Zehntes Abenteuer
Wie Wolfdietrich von dem Wurm in
den Stein getragen Kaiser Ortnits Tod rächte
Da kam in zwölf Tagen der
kühne Weigand
Geritten ohne Sorgen gen Lampartenland.
Da hört' er in dem Lande allenthalben sagen,
Seinen Gesellen hötten die Würmer in den Berg getragen.
Er ritt eines Abends gen
Garten an den Graben,
Da hört' er den Wächter und die Herrin klagen.
Sie begann selbzwölfte und klagt' ihr Herzeleid:
Der Frauen Not erbarmte den Degen allbereit.
Sie sprach: "Ich ließ mich taufen
dir zu Liebe, Jungfrau rein,
Und will auch deine Dienerin bis an mein Ende sein;
Doch hast du mir verhangen also großen Zorn,
Alle Freude, die ich je gewann, die hab ich ganz verlorn."
Sie sprach: "Gott vom Himmel,
wem klag ich mein Leid?
Heiland und Erlöser, dir klag ichs alle Zeit,
Da du für uns gestorben bist," sprach die Fraue gut,
"Und wir von deinen Wunden nun haben Ehr und Gut."
Da mochte nicht mehr bleiben
der tugendreiche Mann,
Von der Frauen Weinen hub er sich hindann.
Da ritt nach den Würmen der Held in den Wald;
Zu einer hohen Steinwand wandt er sich alsobald.
Einen wilden Waldmann er
auf der Straße fand,
Den grüßt' in seinen Züchten der Degen auserkannt.
Er sprach zu dem Waldner: "Weist du Bescheid im Wald?
Kannst du mir nicht zeigen dieser Würmer Aufenthalt?"
Da gab der wilde Waldmann Bescheid ihm
allzuhand:
"Seht ihr dort im Walde die hohe Steinwand?
Dahin sollt ihr reiten, das will ich euch sagen:
Darein ward Kaiser Ortnit von den Würmen getragen."
Da ritt dahin geschwinde
der Degen lobesam,
Wo der getreue Kaiser um Leib und Leben kam.
Er rief vor dem Berge, dem Helden ziemt' es wohl:
"Wurm, bist du darinnen, so komm hervor aus dem Hohl."
"Dein wartet vor dem Steine
ein werter Schildmann hier,
Weil du den werten Kaiser in den Berg trugst mit dir.
Du entgiltst mir den Kaiser, das will ich dir sagen,
Oder du musst noch heute in den Berg mich selber tragen."
Der Wurm war nicht im Steine,
er war in dem Wald,
Den Jungen Speise holen: Da erzürnt' er alsobald
Und eilt' ihm nach geschwinde, der tugendreiche Mann:
Er ritt nach dem Wurme allein hinaus in den Tann.
Er ritt ihm nach im Walde
bis an den dritten Tag,
Dass ihm sein Ross, das gute, vor Müde gar erlag.
Da musst er niedersteigen, der tugendreiche Mann;
Das Ross ließ er laufen und weiden in dem Tann.
Auf den Schild ließ sich nieder
der Degen lobesam,
Eine kleine Weile ruhen wollt er sich im Tann.
Da hört' er in dem Walde einen freislichen Sturm:
Da stritt ein wilder Löwe mit einem grimmen Wurm.
Als da Wolfdietrich den
Löwen vernahm,
Zu seinem Rosse eitle der tugendreiche Mann.
Da ritt er schnell, er hätte schneller nicht vermocht,
Hin wo der wilde Löwe mit dem Wurm im Sturme focht.
Er führt' in seinem Schilde
einen Löwen, der war rot:
Hier sah er einen wilden nun stehn in großer Not.
Als nun Wolfdietrich den Löwen streiten sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie er sprach, der Treue, da:
"Löwe, mein Geselle,
dass ich dir nicht helfen mag,
Daran so hab ich heute einen leidigen Tag.
Doch begehr an mir Genade, so helf ich dir aus Not,
Oder will dich nicht mehr führen in meinem Schilde rot."
Wie wild auch war der Löwe, die
Furcht macht' ihn zahm:
Mit seinen scharfen Augen blickt' er den Fürsten an.
Der winkt' ihm mit den Augen, das nahm der Löwe wahr:
Er sprang von dem Wurme zu dem kühnen Helden dar.
Den Schild begann zu fassen
der Degen lobesam:
"Nun berate Gott in Griechenland meine treuen elf Mann,
Und den Herzog Berchtung, den lieben Meister mein;
Herr Gott, lass meine Seele dir befohlen sein."
Da rannt' ihn an der Lindwurm
und war ihm überlegen:
Mit dem Schweif in drei Stücke schlug er den Schild dem Degen.
Auf den Wurm warf das eine der tugendreiche Held,
Und begann sein Schwert zu fassen; er hätt ihn gerne gefällt.
Er schlug es dem Wurme mit
Gewalt auf das Dach,
Dass ihm aus dem Halse ein feurger Nebel brach
Und ihm das Haupt erglühte, das sag ich euch führwahr:
Er konnt ihn nicht verwunden nur so dünn als ein Haar.
Seine Haut war ihm von Horne
zu hart, und über das
Von einer Spannen Dicke, licht wie Spiegelglas.
Er war auf jeder Seite zwölf Ellen lang,
Auf vierundzwanzig Füßen gar freislich war sein Gang.
Der Schläge, der geschwinden
führte der kühne Mann
Viel auf den Wurm, den wilden, dass Feuer von ihm drann.
Da stritt bis auf den Abend mit ihm der kühne Mann,
Dass der Schweiß ihm durch dir Ringe über die Brünne rann.
Als der Leu den Helden nun
ermüden sah,
Vor dem Fürsten sprang er dem Wurm entgegen da.
Zu kratzen und zu beißen hub er den Lindwurm an:
So hätt er gern geholfen dem auserwählten Mann.
Da sprang der Tugendreiche
hinweg aus dem Sturm,
Und stritt der Löwe wieder mit dem freislichen Wurm.
Er trieb es so lange bis ihm die Kraft entwich:
Ach, wie der wilde Löwe vor dem starken Wurme schlich!
Eine laute Stimme ließ er,
die scholl durch den Tann;
Das tat er deswegen, wie ich vermelden kann:
Wär sein Geselle nahe, dass er es hört' alsbald
Und ihm und dem Helden zu Hilfe käm aus dem Wald.
Als der Leu ermüdet war und
das sein Herr ersah,
Nun mögt ihr gerne hören wie sprach der treue da:
"Löwe, mein Geselle, tritt an den Rücken mein:
Ich will bis an mein Ende dein Notgeselle sein."
Sein Schwert in beiden Händen
der Tugendreiche trug,
Das er mit vollen Kräften auf den Lindwurm schlug.
Er schlug ihm ins Gehörne so ungefügen Schlag,
Dass sein Schwert in drei Stücken vor ihm am Boden lag.
Er sah die Wehr zerbrochen,
groß war sein Ungemach.
Nun mögt ihr gerne hören wie der Getreue sprach:
"Ei, reicher Gott vom Himmel, was hab ich dir getan,
Dass ich keine Gnade um dich verdienen kann?
Löwe, mein Geselle, dass
ich dir nicht helfen mag,
Daran so hab ich heute einen leidigen Tag.
Doch seh ich getreulich dein Ende hier mit an."
Da säumte sich nicht lange der Wurm, er fuhr heran,
Nahm in den Mund den Löwen
und in den Schweif den Herrn;
Er war beiden Meister, und alle Hoffnung fern.
Mit Gewalt trug er sie im Sturm in sein Hohl;
Das war von manchem Ritter, den er erlegt hatte, voll.
Den wilden Löwen warf er
vor seiner Jungen Schar:
Die zerrten ihn zum Spiele, das sag ich euch fürwahr.
Sie saugten ihm das Blut aus und nagten sein Gebein:
Da musst um ihn in Trauer erst der Tugendreiche sein.
Die jungen Würmer gellten
in des Hungers Grimm.
Der ungeheure Valand streckte den Schweif nach ihm,
Und schlug auf das Helmband den Degen hochgemut,
Dass ihm zu beiden Ohren entspritzte rotes Blut.
Er schlang sich um den Helden,
das sag ich euch fürwahr,
Und warf ihn ohne Säumen vor seiner Jugnen schar.
Sie hätten ihn gewonnen gern, das wisset sicherlich,
Doch nicht entblößen konnten sie den getreuen Wolfdieterich.
Wie das geschehen mochte
will ich euch sagen:
Ein Hemd von Palmatseide pflegt' er zu tragen,
Von zweiundsiebzig Stücken; das fristet' ihm sein Leben,
Das ihm Frau Siegeminne zu Troje hatte gegeben.
St. Pankrazien Heiligtum
war verwirkt darein,
Das half ihm bei den Würmen, dass er genas, allein.
Sie saugten an den Ringen, das glaubet sicherlich,
Und mochten nicht gewinnen den getreuen Wolfdieterich.
Die Jungen gellten lauter
vor Hunger nach der Kost:
Da hub sich der Alte in den Tann nach dem Ross.
Er fand es bei dem Baume, schlangs in den Schweif hinein,
Und trug es in die Höhle zu seinen Jungen herein.
Die spielten miteinander
gar unbescheidentlich,
Dass schier verloren hätte sein Leben Wolfdietrich.
Da wählte der Alte unter den Toten all,
Welcher am schwersten wöge der jungen Brut zum Ball.
Da wählt' er unter ihnen
bis an den mitten Tag:
Da kam er an die Stelle, wo der getreue lag.
Auf zuckte bald der grimme den tugendreichen Mann;
Es war ein ungefüges Spiel, das allda mit ihm begann.
Sie warfen sich einander
den getreuen Wolfdietrich;
Schier wär es um sein Leben geschehen sicherlich.
Alsbald von den Jungen hub sich der Alte fort,
Sich vor den Stein zu legen: In der Sonne schlief er dort.
Das hätte sich nimmer der
grimme Wurm gedacht,
Dass die Jungen zu bezwingen der Held gewänne Macht.
Gern sah der Tugendreiche, dass er sich fort begab:
In großen Unkräften zur Erde griff er hinab;
Den Schweiß vom Gebeine
nahm der kühne Mann,
Und hob ihn zu dem Munde, davon er Kraft gewann.
Bald fand er eine Quelle, die in der Höhle rann;
Da nahm die Sorg ein Ende dem tugendreichen Mann.
Da fuhr er fort zu suchen,
der kühne Weigand,
Bis er Rose, das gute Schwert, in einer Scheibe fand.
Auf dem Knaufe schien ein Stein, der glänzte wie der Tag;
St. Pankrazius Heiltum darin verschmiedet lag.
Einen Schild auch fand er,
dicht wie eine Wand,
Dabei Ortnits Gebeine und all sein Streitgewand:
Eine starke Brünne war es, aus köstlichem Geschmeid;
Die legt' um seine Glieder der Degen kühn im Streit.
All seine große Sorge
alsbald ein Ende nahm:
"Nun berate Gott in Griechenland meine treuen elf Mann,
Und den Herzog Berchtung, den lieben Meister mein;
Ach Gott, lass meine Seele dir befohlen sein!"
Da suchte noch ferner der
kühne Weigand,
Bis er einen guten Helm in dem Blute liegen fand.
Ein Stein schien von dem Helmhut, der glänzte wunderklar;
Ein Haupt lag darinne, das Kaiser Ortnitens war.
Die Zähren aus den Augen
liefen ihm in den Mund;
Mehr als zehnmal küsst' ers, so tot, aus Herzensgrund:
"Ortnit, mein Geselle, du kraftreicher Degen!
Geruhe, Gott vom Himmel, seiner Seele dort zu pflegen.
Erbarme dich der Seele, ihm
blieb nicht mehr der Leib;
Auch zu Lamparten über sein treues Weib.
Und berate mir in Griechenland die treuen elf Mann,
Und dieses wilden Löwen nimm dich in Gnaden an."
Da sprang empor mit Freuden
der kühne Weigand,
Rose, das gute Waffen, nahm er in die Hand.
Er schlugs mit beiden Händen mit Kraft auf einen Stein,
Dass um und um das Feuer in der Höhle warf den Schein.
Er griff ihm nach der Schärfe
mit seiner edeln Hand,
Weder Mal noch Scharte er an der Schneide fand.
"Hab ich nach solchem Schlage dich ganz getroffen an,
So getrau ich mich zu trösten noch meine treuen elf Mann."
Bei des Schwertes Glänzen
blickt' er die Jungen an,
Nun hört, wie da gesprochen der tugendreiche Mann.
"Ihr Würme schlaft zu lange, ich will euch bestehn:
Ich geb euch meine Treue, es muss euch an das Leben gehn."
Mit den freislichen Würmen
stritt da der kühne Mann,
Dass der Schweiß ihm aus den ringen über die Brünne rann.
Er zwang zuletzt die Jungen mit manchem zorngen Schlag;
Das verschlief der Alte, der vor dem Steine lag.
Da eilt' er hin geschwinde
wo er den Alten sah,
Nun mögt ihr gerne hören, wie er sprach, der Treue, da:
"Alter Wurm, du schläfst zu lang, ich will dich bestehen,
Du hast mein Wort zu Pfande, es muss dir an dein Leben gehn."
Auf den grimmen Lindwurm
schlug er mächtiglich;
Doch über manchen Toten fiel Wolfdieterich.
ich weiß nicht wie dem Degen der Wurm so nahe kam,
Dass ihn das Ungetüm ergriff und in den Rachen nahm.
Doch entriss sich ihm geschwinde
der kühne Weigand,
Rose, sein gutes Schwert, nahm er in die Hand:
Er schlug dem wilden Wurme die Weichen entzwei;
So machte sich der Kühne von dem Ungeheuer frei.
Da hat er in dem Berge die
Würmer all erschlagen;
Denen schnitt er aus die Zungen, das will ich euch sagen.
Dann eilt' er hin geschwinde wo das Gebeine lag
Ortnits; aus dem Berge trug ers an den lichten Tag.
Er legt' es vor dem Steine
nieder auf das Land.
Ein Fingerlein von Golde er bei dem Schilde fand:
Ortnit wars gewesen, dem kraftreichen Degen;
Ihm hatt es Frau Sidrat zur Gemahlschaft gegeben.
Da begrub ihn vor dem Steine
der tugendreiche Mann,
Und stand bei dem Steine und schrieb soviel daran,
Wer an die Stelle käme, es sei Mann oder Weib,
Dass er ersehen mochte, da läge des Treuen Leib.
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