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Erster Aufzug

Der Reichstag zu Krakau

Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man di e polnische Reichsversammlung in dem großen Senatssaal sitzen. Auf einer drei Stufen hohen Estrade, mit rotem Teppich belegt, ist der königliche Thron mit einem Himmel bedeckt; zu beiden Seiten hängen die Wappen von Polen und Litauen. – Der König sitzt auf dem Thron; zu seiner Rechten und Linken auf der Estrade stehen die zehn Kronbeamten. Unter der Estrade zu beiden Seiten des Theaters sitzen die Bischöfe, Paladine und Kastellane. Diesen gegenüber stehen mit unbedecktem Haupt die Landboten in zwei Reihen, alle bewaffnet. Der Erzbischof von Onesen, als der Primas des Reiches, sitzt dem Proszenium am nächsten; hinter ihm hält sein Kaplan ein goldenes Kreuz.

Erzbischof von Onesen.
So ist denn dieser stürmevolle Reichstag
Zum guten Ende glücklich eingeleitet;
König und Stände scheiden wohlgesinnt.
Der Adel willigt ein, sich zu entwaffnen,
Der widerspenst’ge Rokosz1), sich zu lösen,
Der König aber gibt sein heilig Wort,
Abhilf’ zu leisten den gerechten Klagen.
– – – – – – –
Und nun im Innern Fried’ ist, können wir
Die Augen richten auf das Ausland.
– – – – – –– –
Ist es der Wille der erlauchten Stände,
Dass Prinz Demetrius, der Russlands Krone
In Anspruch nimmt, als Iwans echter Sohn,
Sich in den Schranken stelle, um sein Recht
Vor diesem Seym Walny2) zu erweisen?

Kastellan von Krakau.
Die Ehre fordert’s und die Billigkeit;
Unziemlich wär’s, ihm dies Gesuch zu weigern.

Bischof von Wermeland.
Die Dokumente seines Rechtsanspruches
Sind eingesehen und bewährt gefundne.
Man kann ihn hören.

Mehrere Landboten.
Hören muss man ihn.

Leo Sapieha.
Ihn hören, heißt, ihn anerkennen.

Odowalsky.
Ihn
Nicht hören, heißt, ihn ungehört verwerfen.

Erzbischof von Onesen.
Ist’s euch genehm, dass er vernommen werde?
Ich frag’ zum zweiten – und zum dritten Mal.

Krongroßkanzler.
Er stelle sich vor unserm Thron.

Senatoren.
Er rede!

Landboten.
Wir wollen ihn hören.

(Krongroßmarschall gibt dem Türhüter ein Zeichen mit seinem Stab, dieser geht hinaus, um zu öffnen.)

Leo Sapieha.
Schreibet nieder, Kanzler!
Ich mache Einspruch gegen dies Verfahren,
Und gegen alles, was draus folgt, zuwider
Dem Frieden Polens mit der Kron’ zu Moskau.

Demetrius tritt ein, geht einige Schritte auf den Thron zu, und macht mit bedecktem Haupt drei Verbeugungen, eine gegen den König, darauf gegen die Senatoren, endlich gegen die Landboten; ihm wird von jedem Teil, dem es gilt, mit einer Neigung des Hauptes geantwortet. Alsdann stellt er sich so, dass er einen großen Teil der Versammlung und des Publikums, von welchem angenommen wird, dass es im Reichstag mit sitze, im Auge behält, und dem königlichen Thron nur nicht den Rücken wendet.

Erzbischof von Onesen.
Prinz Dmitri, Iwans Sohn! Wenn dich der Glanz
Der königlichen Reichs-Versammlung schreckt,
Des Anblicks Majestät die Zung’ dir bindet,
So magst du, dir vergönnt es der Senat,
Dir nach Gefallen einen Anwalt wählen,
Und eines fremden Mundes dich bedienen.

Demtrius.
Herr Erzbischof, ich stehe hier, ein Reich
Zu fordern und ein königliches Szepter.
Schlecht stünde mir’s, vor einem edeln Volk
Und seinem König und Senat zu zittern.
Ich sah noch nie solch einen hehren Kreis;
Doch dieser Anblick macht das Herz mir groß
Und schreckt mich nicht. Je würdigere Zeugen
Um so willkommner sind sie mir; ich kann
Vor keiner glänzendern Versammlung reden.

Erzbischof von Onesen.
– – – – – – Die erlauchte Republik
Ist wohl geneigt, – – – – – –

Demetrius.
Großmächt’ger König! Würd’ge, mächt’ge
Bischöf’ und Paladine, gnäd’ge Herren!
Landboten der erlauchten Republik!
Verwundert, mit nachdenklichem Erstaunen,
Erblick’ ich mich, des Zaren Iwans Sohn,
Auf diesem Reichstag vor dem Volk der Polen.
Der Hass entzweite blutig beide Reiche,
Und Friede wurde nicht, so lang er lebte.
Doch hat es jetzt der Himmel so gewendet,
Dass ich, sein Blut, der mit der Milch der Amme
Den alten Erbhass in sich sog, als Flehender
Vor euch erscheinen, und in Polens Mitte
Mein Recht mir suchen muss. Drum eh’ ich rede,
Vergesst edelmütig, was geschehn,
Und dass der Zar, des Sohn ich mich bekenne,
Den Krieg in eure Grenzen hat gewälzt.
Ich stehe vor euch, ein beraubter Fürst;
Ich suche Schutz; der Unterdrückte hat
Ein heilig Recht an jede edle Brust.
Wer aber soll gerecht sein auf der Erde,
Wenn es ein großes, tapfres Volk nicht ist,
Das frei in höchster Machtvollkommenheit
Nur sich allein braucht Rechenschaft zu geben,
Und unbeschränkt – – – – –
Der schönen Menschlichkeit gehorchen kann.

Erzbischof von Onesen.
Ihr gebt euch für des Zaren Iwans Sohn.
Nicht wahrlich euer Anstand widerspricht,
Noch eure Rede diesem stolzen Anspruch.
Noch überzeugt uns, dass ihr der seid,
Dann hofft alles von dem Edelmut
Der Republik – Sie hat den Russen nie
Im Feld gefürchtet; beides liebt sie gleich,
Ein edler Feind, und ein gefäll’ger Freund zu sein.

Demetrius.
Iwan Wasilowitsch, der große Zar
Von Moskau, hatte fünf Gemahlinnen
Gefreit in seines Reiches langer Dauer.
Die erste aus dem heldenreichen Stamm
Der Romanow gab ihm den Feodor,
Der nach ihm herrschte. Einen einz’gen Sohn
Dmitri, die späte Blüte seiner Kraft,
Gebar ihm Marfa aus dem Stamm Nagori,
Ein zartes Kind noch, da der Vater starb.
Zar Feodor, ein Jüngling schwacher Kraft
Und blöden Geists, ließ seinen obersten
Stallmeister walten, Boris Godunow,
Der mit verschlagner Hofkunst ihn beherrschte.
Fedor war kinderlos, und keinen Erben
Versprach der Zarin unfruchtbarer Schoß.
Als nun der listige Bojar die Gunst
Des Volks mit Schmeichelkünsten sich erschlichen,
Er hub er seine Wünsche bis zum Thron;
Ein junger Prinz nur stand noch zwischen ihm
Und seiner stolzen Hoffnung, Prinz Dimitiri
Iwanowitsch, der unterm Aug’ der Mutter
Zu Uglitsch, ihrem Witwensitz, heranwuchs.
   Als nun sein schwarzer Anschlag zur Vollziehung
Gereift, sandt’ er nach Uglitsch Mörder aus,
Den Zarewitsch zu töten. – – –
Ein Feu’r ergriff in tiefer Mitternacht
Des Schlosses Flügel, wo der junge Fürst
Mit seinem Wärter abgesondert wohnte.
Ein Raub gewalt’ger Flammen war das Haus,
Der Prinz verschwunden aus dem Aug’ der Menschen
Und blieb’s; als tot beweint ihn alle Welt.
Bekannte Dinge meld’ ich, die ganz Moskau kennt.

Erzbischof von Onesen.
Was ihr berichtet, ist uns allen kund.
Erschollen ist der Ruf durch alle Reiche,
Dass Prinz Dimitri bei der Feuersbrunst
Zu Uglitsch seinen Untergang gefunden.
Und weil sein Tod dem Zar, der jetzo herrscht,
Zum Glück ausschlug, so trug man kein Bedenken,
Ihn anzuklagen dieses schweren Mords.
Doch nicht von seinem Tod ist jetzt die Rede:
Es lebt ja dieser Prinz! Er leb’ in euch,
Behauptet ihr. Davon gebt uns Beweise.
Wodurch beglaubigt ihr, dass ihr der seid?
An welchen Zeichen soll man euch erkennen?
Wie bleibt ihr unentdeckt von dem Verfolger.
Und tretet jetzt, nach sechzehnjähr’ger Stille,
Nicht mehr erwartet, an das Licht der Welt?

Demetrius.
Kein Jahr ist’s noch, dass ich mich selbst gefunden;
Denn bis dahin lebt ich mir selbst verborgen,
Nicht ahnend meine fürstliche Geburt.
Mönch unter Mönchen fand ich mich, als ich
Anfing zum Selbstbewusstsein zu erwachen,
Und mich umgab der strenge Klosterzwang.
Der engen Pfaffenweise widerstand
Der mut’ge Geist, und dunkel mächtig in den Adern
Empörte sich das ritterliche Blut.
Das Mönchgewand warf ich entschlossen ab,
Und floh nach Polen, wo der edle Fürst
Von Sendomir, der holde Freund der Menschen,
Mich gastlich aufnahm in sein Fürstenhaus,
Und zu der Waffen edlem Dienst erzog.

Erzbischof von Onesen.
– – – – Wie? Ihr kanntet euch noch nicht,
Und doch erfüllte damals schon der Ruf
Die Welt, dass Prinz Demetrius noch lebe?
Zar Boris zitterte auf seinem Thron,
Und stellte seine Sassafs an die Grenzen,
Um scharf auf jeden Wanderer zu achten.
Wie? Diese Sage ging nicht aus von euch?
Ihr hättet euch nicht für Demetrius
Gegeben?

Demetrius.
Ich erzähle, was ich weiß.
Ging ein Gerücht umher von meinem Dasein,
So hat geschäftig es ein Gott verbreitet.
Ich kannt’ mich nicht. Im Haus des Paladins
Und unter seiner Dienerschar verloren,
Lebt’ ich der Jugend fröhlich dunkle Zeit.
– – – – Mit stiller Huldigung
Verehrt’ ich seine Reiz geschmückte Tochter,
Doch damals von der Kühnheit weit entfernt,
Den Wunsch zu solchem Glück empor zu wagen.
Den Kastellan von Lemberg, ihren Freier,
Beleidigt meine Leidenschaft. Er setzt
Mich stolz zur Rede, und in blinder Wut
Vergisst er sich so weit, nach mir zu schlagen.
So schwer gereizt, greif’ ich zum Gewehr;
Er sinnlos, wütend, stürzt in meinen Degen!
Und fällt durch meine willenlose Hand.

Mnischek.
Ja, so verhält sich – – – – –

Demetrius.
Mein Unglück war das höchste! Ohne Namen,
Ein Russ’ und Fremdling, hatt’ ich einen Großen
Des Reichs getötet, hatte Mord verübt
Im Haus meines gastlichen Beschützers,
Ihm seinen Eidam, seinen Freund getötet.
Nichts half mir meine Unschuld; nicht das Mitleid
Des ganzen Hofgesindes, nicht die Gunst
Des edeln Palatinus kann mich retten;
Denn das Gesetz, das nur den Polen gnädig,
Doch streng ist allen Fremdlingen, verdammt mich.
Mein Urteil ward gefällt: Ich sollte sterben;
Schon kniet’ ich nieder an dem Block des Todes,
Entblößte meinen Hals dem Schwert. –
– In diesem Augenblick ward ein Kreuz
Von Gold mit kostbaren Edelsteinen sichtbar,
Das in der Tauf’ mir umgehangen ward.
Ich hatte, wie es Sitte ist bei uns,
Das heil’ge Pfand der christlichen Erlösung
Verborgen stets an meinem Hals getragen
Von Kindesbeinen an, und eben jetzt,
Wo ich vom süßen Leben scheiden sollte,
Ergriff ich es als meinen letzten Trost
Und drückt es an den Mund mit frommer Andacht.

(Die Polen geben durch stummes Spiel ihre Teilnehmung zu erkennen.)

Das Kleinod wird bemerkt; sein Glanz und Wert
Erregt Erstaunen, weckt die Neugier auf.
Ich werde losgebunden und befragt,
Doch weiß ich keiner Zeit mich zu besinnen,
Wo ich das Kleinod nicht an mir getragen.
Nun fügte sich’s, dass drei Bojarenkinder,
Die der Verfolgung ihres Zares entflohen,
Bei meinem Herrn zu Sambor eingesprochen;
Sie sahn das Kleinod und erkannten es
An neun Smaragden, die mit Amethysten
Durchschlungen waren, für dasselbige,
Was Knäs Mestislowskoy dem jüngsten Sohn
Des Zaren bei der Taufe umgehangen.
Sie sehen mich näher an und sehen erstaunt
Ein seltsam Spielwerk der Natur, dass ich
Am rechten Arm kürzer bin geboren.
Als sie mich nun mit Fragen ängstigten,
Besann ich mich auf einen kleinen Psalter,
Den ich auf meiner Flucht mit mir geführt.
In diesem Psalter standen griech’sche Worte,
Vom Igumen3) mit eigener Hand hinein
Geschrieben. Selbst hatt’ ich sie nie gelesen,
Weil ich der Sprach’ nicht kundig bin. Der Psalter
Wird jetzt herbeigeholt, die Schrift gelesen;
Ihr Inhalt ist: Dass Bruder Philaret
(Dies war mein Klosternam’), des Buchs Besitzer,
Prinz Dmitri sei, des Iwans jüngster Sohn,
Den Andrei, ein redlicher Diak,
In jener Mordnacht heimlich weggeflüchtet;
Urkunden dessen lägen aufbewahrt
In zweien Klöstern, die bezeichnet waren.
Hier stürzten die Bojaren mir zu Füßen,
Besiegt von dieser Zeugnisse Gewalt,
Und grüßten mich als ihres Zaren Sohn,
Und also jählings aus des Unglücks Tiefen
Riss mich das Schicksal auf des Glückes Höhn.

Erzbischof von Gnesen.
– – – – – – –

Demetrius.
Und jetzt fiel’s auch wie Schuppen mir vom Auge!
Erinnerungen belebten sich auf einmal –
Im fernsten Hintergrund vergangner Zeit;
Und wie die letzten Türme aus der Ferne
Erglänzen in der Sonne Gold, so wurden
Mir in der Seele zwei Gestalten hell,
Die höchsten Sonnengipfel des Bewusstseins.
Ich sah mich fliehen in einer dunkeln Nacht,
Und eine lohe Flamme sah ich steigen
In schwarzem Nachtgraun, als ich rückwärts sah.
Ein uralt frühes Denken musst’ es sein;
Denn was vorherging, was darauf gefolgt,
War ausgelöscht in langer Zeitenferne;
Nur abgerissen, einsam leuchtend, stand
Dies Schreckensbild mir im Gedächtnis da;
Doch wohl besann ich mich aus spätern Jahren,
Wie der Gefährten einer mich im Zorn
Den Sohn des Zars genannt. Ich hielt’s für Spott,
Und rächte mich dafür mit einem Schlag.
Dies alles traf jetzt blitzschnell meinen Geist,
Und vor mir stand’s mit leuchtender Gewissheit,
Ich sei des Zaren tot geglaubter Sohn.
Es lösten sich mit diesem einzigen Wort
Die Rätsel alle meines dunkeln Wesens.
Nicht bloß an Zeichen, die betrüglich sind,
In tiefster Brust, an meines Herzens Schlägen
Fühlt’ ich in mir das königliche Blut;
Und eher will ich’s tropfenweise verspritzen,
Als meinem Recht entsagen und der Krone.

Erzbischof von Gnesen.
Und sollen wir auf eine Schrift vertrauen,
Die sich durch Zufall bei euch finden mochte?
Dem Zeugnis ein’ger Flüchtlinge vertrauen?
Verzeiht, edler Jüngling! Euer Ton
Und Anstand ist gewiss nicht eines Lügners!
Doch könntet ihr selbst der Betrogne sein;
Es ist dem Menschenherzen zu verzeihen,
In solchem großen Spiel sich zu betrügen.
Was stellt Ihr uns für Bürgen Eures Worts?

Demetrius.
Ich stelle fünfzig Eideshelfer auf,
Piasten alle, frei geborne Polen
Untadeligen Rufs, die Jegliches
Erhärten sollen, was ich hier behauptet.
Dort sitzt der edle Fürst von Sendomir,
Der Kastellan von Lublin ihm zur Seite,
Die zeugen mir’s, ob ich Wahrheit geredet
– – – – – – –

Erzbischof von Gnesen.
Was nun bedünkt den erlauchten Ständen?
So vieler Zeugnisse vereinter Kraft
Muss sich der Zweifel überwunden geben.
Ein schleichendes Gerücht durchläuft schon längst
Die Welt, dass Dmitri, Iwans Sohn, noch lebe;
Zar Boris selbst bestärkt’s durch seine Furcht.
– Ein Jüngling zeigt sich hier, an Alter, Bildung,
Bis auf die Zufalls-Spiele selber der Natur,
Ganz dem Verschwundnen ähnlich, den man sucht.
Durch edeln Geist des großen Anspruchs wert.
Aus Klostermauern ging er wunderbar,
Geheimnisvoll hervor, mit Rittertugend
Begabt, der nur der Mönche Zögling war;
Ein Kleinod zeigt er, das der Zarewitsch
Einst an sich trug, von dem er nie sich trennte;
Ein schriftlich Zeugnis noch von frommen Händen
Beglaubigt seine fürstliche Geburt,
Und kräft’ger noch aus seiner schlichten Rede
Und reinen Stirn spricht uns die Wahrheit an.
Nicht solche Züge borgt sich der Betrug;
Der hüllt sich täuschend ein in große Worte
Und in der Sprache rednerischen Schmuck.
Nicht länger denn versag’ ich ihm den Namen,
Den er mit Fug und Recht in Anspruch nimmt,
Und meines alten Vorrechts mich bedienend,
Geb’ ich als Primas ihm die erste Stimme.

Erzbischof von Lemberg.
Ich stimme wie der Primas.

Mehrere Bischöfe.
Wie der Primas.

Mehrere Palatine.
Auch ich!

Odowalsky.
Und ich!

Landboten (rasch aufeinander).
Wir alle!

Sapieha.
Gnäd’ge Herren!
Bedenkt es wohl! Man übereile nichts!
Ein edler Reichstag lasse sich nicht rasch
Hinreißen zu – – –

Odowalsky.
Hier ist
Nichts zu bedenken; alles ist bedacht.
Unwiderleglich sprechen die Beweise.
Hier ist nicht Moskau; nicht Despotenfurcht
Schnürt hier die freie Seele zu. Hier darf
Die Wahrheit wandeln mit erhabnem Haupt.
Ich will’s nicht hoffen, edle Herren, dass hier
Zu Krakau, auf dem Reichstag selbst der Polen
Der Zar von Moskau feile Sklaven habe.

Demetrius.
O! Habt Dank, erlauchte Senatoren!
Dass ihr der Wahrheit Zeichen anerkennt.
Und wenn ich auch nun der wahrhaftig bin,
Den ich mich nenne, o so duldet nicht,
Dass sich ein frecher Räuber meines Erbs
Anmaße, und den Zepter länger schände,
Der mir, dem echten Zarewitsch, gebührt.

– – – – – – –

Die Gerechtigkeit hab’ ich, ihr habt die Macht.
Es ist die große Sache aller Staaten
Und Thronen, dass gescheh’, was Rechtens ist,
Und jedem auf der Welt das Seine werde;
Denn da, wo die Gerechtigkeit regiert,
Da freut sich jeder, sicher seines Erbs,
Und über jedem Haus, jedem Thron
Schwebt der Vertrag wie eine Cherubswache.

– – – – – –

Gerechtigkeit
Heißt der kunstreiche Bau des Weltgewölbes,
Wo alles eines, eines alles hält,
Wo mit dem einen alles stürzt und fällt.

– – – – – – – –

(Antworten der Senatoren, die dem Demetrius beistimmen.)

Demetrius.
O! Sieh mich an, ruhmreicher Sigismund!
Großmächt’ger König! Greif’ in deine Brust,
Und sieh dein eignes Schicksal in dem meinen!
Auch du erfuhrst die Schläge des Geschicks;
In einem Kerker kamest du zur Welt;
Dein erster Blick fiel auf Gefängnismauern.
Du brauchtest einen Retter und Befreier,
Der aus dem Kerker auf den Thron dich hob.
Du fandest ihn. Großmut hast du erfahren;
O übe Großmut auch an mir! – –

– – – – – – –

Und ihr erhabnen Männer des Senats,
Ehrwürdige Bischöfe, der Kirche Säulen,
Ruhmreiche Palatin’ und Kastellane,
Hier ist der Augenblick, durch edle Tat
Zwei lang entzweite Völker zu versöhnen,
Erwerbt euch den Ruhm, dass Polens Kraft
Den Moskowitern ihren Zar gegeben,
Und in dem Nachbar, der euch feindlich drängte,
Erwerbt euch einen dankbaren Freund.
Und ihr,
Landboten der erlaubten Republik,
Zäumt eure schnellen Rosse! Sitzt auf!
Euch öffnen sich des Glückes goldne Tore;
Mit euch will ich den Raub des Feindes teilen.
Moskau ist reich an Gütern, unermesslich
An Gold und Edelsteinen ist der Schatz
Des Zars; ich kann die Freunde königlich
Belohnen, und ich will’s. Wenn ich als Zar
Einziehe auf dem Kremel, dann, ich schwör’s,
Soll sich der Ärmste unter euch, der mir
Dahin gefolgt, in Samt und Zobel kleiden,
Mit reichen Perlen sein Geschirr bedecken,
Und Silber sei das schlechteste Metall,
Um seiner Pferde Hufe zu beschlagen.

(Es entsteht eine große Bewegung unter den Landboten.)

Korela, Kosaken-Hetman, (erklärt sich bereit, ihm ein Herr zuzuführen).

Odowalsky.
Soll der Kosak uns Ruhm und Beute rauben?

– – – – – – – – – – –

Wir haben Friede mit dem Tartarfürst
Und Türken, nichts zu fürchten von dem Schweden.
Schon lang verzehrt sich unser tapfrer Mut
Im trägen Frieden; unsre Schwerter rosten.
Auf! Lasst uns fallen in das Land des Zars
Und einen dankbaren Bundes-Freund gewinnen,
Indem wir Polens Macht und Größe mehren.

Viele Landboten.
Krieg! Krieg mit Moskau!

Andere.
Man beschließe es!
Gleich sammle man die Stimmen!

Sapieha (steht auf).
Krongroßmarschall!
Gebietet Stille! Ich verlang’ das Wort.

Eine Menge von Stimmen.
Krieg! Krieg mit Moskau!

Sapieha.
Ich verlang’ das Wort.
Marschall! Tut Euer Amt!

(Großes Getöse in dem Saal und außerhalb desselben.)

Krongroßmarschall.
Ihr seht, es ist
Vergebens.

Sapieha.
Was? Der Marschall auch bestochen?
Ist keine Freiheit auf dem Reichstag mehr?
Werft euren Stab hin, und gebietet Schweigen!
Ich fodr’ es, ich begehr’s und will’s.

(Krongroßmarschall wirft seinen Stab in die Mitte des Saals; der Tumult legt sich.)

Was denkt ihr? Was beschließt ihr? Stehen wir nicht
In tiefem Frieden mit dem Zar zu Moskau?
Ich selbst als euer königlicher Bote,
Errichtete den zwanzigjähr’gen Bund;
Ich habe meine rechte Hand erhoben
Zum feierlichen Eidschwur auf dem Kreml,
Und redlich hat der Zar uns Wort gehalten.
Was ist beschworne Treu’? Was sind Verträge,
Wenn ein solenner Reichstag sie zerbrechen darf?

Demetrius.
Fürst Leo Sapieha! Ihr habt Frieden
Geschlossen, sagt Ihr, mit dem Zar zu Moskau?
Das habt ihr nicht; denn ich bin dieser Zar.
In mir ist Moskau’s Majestät; ich bin
Der Sohn des Iwan und sein rechter Erbe.
Wenn Polen Frieden schließen will mit Russland,
Mit mir muss es geschehen! Eu’r Vertrag
Ist nichtig, mit dem Nichtigen errichtet.

Odowalsky.
Was kümmert eu’r Vertrag uns! Damals haben
Wir so gewollt, und heute woll’n wir anders.

Sapieha.
Ist es dahin gekommen? Will sich niemand
Erheben für das Recht, nun so will ich’s.
Zerreißen will ich dies Geweb der Arglist;
Aufdecken will ich alles, was ich weiß.
– Ehrwürd’ger Primas! Wie? Bist du im Ernst
So gutmütig, oder kannst dich so verstellen?
Seid ihr so gläubig, Senatoren? König,
Bist du so schwach? Ihr wisst nicht, wollt nicht wissen,
Dass ihr ein Spielwerk seid des list’gen Woiwoda
Von Sendomir, der diesen Zar aufstellte,
Des ungemessner Ehrgeiz in Gedanken
Das güterreiche Moskau schon verschlingt?
Muss ich’s euch sagen, dass bereits der Bund
Geknüpft ist und beschworen zwischen beiden?
Dass er die jüngste Tochter ihm verlobte?
Und soll die edle Republik sich blind
In die Gefahren eines Krieges stürzen,
Um den Woiwoden groß, um seine Tochter
Zur Zarin und zur Königin zu machen?
Bestochen hat er alles und erkauft,
Den Reichstag, weiß ich wohl, will er beherrschen;
Ich sehe seine Faktion gewaltig
In diesem Saal, und nicht genug, dass er
Den Seym Walny durch die Mehrheit leitet,
Bezogen hat er mit dreitausend Pferden
Den Reichstag und ganz Krakau überschwemmt
Mit seinen Lehens-Leuten. Eben jetzt
Erfüllen sie die Hallen dieses Hauses.
Man will die Freiheit unsrer Stimmen zwingen.
Doch keine Furcht bewegt mein tapfres Herz;
So lang noch Blut in meinen Adern rinnt,
Will ich die Freiheit meines Worts behaupten.
Wer wohl gesinnt ist, tritt zu mir herüber.
So lang’ ich Leben habe, soll kein Schluss
Durchgehn, der wider Recht ist und Vernunft.
Ich hab’ mit Moskau Frieden abgeschlossen,
Und ich bin Mann dafür, dass man ihn halte.

Odowalsky.
Man höre nicht auf ihn! Sammelt die Stimmen!

(Bischöfe von Krakau und Wilna stehen auf und gehen jeder an seiner Seite hinab, um die Stimmen zu sammeln.)

Viele.
Krieg! Krieg mit Moskau!

Erzbischof von Gnesen (zu Sapieha).
Gebt euch, edler Herr!
Ihr seht, dass Euch die Mehrheit widerstrebt.
Treibt’s nicht zu einer unglücksel’gen Spaltung!

Krongroßkanzler (kommt von dem Thron herab, zu Sapieha).
Der König lässt euch bitten, nachzugeben,
Herr Woiwod, und den Reichstag nicht zu spalten.

Türhüter (heimlich zu Odowalsky).
Ihr sollt euch tapfer halten, melden euch
Die vor der Tür. Ganz Krakau steht zu euch.

Krongroßmarschall (zu Sapieha).
Es sind so gute Schlüsse durchgegangen;
O, gebt euch! Um des andern Guten willen,
Was man beschlossen, fügt euch in die Mehrheit!

Bischof von Krakau (hat auf seiner Seite die Stimmen gesammelt).
Auf dieser rechten Bank ist alles einig.

Sapieha.
Lasst alles einig sein. – Ich sage nein.
Ich sage Veto, ich zerreiße den Reichstag.
Man schreite nicht weiter! Aufgehoben, null
Ist alles, was beschlossen ward!

(Allgemeiner Aufstand; der König steigt vom Thron, die Schranken werden eingestürzt; es entsteht ein tumultuarisches Getöse. Landboten greifen zu den Säbeln und zucken sie links und rechts auf Sapieha. Bischöfe treten auf beiden Seiten dazwischen und verteidigen ihn mit ihren Stolen.)

Die Mehrheit?
Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn;
Verstand ist stets bei Wen’gen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muss dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
Um Brot und Stiefel seine Stimm’ verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen;
Der Staat muss untergehen, früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.

Odowalsky.
Hört den Verräter! –

Landboten.
Nieder mit ihm! Haut ihn in Stücken!

Erzbischof von Gnesen (reißt seinem Kaplan das Kreuz aus der Hand und tritt dazwischen).
Friede!
Soll Blut der Bürger auf dem Reichstag fließen?
Fürst Sapieha! Mäßigt euch!

(Zu den Bischöfen.)

Bringt ihn
Hinweg! Macht eure Brust zu seinem Schild!
Durch jene Seitentür entfernt ihn still,
Dass ihn die Menge nicht in Stücken reiße!

(Sapieha, noch immer mit den Blicken drohend, wird von den Bischöfen mit Gewalt fortgezogen, indem der Erzbischof von Gnesen und von Lemberg die andringenden Landboten von ihm abwehren. Unter heftigem Tumult und Säbelgeklirr leert sich der Saal aus, dass nur Demetrius, Mnischek, Odowalsky und der Kosaken-Hetman zurückbleiben.)

Odowalsky.
Das schlug uns fehl – – – – –
Doch darum soll euch Hilfe nicht entstehen;
Hält auch die Republik mit Moskau Frieden,
Wir führen’s aus mit unsern eignen Kräften.

Korela.
Wer hätt’ auch das gedacht, dass er allein
Dem ganzen Reichstag würde Spitze bieten!

Mnischek.
Der König kommt.


(König Sigismund, begleitet von dem Krongroßkanzler, Krongroßmarschall und einigen Bischöfen.)

König.
Mein Prinz, lasst euch umarmen!
Die hohe Republik erzeigt euch endlich
Gerechtigkeit; mein Herz hat es schon längst.
Tief rührt mich Euer Schicksal. Wohl muss es
Die Herzen aller Könige bewegen.

Demetrius.
Vergessen hab’ ich alles, was ich litt;
An eurer Brust fühl’ ich mich neu geboren.

König.
Viel Worte lieb’ ich nicht; doch was ein König
Vermag, der über reichere Vasallen
Gebietet, als er selbst, biet’ ich euch an.
Ihr habt ein böses Schauspiel angesehen;
Denkt drum nicht schlimmer von der Polen Reich,
Weil wilder Sturm das Schiff des Staats bewegt.

Mnischek.
In Sturmes Brausen lenkt der Steuermann
Das Fahrzeug still und führt’s zum sichren Hafen.

König.
Der Reichstag ist zerrissen. Wollt’ ich auch,
Ich darf den Frieden mit dem Zar nicht brechen.
Doch ihr habt mächt’ge Freunde. Will der Pole
Auf eigene Gefahr sich für Euch waffnen,
Will der Kosak des Krieges Glücksspiel wagen,
Er ist ein freier Mann, ich kann’s nicht wehren.

Mnischek.
Der ganze Rokosz steht noch unter Waffen.
Gefällt dir’s, Herr, so kann der wilde Strom,
Der gegen deine Hoheit sich empörte,
Unschädlich über Moskau sich ergießen.

König.
Die besten Waffen wird dir Russland geben;
Dein bester Schirm ist deines Volkes Herz.
Russland wird nur durch Russland überwunden.
So wie du heute vor dem Reichstag sprachst,
So rede dort in Moskau zu den Bürgern;
Ihr Herz erobre dir, und du wirst herrschen.
In Schweden hab’ ich, als geborner König,
Einst friedlich den ererbten Thron bestiegen,
Und doch hab ich den väterliches Reich verloren,
Weil mir die Volksgesinnung widerstrebt.

Marina (tritt auf).
– – – – – – –

Mnischek.
Erhabne Hoheit, zu deinen Füßen
Wirft sich Marina, meine jüngste Tochter;
Der Prinz von Moskau bietet ihr sein Herz –
Du bist der hohe Schirmvoigt unsres Hauses,
Von deiner königlichen Hand allein
Geziemt es ihr, den Gatten zu empfangen.

(Marina kniet vor dem König.)

König.
Wohl, Vetter! Ist es euch wohl genehm, will ich
Des Vaters Stelle bei dem Zar vertreten.

(Zu Demetrius, dem er die Hand der Marina übergibt.)

So führ’ ich euch in diesem schönen Pfand
Des Glückes heitre Göttin zu. – Und mög’ es
Mein Aug’ erleben, dieses holde Paar
Sitzen zu sehen auf dem Thron zu Moskau!

Marina.
Herr! Demutvoll verehr’ ich deine Gnade,
Und deine Sklavin bleib’ ich, wo ich bin.

König.
Steht auf, Zaritza! Dieser Platz ist nicht
Für euch, nicht für die zarische Verlobte,
Nicht für die Tochter meines ersten Woiwods.
Ihr seid die jüngste unter euren Schwestern;
Doch euer Geist fliegt ihrem Glück vor,
Und nach dem Höchsten strebt Ihr hoch gesinnt.

Demetrius.
Sei Zeuge, großer König, meines Schwurs;
Ich leg’ als Fürst ihn in des Fürsten Hand!
Die Hand des edeln Fräuleins nehm’ ich an,
Als ein kostbares Pfand des Glücks. Ich schwöre,
Sobald ich meiner Väter Thron bestiegen,
Als meine Braut sie festlich heimzuführen,
Wie’s einer großen Königin geziemt.
Zur Morgengabe schenk’ ich meiner Braut
Die Fürstentümer Pleskow und Groß-Neugart,
Mit allen Städten, Dörfern und Bewohnern,
Mit allen Hoheitsrechten und Gewalten,
Zum freien Eigentum auf ew’ge Zeit,
Und diese Schenkung will ich ihr als Zar
Bestätigen in meiner Hauptstadt Moskau.
Dem edlen Woiwod zahl’ ich zum Ersatz
Für seine Rüstung eine Million
Dukaten polnischen Geprägs. – –

– – – – – – –

So helf’ mir Gott und seine Heiligen,
Als ich dies treulich schwur und halten werde.

König.
Ihr werdet es; ihr werdet nie vergessen,
Was ihr dem edeln Woiwod schuldig seid,
Der sein gewisses Glück an eure Wünsche,
Ein teures Kind an eure Hoffnung wagt.
So seltner Freund ist köstlich zu bewahren!
Drum, wenn ihr glücklich seid, vergesst nie,
Auf welchen Sprossen ihr zum Thron gestiegen,
Und mit dem Kleid wechselt nicht das Herz!
Denkt, dass ihr euch in Polen selbst gefunden,
Dass euch dies Land zum zweiten Mal geboren.

Demetrius.
Ich bin erwachsen in der Niedrigkeit;
Das schöne Band hab’ ich verehren lernen,
Das Mensch an Mensch mit Wechselneigung bindet.

König.
Ihr tretet aber in ein Reich jetzt ein,
Wo andre Sitten und Gebräuche gelten.
Hier in der Polen Land regiert die Freiheit,
Der König selbst, wiewohl am Glanz der Höchste,
Muss oft des mächt’gen Adels Diener sein;
Dort herrscht des Vaters heilige Gewalt;
Der Sklave dient mit leidendem Gehorsam.

– – – – – – –

Demetrius.
Die schöne Freiheit, die ich hier gefunden,
Will ich verpflanzen in mein Vaterland;
Ich will aus Sklaven frohe Menschen machen;
Ich will nicht herrschen über Sklaven-Seelen.

König.
Tut’s nicht zu rasch und lernt der Zeit gehorchen!
Hört, Prinz, zum Abschied noch von mir drei Lehren!
Befolgt sie treu, wenn ihr zum Reich gelangt.
Ein König gibt sie euch, ein Greis, der viel
Erfuhr, und eure Jugend kann sie nutzen.

Demetrius.
O, lehrt mich eure Weisheit, großer König!
Ihr seid geehrt von einem freien Volk, –
Wie mach’ ich’s, um dasselbe zu erreichen?

König.
– – – – – Ihr kommt vom Ausland;
Euch führen fremde Feindeswaffen ein;
Dies erste Unrecht habt Ihr gut zu machen.
Drum zeigt euch als Moskau’s wahrer Sohn,
Indem ihr Achtung tragt vor seinen Sitten.
Dem Polen haltet Wort und ehrt ihn;
Denn Freunde braucht ihr auf dem neuen Thron.
Der Arm, der euch einführte, kann euch stürzen.
Hoch haltet ihn, doch ahmt ihm nicht nach.
Nicht fremder Brauch gedeiht in einem Land

– – – – – – –

Doch was Ihr auch beginnt, – ehrt eure Mutter –
Ihr findet eine Mutter –

Demetrius.
O, mein König!

König.
Wohl habt Ihr Ursach’, kindlich sie zu ehren.
Verehrt sie – Zwischen euch und eurem Volk
Steht sie, ein heilig teures Band. – Frei ist
Die Zargewalt von menschlichen Gesetzen;
Dort ist nichts Furchtbares, als die Natur;
Kein bessres Pfand für Eure Menschlichkeit
Hat euer Volk, als eure Kindesliebe. –
Ich sage nichts mehr. Manches ist noch übrig,
Eh’ ihr das goldne Widderfell erobert.
Erwartet keinen leichten Sieg! – – –
Zar Boris herrscht mit Ansehen und mit Kraft,
Mit keinem Weichling geht ihr in den Streit.
Wer durch Verdienst sich auf den Thron geschwungen,
Den stürzt der Wind der Meinung nicht so schnell,
Und seien Taten sind ihm statt der Ahnen. –
Ich überlass’ euch eurem guten Glück.
Es hat zu zweien Malen durch ein Wunder
Euch aus der Hand des Todes schon gerettet;
Es wird sein Werk vollenden und euch krönen.


Marina. Odowalsky.

Odowalsky.
Nun, Fräulein, hab’ ich meinen Auftrag wohl
Erfüllt, und wirst du meinen Eifer loben?

Marina.
Recht gut, dass wir allein sind, Odowalsky,
Wir haben wicht’ge Dinge zu besprechen,
Davon der Prinz nichts wissen soll. Mag er
Der Götterstimme folgen, die ihn treibt!
Er glaub’ an sich, so glaubt ihm auch die Welt.
Lass’ ihn nur jene Dunkelheit bewahren,
Die eine Mutter großer Taten ist. –
Wir aber müssen hell sehn, müssen handeln.
Er gibt den Namen, die Begeisterung;
Wir müssen die Gesinnung für ihn haben,
Und haben wir uns des Erfolgs versichert
Mit kluger Kunst, so wähn’ er immerhin,
Dass es aus Himmels Höhn ihm zugefallen.

Odowalsky.
Gebiete, Fräulein! Deinem Dienst leb’ ich.
Bekümmert mich des Moskowiters Sache?
Du bist es, deine Größ’ und Herrlichkeit,
An die ich Blut und Leben setzen will.
Mir blüht kein Glück; abhängig, güterlos
Darf ich die Wünsche nicht zu dir erheben.
Verdienen aber will ich deine Gunst.
Dich groß zu machen, sei mein einzig Trachten.
Mag immer dann ein andrer dich besitzen;
Mein bist du doch, wenn du mein Werk nur bist.

Marina.
Drum leg ich auch mein ganzes Herz auf dich.
Du bist ein Mann, dem ich die Tat vertraue;
Der König meint es falsch. Ich schau’ ihn durch. –
Ein abgeredet Spiel mit Sapieha
War alles nur. Zwar ist’s ihm wohl gelegen,
Dass sich mein Vater, dessen Macht er fürchtet,
In dieser Unternehmung schwächt, dass sich
Der Bund des Adels, der ihm furchtbar war,
In diesem fremden Kriegeszug entladet;
Doch will er selbst neutral im Kampf bleiben.
Des Kampfes Glück denkt er mit uns zu teilen.
Sind wir besiegt, so leichter hofft er uns
Sein Herrscherjoch in Polen aufzulegen.
Wir stehen allein. Geworfen ist das Los.
Sorgt er für sich, wir sorgen für das unsre.

– – – – – – –

Du führst die Truppen nach Kiew. Sie schwören
Dem Prinzen Treue dort und schwören mir,
Mir, hörst du? Es ist eine nöt’ge Vorsicht.

– – – – – – –

Odowalsky.
– – – – – – –

Marina.
Nicht deinen Arm bloß will ich, auch dein Auge.

Odowalsky.
Gebiete, sprich, – – – – –

Marina.
Du führst den Zarowitsch.
Bewach’ ihn gut! Weich nie von seiner Seite,
Von jedem Schritt gibst du mir Rechenschaft.

Odowalsky.
Vertrau’ auf mich, er soll uns nie entbehren.

Marina.
Kein Mensch ist dankbar. Fühlt’ er sich als Zar,
Schnell wird er unsre Fessel von sich werfen.

– – – – – – –

Der Russe hasst den Polen, muss ihn hassen;
Da ist kein festes Herzensband zu knüpfen.

– – – – – – –


Marina. Odowalsky. Opalinsky, Bielsky und mehrere polnische Edelleute.

Opanlinsky.
Schaff’ Geld, Patronin, und wir ziehen mit.
Der lange Reichstag hat uns aufgezehrt;
Wir machen dich zu Russlands Königin.

Marina.
Der Bischof von Kaminiez und von Kulm
Schießt Geld auf Pfandschaft vor von Land und Leuten
Verkauft, verpfändet eure Bauernhöfe,
Versilbert alles, steckt’s in Pferd und Rüstung!
Der beste Kaufmann ist der Krieg. Er macht
Aus Eisen Gold. – Was jetzt ihr auch verliert,
In Moskau wird sich’s zehnfach wieder finden.

Bielsky.
Es sitzen noch zweihundert in der Trinkstub’;
Wenn du dich zeigst und einen Becher leerst
Mit ihnen, sind sie dein, - ich kenne sie.

Marina.
Erwarte mich! Du sollst mich hingeleiten.

Opalinsky.
– – – – – – –

Gewiss, du bist zur Königin geboren!

Marina.
So ist’s. Drum musst’ ich’s werden. –

Bielsky.
Ja, besteige
Du selbst den weißen Zelter, waffne dich,
Und, eine zweite Vanda, führe du
Zum sichern Siege deine mut’gen Scharen.

Marina.
Mein Geist führt euch. Der Krieg ist nicht für Weiber.
In Kiew ist der Sammelplatz. Dort wird
Mein Vater aufziehen mit dreitausend Pferden.
Mein Schwager gibt zweitausend. Von dem Don
Erwarten wir ein Hilfsheer von Kosaken.
Schwört ihr mir Treue?

Alle.
Ja, wir schwören!

(Ziehn die Säbel.)

Einige.
Vivat Marina!

Andere.
Russiae Regina!

(Marina zerreißt ihren Schleier und verteilt ihn unter die Edelleute. Alle gehen ab, außer Marina.)


Muischek. Marina.

Marina.
Warum so ernst, mein Vater, da das Glück
Uns lacht, da jeder Schritt nach Wunsch gelingt,
Und alle Arme sich für uns bewaffnen?

Mnischek.
Das eben, meine Tochter! Alles, alles
Steht auf dem Spiel. In dieser Kriegsrüstung
Erschöpft sich deines Vaters ganze Kraft.
Wohl hab’ ich Grund, es ernstlich zu bedenken;
Das Glück ist falsch, unsicher der Erfolg.

– – – – – – –

Marina.

– – – – – – –

Mnischek.
Gefährlich Mädchen, wozu hast du mich
Gebracht! Was bin ich für ein schwacher Vater,
Dass ich nicht deinem dringen widerstand.
Ich bin der reichste Woiwoda des Reichs,
Der erste nach dem König. – Hätten wir
Uns damit nicht bescheiden, unsres Glücks
Genießen können mit vergnügter Seele?
Du strebtest höher – nicht das mäß’ge Los
Genügte dir, das deinen Schwestern ward.
Erreichen wolltest du das höchste Ziel
Der Sterblichen, und eine Krone tragen.
Ich allzu schwacher Vater möchte gern
Auf dich, mein Liebstes, alles Höchste häufen;
Ich lasse mich betören durch dein Flehen,
Und an den Zufall wag’ ich das Gewisse!

Marina.
Wie? – Teurer Vater, reut dich deine Güte?
Wer kann mit dem Geringern sich bescheiden,
Wenn ihm das Höchste überm Haupt schwebt?

Mnischek.
Doch tragen deine Schwestern keine Kronen,
Und sind beglückt – – – –

– – – – – – –

Marina.
Was für ein Glück ist das, wenn ich vom Haus
Des Woiwods, meines Vaters, in das Haus
Des Palatinus, meines Gatten, ziehe?
Was wächst mir Neues zu aus diesem Tausch?
Und kann ich mich des nächsten Tages freuen,
Wenn er mir mehr nicht, als der heut’ge bringt?
O, unschmackhafte Wiederkehr des Alten!
Langweilige Dasselbigkeit des Daseins!
Lohnt sich’s der Müh’, zu hoffen und zu streben?
Die Liebe oder Größe muss es sein,
Sonst alles andre ist mir gleich gemein.

Mnischek.
– – – – – – –

Marina.
Erheitre deine Stirn, mein teurer Vater!
Lass uns der Flut vertrauen, die uns trägt!
Nicht an die Opfer denke, die du bringst,
Denk’ an den Preis, an das erreichte Ziel –
Wenn du dein Mädchen sitzen sehen wirst
Im Schmuck der Zarin auf dem Thron zu Moskau.
Wenn deine Enkel diese Welt beherrschen!

Mnischek.
Ich denke nichts, ich sehe nichts als dich,
Mein Mädchen, dich im Glanz der Königskrone.
Du forderst es; ich kann dir nichts versagen.

Marina.
Noch eine Bitte, lieber, bester Vater,
Gewähre mir!

Mnischek.
Was wünschest du, mein Kind?

Marina.
Soll ich zu Sambor eingeschlossen bleiben
Mit der unbänd’gen Sehnsucht in der Brust?
Jenseits des Dniepers wird mein Los geworfen –
Endlose Räume trennen mich davon. –
Kann ich das tragen? O! Der ungeduld’ge Geist
Wird auf der Folter der Erwartung liegen,
Und dieses Raumes ungeheure Länge
Mit Angst ausmessen und mit Herzensschlägen.

Mnischek.
Was willst du? Was verlangst du? – –

Marina.
Lass mich in Kiew des Erfolges harren;
Dort schöpf’ ich jedes Neue an der Quelle.
Dort an der Grenzmark beider Reiche, – –

– – – – – –

Mnischek.
Dein Geist strebt furchtbar. Mäß’ge dich, mein Kind!

Marina.
Ja, du vergönnst mir’s, ja, du führst mich hin.

Mnischek.
Du führst mich hin. Muss ich nicht, was du willst?

Marina.
Herzvater, wenn ich Zarin bin zu Moskau,
Sieh, dann muss Kiew unsre Grenze sein.
Kiew muss mein sein, und du sollst’s regieren.

Mnischek.
Mädchen, du träumst! Schon ist das große Moskau
Zu eng für deinen Geist; du willst schon Land
Auf Kosten deines Vaterlands – –

Marina.
Kiew
Gehörte nicht zu unserem Vaterland.
Dort herrschten der Waräger alte Fürsten;
Ich hab’ die alten Chroniken wohl inne –
Vom Reich der Russen ist es abgerissen;
Zur alten Krone bring’ ich es zurück.

Mnischek.
Still! Still! Das darf der Woiwoda nicht hören!

(Man hört Trompeten.)

Sie brechen auf – – –

Ü   Þ


1) Aufstand des Adels ­
2) Reichstag
­
3) Abt des Klosters

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