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VorerinnerungDie Idee eines dramatischen Gemäldes von der Polizei in Paris unter Ludwig XIV. hat Schiller einige Zeit beschäftigt. Über dem bunten Gewühl der mannigfaltigen Gestalten einer Pariser Welt sollte die Polizei gleich einem Wesen höherer Art emporschweben, dessen Blick ein unermessliches Feld überschaut und in die geheimsten Tiefen dringt, so wie für dessen Arm nichts unerreichbar ist. „Paris erscheint in seiner Allheit. Die äußersten Extreme von Zuständen und sittlichen Fällen in ihren höchsten Spitzen und charakteristischen Punkten kommen zur Darstellung, die einfachste Unschuld, wie die naturwidrigste Verderbnis, die idyllische Ruhe, wie die düstere Verzweiflung.“ „Ein höchst verwickeltes, durch viele Familien verschlungenes Verbrechen, welches bei fort gehender Nachforschung immer zusammengesetzter wird und immer andere Entdeckungen mit sich bringt, ist der Hauptgegenstand. Es gleicht einem ungeheueren Baum, der seine Äste weit herum mit andern verschlungen hat, und welchen auszugraben man eine ganze Gegend durchwühlen muss. So wird ganz Paris durchwühlt, und alle Arten von Existenz werden bei dieser Gelegenheit nach und nach an das Licht gezogen.“ „Der Fall ist scheinbar unauflöslich, aber Argenson – an der Spitze der Polizei – nachdem er sich gewisse Data hat geben lassen, verspricht, im Vertrauen auf seine Macht, einen glücklichen Erfolg, und gibt sogleich seine Aufträge.“ „Nach langem Forschen verliert er die Spur des Wildes, und sieht sich in Gefahr, sein dreist gegebenes Wort doch nicht halten zu können. Aber nun tritt gleichsam das Verhängnis selbst ins Spiel und treibt den Mörder in die Hände des Gerichts.“ „Argenson hat die Menschen zu oft von ihrer schändlichen Seite gesehen, als dass er einen edlen Begriff von der menschlichen Natur haben könnte. Er ist ungläubiger gegen das Gute, und gegen das Schlechte toleranter geworden; aber er hat das Gefühl für das Schöne nicht verloren, und da, wo er es unzweideutig antrifft, wird er desto lebhafter davon gerührt. Er kommt in diesen Fall und huldigt der bewährten Tugend.“ „Er erscheint im Lauf des Stücks als Privatmann, wo er einen ganz andern, jovialischen und gefälligen Charakter zeigt, und als feiner Gesellschafter, als Mann von Herz und Geist, Wohlwollen und Achtung verdient. Er findet wirklich ein Herz, das ihn liebt, und sein schönes Betragen erwirbt ihm eine liebenswürdige Gemahlin.“ Der Polizeiminister kennt, wie der Beichtvater, die Schwächen und Blößen vieler Familien, und hat ebenso, wie dieser, die höchste Diskretion nötig. Es kommt ein Fall vor, wo jemand durch die Allwissenheit desselben in Erstaunen und Schrecken gesetzt wird, aber einen schonenden Freund an ihm findet. „Szene Argensons mit einem Philosophen und Schriftsteller. Sie enthält eine Gegeneinanderstellung des Idealen mit dem Realen, und es zeigt sich die Überlegenheit des Realisten über den Theoretiker.“ Argenson warnt auch zuweilen die Unschuld sowohl als die Schuld. Er lässt nicht nur den Verbrechern, sondern auch solchen Unglücklichen, die es durch Verzweiflung werden können, Kundschafter folgen. Ein solcher Verzweifelnder kommt vor, Gegenden sich die Polizei als eine rettende Vorsicht zeigt.“ „Auch die Nachteile der Polizeiverfassung sind darzustellen. Die Bosheit kann sie zu ihren Absichten brauchen, der Unschuldige kann durch sie leiden; sie ist oft genötigt, schlimmer Werkzeuge sich zu bedienen, schlimme Mittel anzuwenden. Selbst die Verbrechen ihrer eigenen Offizianten haben eine gewisse Straflosigkeit.“ – Von einer weiteren Ausführung dieser Ideen in ihrem ganzen Umfang findet sich nichts in Schillers Papieren, aber dagegen der Plan eines Drama, wobei nur ein sehr kleiner Teil jenes Stoffs zugrunde liegt. Es war in Schillers Charakter, dass sich der erste Gedanke nicht beschränkte, sondern erweiterte, wenn es zur Ausführung kam. Man sollte daher glauben, folgender Plan sei früher – entstanden, und vielleicht eben deswegen aufgegeben worden, weil er auf jene Ideen führte, die einen so großen Reichtum von Charakteren und Situationen darboten. Narbonne ist ein reicher angesehener Partikulier, in einer französischen Provinzialstadt – Bordeaux, Lyon oder Nantes – ein Mann in seinen besten Jahren zwischen vierzig und fünfzig. Er steht in allgemeiner öffentlicher Achtung, und die Neigung, die man zu seinem verstorbenen Bruder Pierre Narbonne gehabt hatte, hat sich schon auf seinen Namen fortgeerbt. Er ist der einzige Übriggebliebene dieses Hauses, weil sein Bruder keinen Erben hinterließ; denn zwei Kinder desselben verunglückten bei einer Feuersbrunst durch Sorglosigkeit der Bedienten. Nach dem Tod Pierres war Louis der einzige Erbe. Er war damals abwesend und kam zurück, um seinen beständigen Aufenthalt in dieser Stadt zu nehmen. Seit dieser Zeit sind zehn Jahre verflossen, und Narbonne ist nun im Begriff, eine Heirat zu tun und sein Geschlecht fortzupflanzen. Er hat eine Neigung zu einem schönen, edeln und reichen Fräulein, Victoire von Pontis, deren Eltern sich durch seine Anträge geehrt finden, und ihm mit Freude ihre Tochter zusagen. Nun war vor ungefähr sechs Jahren ein junger Mann, Namens Saint-Foir, in Narbonnes Haus als eine hilflose Waise aufgenommen worden, und hatte viele Wohltaten, besonders eine gute Erziehung von ihm erhalten. Er lebte bei ihm nicht auf dem Fuß eines Hausbedienten, sondern eines armen Verwandten, und die ganze Stadt bewunderte die Großmut Narbonnes gegen diesen jungen Menschen, den man schon zu beneiden anfing. Saint-Foix machte schnelle Fortschritte in der Bildung, die ihm Narbonne geben ließ. Er zeigte treffliche Anlagen des Kopfs und Herzens, zugleich aber auch einen gewissen Adel und Stolz, der dem armen aufgegriffenen Waisen nicht recht zuzukommen schien. Er war voll dankbarer Ehrfurcht gegen seinen Wohltäter, aber sonst zeigte er nichts Gedrücktes noch Erniedrigtes; er schien, indem er Narbonnes Wohltaten empfing, sich nur seines Rechts zu bedienen. Sein Mut schien oft an Übermut, eine gewisse Naivität und Fröhlich an Leichtsinn zu grenzen. Er war verschwenderisch, frei und eifersüchtig auf seine Ehre. Victoire hatte öfters Gelegenheit gehabt, diesen Saint-Foix zu sehen, und empfand bald eine Neigung für ihn, welche aber hoffnungslos schien. Die Bewerbungen Narbonnes um ihre Hand, vor denen sie ein sonderbares Grauen hatte, verstärkten ihre Gefühle für Saint-Foix umso mehr; da dieser von Narbonne selbst bei dieser Gelegenheit öfter an sie geschickt wurde. Saint-Foix betete Victoire von dem ersten Augenblick an, als er sie kennen lernte, aber seine Wünsche wagten sich nicht zu ihr hinauf. Er hatte ein anderes Mädchen kennen lernen, welches so wie er elternlos war, und dem er einen großen Dienst geleistet hatte. Für diese hatte er eine zärtliche Freundschaft, zwischen ihr und Victoiren war sein Herz geteilt; aber er unterschied sehr wohl seine Gefühle. Von den zahlreichen Hausgenossen Narbonnes, worunter ein einziger alter Diener Pierre Narbonnes, namens Thierry, sich noch erhalten hatte, wurde Saint-Foix zum Teil gehasst und beneidet: Nur eine weibliche Person unter denselben hatte für ihn eine Neigung, und Pläne auf seine Hand. Sie war viel älter und ohne einen andern Anspruch auf ihn als das kleine Glück, was sie mit ihm teilen konnte, und das nicht aufs beste erworben war. Ihr Name war Madelon. So verhielten sich die Sachen, als die Handlung des Stücks eröffnet wurde. Madelon kommt von einer kleinen Wallfahrt zurück, wo sie für ihre Unruhe Trost gesucht hatte. Ein begangenes Unrecht quält sie; sie bringt keinen Trost zurück. Sie findet Narbonne zufrieden, mutig und sicher; alles scheint ihm nach Wunsch zu gehen. Nur ist er ärgerlich über einen weggekommenen Schmuck, den er seiner Braut hatte verehren wollen, und er will die Gerichte deswegen in Bewegung setzen. Madelon erschrickt. „Lasst die Gerichte ruhen!“, sagt sie. „Nehmt das kleine Unglück willig hin!“ – „Es ist kein kleines Unglück.“ – „Nehmt’s an als eine Buße! Schon lange hat mich die ununterbrochene Dauer eures Wohlstandes bekümmert.“ – „Ich will aber mein Recht verfolgen.“ – „Euer Recht!“, seufzt Madelon. Noch größere Unruhe zeigt Madelon, wie sie hört, dass eine Zigeunerin im Hause gewesen sei, welche man des Schmucks wegen im Verdacht habe. Sie beklagt sehr, dass sie nicht hier gewesen. „Ach, indem ich eine fruchtlose Wallfahrt anstellte, um mein Herz zu beruhigen, habe ich die einzige Gelegenheit verfehlt, meines langen Grams los zu werden.“ Herr von Pontis, Baillif des Orts und künftiger Schwiegervater Narbonnes, kommt, wegen des entwendeten Schmucks die nötigen Erkundigungen einzuziehen. Dies geschieht mit einiger Förmlichkeit und mit Zuziehung eines Gerichtsschreibers. Der Schmuck wird beschrieben, die Hausgenossen werden aufgezählt, und bei dieser Gelegenheit exponiert sich ein Teil der Geschichte. Besonders ist die Rede von Saint-Foix. Seine Geschichte wird erzählt, und zeigt den Narbonne im Licht eines Wohltäters. Er scheint keinem Verdacht gegen Saint-Fox Raum zu geben. Nach diesen offiziellen Dingen wird von der Heirat gesprochen. Pontis zeigt, wie sehr er und die ganze Stadt den Narbonne verehre, und ist glücklich in dem Gedanken einer Verbindung mit ihm. Saint-Fox im Gespräch mit dem alten Thierry. Der junge Mensch zeigt die leidenschaftliche Unruhe; es ist ihm zu eng in dem Haus, er strebt ins Weite fort; dabei hat er etwas Geheimnisvolles, Unsicheres, Scheues, Gewaltsames, was aussieht wie Gewissensangst. Besonders scheint er sich eines großen Undanks gegen Narbonne anzuklagen. Wie von der Heirat desselben die Rede ist, steigt seine Unruhe aufs höchste. Seine Szene mit Thierry gleicht einem ewigen Abschied. Er nimmt auch Abschied von den leblosen Gegenständen, und so reißt er sich los in der gewaltsamsten Stimmung. Thierry schüttelt das Haupt, und scheint sich mit Macht gegen einen aufsteigenden Verdacht zu wehren. In seinem Monolog spricht sich’s aus, wie es in alten Zeiten hier war, und wie es jetzt ist. Saint-Foix mit Adelaiden. Spuren einer unschuldigen Neigung, Dankbarkeit des Mädchens, Mitleiden des Jünglings. Sie erzählt ihre Schicksale, er die seinigen. Adelaide ist einer gefährlichen Zigeunerin entsprungen, die sie tyrannisierte und zum Bösen verleiten wollte. Saint-Foix hat sie in einer hilflosen Lage gefunden, und zu guten Leuten gebracht, bei denen sie sich noch heimlich aufhält. Adelaide hat aus Armut ihren einzigen Reichtum, eine Kostbarkeit, verkaufen wollen; der Goldschmied, dem sie gebracht wird, erkennt sie für eine Arbeit, die er selbst für die Frau von Narbonne gefertigt hat, gibt es an, und dies veranlasst die Einziehung Adelaidens. Die Polizeidiener erscheinen, und fordern von Adelaiden, dass sie ihnen zum Baillif folgen solle. Saint-Foix widersetzt sich vergebens. Victoire und ihre Mutter Jene zeigt ihren Abscheu vor der Bewerbung Narbonnes, um welche die ganze Welt sie beneidet. Man bemerkt an ihr außer diesem Widerwillen vor Narbonnes Person auch eine geheime und hoffnungslose Neigung. Pontis kommt und berichtet, dass man dem gestohlenen Schmuck auf der Spur sei. Adelaide wird gebracht, und wie Pontis fortgeht, um sie zu verhören, kommt Saint-Foix in großer Bewegung zur Victoire, um ihren Beistand und ihre Verwendung für Adelaiden aufzurufen. Eine affektvolle Szene zwischen beiden, die zur gegenseitigen Entdeckung ihrer Liebe führt. Narbonne kommt zu dieser Szene, und findet in Saint-Foix seinen Nebenbuhler. Pontis tritt wieder herein nach beendigtem Verhör, und erklärt Saint-Foix für mitschuldig. Narbonne hört, dass ein Teil des Schmucks sich gefunden habe; aber wie er diesen Schmuck sieht, gerät er in große Bestürzung. Szene zwischen Pontis und Narbonne. Dieser macht den Großmütigen, will die Untersuchung fallen lassen, und beide verdächtige Personen nach den Inseln schicken. Pontis besteht auf der strengsten Untersuchung. Wie sie noch beisammen sind, wird dem Baillif gemeldet, dass man die Zigeunerin aufgebracht habe, und dass Adelaide bei ihrem Anblick in Schrecken geraten sei. Madelon und Narbonne. Jene hat die Zigeunerin erkannt als diejenige, der sie die beiden Kinder Pierre Narbonnes übergeben hatte, als sie aussprengte, dass sie bei einem Brand umgekommen wären. Es entdeckt sich, dass Adelaide die Tochter sei, aber wo der Knabe hingekommen, bleibt noch unbekannt. Pontis kommt und meldet, dass sich Adelaide und Saint-Foix als Geschwister erkannt hätten, und dass die Zigeunerin beide vor sechzehn Jahren erhalten habe. Saint-Foix hatte nur fünf Jahre bei ihr zugebracht, und war ihr schon in seinem zehnten Jahre entlaufen. Narbonne will nun dazwischen treten, und die weitere Erörterung hemmen; Pontis aber will die Eltern der Kinder entdeckt haben, und erinnert sich an den Schmuck. Narbonne schlägt dem Saint-Foix und Adelaiden eine heimliche Flucht vor, aber beide weigern sich. Narbonne und Madelon. Madelon hat die Kinder erkannt, und dringt in Narbonne, sie an Kindesstatt anzunehmen und zu seinen Erben einzusetzen. Narbonne ist in größter Verlegenheit; er weiß keinen Ausweg, als durch den Tod der Madelon, und ermordet sie. Die Kinder des Hauses sind erkannt, und werden von einer jubelnden Menge zu Narbonne gebracht. Der Mörder Pierre Narbonnes kennt eine geheime Tür zu Louis Narbonnes Zimmer; er ist auf diesem Weg heimlich hereingekommen, hat den schmuck liegen gesehen, und ist mit diesem davon gegangen. Dem Narbonne ließ er in paar Zeilen zurück, worin er ihm anzeigte, dass er nun in die weite Welt gehe, weil er einer Mordtat wegen fliehen müsse. Auf dieser Flucht wird er angehalten, welches eine Folge der Polizeiveranstaltung ist. Narbonne findet auf seinem Zimmer die Spuren des Mörders. Pontis meldet triumphierend den gefundenen Schmuck. Narbonne versucht umsonst zu entfliehen. Er und der Mörder werden konfrontiert. Sein Versuch, sich zu töten, wird vereitelt; er wird ganz entlarvt und den Gerichten übergeben. Saint-Foix erhält die Hand der Victoire. |
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