Elftes Abenteuer
Wie Gunther und Hagen mit Walthern den Kampf
begannen
Die Sonne war gesunken, der
heiße Tag vollbracht,
Nun kam heraufgezogen des Mondes volle Pracht:
Da ging mit sich zu Rate der weise Weigand,
Was ihm am besten wäre bei der Sachen ängstlichem Stand:
Die stille Nacht verbringen
in seinem Felsenhorst,
Oder heimwärts ziehen durch öd Gestrüpp im Forst.
Lang schwankt' er unentschieden auf hoher Sorgen Meer
Und wog das ein und andre im Geiste prüfend hin und her.
Am meisten war ihm Hagen
verdächtig und der Kuss,
Wie ihn der König herzte bei der Beredung Schluss.
Nicht wusst er zu erdenken was ihre Absicht sei:
Sind sie gen Worms geritten um mehr der Kämpfer herbei
Zu holen? Oder liegen sie
nah im Hinterhalt?
Sich zu verirren sorgt' er dabei im tiefen Wald,
Dass er vielleicht ins Dornicht geriete, dass die Wut
Der wilden Tier ihm raubte die Maid, sein köstliches Gut.
Dies all im Geist erwogen
hatt er gedankenvoll,
Als zu entschlossner Rede seine Stimme jetzt erscholl:
"Ich bleib auf dieser Höhe bis uns der Morgen tagt,
Damit der stolze König vor seinen Freunden nicht sagt,
Ich sei ihm entronnen zur
Nachtzeit als ein Dieb."
Er sprachs und schwang die Waffe zu manchem schnellen Hieb
Durch Dornen und Gestrüppe: Die Straße zu verbaun
Zum engen Felsentore hatt er sie niedergehaun.
Mit heißen Seufzern kehrt' er
sich zu den Leichen dann
Und fügte jedem Leibe sein Haupt wieder an.
Jetzt kniet' er hin, gen Morgen gekehrt das Angesicht,
Das bloße Schwert in Händen beginnt er flehend und spricht:
"O du der Dinge Schöpfer,
der alles weiß und sieht
Und ohne dessen Willen auf Erden nichts geschieht,
Ich danke dir, Allvater: Mich hat dein starker Arm
Vor Tod und aller Schande bewahrt im feindlichen Schwarm.
Jetzt aus bewegtem Herzen
vernimm mein Flehn mit Huld;
Dem Schuldigen vergibst du und züchtigst nur die Schuld:
O lass in deinem Reiche verjüngt mich wiederschaun
Die meinem Schwert gefallen ich hier erblicke mit Graun."
Nachdem er so gebetet,
erhob er sich und trieb
Zusammen was von Pferden der Gegner übrig blieb,
Und band sie fest mit Weiden; nur sechse noch, nicht mehr,
Denn drei entführte Gunther und zwei durchbohrte sein Speer.
Da löst er sich den Gürtel
und hob, der müde Gast,
Vom dampfend heißen Leibe der schweren Rüstung Last.
Dann Hildegunden grüßend mit froher Stimme Laut
Sucht' er das Leid zu stillen der tief bekümmerten Braut.
Nach solcher Tagsbeschwerde
war ihnen Stärkung Not:
Sie fanden in den Schreinen den Wein und auch das Brot.
Es war zu späten Stunde: Der Degen dachte nun
Auf seinen Schild gelagert die müden Glieder zu ruhn.
Da bat er die Geliebte,
dass sie getreue Wacht
Beim ersten Schlaf ihm hielte; "den andern Teil der Nacht,
Wo mehr Gefahr uns dreuet, will ich dein Wächter sein."
Da saß sie ihm zu Häupten: Beruhigt schlummert' er ein;
Sie aber hielt die Lieder
sich offen mit Gesang.
Der erste Schlummer währte dem Helden nicht gar lang:
Da dehnt' er nicht die Glieder, er sprang empor geschwind
Und hieß nun auch der Ruhe genießen Herigers Kind.
Gestützt auf seine Lanze
vertrieb der Held die Zeit
Die Pferde jetzt umgehend und jetzt die schöne Maid.
Auch trat er wohl zum Walle mit lauschendem Ohr
Und hoffte stets, es färbe sich blad das östliche Tor.
Als nun am Himmel leuchtend
erschien der Morgenstern
Und kaum der Tag ergraute; die Sonne war noch fern,
Doch hatte schon die Gräser ein kühler Tau genetzt:
Zum ersten Tagwerk wandte der kühne Jüngling sich jetzt.
Hin lehnt' er seine Lanze
und trat auf's Leichenfeld:
Die Waffen der Erschlagnen zu sammeln ging der Held;
Nur Spangen, Schwerter, Helme, den Harnisch und den Schild,
Den Gürtel auch, die Kleider ließ er den Schlummernden mild.
Damit belud der Reiter der
fremden Rosse vier,
Die Braut erweckend hob er sie auf das fünfte Tier;
Er selbst beschritt das sechste; den Löwen zog er nach
Am Zügel, als er jetzo den Wall der Dörner durchbrach.
Doch erst zur Ferne sandt er
der klaren Augen Strahl,
Mit scharfen Ohren lauscht' er hinunter in das Tal,
Ob er kein Flüstern hörte, nicht stolzer Männer Schritt,
Nicht einen Zaum erklingen, eines Hufes eisernen Tritt.
Als alles schwieg, entließ er
die Säumer aus dem Tor
Mit seiner schweren Beute, die Maid auch sandt' er vor,
Dann kam er selbst geritten in vollem Waffenstaat;
Der Löwe mit den Schreinen zuletzt die Straße betrat.
Sie waren tausend Schritte
geritten oder mehr,
Die bange Jungfrau blickte mit Sorgen rings umher,
Da sah sie dort vom Hügel zwei rasche Männer nahn:
Vor Schreck erbleichend trieb sie zur Flucht den Bräutigam an.
"Nun naht uns lang verschoben
der Tod. Sie kommen: Flieh!"
Da wandte sich Herr Walther und gleich erkannt er sie.
Er sprach: "So viele starben, die ich vom Pferde stach,
Und sollt ich jetzt für Ehre mir Spott erwerben und Schmach?
Aus tiefen Wunden lieber
erblühe mir der Tod,
Eh ich dem Land entlaufe nach eitler Furcht Gebot.
Auch wär es noch zu frühe, verzweifelt ich am Heil.
Groß ist die Not, doch hab ich wohl auch am Glücke noch Teil.
Nimm du den Zaum des Löwen,
der unsre Schätze trägt,
Und eile zu dem Haine, der dort die Wipfel regt;
Ich will der Feinde harren an diesem Bergeshang:
Wie auch das Ende werde, sie finden freudgen Empfang."
Da folgte dem Gebote das
edle Frauenbild.
Mit eingelegter Lanze, mit aufgehobnem Schild,
Versucht' er in den Waffen das unbekannte Ross.
Wie nun mit dem Gefährten vom Hügel Gunther niederschoss,
Mit stolzen Worten fuhr er
von fern den Helden an:
"Hei, grimmer Feind, willkommen uns hier auf offnem Plan.
Jetzt fletschest du die Zähne nicht länger wie ein Hund
So wütig uns entgegen aus dem unnahbaren Schlund.
Jetzt gilts im Freien fechten,
wenn dir der Mut noch reicht:
Lass sehen, ob das Ende dann wohl dem Anfang gleicht.
Zwar weiß ich, dass um Lohn du das Glück, die Metze, dangst,
Und darum nicht zu fliehen noch zu vertragen verlangst."
Da entgegnete dem König der
Held mit keinem Wort,
Wie taub zu dem Gefährten gewandt sprach er sofort:
"Mit dir hab ich zu reden, Hagen, halt einmal.
Was ists, das deine Freundschaft so unversehens mir stahl?
Als aus den Heunenreichen
dich vor mir rief das Los,
Da rissest du mit Schmerzen von meiner Brust dich los.
Was tat ich dir zu Leide, dass du mir Feind bist jetzt?
Ich hatte große Hoffnung auf dich, ach eitle, gesetzt.
Wenn du dem Elend, dacht ich,
den Freund entflohn vernähmst,
Dass du mit Bruderküssen ihm gleich entgegen kämst,
Ihn dringend einzuladen zu deines Hauses Rast
Und heim zu seinem Vater dann zu geleiten den Gast.
Ich sorgte gar, du möchtest
mir allzu gütig sein:
Deine Gaben abzulehnen schuf meinem Herzen Pein.
Das fremde Land durchstreichend hab ich zum Trost gemeint:
Im Frankenlande find ich, wenn Hagen lebt, keinen Feind.
Denk unsrer Jugendspiele,
denk unsrer Kinderlust,
Wie wir gesellig aßen und schliefen Brust an Brust.
Stets hielten wir zusammen und gingen Hand in Hand;
Als unzertrennlich waren wir allen Leuten bekannt.
Wir wurden Bundesbrüder und
mischten unser Blut:
Da galt uns diese Freundschaft wohl für das höchste Gut;
Daheim und vor dem Feinde bewies sich oft ihr Wert.
Was ist daraus geworden? Wie hat die Welt sich verkehrt?
Vergaß ich doch des Vaters
in deinem Angesicht,
Vergaß der lieben Heimat und süßer Kindespflicht.
Wie tilgst du aus dem Herzen die oft gelobte Treu?
Ein Meineid wärs, die Götter zu erzürnen trage Scheu.
Tu mir in dieser Stunde
nicht Hass statt Liebe kund
Und ewig unverbrüchlich besteh der Freunde Bund.
Reich mir die Hand, so sollst du mir hoch gepriesen sein,
Ich fülle dir den Schildrand mit des Goldes rötlichem Schein."
Doch finster blickte Hagen,
ingrimmig sprach er bald:
"Jetzt sprichst du lieblich, Walther; erst übtest du Gewalt.
Du hast die Treu gebrochen: Vor meinen Augen schlug
Mir deine Hand der Freunde und der Genossen genug.
Und sage nicht, du habest
mich nicht sogleich erkannt:
Du sahest meine Farben an Helm und Schildesrand
Und kanntest an der Haltung den Mann wie am Gesicht;
Doch ließ' ich alles gehen: Nur eins verzeih ich dir nicht.
Du brachst mir eine Blume,
so zart, so lieb, so wert,
So teuer meinem Herzen, mit unbarmherzgem Schwert.
So hast du selbst der erste gebrochen unsern Schwur;
Ich nehme keine Schätze dafür, das wisse du nur.
Von deinen Händen fordr ich
des teuern Neffen Blut.
Lass sehn, ob dir alleine denn blühen Kraft und Mut.
Ich will hier auch ersterben, oder zeigen was ich kann."
Da sprang von seinem Rosse dieser wunderkühne Mann.
Das Gleiche tat Herr Gunther:
Da säumt' auch nicht der Held;
Den Kampf zu Fuß zu kämpfen sah man die drei gesellt.
Sie standen all und deckten wie vor dem Todesstreich
Sich sorglich mit den Schilden in Erwartung stumm und bleich.
Zur zweiten Tagesstunde
wars als ihr Streit begann,
Vereint die beiden Helden wider den einen Mann.
Da bracht zuerst den Frieden Hagen und warf den Speer
Aus ganzer Macht, den scharfen, auf Alpkers Sprössling daher.
Als Walter sah, er könne
nicht stehn des Wurfes Kraft,
Denn gleich der Windsbraut zischend und sausend fuhr der
Schaft,
Bog er den Schild entgegen mit Fleiß; vom blanken Erz
Als wie von glattem Marmor glitt er da nieder erdenwärts
Und bohrte bis zum Nagel
sich in den Boden ein.
Da warf mit kühnem Herzen, war seine Kraft auch klein,
Der stolze König Gunther den eschenen Speer:
Der fuhr kaum in den Schildrand: Hernieder hing die Stange
schwer.
Leicht schüttelnd brachte Walther
ihn aus dem wunden Holz.
Das Zeichen schlug darnieder der Frankenhelden Stolz;
Doch wich der Schmerz dem Zorne: Das Schwert sie zuckten wild
Und sprangen auf den Goten mit vorgehaltenem Schild.
Doch Walther, der den Angriff
mit der Lanze von sich wies,
Sein Antlitz drohte schrecklich und schrecklich war sein
Spieß:
Die kurzen Schwerter reichten nicht an den kühnen Mann.
Es war nicht wohl ersonnen was da Herr Gunther begann.
Seinen Speer, der an der Erde
zu Walthers Füßen lag,
Den hätt er, dem ein zweiter zu Wurf und Stoß gebrach,
Gern heimlich aufgehoben: So stünd er auch bewehrt
Wie jener mit der Lanze statt mit dem armslangen Schwert.
Da winkt' er dem Gefährten
den Helden zu bestehn:
So möcht er unterdessen den Diebstahl wohl begehn.
Gar wohl verstand Herr Hagen des Königs stummen Wink:
Da schritt er vor geschwinde und war zum Angriffe flink.
Da barg die Klinge Gunther
im grünen Samethaus
Und streckte nach der Lanze die Rechte mählich aus.
Und schon sie aufzuheben gedacht er von dem Feld,
Da gewahrte sein Beginnen der ungleich stärkere Held.
Der stets behutsam kämpfte
mit Vorsicht und Geschick,
Er vergaß der Klugheit nimmer, als einen Augenblick.
Als sich der König bückte merkt' er die Absicht gleich
Und trieb den Hagen von sich mit einem dreuenden Streich,
Sprang dann zurück und setzte
gemach den linken Fuß
Auf die entzogne Lanze, die den König fangen muss.
Schon wanken ihm die Knie, da fährt ihn Walther an
Und hebt das Schwert: Nun war es um König Gunther getan.
Der hungernden Hölle hätt
er ihn zugesandt;
Doch Hagen kam und deckte den Herrn mit seinem Rand
Nach Walthers Antlitz schnellend der bloßen Schneide Stahl.
Indem sich jener schirmte, erhob sich Gunther noch einmal
Wie ein vom Tod Erstandner,
zitternd und bleich vor Schreck.
Den heißen Kampf erneuen doch gleich die beiden keck
Den Gewaltigen bedrängend bald einzeln bald vereint.
Und hat er jetzt dem einen das Haupt zu spalten gemeint,
So springt der andre drohend
herbei und wehrt dem Streich.
Er at dem wilden Bären und sie den Hunden gleich.
So währt' ihr grimmes Streiten wohl bis zum neunten Gang:
Heiß schien die Sonne nieder: Herrn Walther dauert' es lang.
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