Dritter Aufzug
Saal bei der Herzogin von Friedland.
Erster Auftritt
Gräfin Terzky. Thekla.
Fräulein von Neubrunn. Beide letzteren mit weiblichen Arbeiten
beschäftigt.
Gräfin.
Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla? Gar nichts?
Schon lange wart’ ich auf ein Wort von euch.
Könnt’ ihr’s ertragen, in so langer Zeit
Nicht einmal seinen Namen auszusprechen?
Wie? Oder wär’ ich jetzt schon überflüssig,
Und gäb’ es andre Wege, als durch mich? –
Gesteht mir, Nichte. Habt ihr ihn gesehn?
Thekla.
Ich hab’ ihn heut und gestern nicht gesehn.
Gräfin.
Auch nicht von ihm gehört? Verbergt mir nichts.
Thekla.
Kein Wort.
Gräfin.
Und könnt so ruhig sein?
Thekla.
Ich bin’s.
Gräfin.
Verlasst uns, Neubrunn.
(Fräulein von Neubrunn
entfernt sich.)
Zweiter Auftritt
Gräfin. Thekla.
Gräfin.
Es gefällt mir nicht,
Dass er sich grade jetzt so still verhält.
Thekla.
Gerade jetzt!
Gräfin.
Nachdem er alles weiß!
Denn jetzo war’s die Zeit, sich zu erklären.
Thekla.
Sprecht deutlicher, wenn ich’s verstehen soll.
Gräfin.
In dieser Absicht schickt’ ich sie hinweg.
Ihr seid kein Kind mehr, Thekla. Euer Herz
Ist mündig, denn ihr leibt, und kühner Mut
Ist bei der Liebe. Den habt ihr bewiesen.
Ihr artet mehr nach eures Vaters Geist,
Als nach der Mutter ihrem. Darum könnt ihr hören
Was sie nicht fähig ist zu tragen.
Thekla.
Ich bitt’ euch, endet diese Vorbereitung.
Sei’s, was es sei. Heraus damit! Es kann
Mich mehr nicht ängstigen, als dieser Eingang.
Was habt ihr mir zu sagen? Fasst es kurz.
Gräfin.
Ihr müsst nur nicht erschrecken –
Thekla.
Nennt’s! Ich bitt’ euch.
Gräfin.
Es steht bei euch, dem Vater einen großen Dienst
Zu leisten –
Thekla.
Bei mir stünde das! Was kann –
Gräfin.
Max Piccolomini liebt euch. Ihr könnt
Ihn unauflöslich an den Vater binden.
Thekla.
Braucht’s dazu meiner? Ist er es nicht schon?
Gräfin.
Er war’s.
Thekla.
Und warum sollt’ er’s nicht mehr sein,
Nicht immer bleiben?
Gräfin.
Auch am Kaiser hängt er.
Thekla.
Nicht mehr als Pflicht und Ehre von ihm fordern.
Gräfin.
Von seiner Liebe fordert man Beweise,
Und nicht von seiner Ehre – Pflicht und Ehre!
Das sind vieldeutig doppelsinn’ge Namen,
Ihr sollt sie ihm auslegen, seine Liebe
Soll seine Ehre ihm erklären.
Thekla.
Wie?
Gräfin.
Er soll dem Kaiser oder euch entsagen.
Thekla.
Er wird den Vater gern in den Privatstand
Begleiten. Ihr vernahmt es von ihm selbst,
Wie sehr er wünscht die Waffen wegzulegen.
Gräfin.
Er soll sie nicht weglegen, ist die Meinung,
Er soll sie für den Vater ziehn.
Thekla.
Sein Blut,
Sein Leben wird er für den Vater freudig
Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerführe.
Gräfin.
Ihr wollt mich nicht erraten – Nun, so hört.
Der Vater ist vom Kaiser abgefallen,
Steht im Begriff, sich zu dem Feind zu schlagen
Mit samt dem ganzen Heer –
Thekla.
O meine Mutter!
Gräfin.
Es braucht ein großes Beispiel, die Armee
Ihm nachzuziehn. Die Piccolomini
Stehn bei dem Heer in Ansehn; sie beherrschen
Die Meinung, und entscheidend ist ihr Vorgang.
Des Vaters sind wir sicher durch den Sohn –
– Ihr habt jetzt viel in eurer Hand.
Thekla.
O jammervolle Mutter! Welcher Streich des Todes
Erwartet dich! – Sie wird’s nicht überleben.
Gräfin.
Sie wird in das Notwendige sich fügen.
Ich kenne sie – das Ferne, Künftige beängstigt
Ihr fürchtend Herz; was unabänderlich
Und wirklich da ist, trägt sie mit Ergebung.
Thekla.
O meine ahnungsvolle Seele – Jetzt –
Jetzt ist sie da, die kalte Schreckenshand,
Die in mein fröhlich Hoffen schaudernd greift.
Ich wusst’ es wohl – O gleich, als ich hier eintrat,
Weissagte mir’s das bange Vorgefühl,
Dass über mir die Unglückssterne stünden –
Doch warum denk’ ich jetzt zuerst an mich –
O meine Mutter! Meine Mutter!
Gräfin.
Fasst euch.
Brecht nicht in eitle Klagen aus. Erhaltet
Dem Vater einen Freund, euch den Geliebten.
So kann noch alles gut und glücklich werden.
Thekla.
Gut werden! Was? Wir sind getrennt auf immer!
Ach, davon ist nun gar nicht mehr die Rede.
Gräfin.
Er lässt euch nicht! Er kann nicht von euch lassen.
Thekla.
O der Unglückliche!
Gräfin.
Wenn er euch wirklich leibt, wird sein Entschluss
Geschwind gefasst sein.
Thekla.
Sein Entschluss wird bald
Gefasst sein, daran zweifelt nicht. Entschluss!
Ist hier noch ein Entschluss?
Gräfin.
Fasst euch. Ich höre
Die Mutter nahn.
Thekla.
Wie werd’ ich ihren Anblick
Ertragen?
Gräfin.
Fasst euch.
Dritter Auftritt
Die Herzogin. Vorige.
Herzogin (zur Gräfin).
Schwester, wer war hier?
Ich hörte lebhaft reden.
Gräfin.
Es war niemand.
Herzogin.
Ich bin so schreckhaft. Jedes Rauschen kündigt mir
Den Fußtritt eines Unglücksboten an.
Könnt ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?
Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,
Dem Kardinal die Reiter senden? Sprecht,
Hat er den Questenberg mit einer guten
Antwort entlassen?
Gräfin.
– Nein, das hat er nicht.
Herzogin.
O dann ist’s aus! – Ich seh’ das Ärgste kommen.
Sie werden ihn absetzen; es wird alles wieder
So werden, wie zu Regensburg.
Gräfin.
So wird’s
Nicht werden. Diesmal nicht. Dafür seid ruhig.
(Thekla, heftig bewegt,
stürzt auf die Mutter zu und schließt sie weinend in die Arme.)
Herzogin.
O der unbeugsam unbezähmte Mann!
Was hab’ ich nicht getragen und gelitten
In dieser Ehe unglücksvollem Bund!
Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,
Das rastlos eilend, ewig, heftig treibt,
Bracht’ ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,
Und stets an eines Abgrunds jähem Rande
Sturz drohend, schwindelnd riss er mich dahin.
– Nein, weine nicht, mein Kind. Lass dir mein Leiden
Zu keiner bösen Vorbedeutung werden,
Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind,
Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fürchten.
Thekla.
O lassen sie uns fliehen, liebe Mutter!
Schnell! Schnell! Hier ist kein Aufenthalt für uns.
Jedwede nächste Stunde brütet irgend
Ein neues, ungeheures Schreckbild aus.
Herzogin.
Dir wird ein ruhigeres Los! – Auch wir,
Ich und dein Vater, sahen schöne Tage.
Der ersten Jahre denk’ ich noch mit Lust.
Da war er noch der fröhlich Strebende,
Sein Ehrgeiz war ein mild erwärmend Feuer,
Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.
Der Kaiser leibte ihn, vertraute ihm,
Und was er anfing, das musst’ ihm geraten.
Doch seit dem Unglückstag zu Regensburg,
Der ihn von seiner Höh’ herunterstürzte,
Ist ein unsteter, ungesell’ger Geist
Argwöhnisch, finster, über ihn gekommen.
Ihn floh die Ruhe, und, dem alten Glück,
Der eignen Kraft nicht fröhlich mehr vertrauend,
Wandt’ er sein Herz den dunkeln Künsten zu,
Die keinen, der sie pflegte, noch beglückt.
Gräfin.
Ihr seht’s mit euren Augen – Aber ist
Das ein Gespräch, womit wir ihn erwarten?
Er wird bald hier sein, wisst ihr. Soll er sie
In diesem Zustand finden?
Herzogin.
Komm, mein Kind.
Wisch deine Tränen ab. Zeig deinem Vater
Ein heitres Antlitz – Sieh, die Schleife hier
Ist los – Dies Haar muss aufgebunden werden.
Komm, trockne deine Tränen. Sie entstellen
Dein holdes Auge – Was ich sagen wollte?
Ja, dieser Piccolomini ist doch
Ein würd’ger Edelmann und voll Verdienst.
Gräfin.
Das ist er, Schwester.
Thekla (zur Gräfin,
beängstigt).
Tante, wollt ihr mich
Entschuldigen?
(Will gehen.)
Gräfin.
Wohin? Der Vater kommt.
Thekla.
Ich kann ihn jetzt nicht sehn.
Gräfin.
Er wird euch aber
Vermissen, nach euch fragen.
Herzogin.
Warum geht sie?
Thekla.
Es ist mir unerträglich, ihn zu sehn.
Gräfin (zur Herzogin).
Ihr ist nicht wohl.
Herzogin (besorgt).
Was fehlt dem lieben Kinde?
(Beide folgen dem Fräulein
und sind beschäftigt, sie zurückzuhalten. Wallenstein erscheint, im
Gespräch mit Illo.)
Vierter Auftritt
Wallenstein. Illo.
Vorige.
Wallenstein.
Es ist noch still im Lager?
Illo.
Alles still.
Wallenstein.
In wenig Stunden kann die Nachricht da sein
Aus Prag, dass diese Hauptstadt unser ist.
Dann können wir die Maske von uns werfen,
Den hiesigen Truppen den getanen Schritt
Zugleich mit dem Erfolg zu wissen tun.
In solchen Fällen tut das Beispiel alles.
Der Mensch ist ein nachahmendes Geschöpf,
Und wer der Vorderste ist, führt die Herde.
Die Prager Truppen wissen es nicht anders,
Als dass die Pilsner Völker uns gehuldigt,
Und hier in Pilsen sollen sie uns schwören,
Weil man zu Prag das Beispiel hat gegeben.
– Der Buttler, sagst du, hat sich nun erklärt?
Illo.
Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er,
Sich selbst, sein Regiment dir anzubieten.
Wallenstein.
Nicht jeder Stimme, find’ ich, ist zu glauben,
Die warnend sich im Herzen lässt vernehmen.
Uns zu berücken, borgt der Lügengeist
Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
Und streut betrügliche Orakel aus.
So hab’ ich diesem würdig braven Mann,
Dem Buttler, stilles Unrecht abzubitten;
Denn ein Gefühl, des ich nicht Meister bin,
Furcht möcht’ ich’s nicht gern nennen, überschleicht
In seiner Nähe schaudernd mir die Sinne,
Und hemmt der Liebe freudige Bewegung.
Und dieser Redliche, vor dem der Geist
Mich warnt, reicht mir das erste Pfand des Glücks.
Illo.
Und sein geachtet Beispiel, zweifle nicht,
Wird dir die Besten in dem Heer gewinnen.
Wallenstein.
Jetzt geh und schick mir gleich den Isolani
Hieher, ich hab’ ihn mir noch jüngst verpflichtet.
Mit ihm will ich den Anfang machen. Geh!
(Illo geht hinaus;
unterdessen sind die übrigen wieder vorwärts gekommen.)
Wallenstein.
Sieh da, die Mutter mit der lieben Tochter!
Wir wollen einmal von Geschäften ruhn –
Kommt! Mich verlangte, eine heitre Stunde
Im leiben Kreis der Meinen zu verleben.
Gräfin.
Wir waren lang nicht so beisammen, Bruder.
Wallenstein (bei Seite , zur
Gräfin).
Kann sie’s vernehmen? Ist sie vorbereitet?
Gräfin.
Noch nicht.
Wallenstein.
Komm, her, mein Mädchen! Setz dich zu mir.
Es ist ein guter Geist auf deinen Lippen,
Die Mutter hat mir deine Fertigkeit
Gepriesen, es soll eine zarte Stimme
Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele
Bezaubert. Eine solche Stimme brauch’
Ich jetzt, den bösen Dämon zu vertreiben,
Der um mein Haupt die schwarzen Flügel schlägt.
Herzogin.
Wo hast du deine Zither, Thekla? Komm,
Lass deinen Vater eine Probe hören
Von deiner Kunst.
Thekla.
O meine Mutter! Gott!
Herzogin.
Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater.
Thekla.
Ich kann nicht, Mutter –
Gräfin.
Wie? Was ist das, Nichte?
Thekla (zur Gräfin).
Verschont mich – Singen – jetzt – in dieser Angst
Der schwer beladnen Seele – vor ihm singen –
Der meine Mutter stürzt ins Grab!
Herzogin.
Wie, Thekla, Launen? Soll dein güt’ger Vater
Vergeblich einen Wunsch geäußert haben?
Gräfin.
Hier ist die Zither.
Thekla.
O mein Gott – Wie kann ich –
(Hält das Instrument mit
zitternder Hand, ihre Seele arbeitet im heftigsten Kampf, und im
Augenblick, da sie anfangen soll zu singen, schaudert sie zusammen, wirft
das Instrument weg, und geht schnell ab.)
Herzogin.
Mein Kind – o, sie ist krank!
Wallenstein.
Was ist dem Mädchen? Pflegt sie so zu sein?
Gräfin.
Nun, weil sie es denn selbst verrät, so will
Auch ich nicht länger schweigen.
Wallenstein.
Wie?
Gräfin.
Sie liebt ihn.
Wallenstein.
Liebt! Wen?
Gräfin.
Den Piccolomini liebt sie.
Hast du es nicht bemerkt? Die Schwester auch nicht?
Herzogin.
O war es dies, was ihr das Herz beklemmte!
Gott segne dich, mein Kind! Du darfst
Dich deiner Wahl nicht schämen.
Gräfin.
Diese Reise –
Wenn’s deine Absicht nicht gewesen, schreib’s
Dir selber zu. Du hättest einen andern
Begleiter wählen sollen!
Wallenstein.
Weiß er’s?
Gräfin.
Er hofft, sie zu besitzen.
Wallenstein.
Hofft,
Sie zu besitzen – Ist der Junge toll?
Gräfin.
Nun mag sie’s selber hören!
Wallenstein.
Die Friedländerin
Denkt er davon zu tragen? Nun! Der Einfall
Gefällt mir! Die Gedanken stehen ihm nicht niedrig.
Gräfin.
Weil du so viele Gunst ihm stets bezeugt,
So –
Wallenstein.
- Will er mich auch endlich noch beerben.
Nun ja, ich lieb’ ihn, halt’ ihn wert; was aber
Hat das mit meiner Tochter Hand zu schaffen?
Sind es die Töchter, sind’s die einz’gen Kinder,
Womit man seine Gunst bezeugt?
Herzogin.
Sein adeliger Sinn und seine Sitten –
Wallenstein.
Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter.
Herzogin.
Sein Stand und seien Ahnen –
Wallenstein.
Ahnen! Was!
Er ist ein Untertan, und meinen Eidam
Will ich mir auf Europas Thronen suchen.
Herzogin.
O lieber Herzog! Streben wir nicht all zu hoch
Hinauf, dass wir zu tief nicht fallen mögen.
Wallenstein.
Ließ ich mir’s so viel kosten, in die Höh’
Zu kommen, über die gemeinen Häupter
Der Menschen wegzuragen, um zuletzt
Die große Lebensrolle mit gemeiner
Verwandtschaft zu beschließen? – Hab’ ich darum –
(Plötzlich hält er inne,
sich fassend.)
Sie ist das einzige, was von mir nachbleibt
Auf Erden: Eine Krone will ich sehn
Auf ihrem Haupte oder will nicht leben.
Was? Alles – Alles setz’ ich dran, um sie
Recht groß zu machen – ja, in der Minute,
Worin wir sprechen –
(Er besinnt sich.)
Und ich sollte nun,
Wie ein weichherz’ger Vater, was sich gern hat
Und leibt, fein bürgerlich zusammengeben?
Und jetzt soll ich das tun, jetzt eben, da ich
Auf mein vollendet Werk den Kranz will setzen –
Nein, sie ist mir ein lang gespartes Kleinod,
Die höchste, letzte Münze meines Schatzes,
Nicht niedriger fürwahr gedenk ich’ sie
Als um ein Königsszepter loszuschlagen –
Herzogin.
O mein Gemahl! Sie bauen immer, bauen
Bis in die Wolken, bauen fort und fort
Und denken nicht dran, dass der schmale Grund
Das schwindelnd schwanke Werk nicht tragen kann.
Wallenstein (zur Gräfin).
Hast du ihr angekündigt, welchen Wohnsitz
Ich ihr bestimmt?
Gräfin.
Noch nicht. Entdeck’s ihr selbst.
Herzogin.
Wie? Gehen wir nach Kärnten nicht zurück?
Wallenstein.
Nein.
Herzogin
Oder sonst auf keines ihrer Güter?
Wallenstein.
Sie würden dort nicht sicher sein.
Herzogin
Nicht sicher
In Kaisers Landen, unter Kaisers Schutz?
Wallenstein.
Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen.
Herzogin.
O Gott, bis dahin haben Sie’s gebracht!
Wallenstein.
In Holland werden sie Schutz finden.
Herzogin.
Was?
Sie senden uns in lutherische Länder?
Wallenstein.
Der Herzog Franz von Lauenburg wird ihr
Geleitsmann dabei sein.
Herzogin.
Der Lauenburger?
Der’s mit dem Schweden hält? Des Kaisers Feind?
Wallenstein.
Des Kaisers Feinde sind die meinen nicht mehr.
Herzogin (sieht den Herzog und
die Gräfin schreckensvoll an).
Ist’s also wahr? Es ist? Sie sind gestürzt?
Sind vom Kommando abgesetzt? O Gott
Im Himmel!
Gräfin (seitwärts zum Herzog).
Lassen wir sie bei dem Glauben.
Du siehst, dass sie die Wahrheit nicht ertrüge.
Fünfter Auftritt
Graf Terzky. Vorige.
Gräfin.
Terzky! Was ist ihm? Welches Bild des Schreckens,
Als hätt’ er ein Gespenst gesehn!
Terzky (Wallenstein bei Seite
führend, heimlich).
Ist’s dein Befehl, dass die Kroaten reiten?
Wallenstein.
Ich weiß von nichts.
Terzky.
Wir sind verraten!
Wallenstein.
Was?
Terzky.
Sie sind davon, heut Nacht, die Jäger auch,
Leer stehen alle Dörfer in der Runde.
Wallenstein.
Und Isolani?
Terzky.
Den hast du ja verschickt.
Wallenstein.
Ich?
Terzky.
Nicht? Du hast ihn nicht verschickt? Auch nicht
Den Deodat? Sie sind verschwunden beide.
Sechster Auftritt
Illo. Vorige.
Illo.
Hat dir der Terzky –
Terzky.
Er weiß alles.
Illo.
Auch dass Maradas, Esterhazy, Götz,
Colalto, Kaunitz dich verlassen? –
Terzky.
Teufel!
Wallenstein (winkt).
Still!
Gräfin (hat sie von weitem
ängstlich beobachtet, tritt hinzu).
Terzky! Gott! Was gibt’s? Was ist geschehn?
Wallenstein (im Begriff
aufzubrechen).
Nichts! Lasst uns gehen.
Terzky (will ihm folgen).
Es ist nichts, Therese.
Gräfin (hält ihn).
Nichts? Seh’ ich nicht, dass alles Lebensblut
Aus euren geisterbleichen Wangen wich,
Dass selbst der Bruder Fassung nur erkünstelt?
Page (kommt).
Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky.
(Ab. Terzky folgt dem
Pagen.)
Wallenstein.
Hör’, was er bringt – (Zu Illo.) Das konnte nicht so
heimlich
Geschehen ohne Meuterei – Wer hat
Die Wache an den Toren?
Illo.
Tiefenbach.
Wallenstein.
Lass Tiefenbach ablösen unverzüglich,
Und Terzky’s Grenadiere aufziehn – Höre!
Hast du von Buttler Kundschaft?
Illo.
Buttler traf ich.
Gleich ist er selber hier. Der hält dir fest.
(Illo geht, Wallenstein will
ihm folgen.)
Gräfin.
Lass ihn nicht von dir, Schwester! Halt’ ihn auf –
Es ist ein Unglück –
Herzogin.
Großer Gott! Was ist’s?
(Hängt sich an ihn.)
Wallenstein (erwehrt sich
ihrer).
Seid ruhig! Lasst mich! Schwester! Liebes Weib,
Wir sind im Lager! Da ist’s nun nicht anders,
Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind,
Schwer lenken sich die heftigen Gemüter,
Und Ruhe nie beglückt des Führers Haupt –
Wenn ich soll bleiben, geht! Denn übel stimmt
Der Weiber Klage zu dem Tun der Männer.
(Er will gehen, Terzky kommt
zurück.)
Terzky.
Bleib hier. Von diesem Fenster muss man’s sehn.
Wallenstein (zur Gräfin).
Geht, Schwester!
Gräfin.
Nimmermehr!
Wallenstein.
Ich will’s.
Terzky (führt sie bei Seite,
mit einem bedeutenden Wink auf die Herzogin.)
Therese!
Herzogin.
Komm, Schwester, weil er es befiehlt.
(Gehen ab.)
Siebenter Auftritt
Wallenstein. Graf Terzky.
Wallenstein (ans Fenster
tretend).
Was gibt’s denn?
Terzky.
Es ist ein Rennen und Zusammenlaufen
Bei allen Truppen. Niemand weiß die Ursach.
Geheimnisvoll, mit einer finstern Stille,
Stellt jedes Korps sich unter seine Fahnen;
Die Tiefenbacher machen böse Mienen,
Nur die Wallonen stehen abgesondert
In ihrem Lager, lassen niemand zu
Und halten sich gesetzt, so wie sie pflegen.
Wallenstein.
Zeigt Piccolomini sich unter ihnen?
Terzky.
Man sucht ihn, er ist nirgends anzutreffen.
Wallenstein.
Was überbrachte denn der Adjutant?
Terzky.
Ihn schickten meine Regimenter ab,
Sie schwören nochmals Treue dir, erwarten
Voll Kriegeslust den Aufruf zum Gefechte.
Wallenstein.
Wie aber kam der Lärmen in das Lager?
Es sollte ja dem Heer verschwiegen bleiben,
Bis sich zu Prag das Glück für uns entschieden.
Terzky.
O dass du mir geglaubt! Noch gestern Abends
Beschwuren wir dich, den Octavio,
Den Schleicher, aus den Toren nicht zu lassen,
Du gabst die Pferde selber ihm zur Flucht –
Wallenstein.
Das alte Lied, einmal für allemal,
Nichts mehr von diesem törichten Verdacht!
Terzky.
Dem Isolani hast du auch getraut,
Und war der erste doch, der dich verließ.
Wallenstein.
Ich zog ihn gestern erst aus seinem Elend.
Fahr’ hin! Ich hab’ auf Dank ja nie gerechnet.
Terzky.
Und so sind alle, einer wie der andre.
Wallenstein.
Und tut er Unrecht, dass er von mir geht?
Er folgt dem Gott, dem er sein Leben lang
Am Spieltisch hat gedient. Mit meinem Glücke
Schloss er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir.
War ich ihm was, er mir? Das Schiff nur bin ich,
Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
Mit dem er wohlgemut das freie Meer
Durchsegelte; er seiht es über Klippen
Gefährlich gehen und rettet schnell die Ware.
Leicht, wie der Vogel von dem wirtbaren Zweige,
Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.
Ja, der verdient betrogen sich zu sehn,
Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
Mit schnell verlöschten Zügen schreiben sich
Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
Nichts fällt in eines Busens stillen Grund,
Einmuntrer Sinn bewegt die leichten Säfte,
Doch keine Seele wärmt das Eingeweide.
Terzky.
Doch möchte’ ich mich den glatten Stirnen lieber,
Als jenen tiefegefurchten anvertrauen.
Achter Auftritt
Wallenstein. Terzky.
Illo kommt wütend.
Illo.
Verrat und Meuterei!
Terzky.
Ha! Was nun wieder?
Illo.
Die Tiefenbacher, als ich die Ordre gab,
Sie abzulösen – Pflichtvergessne Schlemen!
Terzky.
Nun?
Wallenstein.
Was denn?
Illo.
Sie verweigern den Gehorsam.
Terzky.
So lass sie niederschießen! O, gib Ordre!
Wallenstein.
Gelassen! Welche Ursach geben sie?
Illo.
Kein andrer sonst hab’ ihnen zu befehlen,
Als Generalleutnant Piccolomini.
Wallenstein.
Was – Wie ist das?
Illo.
So hab’ er’s hinterlassen.
Und eigenhändig vorgezeigt vom Kaiser.
Terzky.
Vom Kaiser – Hörst du’s, Fürst!
Illo.
Auf seinen Antrieb
Sind gestern auch die Obersten entwichen.
Terzky.
Hörst du’s!
Illo.
Auch Montecuculi, Caraffa,
Und noch sechs andre Generale werden
Vermisst, die er bered’t hat, ihm zu folgen.
Das hab’ er alles schon seit lange schriftlich
Bei sich gehabt vom Kaiser, und noch jüngst
Erst abgeredet mit dem Questenberger.
(Wallenstein sinkt auf einen
Stuhl und verhüllt sich das Gesicht.)
Terzky.
O hättest du mir doch geglaubt!
Neunter Auftritt
Gräfin. Vorige.
Gräfin.
Ich kann die Angst – ich kann’s nicht länger tragen,
Um Gotteswillen, sagt mir, was es ist.
Illo.
Die Regimenter fallen von uns ab.
Graf Piccolomini ist ein Verräter.
Gräfin.
O meine Ahnung!
(stürzt aus dem Zimmer.)
Terzky.
Hätt’ man mir geglaubt!
Da siehst du’s, wie die Sterne dir gelogen!
Wallenstein (richtet sich auf).
Die Sterne lügen nicht, das aber ist
Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
Die Kunst ist redlich; doch dies falsche Herz
Bringt Lug und Trug in den wahrhaft’gen Himmel.
Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung,
Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
Da irret alle Wissenschaft. War es
Ein Aberglaube, menschliche Gestalt
Durch keinen solchen Argwohn zu entehren,
O nimmer schäm’ ich dieser Schwachheit mich!
Religion ist in der Tiere Trieb;
Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,
Dem er das Schwert will in den Busen stoßen.
Das war kein Heldenstück, Octavio!
Nicht deine Klugheit siegte über meine,
Dein schlechtes Herz hat über mein gerades
Den schändlichen Triumph davongetragen.
Kein Schild fing deinen Mörderstreich auf, du führtest
Ihn ruchlos auf die unbeschützte Brust,
Ein Kind nur bin ich gegen solche Waffen.
Zehnter Auftritt
Vorige. Buttler.
Terzky.
O sieh da, Buttler! Da ist noch ein Freund!
Wallenstein (geht ihm mit
ausgebreiteten Armen entgegen und umfasst ihn mit Herzlichkeit).
Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefährte!
So wohl tut nicht der Sonne Blick im Lenz,
Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.
Buttler.
Mein General – ich komme –
Wallenstein (sich auf seine
schultern lehnend).
Weißt du’s schon?
Der Alte hat dem Kaiser mich verraten.
Was sagst du? Dreißig Jahre haben wir
Zusammen ausgelebt und ausgehalten.
In einem Feldbett haben wir geschlafen,
Aus einem Glas getrunken, einen Bissen
Geteilt; ich stütze mich auf ihn, wie ich
Auf deine Treue Schulter jetzt mich stütze,
Und in dem Augenblick, da liebevoll
Vertrauend meine Brust an seiner schlägt,
Ersieht er sich den Vorteil, sticht das Messer
Mir, listig lauernd, langsam in das Herz!
(Er verbirgt das Gesicht an
Buttlers Brust.)
Buttler.
Vergesst den Falschen! Sagt, was wollt ihr tun?
Wallenstein.
Wohl, wohl gesprochen. Fahre hin! Ich bin
Noch immer reich an Freunden; bin ich nicht?
Das Schicksal leibt mich noch, denn eben jetzt,
Da es des Heuchlers Tücke mir entlarvt,
Hat es ein treues Herz mir zugesendet.
Nichts mehr von ihm. Denkt nicht, dass sein Verlust
Mich schmerze, o! Mich schmerzt nur der Betrug.
Denn wert und teuer waren mir die beiden,
Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig,
Er hat mich nicht getäuscht, er nicht – Genug,
Genug davon! Jetzt gilt es schnellen Rat –
Der Reitende, den mir Graf Kinsky schickt
Aus Prag, kann jeden Augenblick erscheinen.
Was er auch bringen mag, er darf den Meutern
Nicht in die Hände fallen. Drum geschwind,
Schickt einen sichern Boten ihm entgegen,
Der auf geheimem Weg ihn zu mir führe.
(Illo will gehen.)
Buttler (hält ihn zurück).
Mein Feldherr, wen erwartet ihr?
Wallenstein.
Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt,
Wie es mit Prag gelungen.
Buttler.
Hum!
Wallenstein.
Was ist euch?
Buttler.
So wisst ihr’s nicht?
Wallenstein.
Was denn?
Buttler.
Wie dieser Lärmen
Ins Lager kam? –
Wallenstein.
Wie?
Buttler.
Jener Bote –
Wallenstein (erwartungsvoll).
Nun?
Buttler.
Er ist herein.
Terzky und Illo.
Er ist herein?
Wallenstein.
Mein Bote?
Buttler.
Seit mehrern Stunden.
Wallenstein.
Und ich weiß es nicht?
Buttler.
Die Wache fing ihn auf.
Illo (stampft mit dem Fuß).
Verdammt!
Buttler.
Sein Brief
Ist aufgebrochen, läuft durchs ganze Lager –
Wallenstein (gespannt).
Ihr wisst, was er enthält?
Buttler (bedenklich).
Befragt mich nicht!
Terzky.
O – weh uns, Illo! Alles stürzt zusammen!
Wallenstein.
Verhehlt mir nichts. Ich kann das Schlimmste hören.
Prag ist verloren? Ist’s? Gesteht mir’s frei.
Buttler.
Es ist verloren. Alle Regimenter
Zu Budweis, Tabor, Braunau, Königingrätz,
Zu Brünn und Znaym haben euch verlassen,
Dem Kaiser neu gehuldiget, ihr selbst
Mit Kinsky, Terzky, Illo seid geächtet.
(Terzky und Illo zeigen
Schrecken und Wut. Wallenstein bleibt fest und gefasst stehen.)
Wallenstein (nach einer Pause).
Es ist entschieden, nun ist’s gut – und schnell
Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen,
Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell,
Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.
Mit zögerndem Entschluss, mit wankendem Gemüt
Zog ich das Schwert, ich tat’s mit Widerstreben,
Da es in meine Wahl noch war gegeben!
Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht,
Jetzt fecht’ ich für mein Haupt und für mein Leben.
(Er geht ab. Die andern
folgen.)
Elfter Auftritt
Gräfin Terzky kommt aus dem
Seitenzimmer.
Nein! Ich kann’s länger nicht – Wo sind
sie? Alles
Ist leer. Sie lassen mich allein – allein,
In dieser fürchterlichen Angst – Ich muss
Mich zwingen vor der Schwester, ruhig scheinen
Und alle Qualen der bedrängten Brust
In mir verschließen – das ertrag’ ich nicht!
– Wenn es uns fehlschlägt, wenn er zu dem Schweden
Mit leerer Hand, als Flüchtling, müsste kommen,
Nicht als geehrter Bundsgenosse, stattlich,
Gefolgt von eines Heeres Macht – Wenn wir
Von Land zu Lande wie der Pfalzgraf müssten wandern,
Ein schmählich Denkmal der gefallnen Größe –
Nein, diesen Tag will ich nicht schaun! Und könnt’
Er selbst es auch ertragen, so zu sinken,
Ich trüg’s nicht, so gesunken ihn zu sehn.
Zwölfter Auftritt
Gräfin. Herzogin.
Thekla.
Thekla (will die Herzogin
zurückhalten).
O liebe Mutter, bleiben sie zurück!
Herzogin.
Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,
Das mir verhehlt wird – Warum meidet mich
Die Schwester? Warum seh’ ich sie voll Angst
Umher getrieben? Warum dich voll Schrecken?
Und was bedeuten diese stummen Winke,
Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?
Thekla.
Nichts, liebe Mutter!
Herzogin.
Schwester, ich will’s wissen.
Gräfin.
Was hilft’s auch, ein Geheimnis draus zu machen!
Lässt sich’s verbergen? Früher, später muss
Sie’s doch vernehmen lernen und ertragen.
Nicht Zeit ist’s jetzt, der Schwäche nachzugeben,
Mut ist uns Not und ein gefasster Geist,
Und in der Stärke müssen wir uns üben.
Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal
Mit einem Wort – Man hintergeht euch, Schwester.
Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt – der Herzog
Ist nicht entsetzt – er ist –
Thekla (zur Gräfin gehend).
Wollt ihr sie töten?
Gräfin.
Der Herzog ist –
Thekla (die Arme um die Mutter
schlagend).
O standhaft, meine Mutter!
Gräfin.
Empört hat sich der Herzog, zu dem Feind
Hat er sich schlagen wollen, die Armee
Hat ihn verlassen, und es ist misslungen.
(Während dieser Worte wankt
die Herzogin und fällt ohnmächtig in die Arme ihrer Tochter.)
Ein großer Saal beim Herzog von
Friedland.
Dreizehnter Auftritt
Wallenstein im Harnisch.
Du hast’s erreicht, Octavio! – Fast bin ich
Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
Vom Regensburger Fürstentage ging.
Da hatt’ ich nichts mehr als mich selbst – doch was
Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.
Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
Da steh’ ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen
Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
Schon einmal galt ich euch statt eines Heers,
Ich Einzelner. Dahin geschmolzen vor
Der schwed’schen Stärke waren eure Heere,
Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort,
Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
Ergoss sich dieser Gustav, und zu Wien
In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
Soldaten waren teuer, denn die Menge
Geht nach dem Glück – Da wandte man die Augen
Auf mich, den Helfer in der Not; es beugte sich
Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten,
Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort
Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.
Ich tat’s. Die Trommel ward gerührt. Mein Name
Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,
Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
Der altbekannten Hoffnungsfahne zu –
– Noch fühl’ ich mich denselben, der ich war!
Es ist der Geist, der sich den Körper baut,
Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.
Führt eure Tausende mir kühn entgegen,
Gewohnt wohl find sie unter mir zu siegen,
Nicht gegen mich – Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.
Illo und Terzky treten ein.
Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.
Fünf Regimenter Terzky sind noch unser
Und Buttlers wackre Scharen – Morgen stößt
Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schwede.
Nicht mächt’ger war ich, als ich vor neun Jahren
Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.
Vierzehnter Auftritt
Vorige. Neumann, der
den Grafen Terzky bei Seite führt und mit ihm spricht.
Terzky (zu Neumann).
Was suchen sie?
Wallenstein.
Was gibt’s?
Terzky.
Zehn Kürassiere
Von Pappenheim verlangen dich im Namen
Des Regiments zu sprechen.
Wallenstein (schnell zu
Neumann).
Lass sie kommen.
(Neumann geht hinaus.)
Davon erwart’ ich etwas. Gebet Acht,
Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.
Fünfzehnter Auftritt
Wallenstein. Terzky.
Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten geführt, marschieren auf
und stellen sich nach dem Kommando in einem Glied vor den Herzog, die
Honneurs machend.
Wallenstein (nachdem er sie
eine Zeit lang mit den Augen gemessen, zum Gefreiten).
Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg in Flandern,
Dein Nam’ ist Mercy.
Gefreiter.
Heinrich Mercy heiß’ ich.
Wallenstein.
Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
Von Hessischen umringt, und schlugst dich durch,
Mit hundertachtzig Mann durch ihrer Tausend.
Gefreiter.
So ist’s, mein General.
Wallenstein.
Was wurde dir
Für diese wackre Tat?
Gefreiter.
Die Ehr’, mein Feldherr,
Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.
Wallenstein (wendet sich zu
einem andern).
Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
Heraus ließ treten auf dem Altenberg,
Die schwed’sche Batterie hinweg zu nehmen.
Zweiter Kürassier.
So ist’s, mein Feldherr.
Wallenstein.
Ich vergesse keinen,
Mit dem ich einmal Worte hab’ gewechselt.
Bringt eure Sache vor.
Gefreiter (kommandiert).
Gewehr in Arm!
Wallenstein (zu einem dritten
gewendet).
Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.
Dritter Kürassier.
Risbeck aus Köln.
Wallenstein.
Den schwed’schen Oberst Dübald brachtest du
Gefangen ein im Nürenberger Lager.
Dritter Kürassier.
Ich nicht, mein General.
Wallenstein.
Ganz recht! Es war
Dein älterer Bruder, der es tat – du hattest
Noch einen jüngeren Bruder, wo bleib der?
Dritter Kürassier.
Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.
Wallenstein (zum Gefreiten).
Nun, so lass hören!
Gefreiter.
Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Händen,
Der uns –
Wallenstein (unterbricht ihn).
Wer wählte euch?
Gefreiter.
Jedwede Fahn’
Zog ihren Mann durch’s Los.
Wallenstein.
Nun denn, zur Sache!
Gefreiter.
Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Händen,
Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukünden,
Weil du ein Feind und Landsverräter seist.
Wallenstein.
Was habt ihr drauf beschlossen?
Gefreiter.
Unsre Kameraden
Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben
Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
Die Regimenter Tiefenbach, Toskana.
– Wir aber glauben’s nicht, dass du ein Feind
Und Landsverräter bist, wir halten’s bloß
Für Lug und Trug und spanische Erfindung.
(Treuherzig.)
Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
Das höchste Zutraun haben wir zu dir,
Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
Den guten Feldherrn und die guten Truppen.
Wallenstein.
Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer.
Gefreiter.
Und dies entbietet dir dein Regiment:
Ist’s deine Absicht bloß, dies Kriegesszepter,
Das dir gebührt, das dir der Kaiser hat
Vertraut, in deinen Händen zu bewahren,
Östreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
So wollen wir dir beistehn und dich schützen
Bei deinem guten Rechte gegen jeden –
Und wenn die andern Regimenter alle
Sich von dir wenden, wollen wir allein
Dir treu sein, unser Leben für dich lassen.
Denn das ist unsre Reiterpflicht, dass wir
Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
Wenn’s aber so ist, wie des Kaisers Brief
Besagt, wenn’s wahr ist, dass du uns zum Feind
Treuloser Weise willst hinüber führen,
Was Gott verhüte! Ja, so wollen wir
Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.
Wallenstein.
Hört, Kinder –
Gefreiter.
Braucht nicht viel Worte. Sprich
Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.
Wallenstein.
Hört an. Ich weiß, dass ihr verständig seid,
Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt.
Drum hab’ ich euch, ihr wisst’s, auch ehrenvoll
Stets unterschieden in der Heereswoge;
Denn nur die Fahnen zählt der schnelle Blick
Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten –
So, wisst ihr, hab’ ich’s nicht mit euch gehalten;
Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
Hab’ ich als freie Männer euch behandelt,
Der eignen Stimme Recht euch zugestanden –
Gefreiter.
Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren,
Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,
Du siehst’s! Wir wollen treulich bei dir halten.
Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,
Dass es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,
Dass du das Heer zum Feind nicht wollest führen.
Wallenstein.
Mich, mich verrät man! Aufgeopfert hat mich
Der Kaiser meinen Feinden, fallen muss ich,
Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
Euch will ich mich vertrauen – Euer Herz
Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust
Zielt man! Nach diesem greisen Haupte! – Das
Ist span’sch Dankbarkeit, das haben wir
Für jene Mordschlacht auf der alten Veste,
Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wir
Die nackte Brust der Partisan’ entgegen.
Drum machten wir die eisbedeckte Erde,
Den harten Stein zu unserm Pfühl. Kein Strom
War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
Durch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,
Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
Und wie des Windes Sausen, heimatlos,
Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.
Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
Die undankbare, fluchbeladene, getan,
Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Last
Gewälzt, soll dieser kaiserliche Jüngling
Den Frieden leicht wegragen, soll den Ölzweig,
Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
Sich in die blonden Knabenhaare flechten. –
Gefreiter.
Das soll er nicht, so lang wir’s hindern können.
Niemand, als du, der ihn mit Ruhm geführt,
Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.
Du führtest uns heraus ins blut’ge Feld
Des Todes, du, kein andrer, sollst uns fröhlich
Heimführen in des Friedens schöne Fluren,
Der langen Arbeit schöne Früchte mit uns teilen –
Wallenstein.
Wie? Denkt ihr euch im späten Alter endlich
Der Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht!
Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.
Östreich will keinen Frieden: Darum eben,
Weil ich den Frieden suche, muss ich fallen.
Was kümmert’s Östreich, ob der lange Krieg
Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,
Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
Ihr seid gerührt – Ich seh’ den edlen Zorn
Aus euren kriegerischen Augen blitzen.
O dass mein Geist euch jetzt beseelen möchte,
Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!
Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
Bei meinem Rechte schützen – das ist edelmütig!
Doch denket nicht, dass ihr’s vollenden werdet,
Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr
Für euren Feldherrn euch geopfert haben.
(Zutraulich.)
Nein, lasst uns sicher gehen, Freunde suchen,
Der Schwede sagt uns Hilfe zu, lasst uns
Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
Europas Schicksal in den Händen tragen,
Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
Den Frieden schön bekränzt entgegen führen.
Gefreiter.
So treibst du’s mit dem Schweden nur zum Schein?
Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns
Nicht schwedisch machen? Sieh, das ist’s allein,
Was wir von dir verlangen zu erfahren.
Wallenstein.
Was geht der Schwed’ mich an? Ich hass’ ihn, wie
Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk’ ich ihn
Bald über seine Ostsee Heim zu jagen.
Mir ist’s allein um’s Ganze. Seht! Ich hab’
Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
Ihr seid gemeine Männer nur; doch denkt
Ihr nicht gemein, ihr scheint mir’s wert vor andern,
Dass ich ein traulich Wörtlein zu euch rede –
Seht! Fünfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,
Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed’ und Deutscher!
Papist und Lutheraner! Keiner will
Dem andern weichen! Jede Hand ist wider
Die andre! Alles ist Partei und nirgends
Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? Wer
Den Knäul entwirren, der sich endlos selbst
Vermehrend wächst – Er muss zerhauen werden.
Ich fühl’s, dass ich der Mann des Schicksals bin,
Und hoff’s mit eurer Hilfe zu vollführen.
Sechszehnter Auftritt
Buttler. Vorige.
Buttler (in Eifer).
Das ist nicht wohl getan, mein Feldherr.
Wallenstein.
Was?
Buttler.
Das muss uns schaden bei den Gutgesinnten.
Wallenstein.
Was denn?
Buttler.
Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!
Wallenstein.
Was ist es denn?
Buttler.
Graf Terzky’s Regimenter reißen
Den kaiserlichen Adler von den Fahnen,
Und pflanzen deine Zeichen auf.
Gefreiter (zu den Kürassieren).
Rechts um!
Wallenstein.
Verflucht sei dieser Rat und wer ihn gab!
(Zu den Kürassieren, welche
abmarschieren.)
Halt, Kinder, halt – Es ist ein Irrtum – Hört –
Und streng will ich’s bestrafen – Hört doch! Bleibt!
Sie hören nicht. (Zu Illo.) Geh nach, bedeute sie,
Bring sie zurück, es koste, was es wolle.
(Illo eilt hinaus.)
Das stürzt uns ins Verderben – Buttler! Buttler!
Ihr seid mein böser Dämon, warum musstet ihr’s
In ihrem Beisein melden! – Alles war
Auf gutem Weg – sie waren halb gewonnen –
Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
Dienstfertigkeit! O grausam spielt das Glück
Mit mir! Der Freunde Eifer ist’s, der mich
Zu Grunde richtet, nicht der Hass der Feinde.
Siebenzehnter Auftritt
Vorige. Die Herzogin
stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und die Gräfin. Dann
Illo.
Herzogin.
O Albrecht! Was hast du getan!
Wallenstein.
Nun das noch!
Gräfin.
Verzieh mir, Bruder. Ich vermocht’ es nicht,
Sie wissen alles.
Herzogin.
Was hast du getan!
Gräfin (zu Terzky).
Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn
Verloren?
Terzky.
Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,
Die Regimenter haben neu gehuldigt.
Gräfin.
Heimtückischer Octavio! – Und auch
Graf Max ist fort?
Terzky.
Wo sollt er sein? Er ist
Mit seinem Vater über zu dem Kaiser!
(Thekla stürzt in die Arme
ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem Busen verbergend.)
Herzogin (sie in die Arme
schließend).
Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!
Wallenstein (bei Seite gehend
mit Terzky).
Lass einen Reisewagen schnell bereit sein
Im Hinterhofe, diese wegzubringen.
(Auf die Frauen zeigend.)
Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
(Zu Illo, der wiederkommt.)
Du bringst sie nicht zurück?
Illo.
Hörst du den Auflauf?
Das ganze Korps der Pappenheimer ist
Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,
Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloss,
Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man
Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.
(Alle stehn erstaunt.)
Terzky.
Was soll man daraus machen?
Wallenstein.
Sagt’ ich’s nicht?
O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.
Er hat mich nicht verraten, hat es nicht
Vermocht – ich habe nie daran gezweifelt.
Gräfin.
Ist er noch hier, o dann ist alles gut,
Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!
(Thekla umarmend.)
Terzky.
Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte
Hat uns verraten, ist zum Kaiser über,
Wie kann er’s wagen, hier zu sein?
Illo (zu Wallenstein).
Den Jagdzug,
Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch
Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.
Gräfin.
O Nichte, dann ist er nicht weit!
Thekla (hat den Blick nach der
Türe geheftet und ruft lebhaft).
Da ist er!
Achtzehnter Auftritt
Die Vorigen. Max
Piccolomini.
Max (mitten in den Saal
tretend).
Ja, ja! Da ist er! Ich vermag’s nicht länger,
Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,
Den günst’gen Augenblick verstohlen zu
Erlauren – Dieses Harren, dies Angst
Geht über meine Kräfte!
(Auf Thekla zugehend, welche
sich ihrer Mutter in die Arme geworfen.)
O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel!
Bekenn’ es frei vor allen. Fürchte niemand.
Es höre, wer es will, dass wir uns lieben.
Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis
Ist für die Glücklichen, das Unglück braucht,
Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,
Frei, unter tausend Sonnen kann es handeln.
(Er bemerkt die Gräfin,
welche mit frohlockendem Gesicht auf Thekla blickt.)
Nein, Base Terzky, seht mich nicht erwartend,
Nicht hoffend an! Ich komme nicht, zu bleiben.
Abschied zu nehmen, komm’ ich – Es ist aus,
Ich muss, muss dich verlassen, Thekla – muss!
Doch deinen Hass kann ich nicht mit mir nehmen.
Nur einen Blick des Mitleids gönne mir,
Sag, dass du mich nicht hassest. Sag mir’s, Thekla.
(Indem er ihre Hand fasst,
heftig bewegt.)
O Gott! – Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.
Ich kann es nicht – kann diese Hand nicht lassen.
Sag, Thekla, dass du Mitleid mit mir hast,
Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders.
(Thekla, seinen Blick
vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater; er wendet sich nach dem
Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)
Du hier? – Nicht du bist’s, den ich hier gesucht.
Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.
Ich hab’ es nur mit ihr allein. Hier will ich,
Von diesem Herzen freigesprochen sein,
An allem andern ist nichts mehr gelegen.
Wallenstein.
Denkst du, ich soll der Thor sein und dich ziehen lassen,
Und eine Großmutsszene mit dir spielen?
Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,
Du bist mir nichts mehr, als sein Sohn, sollst nicht
Umsonst in meine Macht gegeben sein.
Denk nicht, dass ich die alte Freundschaft ehren werde,
Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten
Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,
Und hass und Rache kommen an die Reihe.
Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
Max.
Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.
Wohl aber weißt du, dass ich deinem Zorn
Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier
Zurückhält, weißt du!
(Thekla bei der Hand
fassend.)
Sieh! Alles – alles wollt’ ich dir verdanken,
Das Los der Seligen wollt’ ich empfangen
Aus deiner väterlichen Hand. Du hast’s
Zerstört; doch daran liegt dir nichts. Gleichgültig
Trittst du das Glück der Deinen in den Staub,
Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.
Wie das gemütlos blinde Element,
Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schießen,
Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.
Weh denen, die auf dich vertraun, an dich
Die sichre Hütte ihres Glückes lehnen,
Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!
Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller weile
Gährt’s in dem tück’schen Feuerschlunde, ladet
Sich aus mit tobender Gewalt, und weg
Treibt über alle Pflanzungen der Menschen
Der wilde Strom in grausender Zerstörung.
Wallenstein.
Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du’s
Beschreibst, so ist’s in seinem Eingeweide,
In dieser schwarzen Heuchlersbrust gestaltet.
O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte
Der Abgrund den verstecktesten der Geister,
Den lügenkundigsten herauf, und stellt’ ihn
Als ein Freund an meine Seite. Wer vermag
Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog
Den Basilisken auf an meinem Busen;
Mit meinem Herzblut nährt’ ich ihn, er sog
Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten,
Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,
Weit offen ließ ich des Gedankens Tore
Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg –
Am Sternenhimmel suchten meine Augen
Im weiten Weltenraum den Feind, den ich
Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.
– Wär’ ich dem Ferdinand gewesen, was
Octavio mir war – Ich hätt’ ihm nie
Krieg angekündigt – nie hätt’ ich’s vermocht.
Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund.
Nicht meiner Treu’ vertraute sich der Kaiser.
Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er
Den Feldherrnstab in meine Hände legte,
Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,
Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.
Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet
Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter!
Max.
Ich will den Vater nicht verteidigen.
Weh mir, dass ich’s nicht kann!
Unglücklich schwere Taten sind geschehn,
Und eine Frevelhandlung fasst die andre
In eng geschlossner Kette grausend an.
Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,
In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?
Wem brachen wir die Treue! Warum muss
Der Väter Doppelschuld und Freveltat
Uns grässlich wie ein Schlangepaar umwinden?
Warum der Väter unversöhnter Hass
Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?
(Er umschlingt Thekla mit
heftigem Schmerz.)
Wallenstein (hat den Blick
schweigend auf ihn geheftet und nähert sich jetzt).
Max, bleibe bei mir. – Geh nicht von mir, Max!
Sieh, als man dich im Prag’schen Winterlager
Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,
Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand
Max dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,
Du wolltest männlich sie nicht lassen, damals nahm ich
Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,
Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt’ ich
Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner
Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit,
Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen,
Das junge Leben wieder freudig fühltest.
Wann hab’ ich seitdem meinen Sinn verändert?
Ich habe viele Tausend reich gemacht,
Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt
Mit Ehrenstellen – dich hab’ ich geleibt,
Mein Herz, mich selber hab’ ich dir gegeben.
Sie alle waren Fremdlinge, du warst
Das Kind des Hauses – Max, du kannst mich nicht verlassen!
Es kann nicht sein, ich mag’s und will’s nicht glauben,
Dass mich der Max verlassen kann.
Max.
O Gott!
Wallenstein.
Ich habe dich gehalten und getragen
Von Kindesbeinen an –Was tat dein Vater
Für dich, das ich nicht reichlich auch getan?
Ein Liebesnetz hab’ ich um dich gesponnen,
Zerreiß’ es, wenn du kannst – Du bist an mich
Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande,
Mit jeder heil’gen Fessel der Natur,
Die Menschen aneinander ketten kann.
Geh hin, verlass mich, diene deinem Kaiser,
Lass dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,
Mit seinem Widderfell dafür belohnen,
Dass dir der Freund, der Vater deiner Jugend,
Dass dir das heiligste Gefühl nichts galt.
Max (in heftigem Kampf).
O Gott! Wie kann ich anders? Muss ich nicht?
Mein Eid – die Pflicht –
Wallenstein.
Pflicht, gegen wen? Wer bist du?
Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist’s
Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst
Du dir? Bist du dein eigener Gebieter,
Stehst frei da in der Welt, wie ich, dass du
Der Täter deiner Taten könntest sein?
Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,
Mir angehören, mir gehorchen, das
Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.
Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,
Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft
Auf eine nächste Welt und sie entzündet,
Du kannst nicht wählen, ob du folgen willst;
Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft
Samt seinem Ring und allen seinen Monden.
Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,
Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird’s loben,
Dass dir der Freund das Meiste hat gegolten.
Neunzehnter Auftritt
Vorige. Neumann.
Wallenstein.
Was gibt’s?
Neumann.
Die Pappenheimischen sind abgesessen
Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen,
Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen;
Den Grafen wollen sie befrein.
Wallenstein (zu Terzky).
Man soll
Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen.
Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.
(Terzky geht.)
Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,
Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks,
Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,
Was mir gefallen wird zu tun.
(Neumann geht ab. Illo ist
ans Fenster getreten.)
Gräfin.
Entlass ihn!
Ich bitte dich, entlass ihn!
Illo (am Fenster).
Tod und Teufel!
Wallenstein.
Was ist’s
Illo.
Aufs Rathaus steigen sie, das Dach
Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen
Aufs Haus –
Max.
Die Rasenden!
Illo.
Sie machen Anstalt,
Uns zu beschießen –
Herzogin und Gräfin.
Gott im Himmel!
Max (zu Wallenstein).
Lass mich
Hinunter, sie bedeuten –
Wallenstein.
Keinen Schritt!
Max (auf Thekla und die
Herzogin zeigend).
Ihr Leben aber! Deins!
Wallenstein.
Was bringst du, Terzky?
Zwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky kommt
zurück.
Terzky.
Botschaft von unsern treuen Regimentern.
Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen,
Sie flehen um Erlaubnis anzugreifen,
Vom Prager und vom Mühl-Tor sind sie Herr,
Und wenn du nur die Losung wolltest geben,
So könnten sie den Feind im Rücken fassen,
Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge
Der Straßen leicht ihn überwältigen.
Illo.
O komm! Lass ihren Eifer nicht erkalten!
Die Buttlerischen halten treu zu uns,
Wir sind die größre Zahl und werfen sie
Und enden hier in Pilsen die Empörung.
Wallenstein.
Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden,
Und brüderliche Zwietracht, feueraugig,
Durch ihre Straßen losgelassen toben?
Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört,
Soll die Entscheidung übergeben sein?
Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen;
Die losgebundnen Furien der Wut
Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück.
Wohl, es mag sein! Ich hab’ es lang bedacht,
So mag sich’s rasch und blutig denn entladen.
(Zu Max gewendet.)
Wie ist’s? Willst du den Gang mit mir versuchen?
Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich
Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf.
Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas
Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen,
Und keinen schönern Tag erlebst du, mir
Die Schule zu bezahlen.
Gräfin.
Ist es dahin
Gekommen? Vetter! Vetter! Könnt ihr’s tragen?
Max.
Die Regimenter, die mir anvertraut sind,
Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab’ ich
Gelobt; dies will ich halten oder sterben.
Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte
Nicht gegen dich, wenn ich’s vermeiden kann,
Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.
(Es geschehen zwei Schüsse.
Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
Wallenstein.
Was ist das?
Terzky.
Er stürzt.
Wallenstein.
Stürzt! Wer?
Illo.
Die Tiefenbacher taten
Den Schuss.
Wallenstein.
Auf wen?
Illo.
Auf diesen Neumann, den
Du schicktest –
Wallenstein (auffahrend).
Tod und Teufel! So will ich –
(Will gehen.)
Terzky.
Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?
Herzogin und Gräfin.
Um Gotteswillen nicht!
Illo.
Jetzt nicht, mein Feldherr!
Gräfin.
O halt’ ihn! Halt’ ihn!
Wallenstein.
Lasst mich!
Max.
Tu’ es nicht,
Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie
In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue –
Wallenstein.
Hinweg! Zu lange schon hab’ ich gezaudert.
Das konnten sie sich freventlich erkühnen,
Weil sie mein Angesicht nicht sahn – Sie sollen
Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören –
Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht
Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter?
Lass sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,
Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.
Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich
Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell
Bezähmt, gebt Acht, kehrt der empörte Sinn
Ins alte Bette des Gehorsams wieder.
(Er geht. Ihm folgen Illo,
Terzky und Buttler.)
Einundzwanzigster Auftritt
Gräfin. Herzogin.
Max und Thekla.
Gräfin (zur Herzogin).
Wenn sie ihn sehn – Es ist noch Hoffnung, Schwester.
Herzogin.
Hoffnung! Ich habe keine.
Max (der während des letzten
Auftritts in einem sichtbaren Kampf von ferne gestanden, tritt näher).
Das ertrag’ ich nicht.
Ich kam hieher mit fest entschiedner Seele,
Ich glaubte recht und tadellos zu tun,
Und muss hier stehen wie ein Hassenswerter,
Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,
Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,
Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn,
Die ich mit einem Wort beglücken kann –
Das Herz in mir empört sich, es erheben
Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,
In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen
O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,
Zu viel vertraut’ ich auf das eigne Herz,
Ich stehe wankend, weiß nicht was ich soll.
Gräfin.
Sie wissen’s nicht? Ihr Herz sagt’s ihnen nicht?
So will ich’s ihnen sagen!
Ihr Vater hat den schreienden Verrat
An uns begangen, an des Fürsten Haupt
Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus
Ergibt sich klar, was sie, sein Sohn, tun sollen:
Gutmachen, was der Schändliche verbrochen,
Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,
Dass nicht der Name Piccolomini
Ein Schandlied sei, ein ew’ger Fluch im Haus
Der Wallensteiner.
Max.
Wo ist eine Stimme
Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle
Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Dass jetzt
Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,
Das Rechte mir, das Unverfälschte schöpfte
Am reinen Lichtquell mit der reinen Hand!
(Indem seine Augen auf
Thekla fallen.)
Wie? Such’ ich diesen Engel noch? Erwart’ ich
Noch einen andern?
(Er nähert sich ihr, den Arm
um sie schlagend.)
Hier, auf dieses Herz,
Das unfehlbare, heilig reine, will
Ich’s legen, deine Liebe will ich fragen,
Die nur den Glücklichen beglücken kann,
Vom unglückselig Schuldigen sich wendet.
Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?
Erkläre, dass du’s kannst, und ich bin euer.
Gräfin (mit Bedeutung).
Bedenkt –
Max (unterbricht sie).
Bedenke nichts. Sag, wie du’s fühlst.
Gräfin.
An euren Vater denkt.
Max (unterbricht sie).
Nicht Friedlands Tochter,
Ich frage dich, dich, die Geliebte, frag’ ich!
Es gilt nicht eine Krone zu gewinnen,
Das möchtest du mit klugem Geist bedenken.
Die Ruhe deines Freundes gilt’s, das Glück
Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,
Die seien Tat zum Muster nehmen werden.
Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören?
Soll ich ins Lager des Octavio
Die vatermörderische Kugel senden?
Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,
Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen
Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen,
Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
Thekla.
O Max –
Max (unterbricht sie).
Nein, übereile dich auch nicht.
Ich kenne dich. Dem edlen Herzen könnte
Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht
Das Große, nur das Menschliche geschehe.
Denk, was der Fürst von je an mir getan,
Denk auch, wie’s ihm mein Vater hat vergolten.
O auch die schönen, freien Regungen
Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue
Sind eine heilige Religion dem Herzen,
Schwer rächen sie die Schauder der Natur
An dem Barbaren, der sie grässlich schändet.
Leg alles, alles in die Waage, sprich
Und lass dein Herz entscheiden.
Thekla.
O das deine
Hat längst entschieden, folge deinem ersten
Gefühl –
Gräfin.
Unglückliche!
Thekla.
Wie könnte das
Das Rechte sein, was dieses zarte Herz
Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?
Geh und erfülle deine Pflicht! Ich würde
Dich immer lieben. Was du auch erwählt,
Du würdest edel stets und deiner würdig
Gehandelt haben – aber Reue soll
Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.
Max.
So muss ich dich verlassen, von dir scheiden!
Thekla.
Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du’s mir.
Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.
Ein blut’ger Hass entzweit auf ew’ge Tage
Die Häuser Friedland, Piccolomini,
Doch wir gehören nicht zu unserm Hause.
– Fort! Eile! Eile, deine gute Sache
Von unsrer unglückseligen zu trennen.
Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,
Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich
Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben
Hinabziehn. Traure nicht um mich! Mein Schicksal
Wird bald entschieden sein.
(Max fasst sie in die Arme,
heftig bewegt. Man hört hinter der Szene ein lautes, wildes, lang
verhallendes Geschrei: „Vivat Ferdinandus!“ von kriegerischen Instrumenten
begleitet. Max und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
Zweiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky.
Gräfin (ihm entgegen).
Was war das? Was bedeutet das Rufen?
Terzky.
Es ist vorbei, und alles ist verloren.
Gräfin.
Wie? Und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
Terzky.
Nichts. Alles war umsonst.
Herzogin.
Sie riefen Vivat.
Terzky.
Dem Kaiser.
Gräfin.
O die Pflichtvergessenen!
Terzky.
Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen.
Als er zu reden anfing, fielen sie
Mit kriegerischem Spiel betäubend ein.
– Hier kommt er.
Dreiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Wallenstein,
begleitet von Illo und Buttler. Darauf Kürassiere.
Wallenstein (im Kommen).
Terzky!
Terzky.
Mein Fürst!
Wallenstein.
Lass unsre Regimenter
Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.
(Terzky geht ab.)
Butler –
Buttler.
Mein General!
Wallenstein.
Der Kommandant zu Eger
Ist euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich
Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,
Uns morgen in die Festung einzunehmen –
Ihr folgt uns selbst mit eurem Regiment.
Buttler.
Es soll geschehn, mein Feldherr!
Wallenstein (tritt zwischen
Max und Thekla, welche sich während dieser Zeit fest umschlungen gehalten).
Scheidet!
Max.
Gott!
(Kürassiere mit gezogenem
Gewehr treten in den Saal und sammeln sich im Hintergrunde. Zugleich hört
man unten einige mutige Passagen aus dem Pappenheimer Marsch, welche dem
Max zu rufen scheinen.)
Wallenstein (zu den
Kürassieren).
Hier ist er. Er ist frei. Ich halt’ ihn nicht mehr.
(Er steht abgewendet und so,
dass Max ihm nicht beikommen, noch sich dem Fräulein nähern kann.)
Max.
Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.
Zerreißen soll das Band der alten Liebe,
Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riss,
Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!
Du weißt, ich habe ohne dich zu leben
Noch nicht gelernt – In eine Wüste geh’ ich
Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles
Bleibt hier zurück – O wende deine Augen
Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir
Dein ewig teures und verehrtes Antlitz!
Verstoß mich nicht –
(Er will seine Hand fassen.
Wallenstein zieht sie zurück. Er wendet sich an dir Gräfin.)
Das Mitleid für mich hätte – Base Terzky –
(Sie wendet sich von ihm; er kehrt
sich zur Herzogin.)
Ehrwürd’ge Mutter –
Herzogin.
Sehn sie, Graf, wohin
Die Pflicht sie ruft – So können sie uns einst
Ein treuer Freund, ein guter Engel werden
Am Thron des Kaisers.
Max.
Hoffnung geben sie mir,
Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.
O täuschen sie mich nicht mit leerem Blendwerk!
Mein Unglück ist gewiss, und, Dank dem Himmel!
Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.
(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der
Saal füllt sich mehr und mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttler dastehn.)
Ihr auch hier, Oberst Buttler – Und ihr wollt mir
Nicht folgen? – Wohl! Bleibt eurem neuen Herrn
Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,
Die Hand gebt mir darauf, dass ihr sein Leben
Beschützen, unverletzlich wollt bewahren.
(Buttler verweigert seine
Hand.)
Des Kaisers Acht hängt über ihm, und gibt
Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,
Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;
Jetzt tät’ ihm eines Freundes fromme Sorge.
Der Liebe treues Auge Not – und die
Ich scheidend um ihn seh’ –
(Zweideutige Blicke auf Illo
und Buttler richtend.)
Illo.
Sucht die Verräter
In eures Vaters, in des Gallas Lager.
Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns
Von seinem hassenswürd’gen Anblick. Geht.
(Max versucht es noch einmal
sich der Thekla zu nähern. Wallenstein verhindert es. Er steht
unschlüssig, schmerzvoll; indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr,
und die Hörner ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren
Pausen.)
Max.
Blast! Blast! – O wären es die schwed’schen Hörner,
Und gings von hier gerad’ ins Feld des Todes,
Und alle Schwerter, alle, die ich hier
Entblößt muss sehn, durchdrängen meinen Busen!
Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg
Zu reißen? – O treibt mich nicht zur Verzweiflung!
Tut’s nicht! Ihr könntet es bereun!
(Der Saal ist ganz mit
Bewaffneten erfüllt.)
Noch mehr – es hängt Gewicht sich an Gewicht
Und ihre Masse zieht mich schwer hinab. –
Bedenket was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen.
Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,
Der Rachegöttin weih’ ich eure Seelen!
Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!
(Indem er sich nach dem
Hintergrund wendet, entsteht eine rasche Bewegung unter den Kürassieren,
sie umgeben und begleiten ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt
unbeweglich, Thekla sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
Ü
Þ |