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Schiller

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Werke - Prosaische Schriften

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Baron* von F*** an den Grafen von O**

Vierter Brief

12. Junius              

   Haben Sie Dank, liebster Freund, für das Zeichen Ihres Andenkens, das mir der junge B***hl von Ihnen überbrachte. Aber was sprechen Sie darin von Briefen, die ich erhalten haben soll? Ich habe keinen Brief von Ihnen erhalten, nicht eine Zeile. Welchen weiten Umweg müssen die genommen haben! Künftig, liebster O**, wenn Sie mich mit Briefen beehren, senden sie solche über Trient und unter der Adresse meines Herrn.

   Endlich haben wir den Schritt doch tun müssen, liebster Freund, den wir bis jetzt so glücklich vermieden haben. – Die Wechsel sind ausgeblieben, jetzt in diesem dringendsten Bedürfnis zum ersten Mal ausgeblieben, und wir waren in die Notwendigkeit gesetzt, unsre Zuflucht zu einem Wucherer zu nehmen, weil der Prinz das Geheimnis gern etwas teurer bezahlt. Das Schlimmste an diesem unangenehmen Vorfall ist. dass er unsre Abreise verzögert.

   Bei dieser Gelegenheit kam es zu einigen Erläuterungen zwischen mir und dem Prinzen. Das ganze Geschäft war durch Biondello’s Hände gegangen, und der Ebräer war da, ehe ich etwas davon ahndete. Den Prinzen zu dieser Extremität gebracht zu sehen, presste mir das Herz und machte alle Erinnerungen der Vergangenheit, alle Schrecken für die Zukunft in mir lebendig, dass ich freilich etwas grämlich und düster ausgesehen haben mochte, als der Wucherer hinaus war. Der Prinz, den der vorhergehende Auftritt ohnehin sehr reizbar gemacht hatte, ging mit Unmut im Zimmer auf und nieder, die Rollen lagen noch auf dem Tisch, ich stand am Fenster und beschäftigte mich, die Scheiben in der Prokuratie zu zählen, es war eine lange Stille; endlich brach er los.

   „F***!“, fing er an: „Ich kann keine finstern Gesichter um mich leiden.“

   Ich schwieg.

   „Warum antworten Sie mir nicht? – Seh’ ich nicht, dass es Ihnen das Herz abdrücken will, Ihren Verdruss auszugießen? Und ich will haben, dass Sie reden. Sie dürften sonst Wunder glauben, was für weise Dinge Sie verschweigen.“

   „Wenn ich finster bin, gnädigster Herr“, sagte ich, „so ist es nur, weil ich Sie nicht heiter sehe.“

   „Ich weiß“, fuhr er fort, „dass ich Ihnen nicht recht bin – schon seit geraumer Zeit – dass alle meine Schritte missbilligt werden – dass – Was schreibt der Graf von O**?“

   „Der Graf von O** hat mir nichts geschrieben.“

   „Nichts? Was wollen Sie es leugnen? Sie haben Herzensergießungen zusammen – Sie und der Graf! Ich weiß es recht gut. Aber gestehen Sie mir’s immer. Ich werde mich nicht in Ihre Geheimnisse eindringen.“

   „Der Graf von O**“, sagte ich, „hat mir von drei Briefen, die ich ihm schrieb, noch den ersten zu beantworten.“

   „Ich habe Unrecht getan“, fuhr er fort. „Nicht wahr? (Eine Rolle ergreifend.) Ich hätte das nicht tun sollen?“

   „Ich sehe wohl ein, dass dies notwendig war.“

   „Ich hätte mich nicht in die Notwendigkeit setzen sollen?“

   Ich schwieg.

   „Freilich! Ich hätte mich mit meinen Wünschen nie über das hinaus wagen sollen und darüber zum Greis werden wie ich zum Mann geworden bin! Weil ich aus der traurigen Einförmigkeit meines bisherigen Lebens einmal heraus gehe und herum schaue, ob sich nicht irgend anderswo eine Quelle des Genusses für mich öffnet – weil ich –“

   „Wenn es ein Versuch war, gnädigster Herr, dann hab’ ich nichts mehr zu sagen – dann sind die Erfahrungen, die er Ihnen verschafft haben wird, mit noch dreimal soviel nicht zu teuer erkauft. Es tat mir weh, ich gesteh’ es, dass die Meinung der Welt über eine Frage, wie Sie glücklich sein sollen, zu entscheiden haben sollte.“

   „Wohl Ihnen, dass Sie sie verachten können, die Meinung der Welt! Ich bin ihr Geschöpf, ich muss ihr Sklave sein. Was sind wir anders als Meinung? Alles an uns Fürsten ist Meinung. Die Meinung ist unsre Amme und Erzieherin in der Kindheit, unsre Gesetzgeberin und Geliebte in männlichen Jahren, unsre Krücke im Alter. Nehmen Sie uns, was wir von der Meinung haben, und der Schlechteste aus den übrigen Klassen ist besser daran als wir; denn sein Schicksal hat ihm doch zu einer Philosophie verholfen, welche ihn über dieses Schicksal tröstet. Ein Fürst, der die Meinung verlacht, hebt sich selbst auf, wie der Priester, der das Dasein eines Gottes leugnet.“

   „Und dennoch, gnädigster Prinz –“

   „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich kann den Kreis überschreiten, den meine Geburt um mich gezogen hat – aber kann ich auch alle Wahnbegriffe aus meinem Gedächtnis heraus reißen, die Erziehung und frühe Gewohnheit darein gepflanzt und hunderttausend Schwachköpfe unter euch immer fester und fester darin gegründet haben? Jeder will doch gern ganz sein, was er ist, und unsre Existenz ist nun einmal, glücklich scheinen. Weil wir es nicht sein können auf eure Weise, sollen wir es darum gar nicht sein? Wenn wir die Freude aus ihrem reinen Quell unmittelbar nicht mehr schöpfen dürfen, sollen wir uns auch nicht mit einem künstlichen Genuss hintergehen, nicht von eben der Hand, die uns beraubte, eine schwache Entschädigung empfangen dürfen?“

   „Sonst fanden Sie diese in Ihrem Herzen.“

   „Wenn ich sie nun nicht mehr darin finde? – O, wie kommen wir darauf? Warum mussten Sie diese Erinnerungen in mir aufwecken? – Wenn ich nun eben zu diesem Sinnentumult meine Zuflucht nahm, um eine innere Stimme zu betäuben, die das Unglück meines Lebens macht – um diese grübelnde Vernunft zur Ruhe zu bringen, die wie eine schneidende Sichel in meinem Gehirn hin und her fährt und mit jeder neuen Forschung einen neuen Zweig meiner Glückseligkeit zerschneidet?“

   „Mein bester Prinz!“ – Er war aufgestanden und ging im Zimmer herum, in ungewöhnlicher Bewegung.

   „Wenn alles vor mir und hinter mir versinkt – die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein Reich der Versteinerung hinter mir liegt – wenn die Zukunft mir nichts bietet – wenn ich meines Daseins ganzen Kreis im schmalen Raum der Gegenwart beschlossen sehe – wer verargt es mir, dass ich dieses magere Geschenk der Zeit, – den Augenblick – feurig und unersättlich wie einen Freund, den ich zum letzten Mal sehe, in meine Arme schließe?“

   „Gnädigster Herr, sonst glaubten Sie an ein bleibenderes Gut –“

   „O, machen Sie, dass mir das Wolkenbild halte, und ich will meine glühenden Arme darum schlagen. Was für Freude kann es mir geben, Erscheinungen zu beglücken, die morgen dahin sein werden, wie ich? – Ist nicht alles Flucht um mich herum? Alles stößt sich und drängt seinen Nachbarn weg, aus dem Quell des Daseins einen Tropfen eilends zu trinken und lechzend davon zu gehen. Jetzt in dem Augenblick, wo ich meiner Kraft mich freue, ist schon ein werdendes Leben an meine Zerstörung angewiesen. Zeigen Sie mir etwas, das dauert, so will ich tugendhaft sein.“

   „Was hat denn die wohltätigen Empfindungen verdrängt, die einst der Genuss und die Richtschnur Ihres Lebens waren? Saaten für die Zukunft zu pflanzen, einer hohen ewigen Ordnung zu dienen –“

   „Zukunft! Ewige Ordnung! – Nehmen wir hinweg, was der Mensch aus seiner eigenen Brust genommen und seiner eingebildeten Gottheit als Zweck, der Natur als Gesetz untergeschoben hat – was bleibt uns dann übrig? – Was mir vorherging und was mir folgen wird, sehe ich als zwei schwarze und undurchdringliche Decken an, die an beiden Grenzen des menschlichen Lebens herunterhangen und welche noch kein Lebender aufgezogen hat. Schon viele hundert Generationen stehen mit der Fackel davor und raten und raten, was etwa dahinter sein möchte. Viele sehen ihren eigenen Schatten, die Gestalten ihrer Leidenschaft, vergrößert auf der Decke der Zukunft sich bewegen und fahren schaudernd vor ihrem eigenen Bild zusammen. Dichter, Philosophen und Staatenstifter haben sie mit ihren Träumen bemalt, lachender oder finstrer, wie der Himmel über ihnen trüber oder heiterer war; und von weitem täuschte die Perspektive. Auch manche Gaukler nützten diese allgemeine Neugier und setzten durch seltsame Vermummungen die gespannten Phantasien in Erstaunen. Eine tiefe Stille herrscht hinter dieser Decke, keiner, der einmal dahinter ist, antwortet hinter ihr hervor; alles, was man hörte, war ein hohler Widerschall der Frage, als ob man in eine Gruft gerufen hätte. Hinter diese Decke müssen alle, und mit Schaudern fassen sie sie an, ungewiss, wer wohl dahinter stehe und sie in Empfang nehmen werde; quid sit id, quod tantum perituri vident. Freilich gab es auch Ungläubige darunter, die behaupteten, dass diese Decke die Menschen nur narre und dass man nichts beobachtet hätte, weil auch nichts dahinter sei; aber um sie zu überweisen, schickte man sie eilig dahinter.“

   „Ein rascher Schluss war es immer, wenn sie keinen bessern Grund hatten, als weil sie nichts sahen.“

   „Sehen Sie nun, lieber Freund, ich bescheide mich gern, nicht hinter diese Decke blicken zu wollen – und das Weiseste wird doch wohl sein, mich von aller Neugier zu entwöhnen. Aber indem ich diesen unüberschreitbaren Kreis um mich ziehe und mein ganzes Sein in die Schranken der Gegenwart einschließe, wird mir dieser kleine Fleck desto wichtiger, den ich schon über eitlen Eroberungsgedanken zu vernachlässigen in Gefahr war. Das, was Sie den Zweck meines Daseins nennen, geht mich jetzt nichts mehr an. Ich kann mich ihm nicht entziehen, ich kann ihm nicht nachhelfen; ich weiß aber und glaube fest, dass ich einen solchen Zweck erfüllen muss und erfülle. Ich bin einem Boten gleich, der einen versiegelten Brief an den Ort seiner Bestimmung trägt. Was er enthält, kann ihm einerlei sein – er hat nichts als seinen Botenlohn dabei zu verdienen.“

   „O wie arm lassen Sie mich stehen!“

   „Aber wohin haben wir uns verirrt?“, rief jetzt der Prinz aus, indem er lächelnd auf den Tisch sah, wo die Rollen lagen. „Und doch nicht so sehr verirrt!“, setzte er hinzu – „denn vielleicht werden Sie mich jetzt in dieser neuen Lebensart wieder finden. Auch ich konnte mich nicht so schnell von dem eingebildeten Reichtum entwöhnen, die Stützen meiner Moralität und meiner Glückseligkeit nicht so schnell von dem lieblichen Traum ablösen, mit welchem alles, was bis jetzt in mir gelebt hatte, so fest verschlungen war. Ich sehnte mich nach dem Leichtsinn, der das Dasein der meisten Menschen um mich her erträglich macht. Alles, was mich mir selbst entführte, war mir willkommen. Soll ich es Ihnen gestehen? Ich wünschte zu sinken, um diese Quelle meines Leidens auch mit der Kraft dazu zu zerstören.“

   Hier unterbrach uns ein Besuch – Künftig werde ich Sie von einer Neuigkeit unterhalten, die Sie wohl schwerlich auf ein Gespräch, wie das heutige, erwarten dürften. Leben Sie wohl.

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