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               Vorerinnerung

Fragment
der ersten Szene

Eine offene Halle, die den Prospekt nach dem Hafen eröffnet.

Romegas und Biron streiten um eine griechische Gefangene; dieser hat sie gefasst, jener will sich ihrer bemächtigen.

Romegas.
Verwegner, halt! Die Sklavin raubst du mir,
Die ich erobert und für mein erklärt?

Biron.
Die Freiheit geb’ ich ihr. Sie wähle selbst
Den Mann, dem sie am liebsten folgen mag.

Romegas.
Mein ist sie durch des Krieges Recht und Brauch;
Auf dem Korsarenschiff gewann ich sie.

Biron.
Den roh korsarschen Gebrauch verschmäht,
Wer freien Herzen zu gefallen weiß.

Romegas.
Der Frauen Schönheit ist der Preis des Muts.

Biron.
Der Frauen Ehre schützt des Ritters Degen.

Romegas.
Sanct Elm’ verteidige! Dort ist dein Platz.

Biron.
Dort ist der Kampf und hier des Kampfes Lohn.

Romegas.
Wohl sicherer ist es, Weiber hier zu stehlen,
Als männlich dort dem Türken widerstehen.

Biron.
Vom heißen Kampf, der auf der Bresche glüht,
Lässt sich’s gemächlich hier im Kloster reden.

Romegas.
Gehorche dem Gebietenden! Zurück!

Biron.
Auf deiner Flotte herrsche du, nicht hier!

Romegas.
Das große Kreuz auf dieser Brust verehre!

Biron.
Das kleine hier bedeckt ein großes Herz.

Romegas.
Ruhmredig ist die Zunge von Provence.

Biron.
Noch schärfer ist das Schwert.

Romegas.
– – –
– – – – – – –

Ritter (kommen herzu).
Recht hat der Spanier – der Übermut
Des Provençalen muss gezüchtigt werden.

Andere Ritter (kommen von der anderen Seite).
Drei Klingen gegen eine! – –
Zu Hilf’! Zu Hilf’! Drei Klingen gegen eine!
Auf den Castilier! Frisch, wackrer Bruder!
Wir stehen zu dir. Dir hilft die ganze Zunge.

Ritter.
Zu Boden mit den Provençalen!

Andere Ritter.
Nieder
Mit den Hispaniern!

   Es kommen noch mehrere Ritter von beiden Seiten hinzu. Der Chor tritt auf und trennt die Fechtenden. Er besteht aus sechzehn geistlichen Rittern in ihrer langen Ordenstracht, die in zwei Reihen die übrigen umgeben. Der Chor schilt die Ritter, dass sie sich selbst in diesem Augenblick befehden. Schilderung der drohenden Gefahr und Besorgnis, die auf die äußere Lage des Ordens und seinen inneren Zustand sich gründen. Übermut der Ritter, die auf Hilfe aus Sizilien rechnen.


   La Valette erscheint mit Miranda, einem Abgesandten aus Sizilien. Der Großmeister fordert die Ritter auf, nichts von irdischem Beistand zu erwarten, sondern dem Himmel und ihrem eigenen Mut zu vertrauen. Miranda erklärt, dass von Spanien vorjetzt noch nichts zu hoffen sei, dass St. Elmo behauptet werden müsse, wenn die sizilianische Flotte erscheinen solle, und dass sie zurücksegeln würde, wenn bei ihrer Ankunft jenes Fort schon in den Händen der Türken wäre. Murren der Ritter über die spanische Politik. Miranda entschließt sich freiwillig, auf der Insel zu bleiben und das Schicksal des Ordens zu teilen.


   Ein alter Christensklave wird vom Ritter Montalto zum Großmeister gebracht. Er ist vom türkischen Befehlshaber unter dem Vorwand abgesendet, eine Unterhaltung wegen des Forts St. Elmo anzuknüpfen, aber eigentlich, um mit einem Verräter einen Briefwechsel zu eröffnen. Der Großmeister will von keinem Vertrag zwischen den Rittern und den Ungläubigen hören, und droht, jeden künftigen Herold töten zu lassen. Dem Christensklaven, der sein hartes Schicksal beklagt, wird freigestellt, in Malta zu bleiben. Er zieht vor, in seine Gefangenschaft zurückzugehen, weil er überzeugt ist, dass Malta sich nicht halten könne. Ehe er abgeht, lässt er ein Wort von Verräterei fallen.


   Es erscheinen zwei Abgeordnete von der Besatzung in St. Elmo. Diese Besatzung ist nicht von dem Großmeister ausgewählt, sondern ohne sein Zutun durch eine gesetzliche Ordnung bestimmt worden. Ein zwanzigjähriger Ritter, St. Priest, der von allen geliebt und vom Großmeister besonders ausgezeichnet wird, gehört zu den Verteidigern von St. Elmo. Er gleicht an Gestalt und Tapferkeit einem jugendlichen Rinaldo. Er ist eine Geißel der Türken, und, so sehr man ihn zu schonen sucht, bei jedem Kampf der Erste. Aber mitten in Tod und Gefahr bleibt er unverletzt; sein Anblick schient den Feind zu entwaffnen, oder eine Wache von Engeln ihn zu umgeben. Crequi, ein anderer junger Ritter von heftiger Gemütsart, wird durch ein leidenschaftliches, aber edles Gefühl an ihn gefesselt. Die Abgeordneten schildern die Lage von St. Elmo, die Fortschritte des Feindes, die Unhaltbarkeit der Festung, und bitten, der Besatzung zu gestatten, sich auf einen andern Posten zurückzuziehen. Die jüngeren Ritter, besonders Crequi, unterstützen dies Gesuch mit Nachdruck; aber der Großmeister schlägt es ab. Er gibt seine Teilnehmung an dem Schicksal der Besatzung deutlich zu erkennen; aber mit Ernst und Festigkeit erklärt er, St. Elmo müsse behauptet werden, und entfernt sich mit den älteren Rittern.


   Murren der jüngern Ritter über den Großmeister. Crequi fragt ängstlich nach St. Priest, und hört von den Abgeordneten, wie sehr er vorzüglich der Gefahr ausgesetzt ist. Montalto kommt von der Begleitung des Christensklaven zurück, und nährt die Erbitterung gegen den Großmeister durch boshafte Winke über seine Härte und Willkür.


   Die Missvergnügten entfernen sich; der Chor bleibt zurück. Er klagt über den Verfall des Ordens, und über Ungerechtigkeit gegen den Großmeister, dessen Verdienst er anerkennt. Erinnerungen aus der Geschichte des Ordens.


   La Valette, der Chor. Der Großmeister zeigt sich als Mensch. Er fürchtet, nicht Stärke genug zu haben, auf der Notwendigkeit zu beharren. Die Aufopferung der tapfern Verteidiger von St. Elmo schmerzt ihn tief. Auch ist er bekümmert über die im Orden eingerissenen Missbräuche. Der Chor macht ihm die Folgen seiner Nachsicht bemerkbar, und erinnert ihn an den Streit über die Griechin. La Valette gesteht seinen Fehler, und will alles versuchen, um eine gänzliche Reform des Ordens zu bewirken. Jene Griechin hat er schon wegbringen lassen.


   Romegas, Biron und die Vorigen. Die beiden Ritter beklagen sich über die Wegführung der Griechin. La Valette erinnert die Ritter an ihr Gelübde. Sie behaupten, der jetzige Zeitpunkt gebe ihnen ein Recht auf Nachsicht. Es zeigt sich ihre wilde Natur, die bei der höchsten Gefahr alle Schranken durchbricht. Den Augenblick wollen sie genießen, da ihnen die nächste Stunde vielleicht nicht mehr gehört. Der Tapfere, dessen man bedarf, glaubt man Gesetze trotzen zu können. Der Großmeister spricht zu ihnen mit Ernst als Gebieter und entfernt sich.


   Romegas und Biron, aufs höchste erbittert, vereinigen sich gegen den Großmeister. Romegas hält ihn ohnehin schon für seinen Feind.


   Crequi kommt herzu, und spricht ohne Schonung über die Härte des Großmeisters. Das Gespräch wird durch Montalto unterbrochen, der neue Abgeordnete von St. Elmo ankündigt. Der Zustand des Forts hat sich sehr verschlimmert; die Türken sind im Besitz eines bedeutenden Außenwerks. Die Besatzung dringt nochmals auf Erlaubnis zum Abzug, oder will dem gewissen Tod in einem Ausfall entgegengehen. Unter den Abgeordneten ist St. Priest, durch den man den Großmeister zu gewinnen hofft. La Valette weigert sich, sie zu sprechen. Diese scheinbare Härte empört die Ritter noch mehr, ob sie wohl eine Wirkung seiner Weichheit ist, da er sich nicht Festigkeit genug zutraut, um einen Jüngling, der ihn näher angeht, in solchen Verhältnissen zu sehen. St. Priest ist sein natürlicher Sohn, aber niemand weiß davon, als La Valette selbst.


   Die Abgeordneten treten auf, begleitet von mehreren Rittern, die über den Großmeister ihren Unwillen laut werden lassen. Str. Priest selbst ist still, aber Crequi überlässt sich dem heftigsten Ausbruch der Leidenschaft. Romegas und Biron stimmen ihm bei. Montalto benutzt diesen Moment, die Ritter gegen den Großmeister aufzuwiegeln. Vergebens erinnert sie der Chor mit Nachdruck an ihre Pflicht. Es entsteht ein fruchtbarer Bund gegen den Großmeister.


   La Valette gibt dem Ingenieur Castriotto den Auftrag, den Zustand von St. Elmo zu untersuchen.


   Der Großmeister hat Verdacht auf Montalto und lässt ihn genau beobachten. Er spricht ihn allein, um ihn mit Sanftmut zu warnen, aber ohne Erfolg. Montalto leugnet beharrlich und dreist, und trotzt auf seine Würde als Kommandeur.


   Nach seinem Abgang erscheint St. Priest vor La Valette. Der Jüngling denkt ganz anders, als die übrigen Abgeordneten von St. Elmo. Er wünscht nicht zurückberufen zu werden, und kommt jetzt, dem Großmeister mit kindlich offenem Vertrauen die Empörung der Ritter zu entdecken. La Valette verbirgt sein Gefühl mit Mühe. Er spricht noch mit St. Priest als Großmeister, und entlasst ihn mit Aufträgen. Begeisterung des Jünglings für seine Pflicht und für das Persönliche des Großmeisters.


   Romegas, Biron, Crequi und mehrere ihrer Anhänger treten auf. Sie beginnen mit nachdrücklichen Vorstellungen wegen der Besatzung von St. Elmo, und auf des Großmeisters Weigerung sprechen sie als Empörer. Crequi vergeht sich am meisten. Auf den Vorwurf, dass La Valette durch seine Hartnäckigkeit den Orden zum Untergang führe, antwortet er, der Orden sei schon untergegangen, sei in diesem Augenblick nicht mehr, und nicht durch die Macht des Feindes, sondern durch innern Verfall. Er entfernt sich mit Würde und gebietet den Rittern, seine Befehle zu erwarten.


   Die Ritter sind durch die letzte Rede des Großmeisters erschüttert, und einige unter ihnen fangen an, ihr Unrecht einzusehen. Ein Ritter bringt die Nachricht, ein Renegat habe sich mit Aufträgen vom türkischen Befehlshaber gezeigt, ungeachtet La Valette jeden feindlichen Unterhändler mit dem Tod bedroht habe. Bei dem Renegaten habe man Briefe mit großen Versprechungen an Montalto gefunden. Montalto sei zu dem Feind entflohen. Die Ritter besinnen sich, dass er es war, der am meisten die Erbitterung gegen den Großmeister nährte.


   Miranda, der spanische Gesandte, nach ihm die jüngsten Ritter, sodann einige der ältesten Ritter und zuletzt der Chor, treten bewaffnet auf. Ihnen folgt der Großmeister und Castriotto. Der Ingenieur erhält Befehl, vor der ganzen Versammlung über den Zustand von St. Elmo seinen Bericht zu erstatten. Er behauptet, dass es noch möglich sei, die Werke von St. Elmo eine Zeitlang zu verteidigen. Jetzt fragt der Großmeister die jüngsten und ältesten Ritter, dann den Chor und Miranda, ob sie unter seiner Anführung diese Verteidigung übernehmen wollen. Alle sind bereit, und nun bewilligt der Großmeister der Besatzung von St. Elmo den Abzug, entlässt die aufrührischen Ritter und befiehlt nur dem Romegas, zu bleiben.


   La Valette spricht mit ihm als ein Sterbender, der seinen letzten Willen eröffnet. Nur Romegas, der den Orden ins Verderben gestürzt habe, sei imstande, ihn zu retten. Ihn habe er zu seinem Nachfolger erwählt, und die wichtigsten Stimmen für ihn gewonnen. Romegas wird nun auf den Standpunkt eines Fürsten gestellt, wo er fähig ist zu stehen, und erkennt das Verwerfliche seines zeitherigen Betragens. Äußerst beschämt durch die Großmut eines Mannes, den er so sehr verkannte, entfernt er sich in der Absicht, durch die Tat zu zeigen, dass er eines solchen Vertrauens nicht unwert sei.


   St. Priest erscheint, um vom Großmeister Abschied zu nehmen. La Valette ist aufs äußerste bewegt. Er entdeckt sich als Vater, segnet seinen Sohn, und sagt ihm, dass er dem Tod mit ihm auf St. Elmo entgegen gehen werde. Der Chor ist hierbei gegenwärtig.


   Romegas tritt auf mit den aufrührischen Rittern und den Abgeordneten von St. Elmo. Alle bereuen ihr Vergehen, und jeder ist bereit, sich auf St. Elmo für die Erhaltung des Ordens aufzuopfern. Der Chor beschämt die Ritter noch tiefer, indem er ihnen entdeckt, dass St. Priest der Sohn des Großmeisters ist, und dass er ihn ebenjetzt dem Tod geweiht hat. La Valette weigert sich anfänglich, von seinem ersten Entschluss abzugehen, bis er von einer gänzlichen Sinnesänderung der Ritter überzeugt ist. Endlich willigt er ein, dass die Verteidiger von St. Elmo diesen Posten noch ferner behaupten dürfen, und ergibt sich aus Pflicht in die Notwendigkeit, sich selbst als Großmeister in dem jetzigen Zeitpunkt dem Orden zu erhalten. Alle dringen in ihn, sich nicht von seinem Sohn zu trennen. Jeder ist bereit, die Stelle des trefflichen Jünglings zu vertreten. St. Priest widersetzt sich und bleibt unbeweglich. Die höchste Begeisterung spricht aus ihm. Auch La Valette will von keiner Ausnahme, von keiner persönlichen Rücksicht etwas hören. St. Priest nimmt Abschied vom Großmeister und von Crequi.


   Der Chor allein, in der höchsten Würde, begeistert durch alles, was den Menschen erhebt, Pflichtgefühl, Rittergeist, Religion.


   Nachrichten von St. Elmo. – Das Fort wird gestürmt. Crequi ist nach St. Elmo entflohen, um mit dem Freund zu sterben. – La Valette tritt auf, äußerst bekümmert, aber mit männlichem Ernst. Er fühlt tief, was er aufopfert.


   St. Elmo ist erobert. Ein Grieche, Laskaris, aus einem Geschlecht, das auf dem griechischen Kaiserthron regiert hat, entflieht mit äußerster Lebensgefahr aus dem türkischen Heer, wo er einen hohen Posten bekleidete, zu den Maltesern, deren Heroismus er bewundert, und an deren Religion ihn die ersten Eindrücke der Jugend fesseln. Er gibt ausführlichen Bericht von den unglaublichen Taten der Verteidiger von St. Elmo, von dem ungeheuren Verlust der Türken, von ihrem Entsetzen, als sie den Zustand der Festung und die geringe Anzahl ihrer Verteidiger gewahr wurden, von einer besonders wichtigen Einbuße der Feinde in der Person eines ihrer ersten und erfahrensten Befehlshaber, des Beherrschers von Tripoli, Dragut, der bei dieser Belagerung fiel. – Von Montaltos Verräterei ist nichts weiter zu fürchten. Er ist bei dem Sturm auf St. Priest getroffen und hat seinen Lohn gefunden.


   Der Leichnam des St. Priest ist aus den Wellen aufgefangen worden. Er wird gebracht, und die Ritter begleiten ihn in stummer Trauer. La Valette erhebt sich über sich selbst. Er preist die hohe Bestimmung seines verklärten Sohnes, sieht in allen Rittern seine Söhne, und vertraut fest auf die Kraft des Ordens, die jetzt als unbedingt und unendlich dasteht. Durch ein großes Opfer ist der Sieg so gut als entschieden, so wie in dem persischen Krieg durch den Tod des Leonidas. – Der Erfolg hat diesen Glauben bewährt.

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