Achtes Abenteuer
Wie Walther vier Wormser Degen besteht
Vier Helden zu verlieren,
das deuchte Gunthern hart:
Da erbot sich noch zum Fünften der Degen Haduwart.
Gewissen Siegs gewärtig, ihn trog der eitle Sinn,
Erbat er sich vom König des Gegners Schild zum Gewinn.
Eh er sein Ross ersprengte
warf er die Lanze fort,
Dem Schwert allein vertrauend, ihm schiens ein bessrer Hort.
Als er gesperrt die Straße nun sah von Leichen vier,
Und nicht hinüber wollte das ängstlich bäumende Tier,
Da sprang er aus den Bügeln
und schritt zu Fuße vor.
Herr Walther sah ihn nahen dem engen Felsentor;
Da sprach er aus dem Helme: "Du bist ein wackrer Held,
Dem mit dem Unberittnen vom Ross zu kämpfen missfällt."
Doch Hawart gab ihm Antwort,
die klang so freundlich nicht:
"Du falscher Wurm, voll Tücken auf Lug und Trug erpicht,
Der du im Schuppenpanzer die Glieder bergend schmiegst,
Doch weist du zu verwunden wie du im Kreis geringelt liegst.
Die Lanzen und die Pfeile
vermiedst du alle schlau:
Sie kamen aus der Ferne und zielten nicht genau;
Ich will mich vor dich stellen: Lass sehn, ob du so klug
Den Hieben auch entgehest, die meine Rechte dir schlug.
Um eins will ich dich bitten:
Leg ab den schönen Schild:
Er ist nun mein, der König gewährte mir ihn mild.
Nie einen bessern sah ich noch irgend in der Welt:
Ich möcht ihn nicht verhauen, der meinen Augen gefällt.
Dir kann er doch noch frommen,
umsonst ist deine Wehr;
Und wenn du mich auch zwängest, wie diese Recken hehr,
Hier sind mir noch der Freunde, noch der Verwandten viel:
Sie brächten mich zu rächen dich desto eher ans Ziel.
Man lässt dich nicht von hinnen
nach dem was du getan;
Ja würdest du ein Vogel und zögest Flügel an,
Du büßest doch den Franken so vieler Helden Mord."
Mit unerschrocknem Mute versetzte Walther sofort:
"Das lassen wir bewenden;
der Schild bleibt aber mein:
Ich schuld ihm viel, drum kann ich nicht so undankbar sein.
Er hat mich vor den Feinden geschützt in mancher Schlacht,
Hat manche Wund empfangen, die mir selbst war zugedacht.
Wie gut er heut mir diente,
sah deiner Augen Schein:
Dass du mit Walthern redest, verdank ich ihm allein."
Herr Hawart sprach: "So wehre dich denn mit aller Kraft,
Dass meine starke Rechte dir nicht die Schutzwehr entrafft.
Mit deiner Linken halte des
Schildes Habe fest,
Wie angeleimt die Finger ans Elfenbein gepresst:
Jedennoch erwerb ich was du geweigert hast.
So weit bringst du getragen des Schildes mächtige Last
Aus fernem Heunenreiche,
aus Etzels Königssitz,
Und musst ihm jetzt entsagen vor meines Schwertes Blitz;
Und nicht dem Schild alleine, dem Pferd, der Maid, dem Gold
Mit einem Mal: Du erntest nun deiner Untaten Sold."
Da schwang er in den Händen
die grimme Waffe schon.
Hier der Garonn Erzeugter und dort des Rheines Sohn
Begegnen sich zum Angriff. Es staunt der Wasgenwald
Ob ihrer Waffen Blitzen, ob ihrer Arme Gewalt.
Sturmkühne Helden beide,
hoch ragend in der Wehr,
Dem Schwerte der vertrauend, der furchtbar mit dem Speer,
So wechseln Stoß und Hiebe die zwei in banger Schlacht.
Wie von der Axt getroffen der Eiche Wucht darnieder kracht,
So hallen ihre Schilde, so
schallt der Eisenhut.
Betroffen sehn die Franken was Wunder Walther tut:
Dass nie sein Mut erlahmet, ihm nie die Kraft gebricht,
Der ohne sich zu ruhen so viel der Helden niederficht.
Jetzt hebt im Kampf sich wieder
der Wormser hoch empor,
Er zuckt den Stahl gewaltig und dringt auf Walther vor,
Gewiss den Kampf zu enden mit diesem mächtgen Streich.
Doch mit dem Schilde fing ihn der auf und schlug ihm zugleich
Das Eisen aus der Rechten;
fern blinkt' es noch im Laub.
Erschrocken spürt der Franke des teuern Schwertes Raub.
Es wieder zu gewinnen eilt er ihm nach geschwind;
Doch leichter auf den Füßen war Alpkers blühendes Kind.
Da rief er, ihn ereilend:
"Wohin? Nimm deinen Schild."
Zugleich mit beiden Händen fasst er die Lanze wild
Und zuckt sie nach dem Gegner: Wie der getroffen fällt,
Lässt ihm den Schild nachdonnern der grausam spottende Held.
Nicht länger säumt der Jüngling:
Schon tritt des Siegers Fuß
Dem Franken auf den Nacken, der sterben lernen muss.
Die blutge Lanze drückt er ihm tiefer ins Genick
Und heftet an den Boden des Feindes brechenden Blick.
Erschlagen liegen Fünfe:
Wer will der Sechste sein?
Der Sechste war Herr Patafried, den an des Tages Schein
Gebar die Schwester Hagens. Als der ihn reiten sah,
Mit Bitten und mit Flehen beschwor der Oheim ihn da:
"Wohin, Unsel'ger, rennst du?
Dort lacht der Tod dich an;
Die Norne will dich küssen: O Neffe, lass den Wahn:
Mit Walthern dich zu messen reicht dir die Kraft nicht, Kind."
Den Jüngling trieb der Ehrgeiz er schlug die Mahnung in den
Wind.
Da schöpfte tiefe Seufzer
Herr Hagen kummervoll.
"O schnöde Habsucht," rief er; "du heischest teuern Zoll!
So vieler Übel Quelle, so bittern Leides Grund,
O fülltest du mit Gold nur den unersättlichen Schlund!
Doch gehrst du Menschenopfer:
Sie rennen in den Tod,
Ins ewge Höllenfeuer, o Geiz, auf dein Gebot.
Möcht ich den teuern Neffen erretten jetzt vor dir:
Du lockst ihn ins Verderben, des Goldes blinde Begier.
Was richt ich deiner Mutter,
Verlorener, nun aus?
Wer tröstet dir die Gattin daheim im öden Haus,
Der nicht einmal im Leide zum Trost ein Säugling bleibt:
Woher die Wut, Vermessner, die aus dem Leben dich treibt?"
So sprach er und besprengte
mit Tränen Brust und Schoß;
"Lebwohl du Schöner!", rang sich ihm unter Schluchzen los.
Vergebens, nicht bewegt' er des Neffen kühnes Herz.
Von ferne hörte Walther des alten Schwurbruders Schmerz.
Als jener nun heran ritt,
sprach er ihn an und bat:
"Folge, wackrer Jüngling, dem treu gemeinten Rat,
Erhalte dich, noch sollst du viel schöne Tage schaun:
Steh ab, denn glaube wahrlich, dich täuscht dein festes
Vertraun.
Sieh hier der starken Helden
so viel dem Tod gesellt.
Erlass es mir: Du möchtest, wenn meine Han dich fällt,
Mir schlimmern Feind erwecken." Da sprach Herr Patafried:
"Was kümmert dich, Mordrecke, welch Los das Glück mir
beschied?
Du musst mich jetzt bestehen,
das Reden frommt nicht mehr."
So sprach der Knab und zielte den knotigen Speer.
Als diesen Walthers abwies mit seinem eignen Schaft,
Vom Wind getragen flog er und von des Schleudernden Kraft
Bis in die Burg und spießte
sich in den Rasen ein
Der Jungfrau zu Füßen. Das bange Mägdelein
Schrie weiblich auf; doch fasste sie sich und blickte hin,
Ob noch ihr Walther lebe: Das schuf ihr Freudengewinn.
Noch einmal mahnte Walther
den Jüngling von der Bahn;
Der aber zuckte grimmig das Schwert, und rannt ihn an
Mit hoch geschwungner Klinge. Unmutig sahs der Held
Und knirschte wie ein Eber, den rings die Jäger umstellt.
Als nun zum Hieb der Franke
ausholt mit aller Macht,
Verbirgt er sich, vom Nabel des Schildes überdacht:
Da reißt den Jüngling nieder des eiteln Streiches Wucht.
Wie gerne flöh er jetzo, blieb' ihm die Zeit nur zur Flucht.
Er lag auf beiden Knien und
auf der einen Hand;
Doch griff er sich zu decken nach seinem Schildesrand,
Und als Walther nahte, erhob er sich mit Müh,
Ihn nochmals zu bestehen; doch kam der Held ihm zu früh.
Erschrocken fand der Jüngling
und hielt den Schild sich vor:
Da brach die Lanze Walthers hindurch ein weites Tor
Und drang ihn durch den Panzer tief in die Weichen ein:
Ihm quoll das Eingeweide hervor mit tödlicher Pein.
Was soll ich weiter sagen!
Unselger Patafried!
Was folgt' er nicht dem Oheim, der ihm so treulich riet?
Nun färbt das Blut den Boden, das ihn so warm durchwallt:
Er gab den Geist der Hölle, den Leib den Tieren im Wald.
Den jungen Freund zu rächen
schwur Gerwig, sein Genoss.
Er kam einher gefahren auf seinem starken Ross,
Und wo die schmale Straße die Leichen noch verengt,
Mit einem kühnen Satze war er hinüber gesprengt.
Das Haupt vom Rumpfe löste
dem Feind mit dessen Schwert
Der sturmkühne Walther, als mit der Axt bewehrt
Herr Gerwig kam und jählings sie ihm entgegen warf,
Der Franken alte Waffe; zweischneidig war sie und scharf.
Der edle Held, erschrocken,
dass er sich wehren muss,
Deckt mit dem Schild noch glücklich sich vor dem grimmen
Schuss.
Die blutge Klinge stieß er in der Scheide grünes Rohr
Und sprang die Lanze holen, die da lehnt' am Felsentor.
Ihr hättet zweier Männer
furchtbaren Kampf geschaut:
Indem sie sich bestanden, sie sprachen keinen Laut,
So war auf Wehr und Angriff ihr Geist allein bedacht.
Der Freunde Blut zu rächen ritt der zur einsamen Schlacht;
Dem war des Lebens Rettung
das höchste Ziel des Kriegs,
Doch gern, wenn es vergönnt wär, erfreut' er sich des Siegs.
So deckt' er, zielte jener; fiel aus und jener wich:
Des Kampfes Lose mischten Glück und Tugend wunderlich.
Walther trug die Lanze,
Gerwig schwang das Schwert:
Da schien wohl der im Vorteil, der länger war bewehrt;
Doch jener trieb im Kreise das schnelle Ross umher
Den Gegner zu ermüden und auszuweichen dem Speer.
Der Held begann zu zürnen:
Am Ende ward er wild:
Da hob er mit der Lanze von unten Gerwigs Schild
Und schob ihm in die Seite den scharf gewetzten Spieß:
Vom Pferde stürzt' er rücklings, indem er lauten Schrei
entstieß
Und seinen Fall bejammernd
mit Füßen schlug das Feld;
Auch ihm vom Rumpfe löste das Haupt der starke Held.
Als er noch lebte, hieß er ein Graf im Wormser Gau:
Die Wormser Helden starrten entsetzt der blutigen Schau.
Da baten sie den König:
"Uns bringt der Kampf nicht Glück:
Lasst ihn denn ziehn und reiten wir selbst nach Worms zurück.
Doch der begann zu toben und sprach vor Eifer blind:
"Ihr oft erprobten Herzen, zu Wehr und Angriff geschwind,
Darf euch die Furcht beschleichen,
wo Zorn geziemt allein?
Wollt ihr mit Spott und Schande wohl ziehn vom Wasgenstein?
Das bleibe fern, ihr Helden: Eh ich vor Scham so rot
Mich in der Heimat zeigte, stürb ich hier dreimal den Tod.
Soll der unblutig heimziehn,
der uns die Freunde schlug?
Dass er den Schatz entführte war uns zum Streit genug,
Und wär uns jetzt die Rache kein stärker Aufgebot?
Lasst Blut das Blut entsühnen, den Tod vergelte der Tod."
Mit Worten so entzündet er
die andern töricht all,
Dass sie des Heils vergessend nicht bebten vor dem Fall.
Und wie zum Wettlauf rennten sie jetzt einander vor
Zum sichern Todesziele, wär nicht so enge das Tor.
Während jene streiten wer
sich zuerst ihm stellt,
Den Helm nahm vom Haupte Walther der starke Held.
Dort an dem Baumast band er ihn fest; ihm war so heiß.
Nun schöpft' er Luft und wischte sich von der Stirne den
Schweiß.
Indem er so sich kühlte, da
ließ auf schnellem Gaul
Die andern all dahinter Herr Randolf, und nicht faul
Stieß er die scharfe Lanze dem Helden grad aufs Herz.
Doch so gehärtet hatte Wieland des Panzers gutes Erz,
Die Spitze musste brechen;
sonst war der Tod sein Los.
Herr Walther, noch erschrocken vom unverhofften Stoß,
Griff eilends nach dem Schilde: Da stand er kampfbereit;
Doch auch den Helm zu holen hatt er für diesmal nicht Zeit.
Die Lanze war verschossen,
zum Schwert der Franke griff,
Und wie der Stahl geschwungen hell durch die Lüfte pfiff,
Zwei Locken von der Scheitel schor er dem Goten ab;
Das Haupt blieb unverwundet; noch sollt er nicht in sein Grab.
Doch gleich zum andern Streiche
holt jener mächtig aus;
Er warf den Schild dagegen: Da fuhr das Schwert im Saus
So tief ihm ins Gespänge des Schildes, dass den Stahl
Randolf nicht lösen konnte: Das schuf dem Zürnenden Qual.
Den Vorteil zu erspähen
gebrach es nicht an Witz
Dem sturmkühnen Walther: Er sprang wie der Blitz
Zurück mit seinem Schilde, und riss den Feind mit Macht
Zu Boden, der die Waffe nicht gleich zu lassen gedacht.
Dann trat er mit den Füßen
ihm auf die Brust und sprach:
"Nun zählst du mit dem Haupte mir meiner Glatze Schmach.
Du möchtest sonst noch prahlen damit vor deinem Weib."
Da hatt er schon dem Flehenden genommen Leben und Leib.
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