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Shakespeare’s Schatten (Gedicht)

Zum Gedicht Shakespeare’s Schatten.

Eine Reihe von Xenien, die später unter diesem Titel vereinigt wurden. Der Zusatz „Parodie“ (s. d.) bezieht sich auf eine Stelle in Homer’s Odyssee XI, 601 etc., die hier scherzhaft nachgeahmt ist. Der Dichter steigt im Geiste in den Tartarus hinab, wo ihm „die hohe Kraft des Herakles“, d. h. aber nur „sein Schatten“ begegnet, mit dem Schakespeare’s Uebersetzung von Wieland und Eschenburg (Zürich 1762-82) gemeint ist. „Das Vögelgeschrei“ und „das Hundegebell der Dramaturgen“ zielt auf die dramaturgisch-ästhetischen Kritiken, die um jene Zeit von Eschenburg, Schink, Böttiger und Fr. Schlegel erschienen waren. Wenn den genannten Männern auch manche Verdienste um die poetische und kritische Literatur nicht abzusprechen sind, so erscheint dem Dichter doch Shakespeares Schatten selbst als ein gigantisches Wesen, dem jene untergeordneten Geister sich mit ihrem Urtheil nicht hätten nahen sollen. Mit dem vierten Xenion beginnt nun ein Gespräch zwischen Shakespeare’s Schatten, dessen Worte von Anführungszeichen eingeschlossen sind, und dem Dichter, so daß jedem ein Xenion zukommt. Nachdem Shakespeare’s Geist sich über den Entschluß des Dichters gewundert, in der Unterwelt den erhabenen Schwung der tragischen Poesie aufzusuchen, weiset er ihn auf die Natur und die alten Griechen hin. Dagegen theilt ihm der Dichter mit, wie die Poeten der Gegenwart, fern von allem idealen Streben, nichts Anderes verstehen, als höchstens die reale Natur zu erreichen. Der Schatten scheint ihn indeß nicht zu verstehen und meint, man wage es noch wie er, selbst die Geister der Verstorbenen (wie im Hamlet) über die Bühne gehen zu lassen. Aber der Dichter sagt ihm, daß der Sinn für solche Darstellungen verschwunden sei, daß höchstens derbe Späße oder klägliche Rühr- und Thränenspiele den Zuschauern vorgeführt werden. Der Geist denkt wiederum an sein effectvolles Einflechten komischer Scenen in tragische Stücke, doch der Dichter weist im Hinblick auf Schröder’s und Kotzebue’s dramatische Stücke (Iffland wollte er „nicht gern wehe thun“) auf die trivialen Stoffe hin, die nunmehr Gegenstand dramatischer Bearbeitung geworden sind. Statt der Helden des Alterthums werden ihm nun die modernen Figuren genannt, welche die Schröder’schen und Kotzebue’schen Stücke dem Publicum vorführen, damit er einen Blick in die ganze Misere der damaligen Bühnenwelt thun könne, wobei der Dichter in einem Hinweis auf „Kabale und Liebe“ sich sogar selbst nicht schont. In der nun folgenden Frage des Geistes: „Woher nehmt ihr denn aber das große gigantische Schicksal etc.?“ erblicken wir den Fingerzeig auf die Bahn, welche der Dichter fortan gesonnen ist, zu betreten; wir sehen, es ekelt ihm selber vor den Zerrbildern, welche seien noch ungeläuterte Phantasie hervorgebracht, und er kann es kaum begreifen, wie edle und sittliche Naturen an ekelhaften Fratzen Gefallen finden, „wie sich die Tugend zu Tische setzen kann, wo sich das Laster erbricht.“

 
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