Siebtes Abenteuer
Wie Ortniten die Würme ins Land
geschickt wurden
Versperrt saß der Heide in
seinem Saal allein;
Niemand auf der Erde durfte bei ihm sein.
So hielt er sich verborgen bis an den dritten Tag,
Dass er keine Freuden in seinem Unmute pflag.
Ihn durfte niemand fragen
und niemand durft ihn sehn;
Hätt ihn wer erzürnet, dem wäre Leid geschehn.
Zu essen und zu trinken durft ihn niemand bitten;
Auch genoss er nicht des Schlafes. Da kam ein Jäger geritten,
Der fragte, wo doch wäre
der liebe Herre sein.
Man sprach, er wär verschlossen und ließe niemand ein.
Da sprach der Jäger wieder: "Meinen Herren muss ich haben,
Und hätt er vor den Leuten sich in die Erde vergraben."
Da wies man den Jäger zu
der Kemenate Tür:
Er sprach zu dem König: "Herr! Nun tritt herfür.
Dein Kind ist wohlbehalten, das darfst du nicht beklagen;
Willst du mir es danken, ich will dir gute Märe sagen."
"Sage," sprach der Heide:
"Sind die Mären gut,
So will ich dir erfreuen das Herz und den Mut.
Sagst du mir gute Märe, ich gebe dir mein Gold
Und will dir all mein Leben in Treuen bleiben hold."
"An deiner lieben Tochter
ist dir Leid geschehn:
Soll es dem Lamparter dafür aus Leben gehn,
Und willst du mir es danken, ich fand ein Ding nun aus,
Dass es der reiche König entgelten soll zu Haus,
"Und ihm in kurzen Stunden
das Leben wird genommen."
Mit Freuden sprach der Heide: "Das soll dir immer frommen."
Da schloss er auf die Kammer und ließ den Jäger ein.
Er sprach zu dem Wildner: "Was für ein Ding soll das sein,
Das dem Lamparter so großen
Schaden tut?
Mag er davon ersterben, fürwahr, dein Lohn wird gut."
Er sprach: "Ich war den Hunden so ferne nachgerannt:
Da kam ich unversehens unter eine Felsenwand:
Einen ungeheuern Drachen
sah ich aus ihr gehn:
Mit tausend Männer Stärke wollt ich ihn nicht bestehn;
Er hätte mich verschlugen, das glaub ich heut noch fest:
Zu Wald ließ ich ihn schleichen und stahl mich in sein Nest.
Wie mein Haupt, noch größer,
fand ich da ein Ei.
Ich suchte lang vergebens und fand nicht mehr als zwei:
Sie waren ungefüge, groß und schwer genug,
Dass ich sie mit Beschwerde heim zu meinem Hause trug.
Die hab ich aufbehalten in
einem warmen Loch;
Die Brut drin ist lebendig: Die Eier hab ich noch.
Ich will sie mit mir führen gen Lampartenland,
Und will die Würme brüten in einer Felsenwand."
Da sprach der alte Heide:
"Willst du die Eier tragen?
Wie bist du denn geheißen? Das sollst du mir sagen."
Da sprach der weise Jäger: "Das mach ich dir bekannt:
Ich bin geheißen Velle; mein Weib ist Rütze genannt.
Wenn sie zu Jahren kommen,
und sie der Hunger zwingt,
So ist auf Erden wenig, das solch ein Wurm nicht schlingt.
Über Vieh und über Leute wird dann ihr Grimm ergehn:
So kühn ist der Kaiser, er wird die Würme bestehn.
Erwehrt er sich des einen,
der andre zwingt ihn doch;
Wenn ihn der ergreifet, er trägt ihn in sein Loch:
So muss er in dem Berge verlieren das Leben."
Da sprach der arge Heide: "So will ich dir geben
Alles was du wünschest:
Dass du den Degen stark
Verderbest mit den Würmen, geb ich dir tausend Mark."
Da sprach derselbe Jäger: "Das richt ich alles aus."
Des freute sich der Heide im Herzen schon voraus.
Da sprach der weise Jäger:
"Nun weiß ich guten Rat,
Damit will ich euch dienen und dann auch mit der Tat.
Heißet mir zwei Säumer mit Geschmeide laden,
Dazu mit edeln Steinen, und helft mir zu den Gestaden.
Mit Baumwoll und Seiden
füllet einen Schrein:
Darin sollen immer die beiden Eier sein
In Hitz und in Kälte, so nehmen sie nicht Schaden:
Mit großem Leide werden sie blad die Christen beladen.
Du sollst auch Briefe senden
der schönen Tochter dein,
Du wollest hold dem König und deinem Kinde sein.
Auch sollst du ihnen senden Silber und Gold,
Damit sie beide wähnen, du seist ihnen hold."
Er folgte seinem Rate: Den
Kiel er ihm belud
Mit Silber und mit Golde und edeln Steinen gut.
Was der Jäger wollte, das musste man ihm laden,
Und bald die Anker lösen von den heidnischen Gestaden.
Auch gab er ihm Geleite gen
Lampartenland
Bis vor die Burg zu Garten, wo er den König fand.
Hinter seinen Säumern ritt er in Botentracht;
Doch ward die rechte Märe dem König nicht hinterbracht.
Als der weiße Jäger der
Beste näher kam,
Da empfing ihn vor der Brücke der Pförtner lobesam;
Doch mochte seiner Sprache niemand kundig sein.
Ohne Ortnits Willen ließ man niemand herein.
Da sagte man dem König, ein
Bote wär gekommen;
Sie hätten all ihr Leben die Sprache nicht vernommen.
"Er treibt der Säumer zweie: Die scheinen schwer zu tragen;
Was seine Rede meine, das können wir euch nicht sagen."
"So bringet mir die Säumer
und auch den fremden Mann.
Schließet auf die Pforte und führt mir ihn heran."
"Was sollst du bei mir werben?", zum Boten sprach er so.
"Ich bring euch liebe Märe, der seid ihr billig froh."
Da sagt' er ihm die Märe,
und gab ihm einen Brief.
Als den der König schaute, mit lauter Stimm er rief:
"Ist sein Zorn gesänftigt, so sei Gott gelobt,
Dass der arge Heide nicht mehr so grimmig tobt."
Da wies er hin den Boten wo
die Königin saß;
Der gab den Brief der Frauen. Als sie das Schreiben las:
"Er bringet liebe Märe," sprach die Köngin hehr.
"Uns entbietet hohe Dienste mein lieber Vater hieher.
Er schickt dir seine Grüße;
du dünkst ihn mein wohl wert:
Er hat von deinen Landen, von deiner Macht gehört.
Weil ihm der Eidam lebet, so geht ihm Freude zu:
Er sagt, dass ihm auf Erden niemand lieber wär als du.
Er will sich taufen lassen
und kommen in dein Land;
Nun sollst du nicht verschmähen was er dir hat gesandt.
Wir dürfen nach dem Briefe dem Boten wohl vertraun."
"Ich will euch," sprach der Jäger, "seine Gaben lassen schaun."
Vier schwere Ballen man vor
den Kaiser trug:
Goldes und Gesteines lag darin genug;
Auf edle Seide schüttete man manches Ringelein.
Ihrem Vater dankte die edle Königin rein.
Der Heide sprach: "Ein Ballen
liegt noch vor dir voll,
Es ist noch nicht erwachsen was ich euch geben soll.
Edel Gesteine bringt einst," so sprach der Bote weis,
"Eine abrahmsche Kröte, entstammt dem Paradies.
Ist sie erst ausgewachsen,
so bringt sie einen Stein,
So gut, dass Bessres nimmer noch sah der Sonne Schein.
Lasst mich nun ferner sagen was euch ist gesandt:
Ich soll euch auch erziehen einen schönen Elefant.
Nur immer in den Bergen ist
so ein Tier gediehn:
Weist mich in eine Höhle, da will ich ihn euch ziehn."
Da sprach der reiche Kaiser: "Ist es so bewandt,
Zu Trient dem Bischof befehl ich dich zuhand."
Da wies man dem Jäger in
eine Felsenwand
Oberhalb von Trient, wo sich Gebirge fand.
Die er da pflegen sollte, die Brut er mit sich trug:
Wes er darin bedurfte, des gab man ihm genug.
Da blieb er in dem Berge
zwölf Monden oder mehr,
Und litt da von den Würmern selber oft Beschwer.
Eh sie erzogen waren, litt er oft Müh und Not:
Wie ward er von den Würmern mit Ängsten täglich bedroht!
Schon in dem halben Jahre
wurden sie so groß,
Dass den Meiser selber die Nachbarschaft verdross.
Er musste täglich fürchten, sie nähmen ihm das Leben;
Ihnen wollt auch bald der Bischof keine Speise mehr geben.
Sie achteten gar wenig alle
Tag ein Rind.
Der Bischof sprach: "Das ist ja des Teufels Ingesind!
Der Herr ließe billig von seinem Elefant,
Eh er ihm verschlänge eine Stadt und ein Land!"
Da ihnen keine Speise mehr
der Jäger bot,
Sie wären schier gestorben im Berg vor Hungersnot.
Da fielen sie vor Hunger ihren Pfleger an.
Der lockte sie zum Lichte froh dass er selber entrann.
Wer den Bösen ziehet, der
ist davon betrogen.
So hatt er an den Würmern seine Feinde selbst erzogen.
Da sie sich nähren mochten, sie hatten sein nicht acht;
Er ließ sie selber nehmen, da er sie ans Licht gebracht.
Da wüteten die Würmer vor
Gier und Hungersqual,
Alles war verloren in den Bergen und im Tal.
Was ihre Augen sahen, das verschlang ihr Schlund;
Groß Leid ward der Christenheit bald von den Würmern kund.
Sie schufen in dem Lande so
grimmige Beschwer,
Auf den Straßen gehn und reiten mochte niemand mehr.
Bis vor die Burg zu Garten ein Wurm das Land bezwang:
Gern wichen alle Leute, dass sie das Ungetüm nicht schlang.
Da durften ihre Äcker die
Bauern nicht mehr sä'n,
Und durften vor dem Walde die Weisen nicht mehr mähn.
Wer sie bestehen wollte, der büßt' es schwer genug:
Der Wurm in die Höhle den Übermütigen trug.
Da hörte man die Pfaffen in
den Kirchen klagen.
Da sprach der Lamparter: "Niemand kann ihn erschlagen.
Er stirbt leider nimmer, besteh ich nicht den Streit:
Ich muss uns von ihm lösen," sprach der König Ortneit
Einst war er bei der Königin
gelegen in der Nacht,
Da war in seinem Herzen die Sorge neu erwacht.
"Misslingt mir und verlier ich das Leben und den Leib,
Weh, wem soll ich dann lassen das heimatlose Weib!
Dem Vater und der Mutter
entsagte sie für mich;
Wir beide sind verloren, wenn ich sterbe, sicherlich.
So muss ich meinen Kummer alleine leider tragen.
Meiner Fraue darf ich von diesem Jammer nicht sagen.
Nun klag ich in Wahrheit
die Burgen noch das Land;
Nur mein Gemahl beklag ich, die ich mir treu befand.
Ich darfs ihr nicht verkünden, da mir der Kampf doch nah."
Von Ortnits Abenteuern ist nun das siebente da.
Ü
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