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Musen

(Myth.), von dem gr. musa, von den römischen Dichtern Camönen genannt, sind die Schutzgöttinnen der schönen Künste und Wissenschaften. Ihre Verehrung scheint aus dem nördlichen Griechenland zu stammen, daher (Iph. IV, Zw.-Handl.): „Der Thessalierinnen Chor.“ Zahlen und Namen werden für die älteren Zeiten verschieden angegeben; Homer nennt (Od. 24, 60) die Neunzahl, doch ohne einzelne Namen. Der Vater der Musen ist Zeus, ihre Mutter Mnemosýne (Ged. D. Gunst d. Musen), eine Tochter des Uranus und der Gäa. Da Mnemosyne als die Göttin des Gedächtnisses betrachtet wurde, so mußte sie natürlich Kinder von seltenen Gaben besitzen; ihre Töchter widmeten sich daher den schönen Künsten und dem heiteren Wissen. Vor Allem ergötzten die Musen mit ihren Liedern die Götter, wie (Ged. D. vier Weltalter):

„Da sangen die Musen im himmlischen Chor.“

und (Ged. D. Eleusische Fest):

„Mit neunstimmigem Gesange
Fallen die Camönen ein.“

Sie besangen den Anfang aller Dinge und die Werke der Schöpfung, desgleichen verkündeten sie das Lob und die Thaten der Götter. Daher singt (Iph. III, Zw.-H.) der Chor:

„Helene, die der hochgehalste Schwan
Gezeuget – Das hast du gethan!
Sei’s nun, daß in einem Vogel
Leda, wie die Sage ging,
Zeus verwandelte Gestalt umfing,
Sei’s, daß eine Fabel aus dem Munde
Der Camönen sehr zur schlimmen Stunde
Das Geschlecht der Menschen hinterging!“

Eben so erschienen sie bei festlichen Gelegenheiten, wie (Iph. IV, Zw.-H.):

„Wie lieblich erklang
Der Hochzeitsgesang,
Den zu der Cyther tanzlustigen Tönen
Zur Schalmei und zum libyschen Rohr
Sang der Camönen
Versammelter Chor
Auf Peleus Hochzeit und Thetis der Schönen.“

Besonders waren der Pindus, der Parnassus und der Helikon die Berge, auf denen sie sich unter ihrem Führer Apollo bei heiligen Quellen vereinten. Jedenfalls erscheinen die Musen unter den Gottheiten Griechenlands und Roms als die edelsten Gestalten; daher (Ged. D. vier Weltalter):

„Und einen heilgen, keuschen Altar
Bewahrten sich stille die Musen.“

Sie erwecken den Edelmuth, lenken die Herzen zum Guten, belehren und begeistern die Sterblichen und unterstützen die Würdigen mit Rath und That; daher rufen die Dichter sie an, sobald sie etwas Schwieriges unternehmen wollen, denn sie sind die Spenderinnen der Dichtergabe, wie (Ged. D. vier Weltalter), wo es von dem künstlerischen Talent des Sängers heißt:

„Ihm hat es die Muse gegeben.“

desgl. (Ged. D. Künstler):

„Was bei dem Saitenklang der Musen
Mit süßem Beben dich durchdrang,
Erzog die Kraft in deinem Busen,
Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.“

Wie sie das künstlerische Talent verleihen, so sind sie natürlich auch die Beschützerinnen der Kunst; daher (Ged. D. Gunst der Musen):

„Mit dem Philister stirbt auch sein Ruhm. Du, himmlische Muse,
Trägst, die Dich lieben, die Du liebst, in Mnemosynens Schooß.“

In bildlicher Ausdrucksweise ist Sch. die Muse: 1) Die Dichtkunst selbst, wie (Ged. D. Entzückung an Laura):

„Meine Muse fühlt die Schäferstunde.“

oder (Ged. D. Geheimniß d. Reminiscenz), wo er seiner in grauer Vorzeit bestandenen Verbindung mit Laura gedenkt:

„Meine Muse sah es auf der trüben
Tafel der Vergangenheit geschrieben.“

desgl. (Ged. D. Künstler):

„Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte
Die ernste Wahrheit zum Gedichte
Und finde Schutz in der Camönen Chor.“

und (Ged. Sängers Abschied):

„Die Muse schweigt; mit jungfräulichen Wangen,
Erröthen im verschämten Angesicht,
Tritt sie vor Dich, ihr Urtheil zu empfangen.“

2) sind ihm die Musen die Vertreterinnen des Gebiets der Schönheit, wie (Ged. D. Künstler), wo es in Beziehung auf die anmuthigen oder malerischen Stellungen heißt, mit welchen die römischen Gladiatoren den Todesstoß empfingen:

„Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
Mit freundlich dargebotnem Busen
Vom sanften Bogen der Nothwendigkeit.“

3) die Repräsentantinnen des Sinnes für die Kunst, wie (Ged. D. Antiken zu Paris):

„Der allein besitzt die Musen,
Der sie trägt im warmen Busen;
Dem Vandalen sind sie Stein.“

Wenn die alten Dichter eine Muse anriefen, so waren in ihr die übrigen stets mitbegriffen; späterhin gab man einer jeden einzelnen eine besondere Beschäftigung, so daß folgende neun Kunstgöttinnen unterschieden wurden:

1. Klio (der Ruhm) für die Geschichte. Sie wird gewöhnlich sitzend, mit einer geöffneten Papierrolle dargestellt.

2. Kallíope (die Schönredende) für das Heldengedicht, mit beiden Händen ein zusammengerolltes Pergament haltend.

3. Melpómene (die Singende) für das Trauerspiel, in der einen Hand einen Dolch, oder eine tragische Maske, die andere auf die Herculeskeuel gestützt.

4. Thalía (die Fröhliche) für das Lustspiel, mit der komischen Maske und den krummen Hirtenstabe, gewöhnlich mit einem Epheukranze geschmückt; bisweilend auch tanzend mit einer Handpauke.

5. Erato (die Liebliche) für Tanz und Musik, mit einer neunsaitigen Lyra, häufig auch tanzend.

6. Eutérpe (die Ergötzende) für das Flötenspiel, mit der Doppelflöte.

7. Terpsíchore (die Tanzliebende) für Cither und Tanz, mit der siebensaitigen Lyra und dem Plectrum, mit dem sie die Saiten rührt.

8. Polyhýmnia (die Liederreiche), sinnend und begeistert, oder mit bedeutsam erhobener Rechten, bisweilen mit einem Kranze von Winden geschmückt.

9. Uránia (die Himmlische) für die Sternkunde, mit einer Himmelskugel und einem Zirkel in der Hand, das Haupt bisweilen mit einem Sternenkranze (bei Sch. „Feuerkrone“) umgeben.

Von diesen neun Musen kommen in Sch.’s Dichtungen nur vier vor; zunächst diejenigen, welche es mit der Dichtkunst zu thun haben, wie (Ged. Shakespeare’s Schatten):

„Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia
Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?“

ferner (Ged. An Goethe):

„Aufrichtig ist die wahre Melpomene,
Sie kündigt nichts als eine Fabel an,
Und weiß durch tiefe Wahrheit zu entzücken.“

und (Ged. Tonkunst):

„Leben athme die bildende Kunst, Geist fordr’ ich vom Dichter;
Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus.“

Schließlich tritt (Ged. D. Künstler) Urania sinnbildlich als Repräsentantin der Wahrheit unter der Hülle der durch Aphrodite (s. d.) dargestellten Schönheit auf:

„Die eine Glorie von Orionen
Ums Angesicht, in hehrer Majestät,
Nur angeschaut von reinerem Dämonen,
Verzehrend über Sternen geht,
Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,
Die furchtbar herrliche Urania –
Mit abgelegter Feuerkrone
Steht sie – als Schönheit vor uns da.“

worauf umgekehrt (ebendas.) die Schönheit zur Wahrheit wird:

„Sie selbst, die sanfte Cypria,
Umleuchtet von der Feuerkrone,
Steht dann vor ihrem münd’gen Sohne
Entschleiert als Urania.“

Anm. Muse (Gsts. 10, 248): „ich habe volle Muse“ irrthümlich für Muße.

 
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