lassen? Und Louise von ihren Eltern zu trennen, ist auch nicht schwer; sind doch Miller’s beleidigende Reden Veranlassung genug, ihn und, der Sicherheit wegen, vorläufig auch die Mutter verhaften zu lassen; dann ist das Mädchen in seiner Gewalt und ihm wie dem Herrn Minister geholfen. Der Präsident erkennt dies an und nennt den Plan ein satanisches Gewebe, mit dessen Ausführung auch keinen Augenblick gezögert wird. Der Hofmarschall muß seinen Namen zu einem Rendezvous hergeben, Wurm setzt einen in Louisen’s Namen geschriebenen Brief auf, die Eltern des Mädchens werden in der Stille verhaftet. So ist Alles zweckmäßig eingeleitet, und es handelt sich nur noch darum, die Mine springen zu lassen.

Wie sieht es jetzt in Miller’s Hause aus? Louise ist allein, ohne noch zu ahnen, was bereits mit ihren Eltern geschehen ist; aber Ferdinand besucht sie. Es ist ein trauriges Beisammensein, denn das Band, das ihre Herzen verknüpfte, ist bereits gelockert. Sie läßt alle Hoffnungen sinken, während die seinigen steigen, da es jetzt Gefahren zu bestehen giebt. Louise hat sich klar gemacht, daß der Unterschied der Stände für ihre Liebe eine unüberwindliche Schranke ist, daß sie zu hoch hinausgewollt hat. Außerdem ist sie von dem Präsidenten auf die schmachvollste Weise beleidigt worden; als Mädchen von Ehre muß sie jetzt zurücktreten. Auf diese Weise wird Ferdinand seinen Verhältnissen zurückgegeben, sie ihrem Vater erhalten. Ferdinand dagegen will die Schranken mit Gewalt durchbrechen und verlangt, daß sie, von ihrem Vater begleitet, mit ihm fliehe. Das aber kann sie nicht; eine Liebe, auf welcher der Fluch eines Schwiegervaters ruht, ist ein Frevel, an dem sie sich nicht zu betheiligen vermag. Ferdinand betrachtet diesen Entschluß als Mangel an feuriger Liebe und schöpft Verdacht. Einmal in exaltirter Stimmung, verwandelt sich sein Mißtrauen in grundlose Eifersucht, die aber bald eine gefährliche Nahrung erhalten soll. – Louise bleibt jetzt allein und sehnt sich vergeblich nach der Rückkehr ihrer Eltern; aber bald sollen ihre bangen Ahnungen zu schrecklicher Gewißheit werden, denn kaum der Charybdis entronnen, nahen ihr jetzt die gefährlichen Klippen der Scylla. Wurm, ihr heimlicher Bewerber erscheint, um sein Opfer auf die Folterbank zu spannen; sie hört, daß ihre Eltern gefänglich eingezogen sind, daß dem Vater ein Criminalprozeß droht, daß Ferdinand’s Loos Fluch und Enterbung ist, wenn er die Milford ausschlägt; sie fühlt, daß sie dies Alles, wenn auch nicht verschuldet, so doch zum Theil herbeigeführt; man sagt ihr, es sei der Wunsch des Vaters, daß sie den Major frei mache; und nun wird ihr der schändliche Brief in die Feder dictirt, gegen den sich ihr ganzes sittliches Gefühl empören muß, der Brief, durch welchen sie genöthigt wird, ihrer Liebe den Todesstoß zu versetzen. Hatte sie bis jetzt nur auf Ferdinand’s Hand verzichtet, so hat sie nun auch ihr Herz von ihm losgerissen. Und in demselben Augenblick, wo sie ihn wirklich verloren, ist Wurm im Stande, ihr den Heirathsantrag zu machen. Es ist der Muth des feigen Intriganten.

Der vierte Act zerfällt wiederum in zwei Haupttheile, indem die fünf ersten Scenen in dem Hause des Präsidenten, die vier letzten bei der Milford spielen. Ferdinand, der bereits an Louisen irre geworden, hat den Brief des Hofmarschalls gefunden. Obwohl er sich sagen muß, daß nur blinde Eifersucht ihn foltert, traut er doch seinen Augen mehr als seinem Herzen und sieht alle Liebeserwiederungen als künstliche Berechnung, als absichtliche Täuschung an. Nun kommt der Marschall, den er hat rufen lassen, er zeigt ihm den Brief, fordert ihn auf Pistolen, und findet statt eines Edelmannes einen erbärmlichen Hasenfuß. Militairischer Stolz und eifersüchtige Leidenschaft versetzen ihn jetzt in solche Aufregung, daß er das offene Bekenntniß seines vermeintlichen Nebenbuhlers vollständig mißdeutet, ja kaum anhört und ihn als einen elenden Feigling entfliehen läßt. Blind und taub für Alles, was ihn umgiebt, rast er jetzt gegen sich selbst, wie gegen die Geliebte seines Herzens und faßt den Beschluß, sie und sich zu tödten. Was hilft es ihm jetzt, daß sein Vater sich nachgiebig zeigt, daß er ihm jetzt das Mädchen geben will, das sich seiner so wenig werth bewiesen; diese Güte ist nur geeignet, ihn völlig toll zu machen, denn von Wurm’s geheimer Machination, der durch diesen Schritt des Präsidenten den Verdacht einer möglichen Kabale von sich ablenken will, hat er keine Ahnung.

Was wird nun unter den obwaltenden Umständen aus der Milford werden? Wir finden sie im Gespräch mit ihrer Kammerjungfer, die sie zu Louisen geschickt hat, denn sie möchte ihre Nebenbuhlerin kennen lernen, sie demüthigen, erniedrigen und, wenn noch irgend möglich, aus dem Felde schlagen. Aber sie findet eine ganz andere Gegnerin als Ferdinand in seinem vermeintlichen Nebenbuhler. Der Verführten, der Gefallenen steht hier die Repräsentantin der Unschuld und Tugend gegenüber, die ihr die ernstesten Wahrheiten sagt und sie einen tiefen Blick in ihr eigenes Innere thun läßt. Es ist, als ob ein Beichtvater zu einer schweren Sünderin rede. Aber obwohl die Lady fühlt, daß die Spitze des Pfeils, den sie abdrücken wollte, sich umkehrt und ihr eigenes Herz trifft, ist sie doch nicht im Stande, sich zu demüthigen. Nur die Zerrissenheit ihres Gemüthes trägt sie zur Schau, indem sie zuerst in heftig aufloderndem Zorn die fürchterlichsten Drohungen ausstößt und unmittelbar darauf in schmeichelnd entgegenkommender Weise Louise bittet, sie möge ihr Ferdinand abtreten. Das war beschlossen, ehe sie es ahnte; aber aus welchen Händen soll sie den Major empfangen? Aus den Händen einer Selbstmörderin. Jetzt erst fühlt sie die ganze Tiefe ihrer Schmach, begreift sie die volle Größe ihres Unglücks; jetzt erst gewinnt sie Kraft, ihre Schwäche zu besiegen. Schnell entschlossen, zerreißt sie die Bande, welche sie an den Herzog knüpfen und verzichtet fortan auf das stolze Bewußtsein einer Herrschenden wie auf das Glück der Liebe. Des ersteren ist sie überdrüssig, das letztere hat sie verscherzt; jetzt muß sie beides entbehren, das ist ihre Strafe.

Der fünfte Act erinnert uns an den Anfang des Stücks, indem er uns in dasselbe Zimmer führt, wo wir die Familie Miller’s kennen gelernt. Louise ist jetzt allein, ein mattes Dämmerlicht umhüllt ihre Gestalt, Gedanken des Selbstmordes ziehen durch ihre Seele. Aber sie möchte nicht allein sterben, das schwache Weib bedarf auch im Tode eines Anhalts, ihr Ferdinand wird sie in dieser schweren Stunde nicht verlassen. Jetzt kommt ihr Vater; er ahnt, es sei ein Unglück geschehen, während ihn ein schlimmeres noch erwartet. Louise spielt auf den Tod an, den Brief an Ferdinand hat sie schon geschrieben, der Vater soll ihn ihr besorgen. Es ist eine schwere Aufgabe, noch dazu heut, an seinem sechzigsten Geburtstage. Er will den Inhalt des Briefes wissen, erbricht ihn und erfährt das Entsetzlichste, was ein Vaterherz treffen kann. Er mahnt sie an ihre Kinderliebe, an das göttliche Gericht, nennt ihren Tod einen Stich in sein Herz und beschwört sie, das Heil ihrer unsterblichen Seele zu bedenken. Sie kämpft einen furchtbaren inneren Kampf, endlich zerreißt sie den Brief und will mit ihrem Vater fliehen. Aber es ist zu spät, Ferdinand tritt herein, und Louise fühlt, daß sie verloren ist. Miller bittet ihn, er möge fliehen, aber er hat ja Wichtiges zu berichten. Louise muß wissen, daß die Milford geflohen, daß der Präsident in die Wahl seines Sohnes willigt, daß jetzt alle Hindernisse, die der Verbindung von seiner Seite her im Wege standen, beseitigt sind. Jetzt ist nur noch die Frage, ob von Louisen’s Seite nichts geschehen ist, was den Bund der Herzen trennt. Er wirft ihr den Brief an den Marschall zu und fragt, ob sie ihn geschrieben. Nach schwerem inneren Kampfe bejaht sie es und bittet ihn, sie zu verlassen. Jetzt hat sich Ferdinand’s Eifersucht in Haß verwandelt und der fürchterliche Entschluß ist gefaßt; er bittet um die verhängnißvolle Limonade. Die beiden Männer bleiben jetzt allein, es ist eine rührende Scene, der Erinnrung an glückliche Zeiten geweiht; wir bedürfen ihrer, ehe wir den entscheidenden Streich fallen sehen. Nach einem kurzen Monologe, in welchem Ferdinand mit sich zu Rathe geht, ob er auch ein Recht habe, dem Vater seine einzige Tochter zu rauben, entledigt er sich seiner letzten Pflichten gegen denselben und bittet ihn, ihm ein Billet an den Präsidenten zu besorgen. In dem Augenblick, wo Louise ihrem Vater hinausleuchtet, schüttet er das Gift in die Limonade.

Louise kommt zurück; es erfolgt eine peinliche Scene. Ferdinand steht stumm in sich gekehrt. Während ihm sonst jeder Blick seiner Louise eine Seligkeit war, beachtet er jetzt keins ihrer Worte, beantwortet keine ihrer Fragen, bis er sich in allerlei hämischen Aeußerungen Luft macht. Nun läßt er sie von der Limonade trinken, es kommt zu neuen Erörterungen, bei ihr bricht das volle Liebesgefühl wieder hervor, er ergeht sich in frevelhaften Aeußerungen über das schlechte Herz, an das er gerathen; Louise wird auf eine fürchterliche Probe gesetzt. Endlich richtet er die wiederholte Frage an sie, ob sie den Marschall geliebt; aber erst als er ihr den Tod ankündigt, sagt sie ihm, daß sie unschuldig sterbe, daß der Brief ein erzwungener gewesen sei. Mit dem Gebete, Gott möge ihm und seinem Vater vergeben, stirbt sie; daß er eine Unschuldige getödtet, das ist seine härteste Strafe. Die letzte Scene führt den Präsidenten an Louisen’s Leiche, um ihm die Frucht seiner Kabale zu zeigen. Schaudernd an das göttliche Gericht gemahnt, wälzt er jetzt die ganze Schuld auf Wurm, doch dieser von Ingrimm über das Mißlingen seines Plans erfüllt, will nicht das alleinige Opfer gemeinsamer Schuld sein, sondern zieht ihn mit in den Abgrund. Nur von dem sterbenden Ferdinand erlangt er noch ein Zeichen der Vergebung, während der unglückliche Miller voll Verzweiflung aus dem Zimmer stürzt.

So endet das Stück mit einer furchtbaren Dissonanz, denn wenn auch die Liebe ihre Macht über die Kabale mit dem Tode besiegelt, so kommt es doch nicht dazu, daß die Väter der unglücklich Liebenden sich wie in Shakespeare’s „Romeo und Julia“ die Hände reichen. Die Versöhnung der einander feindlichen Stände sollte einer späteren Zeit vorbehalten bleiben, wo die künstlich gezogenen Schranken zusammenstürzten, wo die Natur wieder in ihre Rechte trat und die Menschenliebe als solche den Sieg errang. Bekanntlich ist Sch.’s „Kabale und Liebe“ von Gervinus, Hoffmeister, Schlegel, Schwab, Vilmar und Anderen ziemlich herbe, von Hildebrand, Hinrichs und Rötscher milder, am richtigsten wohl von Palleske und Eckardt beurtheilt worden. Der Letztere sagt: „Es bedarf uns nicht befremden, wenn auch diese Dichtung weit mehr mit menschlicher Leidenschaft und Erhitzung als mit künstlerischer Mäßigung geschrieben ist; sie ist ein Vorbote jener großen Bewegung, die ganz Europa erschütterte, und die kommende Sonne kündigt sich bekanntlich mit Sturmeswehen an.“ Und wer möchte leugnen, daß das Stück im Bunde mit der geschichtlichen Entwickelung der Völker eine mächtige Wirkung geübt; dürfen wir doch mit Stolz darauf hinweisen, daß wir jetzt auf Europas Thronen fast überall das wohlthuende Bild des Familienlebens erblicken, daß es die Fürsten für eine Ehre halten, wenn man sie als Vater des Vaterlandes bezeichnet, daß es unter den Ministern weder an wahrhaften Patrioten, noch unter den Staatsbeamten an Männern von erprobter Gewissenhaftigkeit fehlt. Auch Adel und Bürgerstand sind einander vielfach näher getreten, so daß die Gegenwart eines Stückes wie das vorliegende als Zeitspiegel nicht mehr bedarf.

 
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