Fünftes Abenteuer
Wie der alte Drasian bezwungen
ward und Frau Siegeminne befreit
Er ging Holz und Heide
sieben Tage gar
Ohne Trank und Speise, das sag ich euch fürwahr,
Als der Wurzeln und des Laubes, die er im Walde fand;
Dazu des grünen Krautes sucht' er sich allerhand.
Da fiel den kühnen Degen
zuletzt Ermüdung an;
Er kam zu einem Steine, da ruhte sich der Mann.
Es war ein schöner Marmel, weiß und wonnesam;
Unter dem Marmelsteine ein kühler Brunnen rann.
An seiner Quelle wuchsen
edler Wurzeln viel;
Der Geruch der Kräuter war seines Herzens Spiel.
Hoch und breit zu schauen war derselbe Stein;
Da legte Siegeminne dort sich in ein Fensterlein:
Das ging aus der Veste, wo
sie gefangen war.
Recht zu seinem Heile fügt' es sich fürwahr,
Dass sie aus dem Fenster schaute zu der Zeit,
Eh er schied von dannen, der Degen kühn im Streit.
Sie schaute nach dem Walde
und sah den Brunnen an:
Da lag auf dem Steine der wallende Mann.
Da kam zu ihr gegangen der alte Drasian.
Sie sprach: "Lieber Herre, wollt ihr meine Huld empfahn,
So bringt mir den Waller
dort auf dem Steine breit:
So will ich bei euch liegen." Er sprach: "Das wär wohl Zeit."
Da ging aus der Veste der alte Drasian,
Da fand er Wolfdietrich, und weckte den kühnen Mann.
Er sprach: "Willst du gemächlich
in meiner Herberg sein,
Ich will dich gut bewirten, so magst du wohl gedeihn."
Da sprach zu ihm Wolfdietrich: "Das tut mir Not fürwahr:
Ich wills um dich verdienen, der Hunger zwingt mich gar.
Nun ist mancher Tag vergangen,
dass ich keinen Wirt gewann."
"So geh mit mir von hinnen," sprach da Drasian.
Mit sich auf die Veste führt' er ihn tugendlich,
Und setzt' ihn an ein Feuer, das brannte lustiglich.
Mit gutem Gemache saß nun
Wolfdietrich da;
Wie bald der edle Degen in der Veste um sich sah
Und alles wohl beschaute; da sah der kühne Mann
Einen schönen Umhang, davon er Freuden gewann.
Der war ihm mit der Frauen
aus dem Zelt genommen.
Er gedacht: "Ich bin zum Heile in diese Burg gekommen."
Wie bald von dem Feuer sprang Wolfdieterich!
So gern den schönen Umhang betrachtet hätt er sich.
Da sprach der alte Heide:
"Dir sollte lieber sein,
In Gemach zu sitzen bei des Feuers Schein
Als hier umher zu schauen." Da sprach der kühne Mann:
"Man schaut manch Ding aus Neugier: So hab auch ich getan."
Er sprach: "Seltsamer Märe
hab ich viel vernommen,
Die kürzlich in den Landen erst sind ausgekommen."
Da sprach der alte Heide: "Was solls für Märe sein?
Magst du vor Untreuen nicht schweigen bei des Feuers Schein?"
Gar balde sprach Wolfdietrich:
"Es ist um uns getan,
Da der Kaiser Ortnit bezwingt so manchen Mann."
Solcher Märe sagt' er viel in kurzer Zeit.
Da saß wohl gezogen in ganzer Würdigkeit
Da sprach der alte Drasian:
"Wir wollen schlafen gehn."
So sprach er in Freuden; ihm war groß Heil geschehn.
Die Zwerge nahmen Urlaub; er griff sie bei der Hand.
Wie blad da Wolfdietrich der rauen Kutte sich entwand!
Sein Schwert aus den Palmen
brach der kühne Mann:
"Zu lang ist hier gewesen die Fraue wohlgetan,
Sie muss mit mir von hinnen: Ihr ungetreuer Mann,
Ihr stahlt sie mir schändlich, da ihr sie führtet hindann."
Da sprach der alte Heide:
"Nimmst du dich ihrer an,
Wollt ich darum verzagen, das wär nicht wohl getan.
Wir wollen um sie streiten, und wer den Sieg behält,
Dem sei die schöne Fraue und was ich nahm aus dem Zelt."
Dieser Rede wurde Wolfdietrich
freudenreich.
Drei gute Brünnen brachte man dem Wirt sogleich:
Die hieß er vor Wolfdietrich tragen auf den Saal.
Der Wirt sprach: "Nimm dir eine, ich lasse dir die Wahl."
Die eine alt und rostig und
weiter Ringe gar;
Die beiden andern sah man licht und silberklar.
die balde sprang Wolfdietrich zu der alten hin.
Der Heide sprach im Leide: "Wer gab dir das in den Sinn?"
Da eile sich zu waffnen der
alte Drasian;
Wolfdietrichen waffnete die Fraue wohlgetan.
Sie strickt' ihm die Riemen, die Herrin minniglich:
Des freute sich im Herzen der treue Wolfdieterich.
Da sprangen sie zusammen,
die Helden ausersehn:
Da sah man große Wunder von ihrer Hand geschehn.
Je einer schlug den andern wohl dreimal auf das Land;
Zum vierten fiel Wolfdietrich, dieser Degen auserkannt.
"Gott, willst du mich verlassen!",
die Königin begann.
Da rief er unsern Herren in seinem Herzen an.
Er sprach: "Gott im Himmel, nun stehe du mir bei,
Und gib mir auch in Griechenland meine elf Dienstmannen frei."
Der wilden Zwerge waren
viel auf den Saal gekommen;
Sie hätten Wolfdietrichen das Leben gern genommen:
sie warfen und schossen auf den liegenden Mann;
Doch half ihm Gott vom Himmel, dass er den Sieg noch gewann.
Wie balde Wolfdietrich da
vom Boden sprang!
Sein gutes Schwert ihm wieder an der Hand erklang.
Er sprach: "Nun wehrt euch, Drasian! Es geht euch an den Leib:
Wie durftet ihr es wagen, dass ihr mir stahlet mein Weib?"
Sein Schwert zu beiden Händen
der Held Wolfdietrich nahm
Mit unverzagtem Mute lief er den Alten an.
Er spaltet' ihm die Achsel bis auf den Gürtel hin:
Da fiel er zur Erden, der Tod war sein Gewinn.
Da der Hausherr also
erlegen war im Tod,
Von dannen flohn die Zwerge, sie zwang dazu die Not,
Und bargen in den Winkeln sich vor dem kühnen Mann.
Wolfdietrich und die Königin huben bald sich hindann.
Sie sprach: "Die Zwerge haben
mir viel zu Leid getan."
"Des sollen sie entgelten," sprach der kühne Mann.
Alsbald nahm Wolfdietrich einen Feuerbrand:
Da ward in kurzer Weile die Burg mit ihnen verbrannt.
Wolfdietrich und die Königin
fuhren bald hindann,
Auf einem schmalen Steige gingen sie durch den Tann.
Sie kehrten in fünf Tagen zu dem Waldner in den Tann,
von dem in sieben Tagen gegangen war der kühne Mann.
"Nun sage, mein Geselle
wohin ist er gekommen?"
Da wies er ihm die Straße, die der Held genommen.
Da folgt' ihm mit der Frauen der kühne Weigand:
Darnach in kurzen Zeiten er Kaiser Ortniten fand.
Nun mögt ihr gerne hören,
wie sprach der Kaiser da,
Als er Wolfdietrichen nur von ferne sah:
"Trauter Gesell, willkommen; gern hab ich dich ersehn:
Mir möcht auf dieser Erden nicht Lieberes sein geschehn!"
"Nun lohn dir Gott, der milde,"
sprach der kühne Mann.
"Wie bist du schwarz geworden? Was hast du getan?
Wenn du mich gesucht hast, so ist mir Leid geschehn;
Du konntest mich nicht finden, weder hören noch sehn."
Da sprach Kaiser Ortnit zu
ihm gezogenlich:
"Wolfdieterich, Geselle, das wisse sicherlich,
Eh ich die Eide bräche, die ich dir geschworen,
Hätt ich tausend Leben, die gäb ich eher verloren.
Ich fand vor einem Berge
einen großen Riesen stehn,
Den musst ich ohne Maßen lang im Streit bestehn.
Mit einer Eisenstangen lief er mich oftmals an;
Doch half mir Gott vom Himmel, dass ich den Sieg noch gewann.
Das geschah vor einem Berge,
der war innen hohl;
Der wilden Leut und Zwerge stak er übervoll.
Da zündeten sie Schwefel, Pech dazu und Harz:
Von dem übeln Dampfe bin ich geworden so schwarz.
Sie nannten ihren Herren
den Heiden Drasian,
Dem dieser Berg gehörte: Das ward mir kund getan."
Da wandte sich gen Garten die Gesellen ausersehn:
Da fanden sie Frau Sidrat an einer Zinne stehn.
Die Hatte die erwartet viel
leide Tage lang,
Mit fröhlichem Herzen sie den Herrn entgegen sprang.
Entgegen lief sie ihnen mit ihrer Jungfrau Schar:
Sie kam in großer Eile, das sag ich euch fürwahr.
Entgegen kam den Herren die
Königin zuhand
Über den Hof geschwinde, wo sie Wolfdietrich fand.
Sie empfing ihn wohl gezogen, den unverzagten Mann.
Sie sprach: "Wo ist mein Herre, wo habt ihr ihn hingetan?"
Er sprach: "Liebe Herrin,
kennt ihr ihn nicht mehr?
So nehmt euch dort den schwarzen, den liebt ihr doch gar sehr,
Der ist eur Herr, der Kaiser." Da hub Frau Sibrat an:
"Wie ist er schwarz geworden, seit wir uns nicht mehr sahn?"
Sie gingen auf die Veste
miteinander allzumal,
Und wurden wohl empfangen von schöner Frauen Zahl
Mit gar großen Ehren: Willkommen hieß sie ihn
Mit Frau Siegeminnen, die edle Kaiserin.
Da blieben sie zu Garten
wohl vierzehn Tage gar.
Er sprach: "Ich muss von hinnen, das sag ich euch fürwahr.
Nun gib uns Urlaub, Ortnit, lieber Geselle mein,
Ich mag von meinem Lande nicht länger geschieden sein."
"Verhüt es Gott vom Himmel,"
sprach der Kaiser hehr:
"Ich muss dich bei mir haben, Wolfdieterich, noch mehr.
Wolltest du so balde schon von mir hindann,
Des überwänd ich nimmer," so sprach der kühne Mann.
"Ich mag nicht länger bleiben,"
sprach Wolfdieterich,
"Es steht schlimm in meinem Lande, das wisse sicherlich.
Es steht hier drum nicht besser, weil du bist aus gewesen:
Wie sollten denn die Meinen ohne mich so lang genesen?
Ein Jahr schier ist vergangen,
seit ich von Hause schied,
Seitdem bin ich gewandert, wie mir der Sinn es riet,
Bis ich gefundne habe die liebe Herrin mein:
Nun muss ich heim zu Lande: Das lass mit Hulden sein."
Er schied von dem Gesellen
und der edeln Kaiserin
Und wandte mit der Frauen sich nach dem Meere hin.
Er hätt ihn gerne länger behalten sicherlich:
Wenn er den Freund erschaute, so freute der Kaiser sich.
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