Sechstes Abenteuer
Wie Hagen am Wasgenstein auf seinem Schilde saß
Landeinwärts zog vom Rheine
der kühne Weigand;
Da fand er eine Wildnis, der Wasgau genannt.
Der fehlt es nicht an Tieren, es ist ein tiefer Wald,
Von Hunden und von Hörnern wird sie schaurig durchhallt.
Da ragen in der Öde zwei
Berg einander nah
Und eine enge Höhle liegt zwischen ihnen da.
Von zweier Felsen Gipfeln ist überwölbt die Schlucht,
Anmutig, grasbewachsen, doch oft von Räubern besucht.
Der Held, als er sie schaute,
begann: "Hier lass uns ruhn:
Wer mag in diesem Veste uns was zu Leide tun?"
Er war der Ruh bedürftig; er hatte sie entbehrt
Seit er dem Heunenlande den Rücken fliehend gekehrt.
Nur selten durft er nicken,
gelehnt auf seinen Schild,
Wenn er den Schlaf beschützte dem edeln Frauenbild.
Jetzt warf er hin die Waffen, den Harnisch schnallt' er los
Und sprach zu Hildegunden das Haupt gestreckt in ihren Schoß.
"Von diesem Bergeskamme,
Geliebte, blick umher,
Und steigen in der Ferne Staubwolken dicht und schwer,
So rühre, leise weckend, mich nur dein Finger an,
Sähst du den größten Haufen uns zu verfolgen auch nahn.
Entreiße mich nicht plötzlich
der lang ersehnten Ruh.
Weithin mit reinen Blicken, o Lieb, durchspähest du
Die Länder und die Gauen, in mondheller Nacht."
Da fielen ihm die Augen schon zu, der lange gewacht.
Ihm wurde süßes Labsal in
ihrem Schutz zu Teil:
Für den Geliebten wachte die edle Magd derweil.
Sie ließ die Blicke gleiten hinab zu selgen Aun:
Umher blieb alles Frieden bis fern begann der Tag zu graun.
Noch immer mahnte Gunther
die Recken durch das Land:
Da sah er Pferdeshufen geschlagen in den Sand.
Er fuhr empor in Freuden und rief den Mannen zu,
Das Ross mit Sporen stoßend aus seiner säumigen Ruh:
"Ihr Freunde, lasst uns eilen,
wir treffen ihn alsbald:
Der uns den Hort entwandte, hier ist sein Aufenthalt.
Er kann uns nicht entrinnen, der bald uns mit dem Raub
Das Leben lässt; ich sehe schon seine Spuren im Staub."
Zu Gunthern sprach da Hagen,
der starke Held, sofort:
"Vergönne, großer König, mir nur das eine Wort.
Du weist nicht was von Walthern in Stürmen ist geschehn:
Hättet ihr ihn toben wie ich im Kampfe gesehn,
Ihr würdet nimmer glauben,
es sei so federleicht,
Den Hort ihm abzujagen sobald ihr ihn erreicht.
Ich sah die Heunenscharen, zog oft mit ihnen aus
Gen Osten oder Norden zu manchem fährlichen Strauß:
Da machte mein Geselle den
Feinden sich verhasst,
Und selbst die Heunen staunten dem tugendreichen Gast:
Wen er erreichen mochte, den sandt' er in den Tod.
Begebet euch, Herr und Freunde, nicht in so schreckliche Not.
Glaubt mir, ich habs erfahren,
wie stark den Speer er schwingt,
Wie furchtbar seine Waffe durch Helm und Harnisch klingt."
So sprach der grimme Hagen; doch bliebs vergebne Müh.
Schon waren sie der Felsschlucht genaht in dämmernder Früh.
Vom hohen Bergesrücken
herab sah Hildegund
Sich Wolken Staubs erheben: Da ward ihr Sorge kund.
Sie störte leise rührend den Freund aus seiner Rast.
Er frug, das Haupt vom Schoße gehoben: "Naht uns ein Gast?"
Sie sprach: "O weh, geritten
kommt eine ganze Schar."
Da rieb er sich die Augen vom Dunst des Schlafes klar,
Die starken Glieder hüllt' er gemach in Stahl und schwang
Das Schwert, sich zu versuchen, dass laut die Luft ihm
erklang.
Von ferne Lanzen schimmern
sah Hildegund verzagt:
"Da haben wir die Heunen!", rief die erschrockne Magd.
Und gleich zur Erde stürzend umfasste sie seine Knie,
Den Tod sich zu erbitten begann und flehete sie:
"O Herr, das Haupt vom Halse
mir scheiden lass dein Schwert:
Dein Bette zu besteigen hielt mich das Glück nicht wert,
So gib mich nicht zur Beute der Heunen schnöder Lust.
Von Freundeshand zu sterben sei Trost der duldenden Brust."
Der Jüngling sprach: "Befleckt' ich
mit unschuldgem Blut?
Wär dieses Schwert die Feinde zu tilgen wohl noch gut,
Wenn es gegraben hätte der liebsten Freundin Grab?
Lass ab von solcher bitte, von eitler Furcht lass mir ab!
Der aus so viel Gefahren
mir half, so mancher Not,
Der schützt auch vor den Heunen, wenn ihre Rache droht."
"Da blickt' er nach den Feinden, gar scharf war sein Gesicht:
"Doch Hildegund, wie irrst du, die Heunen sind es ja nicht:
Rheinfranken, Nibelungen,
die diese Erde baun."
Und weiter spähend konnt er Hanges Helmzier schaun.
Da sprach der Held und lachte, vor Freuden lacht er hell:
"Und Hagen ist mit ihnen, mein Freund, mein alter Gesell."
Da trat er aus der Pforte
der Felsenburg hervor
Und sprach: Sie hört es drinnen: "An diesem Bergestor
Gelob ich: Nie berühme daheim mit heilem Haupt
Ein Franke sich, er habe von unsern Schätzen geraubt."
So sprach er, doch zur Erde
bog er die Knie sofort,
Dem Himmel abzubitten das allzu stolze Wort.
Dann stand er auf und blickte die Helden musternd an:
"Von allen die ich schaue fürcht ich nicht einen Mann
Als Hagen ganz alleine: Das
ist ein kühner Held;
Auch weiß er wohl zu streiten wie wir im Ehrenfeld:
Er kennt unsre Waffen, kennt jede List und Kunst.
Wenn den vom Kampf zu mahnen gelingt durch des Himmels Gunst,
So kehr ich heil dir wieder,
Hildgunde, süße Braut!"
Als vor der engen Felsburg Herr Hagen jetzt geschaut
Den Freund und Bundesbruder, und wie das Tor so schmal,
Da warnt' er seinen Herren: "Hier frommt euch nicht die
Überzahl.
Ihr seht, in solcher Stellung
kann ihm nur einer nahn,
Den kecklich Zwölfen trutzen oft diese Augen sahn.
Begebt euch mit dem Starken nicht ohne Not in Streit,
Nach seinen goldnen Spangen wie begierig ihr auch seid.
Erst schickt ihm einen Herold,
mag sein, dass euch das frommt,
Der nach Geschlecht und Heimat ihn zu befragen kommt,
Wohin, woher er fahre; er lässt vielleicht den Schatz,
Den Frieden zu erkaufen, und niemand bleibt auf dem Platz.
Ists Walther, wie ich glaube,
das ist ein weißer Mann,
Der Königen wohl dienen und Ehre bieten kann;
Wo nicht, so ists zum Kampfe noch immer früh genug."
Der Rat gefiel dem König, er folgt' ihm ohne Verzug.
Nun war bei seinen Helden
von Metz Herr Ortewein,
Den sie den Alten nennen; der musste Herold sein.
Er säumte sich nicht lange, er ritt auf schnellem Ross
Dem Jüngling zu, der ruhig noch stand vor seinem
Felsenschloss.
Da hub er an: "Lass hören,
wie bist du, Held, genannt?
Sag an, wohin du reitest, und sprich, aus welchem Land."
Darauf zur Antwort gab ihm der hoch beherzte Held:
"Sag erst, ob das zu fragen aus eignem Sinn dir gefällt,
Ob dich ein andrer schickte?
Du bist hier nicht allein."
Und kühnlich sprach entgegen von Metz Herr Ortewein:
"Herr Gunther will erfahren was ihm der Fremdling schafft
Im Lande, wo der König gebeut mit herrlicher Kraft."
Auf solches Wort versetzte
der junge Held gefasst:
"Was kümmert ihr mit Fragen den wegemüden Gast
Noch an des Landes Marke? Doch - will es so der Brauch,
Viel muss ein Wandrer dulden, wohlan, so duld ich dieses auch.
Ich bin geheißen Walther;
aus gotschem Waskenland.
Unmündgen Knaben hatte mein Vater mich gesandt
Als Geisel zu den Heunen: Da weilt ich, bis ich nun
Zur süßen Heimat kehre, im Arm der Lieben zu ruhn.
In Rheinfranken such ich
nur Frieden und Geleit."
Da sprach der stolze Bote: "So sende diese Maid
Und mit den beiden Schreinen das Ross dem König zu,
So lässt mit heilen Gliedern mein Herr dich ziehen in Ruh."
Unwillig sprach Herr Walther:
"Wie sprichst du Thoren gleich!
Nicht kenn ich deinen König; doch wär er noch so reich,
So kann er nicht bewilligen was er nicht selbst besitzt
Und nimmer wird erlangen, dieweil dis gute Schwert noch
blitzt.
Ist er ein Gott, der Leben
und heile Glieder schenkt?
Lieg ich in seinem Kerker, von Mauern rings umschränkt?
Band mir auf den Rücken die Hände schon sein Strick?
So dürft' er Walthern dreunen, beträf ihn solches Geschick.
Doch höre, guter Degen:
Erlässt er mir den Streit
(Er ist zum Kampf gekommen, das zeigt sein Eisenkleid),
So will ich, ihn zu ehren, der Königsnamen trägt,
Hundert Spangen schicken, aus rotem Golde geprägt."
Mit dieser Antwort kehrte
Herr Ortewein zur Stund;
Was sie gesprochen hatten tat er den Helden kund.
Herr Hagen riet dem König: "Nimm an was er dir beut,
So kannst du reichlich lohnen die dich begleiteten heut,
Und doch den Streit vermeiden
der schwerlich Sieg verschafft:
Noch ist dir Walther unkund und seine Heldenkraft.
Mir träumte heut von Leide und nicht von Kriegesglück:
Gesund zur Heimat kehren wir beide nimmer zurück.
Einen wilden Bären nächten
sah ich im Kampf mit dir:
Ihr hattet lang gerungen, da riss das grimme Tier
Dir von der Hüfte nieder das eine Schenkelbein,
Dass du im Blute lagest beschwert mit tödlicher Pein.
Als ich darauf mit Waffen
dir rasch zu Hilfe sprang,
Auf mich einher gefahren kams mit der Tatze Schwang:
Sechs Zähne und ein Auge schlug mir das Untier aus.
Drum meide, König, meide mit diesem Helden den Strauß."
Da sprach König Gunther mit
Stolz zu seinem Mann:
"Ich höre wohl, du gleichest deinem Vater Aldrian:
Der trug auch eitel Zagen in seiner kalten Brust,
Hat stets mit schönen Worten den Kampf zu meiden gewusst."
Darob ergrimmte Hagen wohl
in gerechtem Groll,
Wenn anders seinem Herren ein Dienstmann zürnen soll.
Er sprach: "Wohlan, so fechtet alleine diesen Streit:
Hier harrt er eures Angriffs, er flieht euch sicher nicht
weit.
Bestehet ihn, ich harre des
Ausgangs hier derweil;
An all eurer Beute verlang ich keinen Teil."
Er sprachs und sprang vom Pferde bei einem nahen Stein:
Da saß er auf dem Schilde, den Kampf zu schauen, allein.
Ü
Þ |